Gründe für die irische Immigration in die USA

Dieses Thema im Forum "USA | Kanada" wurde erstellt von parago, 6. Januar 2005.

  1. parago

    parago Neues Mitglied


    Irland ist wahrscheinlich das Land, das am ehesten mit dem Begriff Immigration in die USA verbunden wird. Das liegt natuerlich hauptsaechlich daran, dass Iren den Grossteil aller jemals Immigrierten bilden. Allerdings betrachteten die Iren Amerika nicht unbedingt als 'das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten', sondern eher als der einzige und schnellste Weg den in Irland ueber Jahrzehnte immer massiver werdenden Plagen wie Armut, Hunger und Seuchen zu entfliehen. Obwohl die Gruende, die Heimat zu verlassen, letztendlich vielfaeltig waren - ein Ereignis brachte definitiv die groesste Welle irischer Auswanderer nach Amerika: Die von ca 1846 bis ca 1851 anhaltende, gewaltige Hungersnot; 'The Great Hunger' oder auch 'Potatoe Famine' genannt.

    1845 wurden irische Kartoffeln von der Kartoffelfäule befallen, die ein paar Jahre zuvor in den USA aufgetreten war und sich durch Saatgutexporte bis nach Europa und so auch bis nach Irland ausbreiten konnte. Ohne sich auch nur im Geringsten erholt zu haben, verbreitete sich der Pilz 1847 erneut und Zehntausende Iren fielen allein in diesem Jahr sowohl dem Hungertod als auch den damit verbundenen Seuchen wie Cholera, Ruhr, etc. zum Opfer.
    Obwohl es in Irland ausreichend Getreide gegeben haette, den Hunger zumindest teilweise vermeiden zu koennen, starben insgesamt ueber 1.5 Millionen Menschen, etwa 20% der damaligen Gesamtbevoelkerung Irlands. Wie kam es dazu?

    Die britische Regierung unterschaetzte schlicht und einfach das Hunger-Problem. Es wurde weiterhin darauf bestanden, den irischen Getreideexport ins Koenigreich aufrecht zu erhalten - unter strengster Bewachung und Waffengewalt. Irland wurde von Grossbritannien regelrecht ausgehungert. Hier findet sich dann auch der wahrscheinlich wichtigste Grund, warum das Verhaeltnis zwischen beiden Nationen noch heute alles andere als herzlich ist.

    Wer noch konnte, machte sich auf und davon, viele in der Hoffnung, in Amerika wieder Landwirtschaft betreiben zu koennen. Diese Hoffnungen wurden ausserdem angeheizt durch Briefe, die zurueckgebliebene Familien in Irland von bereits ausgewanderten Freunden und Verwandten aus Amerika erhielten. Enthusiastische Worte, Lobeshymnen auf den amerikanischen Kontinent und seine Fuelle machten in vielen Faellen die Entscheidung, die ausgemergelte, heimatliche Insel zu verlassen, einfacher.

    Leider gab es fuer viele Immigranten sehr rasch ein boeses Erwachen, denn Amerika unterschied sich nicht immer nur auf positive Art und Weise vom vertrauten Irland.
    Land war unerschwinglich, vor allem da der Grossteil der Emigranten alles Ersparte fuer Ueberfahrtskosten verwenden mussten. Nachbarschaftshilfe war so gut wie unbekannt, da meist die Grundstuecke viel zu weit auseinanderlagen als dass der wichtige (und fuer die Iren an sich selbstverstaendliche) Kontakt mit Nachbarn ueberhaupt moeglich gewesen waere.

    Aus Resignation, finanzieller Ueberforderung und natuerlich auch aus Erschoepfung entschieden sich viele Iren dafuer, in Ostkuestenstaedten wie New York, Philadelphia oder Boston sesshaft zu werden. Sie bildeten Gemeinschaften, in denen organisierte Kriminalitaet an der Tagesordnung war, andererseits aber auch Arbeitsplaetze gesichert waren und man ein lang vermisstes Gemeinschaftsgefuehl wiederentdeckte. Zwischen zwielichtigen Pubs und neu errichteten katholischen Kirchen entstand eine neue Heimat: Das irische Ghetto.

    Filmtips:

    "Studs Lonigan - Kein Stern geht verloren" 1960

    "In einem fernen Land" 1992

    "Monument Ave." 1998

    und natuerlich

    "Gangs of New York" 2002
     
  2. Tempus

    Tempus Neues Mitglied

    Gangs of New York ist in diesem Zusammenhang meiner Meinung nach sehr zu empfehlen.
    Nicht um wirklich historisches Faktenwissen zu bekommen,sondern um einfach die Stimmung zwischen Amerikanern und irischen Einwanderer zusehen. Sehr schön anzuschauender Film mit einer netten Hauptstory und sehr treffendem,wenn auch manchmal etwas überspitztem, Umfeld.
     
  3. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied


    Die Iren sind nicht nur in die USA ausgewandert sondern auch nach Australien oder England...Heinrich Böll beschreibt das kurz in seinem "Irischen Tagebuch".
     
  4. parago

    parago Neues Mitglied

    Befinden uns hier aber im Thread 'USA/Kanada', stimmts? :p
    Werde - sobald es endlich einen dafuer vorgesehenen Thread gibt - ueber die irische Geschichte noch ausfuehrlicher schreiben..
     
  5. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

  6. parago

    parago Neues Mitglied


    Naja, mein lieber Leopold, so einfach wollt ich's mir dann halt doch nicht machen; Links posten kann ja jeder :king:

    Stimmt natuerlich, Irland's Bevoelkerungszahl hat sich nach ueber 150 Jahren noch immer nicht von den verheerenden Folgen des Hungers erholt - allerdings hat das ganze auch positive Seiten, immerhin ist Irland das 'juengste' Land Europas, was das Durchschnittsalter seiner Bewohner angeht. Aber.. das gehoert an sich gar nicht hierher, sondern in den oben schon erwaehnten Irland Thread, sollte er denn jemals ins Leben gerufen werden :teach:
     
  7. hn.wnk

    hn.wnk Neues Mitglied

    Ich hol den alten thread mal wieder hoch.
    Kann eventuell jemand was zu den Auswanderungsgründen vor der großen Hungersnot sagen?
    Ich sehe in vielen Quellen immer nur "ab 1820 immigrierten .. leute in die USA". Allerdings werden keinerlei Gründe dafür angegeben. Die Hungersnot war ja erst in den 1840er - 50er Jahren.
    Hoffe jemand kann mir ein paar Gründe nennen oder nützliche links posten.

    Danke!
     
  8. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Brauchst du es für eine Hausaufgabe?
    In Geschichte Irlands (1801?1922) ? Wikipedia findest du einige Gründe.
     
  9. hn.wnk

    hn.wnk Neues Mitglied

    Eigentlich brauche ich die Informationen für meine Facharbeit. Ich schreibe über den Film "Gangs of New York" und die geschichtlichen Hintergründe des Films. In einem Teil skizziere ich dann kurz die Situation der irischen Immigranten in ihrem Heimatland. Ich denke, dass die Beweggründe zur Auswanderung in dem von dir geposteten Wikipedia-Artikel dann ausreichen werden. Ist ja nicht der Hauptteil meiner Facharbeit.
     
  10. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ja, zur Beleuchtung des Hintergrunds reicht das aus.
     
  11. Minotaurus

    Minotaurus Neues Mitglied

    Dazu einige weitere Auswanderungsgründe, die (noch) nichts mit der großen Hungersnot der 1840er Jahre zu tun hatten:

    Ende des 16. Jh. verschärfte die englische Krone ihre Kolonisierung Irlands. Der Widerstand der Iren gipfelte in der Schlacht von Kinsale (1602), in der die Iren vernichtend geschlagen wurden. Die irischen Fürsten, ihrer Ländereien beraubt, zogen das Exil einem Leben unter englischer Hoheit vor und verließen das Land (sog. "Flight of the Earls", 1607). Was nur als vorübergehendes Exil geplant war, sollte für immer sein. Mit den irischen Fürsten verließen auch zahlreiche irische Soldaten das Land, um als Söldner in europäischen Heeren zu dienen, sowie viele Abenteurer, Vagabunden und Bettler, die auf dem Kontinent ihr Glück versuchten.

    Die unruhige Zeit im 17. und 18. Jh. mit zahlreichen Kriegen (Cromwell 1649, Schlacht an der Boyne 1690) veranlasste viele Iren, ihr Land zu verlassen. Damals waren es in der Mehrheit noch Soldaten oder Kaufleute und andere wohlhabende Iren, die genügend Mittel hatten, sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen.

    Bereits damals war Amerika ein beliebtes Auswanderziel für viele Iren. Zwischen 1720 und 1820 emigrierten nicht weniger als 600.000 Iren nach Amerika. Dies waren in der Mehrheit wohlhabende Protestanten, die in der (ehemaligen) britischen Kolonie die Chance auf ein besseres Leben sahen.

    In den 30 Jahren vor der Hungersnot verließen fast eine Million Menschen das Land. Auch dies waren in der Mehrheit wohlhabendere Leute, die der zunehmenden Überbevölkerung Irlands und den damit verbundenen geringeren Chancen für alle entflohen.
     
  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Der Vollständigkeit halber sei hier aber erwähnt, dass bei weitem nicht alle irischen Adeligen beim Flight of the Earls das Land verliesen, sondern dass es sich hierbei im wesentlichen um Hugh O'Neill und Rory O'Donnell und ihre näheren Verwandten handelte, die auch nicht in die USA auswanderten, sondern nach Italien gingen. Mit der irischen Auswanderung in die USA hat das also nichts zu tun.

    Die Abwanderung der irischen Söldner, insbesondere in die spanische Armee (also wieder nicht in die amerikanischen Kolonien, was zu der Zeit an der persönlichen Situation auch nicht viel geändert hätte, englische Krone war schließlich englische Krone), war allerdings schon vor dem Aufstand von O'Neill und O'Donnell und nicht erst danach (um genau zu sein, mit der Unterwerfung Irlands unter die englische Krone 1541). Anders hätte O'Neill wohl kaum eine Armee von gut 10.000 kriegserfahrenen Iren ausheben können, die zunächst den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten (übrigens auch finanziert durch spanisches Gold...)

    Und damit sprechen wir nicht von Iren sondern von den Bewohnern der Plantations, insbesondere aus Ulster.

    Zuerst war die "Überbevölkerung", eigentlich eine Bevölkerungsexplosion, dann kam die Hungersnot. Man beachte, dass Irland um 1800 ca. 5.000.000 Einwohner hatte, 40 Jahre später lag die Zahl bei gut 8.000.000. Wenn man nun noch unterstellt, dass noch gut eine Million Iren ausgewandert ist, wie du sagst (woher hast du die Zahl?), wären wir innerhalb von 40 Jahren bei fast einer Verdoppelung der Bevölkerung!
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2011
  13. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    @Minotaurus

    Dein Beitrag wurde gelöscht. Auch im Geschichtsforum ist es nicht erlaubt, Texte von anderen Seiten, wie zum Beispiel Blogs, ohne Quellenangabe reinzukopieren.
     
  14. Minotaurus

    Minotaurus Neues Mitglied

    Na gut, dann eben diesen Textbeitrag als (bebilderten) Link: Blog For Ireland: Geschichtliches
    Hoffentlich kriege ich jetzt nicht von @parago eins über die Mütze, aber diese verlinkte Seite über Irland halte ich für sehr gut recherchiert, nicht nur in Hinsicht auf die historischen Zusammenhänge.
     
  15. JohnSteed

    JohnSteed Neues Mitglied

    Es hat ein bisschen mit dem Kartoffelkäfer zu tun.....

    1846-51
    Die "Great Famine" (Große Hungersnot), verursacht durch Vernichtung der Kartoffelernten durch Kartoffelfäule und Kartoffelkäfer in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren im kartoffelmäßig nahezu monokulturellen Irland. Es folgten Typhus-, Ruhr- und Choleraepidemien, die leichtes Spiel hatten, ebenso wie extrem harte Winter. Protestantische Priester verteilten Nahrungsmittel gegen Übernahme der Konfession, englische Händler verkauften Nahrungsmittel wegen des höheren Profits lieber nach Engeland. Außerdem war Irland einmal mehr Englands Kornkammer, weil dieses in den napoleonischen Kriegen steckte. Eineinhalb Million Iren starben insgesamt, eine weitere Million wanderte aus. 1901 hatte Irland nur 3,5 Millionen Einwohner - vor der Hungersnot hatten 9 Millionen Einwohner Irland zum bevölkerungsreichsten Land Europas gemacht. Nationale Erhebungen, darunter der Aufstand der Young Irelanders unter Thomas Davis, scheiterten in dem geschwächten Land.
    Die ausgewanderten Iren bildeten in ihren Gastländern feste Gemeinschaften und pflegen noch heute gälische Traditionen.
    Weiterführende Informationen:
    [​IMG]Die große Hungersnot


    (Irlandfan.de)

    Das ironische an dem Ganzen: der Kartoffelkäfer wurde aus USA nach Europa eingeschleppt.
     
  16. haegar301

    haegar301 Gesperrt

    Nun ja- was man so "auswandern" nennen mag: Die meisten Iren kamen ursprünglich auf dem gleichen Weg nach Australien: Auf einem englischen Gefangenenschiff, wo sie häufig pauschal wegen Aufrührertums verhaftet, einfach "entsorgt" wurden
     
  17. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    In dem Text sind mehrere offensichtliche Fehler. 1846-1851 waren die Napoleonischen Kriege schon lange vorbei.

    Ausserdem: 9 Millionen Bewohner-1,5 Million Toten und - 1 Million Auswanderer, macht noch keine 3,5 Millionen.

    Zuletzt, mit 9 Millionen Einwohnern war Irland 1845 garantiert nicht das bevölkerungsreichste Land Europas.
     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ein Hungerexperiment der amerikanischen Armee 1944 hat ergeben, dass die Lust an Sexualität bei Hunger als erstes sinkt, sprich Hungerkatastrophen haben auch eine direkte Auswirkung auf die Reproduktion, ohne dass es dazu notwendig ist, dass die Reproduzierenden das Zeitliche segnen.
    Hinzu kommt, dass es i.d.R. junge Männer sind, die auswandern. Man müsste mal untersuchen bzw. schauen, ob es Untersuchungen dazu gibt, wie groß die irischen Klöster vor und nach der Great Famine waren, auch den Vgl. Männerklöster und Frauenklöster ziehen. Wenn z.B. die Größe der Männerklöster stagnieren oder gar zurückgehen würde, die der Frauenklöster aber anstiege, dann wäre das ein gutes Indiz, wie die Famine langristig demographisch wirken konnte.
    Wenn es vor allem junge Männer sind die auswandern - wie es bei Migrationsbewegungen i.d.R. der Fall ist - dann kann die Auswanderung "kleiner" Gruppen signifikantere Folgen haben, als wenn die Auswanderung im Geschlechterverhältnis paritätisch erfolgen würde.
     
  19. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Bei so einem Knick (falls er wirklich so groß war) würde ich eher auf eine fortdauernde Migration nach der "Big Famine" als Hauptursache spekulieren als auf eine Reduktion der Geburtenrate, die es auch gegeben haben könnte, wobei so etwas sich meistens schnell wieder ausbügelt wenn die Versorgung wieder hergestellt wird. So oder so, es sollte begründet sein und nicht einfach unzusammenhängende Zahlen in den Raum gestellt werden.

    Gab es denn so viele Klöster in Irland zu der Zeit, dass man darauf eine Statistik für die gesamte Gesellschaft aufbauen könnte? Das Argument ist interessant, passt aber eher auf die "Tibetanisierung" Spaniens wie es Ortega y Gasset nannte. Dazu gehören aber auch bestimmte soziale Strukturen die in Irland m.W. nicht gegeben waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Februar 2012
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das weiß ich nicht. Aber Irland ist (war) ein (sehr) katholisches Land. Insofern wäre dies eine Möglichkeit zu überprüfen; wenn in demselben Zeitraum die Anzahl an Novizinnen/Nonnen und anderen Frauen im geistl. Stand stiege, die der Männer aber gleichzeitig stagnierte oder abnähme, dann wären das signifikante Indikatoren für eine Begründung, warum bei einem direkten Effekt von 2,5 Millionen Einwohnern nach einigen Jahrzehnten der Effekt potenziert wäre. Aber es handelt sich ja lediglich um eine Arbeitshypothese. Und da aller Wahrscheinlichkeit nach niemand von uns losfahren wird, um in England oder Irland die entsprechenden Archive nach aussagekräftigem Material zu durchforsten, bliebe uns hier nur der Griff zur entsprechenden Fachliteratur, unter der Voraussetzung, dass die zahlen einigermaßen stimmen und in der Hoffnung, dass jemand eine solche Analyse schon vorgenommen hat.
     

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