Handel in der Frühzeit - Austausch oder Fernreisende?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von balticbirdy, 5. Juni 2011.

  1. rena8

    rena8 Aktives Mitglied


    Aus ähnlichen Überlegungen hat sich dieses Thema entwickelt http://www.geschichtsforum.de/588029-post32.html , leider verliert man bei diesen langen Threads leicht den Überblick, was schon alles gesagt wurde.
    Es muß noch nicht mal der Kontakt einschränkende Nachbarschaftsstreit sein.
    Unterschiede in der Lebensweise bedingen unterschiedliche Mobilität. So könnte man die Funde aus der bandkeramischen Phase evtl. auch interpretieren.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ahoi,

    Ich hab noch mal etwas in der Fachliteratur (Deutschland in der Steinzeit von Ernst Probst, München 1999, ab jetzt DidS) geschmökert, um meine meine dann folgenden Spekulationstiraden zumindest etwas abzustützen. ;)

    Das Tauschen spielte in Europa bereits in der Altsteinzeit eine bescheidene Rolle. Manche Schmuckstücke schon für die Zeit vor mehr als 20.000 Jahren erstaunliche Verbindungen zu weit entfernten Gebieten. Vielleicht fungierten diese Schmuckstücke als eine Art Zahlungsmittel.
    DidS, S. 26

    Auch wenn die Vorstellung eines prähistorischen „Geldes“ mE in die Irre führt; mehr dazu s.u.

    Bspw wurden in Mainz-Linsenberg neben 26 einheimischen auch 2 durchbohrte Schmuckschnecken aus dem Mittelmeergebiet gefunden, die dem Gravettien zugeordnet werden.

    Allerdings gibt es Spuren, die noch wesentlich älter sind als 20.000 Jahre. Aus dem Aurignacien gibt es Hinweise auf Rohstofftransporte über größere Entfernungen. Nach dem folgenden Wiki-Link könnte das 32.000 bis 36.000 Jahre sein.

    Geißenklösterle ? Wikipedia

    Kann man daraus schon auf „professionellen Handel“ schließen? Sicherlich nicht auf ökonomisches, kaufmännisches Denken in unserem heutigen Sinne, weswegen ich den Hinweis, es könne sich um Zahlungsmittel gehandelt haben, für falsch bzw irreführend halte.

    Einer der Punkte, in dem sich alle mir bekannten, anthropologisch untersuchten steinzeitlichen Gesellschaften ähneln, ist die praktisch nicht vorhandene Arbeitsteilung. Ähnliches kann man mE auch für die europäische Altsteinzeit annehmen. Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau bzw jung oder alt kann es gegeben haben (auch wen das ja auch hier im Forum heiß diskutiert wird/wurde ;)), vielleicht auch eine Mitversorgung von wenigen hochgestellten Personen (Anführer, „Schamanen“).

    Handel in unserem Sinne ist unter diesen Voraussetzungen v.a. bei langlebigen Objekten sinnvoll und vorstellbar, er erfasst aber nur einen sehr kleinen Teil der natürlichen und sozialen Umwelt der damaligen Menschen. Sowohl innerhalb der Sozialgruppe als auch unter benachbarten Sozialgruppen standen mE die sozialen Beziehungen mit allen ihren Implikationen im Vordergrund, nicht dinglicher Besitz. Sowohl die Rollenverteilung innerhalb der Gemeinschaft (wie immer die auch im einzelnen ausgesehen haben mag, wir werdens nie genau wissen), als auch die Beziehungen verschiedener Gruppen beruhten auf Vorstellungen, die weniger materiell denn ideell geprägt waren.

    ME ist es sinnvoll, sich auch den Austausch von Gegenständen eher auf dieser Basis zu nähern. Die Nutzung der Begriffe Tausch und Handel lässt unweigerlich unsere Vorstellung von Ökonomie in die Analyse einfließen, die aber wenig dienlich sind.

    Evtl gab es im Aurignacien oder Gravettien schon Menschen, die Dinge über größere Entfernungen beförderten. Nachweisen lässt sich das nicht, auch mit einem reinen „Hand-zu-Hand-Tausch“ verschiedener Gruppen hintereinander lassen sich größere Entfernungen überbrücken, zumindest bei nicht-sesshaften Gesellschaften. Aber mal angenommen, es gab einzelne Personen, die längere Reisen unternommen wollten und v.a. konnten.

    Wird die Motivation für eine solche Reisen v.a. in der Handelstätigkeit gelegen haben? ME nein. Der „Gewinn“, der einem Reisenden winkte, war weniger ein materieller, da die Vorstellungswelt mE nicht materiell war, sondern ein ideeller. Es könnte der Zuwachs an sozialem Ansehen gewesen sein, der im Vordergrund stand, oder völlig individuelle Gründe wie Neugier, Reiselust oder der Ausbruch aus sozialen Verhältnissen (und seis der Rauswurf als Konsequenz für nicht-konformes Verhalten).

    Wurden Dinge aus entfernten Regionen von Reisenden weitergegeben, waren dies vielleicht keine Tauschwaren in unserem Sinne, sondern Geschenke bzw Abgaben, um eine Zeit über bei einer anderen Gruppe akzeptiert zu werden bzw deren Ressourcen nutzen zu dürfen. Dinge, die heimkehrende Reisende mitbrachten, stellten evtl keinen materiellen Gewinn dar, sondern waren ansehen-steigernde Trophäen oder Mitbringsel.

    Auch räuberische Betätigungen solcher Reisender bzw Überfälle auf diese sind natürlich nicht auszuschließen, eher im Gegenteil. Menschen, die aus welchen Gründen auch immer umherzogen, und sich dabei das nahmen, was sie konnten, und nur das eintauschten, was sie nicht mit Gewalt kriegen konnten, gabs ja auch später in der Geschichte nicht allzu selten.


    Da sich das alles v.a. auf vor-neolithische Kulturen bezieht noch ein Hinweis zur Jungsteinzeit:

    Feuersteinstraße ? Wikipedia

    In der Jungsteinzeit blühte der Tausch mit seltenem Feuerstein als Rohstoff für Werkzeuge und Waffen, aber auch mit Bernstein für Schmuckzwecke.
    DidS, S. 26


    So long,

    Reinecke
     
  3. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied


    Nur um die Debatte noch etwas zu unterfüttern: Aus steinzeitlichen Zusammenhängen in Spanien und Südfrankreich stammen auch immer wieder Strausseneier, diese Tiere waren dort sicherlich nicht heimisch. Dabei steht aber auch die Frage im Raum (wie bei anderen angesprochenen Funden auch) ob die Eier selbst als Schmuckstücke gehandelt wurden oder möglicherweise ihr Inhalt.
     
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ob in Spanien oder Südfrankreich weiß ich nicht, aber Fossilienfunde von Straßen bzw verwnatden Vogelarten gibt es aus Europa.

    Strauße (Familie) ? Wikipedia

    Außerdem gehört der Strauß zu ihnen (den Ratiten, Anm. v. Reinecke), der heute nur noch in Afrika und Arabien vorkommt, früher aber auch in Asien und sogar in Europa verbreitet war.
    Geschichten vom Ursprung des Lebens von Richard Dawkins


    Eier bzw deren Inhalt sind als verderbliche Ware denkbar ungeeignet, um in der Steinzeit als Handelsware zu dienen; innehalb der Gruppe vielleicht, aber bisher wurde ja eher über Fernhandel gesprochen. ;)
     
  5. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Dass Menschen sich auf lange, beschwerliche und gefährliche Reisen begaben, nur um Höflichkeiten zu erweisen, halte ich für wenig überzeugend. Das Leben damals war sicherlich hart und entbehrungsreich. Großen Aufwand für wirtschaftlich nutzloses Tun muss man sich erst einmal leisten können.

    Deshalb kann ich mir in der Regel nur wirtschaftlich sinnvolle Reisen zum Transport von Steinen und dergleichen vorstellen. Religiös motivierte Gewaltanstrengungen wie Stonehenge stehen da auf einem anderen Blatt.

    "Wirtschaftlich" muss nichts mit Geld zu tun haben. Eine Tauschwirtschaft ist etwas sehr natürliches und findet sich doch eigentlich überall. Mein Dorf braucht etwas sehr sehr dringend. zwei Wochen entfernt gibt es Leute, die das im Überfluß haben. Da schickt der Häuptling oder der Ältestenrat oder wer auch immer Autorität hat, ein paar junge Leute los und gibt ihnen etwas zum Tauschen mit, womit sie dort willkommen sein werden.

    So kann Fernhandel aus Not heraus entstehen. Wenn man erst einmal die Erfahrung gemacht hat, dass dasselbe Gut an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich begehrt ist, kann man doch leicht auf die Idee kommen, dieses Wertschätzungsgefälle auszunutzen.
     
  6. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Auch wenn es dich nicht überzeugt, der Austausch von "nur" Höflichkeiten, sei es in Form von Geschenken oder gemeinsamen Festen, Ritualen oder Märkten, kann gerade unter entbehrungsreichen Umweltbedingungen lebenserhaltend wirken. Es könnte dem Erhalt eines großräumigen Sicherungsnetzes gedient haben, die Beziehungen zu den Nachbarn zu pflegen.

    Irgendwann wurde das erkannt und der Handel aus solchen Gründen betrieben. Dieser Zeitpunkt ist an den archäologischen Funden ablesbar, etwa an unterschiedlich reichen Grabbeigaben (z.B. in keltischen Höhensiedlungen) oder an Hort- und Depotfunden.

    So sehe ich das auch. Das schließt nicht aus, dass z.B. bestimmte Schmuckmuscheln oder Bernstein begehrt waren und durchaus einen Tauschwert hatten.

    Das ist auch für mich der wichtigste Punkt, Besitz hängt mit Seßhaftigkeit zusammen und macht immobil. Mir ist klar, dass der Besitz von mobilen Hirtennomaden sich nach der Viehstückzahl bemißt, da sich diese Erwerbsform erst im Neolithikum entwickelt hat, kann ihre Vorstellungswelt nicht getrennt davon betrachtet werden.
    Steinzeitliche Menschen unterschieden sich nicht von uns, sie hatten vielleicht nur andere Prioritäten. Das macht ihre Welt so spannend, weil die Überlegungen zu ihrer Vorstellungswelt, uns ein Fenster öffnet, was hätte möglich sein können, wenn der irgendwann eingeschlagene Pfad ein kleines bißchen anders gewesen wäre.


    Für die alt-mittelsteinzeitlichen, mobilen Jäger- und Sammler läßt sich hinsichtlich der Motivation für den Güteraustausch wahrscheinlich Einigkeit herstellen.
    Damit kommen wir zu der Phase, die mich am meisten interessiert. In Mitteleuropa bewirken die bandkeramischen und La-Hoguette-Kulturen den Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise. Muß sich deshalb schon ihre Vorstellungswelt verändert haben?
    Kann man an der relativ einheitlichen Kultur ohne Spuren von größeren kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht auch das Fortbestehen dieser mehr immateriell geprägten, sozialen Sicherungssysteme ablesen?
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    2 Person(en) gefällt das.
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Vorstellungswelt der jungsteinzeitlichen Ackerbauern, die in festen Häusern lebten, ihre Felder bewirtschafteten und Vorratswirtschaft betrieben, hat sich sicherlich fundamental von derjenigen der Jäger und Sammler(innen) der Altsteinzeit unterschieden.

    Das beginnt schon beim Götterpantheon, denn die Ackerbauern mussten von ihren Göttern - besonders von den Göttinnen - die Fruchtbarkeit ihrer Felder erflehen, mussten um günstige Witterungsverhältnisse und um die Abwehr von Missernten bitten. Entsprechend hat sich auch der Götterhimmel gestaltet, was sich an der Fülle ausladender weiblicher Statuetten szeigt, die als Fruchtbarkeitsgöttinnen gedeutet werden. Männliche Idole sind dieser Epoche äußerst selten.

    Die Kulturen des europäischen Neolithikums (Sesklo, Vinca, Starcevo, Tripolje, Bandkeramik u.a.) zeigen allerdings noch keine klassenmäßig geschichteten Gesellschaftsverhältnisse und es fehlen auch Gräber, wo Stammes- oder Clanführer mit Waffen beigesetzt wurden. Vermutlich gab es in den weit verstreuten Dörfern lediglich einen Dorfältesten (oder gar eine Dorfälteste), der gewisse Kontriollfunktionen hatte, daunter die ungeschichtete restliche Dorfbevölkerung. Und so weisen auch die Gräberfelder auf eine gleichförmige Gesellschaftsstruktur hin. Das ändert sich erst mit dem Einsetzen der Bronzezeit, wo eine feudale Kriegeraristokratie sichtbar wird, die in entsprechenden Gräbern mit kostbarem Kriegsgerät beigesetzt wird.
     
    1 Person gefällt das.
  9. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Also,vielleicht ist auch die Vorstellung frei umherstreifender Hirtennomaden unrealistisch.
    Wenn man sich Hirtenvölker heute anschaut, dann haben wir meist feste Siedlungskerne und fest umrissene jahreszeitlich genutzte Weidegebiete (z.B.Sommer- und Winterweide ), zwischen denen die Herden hin und hergetrieben werden.
    Daneben existieren im Bereich der festen "Stammsitze " aber Gartenbau oder sogar Ackerbau in bescheidenem Umfang.

    Bei Wildbeutergesellschaften ist dies in gewissem Maße genauso. Auch hier gibt es feste Stammlager und Jagdlager, die teilweise über Jahrhunderte immer wieder aufgesucht werden- beispielsweise der Roche de Solutre´ in Südburgund


    Diese festen Siedlungsplätze könnten daher als Stützpunkte von Handelsnetzen oder Handelsrouten gedient haben.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Archäologisch gesichert sind altsteinzeitliche Rastplätze, die immer wieder von Menschen aufgesucht wurden. Dort finden sich auch Überreste von Behausungen in Form von Zelten oder von mobilen Hütten und natürlich gibt es zahlreiche Höhlen und Abris, die als Rastplätze dienten. Ein schönes Beispiel für solche Behausungen von Jägern und Sammlern der Altsteinzeit bietet der paläolithische Fundort Bilzingsleben.

    Fundplatz Bilzingsleben ? Wikipedia
     
  11. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nicht nur das.
    Wenn ich mich nicht irre hat man am Roche de Solutre nicht nur die Knochen von 10.000 verschiedenen Pferden, Bisons, Auerochsen und Mammuts sondern auch Überreste eines Steinbaus gefunden
     
  12. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Bei der Suche nach alter DNA bin ich auf bild der wissenschaft online - Heftarchiv gestossen.

    Daraus möchte ich zitieren:
    Das Szenario wird mit haplogenetischen Ergebnissen aus bandkramischen Gräbern (Häufung der mt-DNA N1a) begründet, die bei Jäger- und Sammlern kaum vorkam und im heutigen Genpool wieder selten ist.

    Weiter vorne hatte ich bereits über Handelsanreize im Neolithikum durch unterschiedliche Lebensgrundlagen spekuliert und da paßt der Artikel ganz gut.
     
    1 Person gefällt das.
  13. Erich

    Erich Mitglied

    Da gibt es einen brandaktuellen Bericht in der Süddeutschen Zeitung:
    Erster Weizen Europas deutet auf frhen Handel hin - Wissen - Sddeutsche.de
     
    3 Person(en) gefällt das.
  14. Stefan70

    Stefan70 Mitglied

    Das klingt interessant.
     
  15. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Das klingt tatsächlich spannend. Danke für den Hinweis.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Neue Untersuchungen in Portugal/Monte da Ramada beschäftigen sich mit dem "Import" bzw. Fernhandel von Material für Bronzeornamente.

    Die Autoren ziehen den Schluss, dass die verwendeten Materialien auf einen ausgedehnten Fernhandel Im Mittelmeerraum (auch durch die Gibraltar-Straße) schon vor den Phöniziern hindeuten.

    "The composition and manufacture of Late Bronze Age metallic artefacts from funerary and domestic contexts of southern inland Portugal was studied. The prevailing trend comprises binary bronzes (10.3 ± 2.1 wt% Sn) showing deformed equiaxial grains, annealing twins and slip bands. The alloy composition is somewhat independent of artefact type, while the manufacture seems to rely on artefact function and the skilfulness of the metallurgist. The technological characteristics were linked with archaeological and chronological features, disclosing some artefacts of uncommon composition, such as low-tin bronze bracelets (4.3–7.1 wt% Sn) associated with ornaments of exotic materials (glass and Egyptian faience beads, and also ostrich egg shell beads). The assemblage testifies to an archaic trade with the Mediterranean region before the establishment of the first Phoenician colonies on the southern Iberian coast."
    Early Imports in the Late Bronze Age of South-Western Iberia: The Bronze Ornaments of the Hypogea at Monte da Ramada 1 (Southern Portugal) - Val[]rio - 2017 - Archaeometry - Wiley Online Library
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zuletzt bearbeitet: 31. August 2018
    Lukullus und Carolus gefällt das.

Diese Seite empfehlen