Günter Grass

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten in der Neuzeit" wurde erstellt von El Quijote, 12. August 2006.



  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wikipedia ist schnell. Schon heute morgen steht darinnen, was ich Euch gerne mitzuteilen gedachte:

    In einem am 12. August 2006 in der FAZ veröffentlichten Interview räumte Grass ein, nach Ableistung des Arbeitsdienstes 1944 in die Division 'Frundsberg' der Waffen-SS eingezogen worden zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hieß es in den veröffentlichten Biografien des Schriftstellers stets, er sei 1944 Flakhelfer geworden und danach als Wehrmachtssoldat einberufen worden.

    Da wir derzeit ein Probeabo der FAZ beziehen, muss ich mir diese nicht einmal kaufen :)
     
  2. Mercy

    Mercy unvergessen

  3. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Für mich hat das einen komischen Beigeschmack, nicht mal derart, dass ich Grass deswegen als Heuchler sehen würde. Spätestens seit dem Nobelpreis ist er zusammen mit Böll ja der nachkriegsdeutsche Über-Schriftsteller, der sich selbst und dem andere zig Denkmäler gesetzt haben. Es wirkt fast ein bisschen, als habe er sich diese Volte über all die Jahre aufgehoben, gerade richtig für seinen jetzigen Status, so dass selbst dieses Bekenntnis noch wie ein Staatsakt wirkt. Dies sieht man auch schön an dem Schirrmacher-Kommentar (den ich im übrigen ganz gut finde), bei dem jeder Zeile anzumerken ist: Bahnbrechende Neuheit! Grass war in der SS! Wie hätte es den Lauf der Geschichte verändert, hätte man das früher gewußt?
     
  4. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Er ist so wie so ein grossartiger Schriftsteller. Vielleicht hat er einfach kein Wahl?
     
  5. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

  6. Martas

    Martas Neues Mitglied

    Dazu kann ich ehrlicherweise nur sagen, dass Walesa viel fordern kann:nono:

    Aber einige der Kritiken finde ich doch zu hart. Es gibt soviele Leute, die aus Angst vor Schande, aus Angst vor Einsamkeit und aus Schuldgefühlen bis heute über ihre SS-Vergangeheit geschwiegen haben oder erst jetzt anfangen das zu verarbeiten, weil sie ihre Taten realisieren. Der einzige Unterschied bei Grass ist, dass er Prominent ist! Das macht ihn gleich zum großen "Bad-man", von dem sich alle enttäsucht fühlen. Einem Normalbürger wurde man sagen "Kopf hoch", "Ja, es ist schlimm", "Du musst es verarbeiten" oder Ähnliches.

    Für mich bleibt Grass ein Großer.

    Und diese Äußerung von Fest: "Ich würde nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von ihm kaufe", das ist einfach nur unqualifiziert und macht aus seinem Geständnis eine Bagatelle!
     
  7. Mercy

    Mercy unvergessen

    Hat Grass da was versäumt?

    Evangelischer Kirchentag 1969.
    Ein Mann steht auf und ruft Ich grüße meine Kameraden von der SS!. Dann setzt er eine Flasche Zyankali an die Lippen und trinkt.
    Auf dem Weg ins Robert-Bosch-Krankenhaus stirbt er, notiert Günter Grass, der diesen Manfred Augst in Aus dem Tagebuch einer Schnecke porträtiert hat.
     
  8. collo

    collo Neues Mitglied

    sicher hat er etwas versäumt, hätte er zu anfang seiner karriere bekannt, dass er in den letzten kriegsmonaten als schütze a... ss-kragenspiegel getragen hatte, wäre so ein aufschrei gar nicht zustandegekommen. schliesslich waren hundertatusende deutsche soldaten in der waffen -ss gewesen. na und, mit 17, eingezogen, wen interessierte das?

    vermutlich hat aber karassek recht, mit so einem makel hätte man 1999 den literatur-nobelpreis nicht erhalten. dies wird auch grass bewusst gewesen sein, er gehörte ja, fast schon jahrzehntelang, zu den "favoriten" und eine gewisse eitelkeit wird ihm ja nachgesagt. also lieber darüber schweigen.

    und jetzt, ein talent für pr kam man ihm nicht absprechen, so kurz vor der veröffentlichung seiner autobiographie...
     
  9. Mercy

    Mercy unvergessen

    Das aber wird, jenseits der Auflagenhöhe, seinem Renomee nicht förderlich sein.
     
  10. Rocky501

    Rocky501 Neues Mitglied

    Nachdem die erste Empörung verraucht ist, wird Grass erst so richtig durchstarten und die Anerkennung aller Bevölkerungsschichten ungeteilt ernten können.

    Die Ernüchterung eines großen Teils der europäischen Gesellschaft über Globalisierung, Multi-Kulti und Friedensbewegtheit, die Aussicht auf eine globalisierte Welt, in welcher die Armut für die Mehrheit der Bevölkerung das tatsächlich angepeilte Ziel zu sein scheint (80:20 Gesellschaft), und das Erkennen, dass die Befreiungsbewegungen für die ehemaligen Kolonien den unabhängig gewordenen Staaten nichts als wirtschaftliche Not, Hunger und Krieg gebracht haben, ermöglichen es heute, dass der einstige Fehltritt eines Jugendlichen als das erkannt wird, was er ist. Der Westen hat heute echt andere Probleme, als sich mit solchen Altlasten herumzuschlagen.


    Liebe Grüße
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich glaube Fest wurmt immer noch, dass er sich von Speer so hat hinters Licht führen lassen, das lastet er dem Grass jetzt mit an.
     
  12. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Nun diese von Grass gewählte Abfolge zeigt doch viel vom Charakter.

    Andere, welche genauso 1944 in Schwarz gesteckt wurden , haben sich bekannt und haben dafür die stille oder offene Belastung passiver
    Mittäterschaft kassiert --- und was weiss ich , welche Anerkennung
    eben nicht bekommen......

    Einer der Hauptbelaster war Grass.....

    Welch edler Mensch.....
     
  13. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Es ist doch eigentlich überhaupt keiner Erwähnung wert, wenn ein 17-jähriger gegen Kriegsende zur Waffen-SS eingezogen wurde und seiner Einberufung folgte. Das war doch ein völlig natürlicher Vorgang.

    Das, wie Ralph Giordano, zu einem politischen Irrtum zu stilisieren, zeigt die ganze Realitätsferne weiter Bereiche der heutigen Diskussion. Genauso unsinnig ist die Aeusserung von Joachim Fest, der von " tiefer Verstrickung" spricht.

    Was indessen kein gutes Licht auf den Charakter des Nobelpreisträgers wirft, ist die späte Offenbarung eines völlig natürlichen Vorgang, den Günther Grass mit hundertausenden von damals jungen Deutschen teilt.
    Und das insbesondere, nachdem er für Jahrzehnte sich als eine Art moralisches Gewissen der Nation präsentiert und dabei auch über seine Schicksalsgenossen den Stab gebrochen hat.

    Diese späte Offenbarung, genau passend zum Erscheinungsdatum seiner Autobiographie, nun als "würdig und nobel" zu beteichnen, wie Walter Jens, ist eine Fehlbewertung, die Jens vielleicht gerade im Hinblick auf seinen eigenen Umgang mit seiner Mitgliedschaft in der NSDAP in den Sinn kam.

    Die literarische Qualität von Grass ist von diesem Vorgang natürlich völlig unberührt, seine Glaubwürdigkeit aber schon. Künftig wird ein grosser Teil der Oeffentlichkeit seine moralischen Wertungen nehmen, wie sie nun genommen werden müssen, mit mehr als einem Körnchen Salz.
     
  14. Arne

    Arne Premiummitglied

    Wie war das eigentlich? In den Zeitungsberichten wird immer von "Einberufung" gesprochen - kam man nicht nur als Freiwilliger zur Waffen-SS? Einberufen wurde man zur Wehrmacht oder zum Volkssturm vielleicht, aber zur Waffen-SS doch nicht? Oder liege ich da falsch?
     
  15. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dazu ein Artikel aus der NZZ am Sontag vom 13. August 2006

     
  16. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    In den letzten Kriegsmonaten waren die Verluste der Waffen-SS so hoch, dass sie durch freiwillige Meldungen nicht aufgewogen werden konnten. Deshalb setzte das SS-Führungshauptamt durch, auch Rekruten zur Waffen-SS einzuberufen.

    Auch Fachleute im Offiziersrang wurden kurzerhand vom Heer an die Waffen-SS abgegeben.
     
  17. Arne

    Arne Premiummitglied

    Danke für die Klarstellung, Jacobum. Das Zitat von Ursi bringt noch weitere Klarheit:
    Also hat er sich freiwillig zum Kriegsdienst bei der Marine (U-Boote) gemeldet und wurde dann - wider Erwartens - zur Waffen-SS eingezogen.
     
  18. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Gehört zwar nicht unbedingt zum Thema Grass, aber zur Ergänzung:

    Zur Freiwilligkeit habe ich soeben auf zdf.de noch einen Beitrag gefunden, in dem auch steht, dass neben "Berufsverbrechern" sogar politische Häftlinge zur Waffen-SS zwangsverpflichtet wurden. Mir war zwar die Aufgabe der Freiwilligkeit bekannt, dass aber "Politische" zur SS gepresst wurden war mir neu.

    Der gesamte Text steht unter
    http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/30/0,1872,2022078,00.html

    Gruß

    Jacobum
     
  19. Arne

    Arne Premiummitglied

    Das bezieht sich aber offenbar nur auf die Dirlewanger-Einheit:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Dirlewanger#Zweiter_Weltkrieg
    .
     
  20. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Interessant finde ich einen anderen Umstand:

    Grass war ja sicher nicht der einzige Soldat in seiner Einheit, der den Krieg überlebt hat. Und schon kurze Zeit später ist der Name Günter Grass im ganzen Land (und darüber hinaus) bekannt und berühmt geworden. Und da es sich auch nicht um einen Allerweltsnamen handelt, müsste doch spätestens in den 50er Jahren einer gesagt haben, "Mensch, der Günter, mit dem war ich in der SS".

    Es scheint mir fast so, dass die Mitgliedschaft in der Waffen-SS wohl nie ans Licht gekommen wäre, wenn Grass nicht selbst diesen Umstand bekannt gemacht hätte. Eigentlich unglaublich, oder?

    Jacobum
     

Diese Seite empfehlen