Heeresstärke vs. Logistik

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von -muck-, 13. Dezember 2016.

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  1. -muck-

    -muck- Mitglied

    Hallo zusammen!

    Folgende Frage für alle geneigten Foristen:

    Sowohl in der Fachliteratur als auch der Populärmediävistik werden zeitgenössische Angaben zu Heeresstärken in den Schlachten des Mittelalters vielfach mit dem Argument angezweifelt, dass die Versorgung und Führung der angegebenen Menschenmassen gar nicht möglich gewesen sei. Auffällig ist hierbei, dass, obwohl auch Zahlen aus der Antike nicht selten für übertrieben gehalten werden, dieses Argument für Altertumshistoriker weniger zu zählen scheint. Jedenfalls habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Fachwelt der Antike zumindest größere Heere zutraut als dem Mittelalter.

    Warum sollte dies generell so sein?

    Hierzu einige Gedanken:

    * Führung. Tatsache ist, dass die Kriegskunst nach dem Zusammenbruch Roms gewisse Rückschritte erlebte. Viele Traktate antiker Feldherren bzw. Berichte über deren Strategien wurden erst spät wiederentdeckt und angewandt (z.B. von Tilly im Dreißigjährigen Krieg); häufig liest man, dass Europas Feudalherren etwa den Muslimen oder Mongolen taktisch untergelegen gewesen seien; immer wieder begegnet uns auch die Feststellung (indes mit Gegenbeispielen), dass selbst Ritterheere relativ undiszipliniert agiert hätten. Gleichwohl erschließt sich mir nicht, wieso die Führung eines Heeres im mittleren bis oberen fünfstelligen Bereich im Mittelalter unmöglich gewesen sein sollte; die Unterschiede zwischen als glaubhaft bewerteten Heeresgrößen und den behaupteten wirken nicht notwendigerweise substantiell (z.B. 30.000 vs. 50.000). Nicht zuletzt wird es im Mittelalter wie auch in der Antike Heerführer gegeben haben, die ohne kodifizierten Unterricht fähige Feldherren wurden.

    * Ernährung. Im Zusammenhang mit mittelalterlichen Feldzügen begegnen uns oft Berichte (z.B. aus dem Hundertjährigen Krieg), durchziehende Heere hätten ganze Landstriche so gründlich ausgeplündert, dass die Lebensgrundlage der Bewohner ausgelöscht worden sei. Wenn aber ein Landstrich bisher x Bewohner ernährte, die sodann verhungern mussten, warum sollte er nicht auch x Mann Kriegsvolk ernähren können? Gewiss spielen hier andere Faktoren eine Rolle (Jahreszeit, Erntesituation etc.pp.), trotzdem stellt sich mir auch hier die Frage, warum Heeresstärken jenseits der ca. 30.000 als unrealistisch gelten. Zum Vergleich: Ostböhmen (bspw., einzige Zahl, die ich aus dem Stegreif nennen kann) hatte zur Zeit der Hussitenkriege schätzungsweise 80.000 Einwohner.

    * Transport. Forscher wie die Azincourt-Expertin Anne Curry (zitiert nach ‚Agincourt 1415‘) glauben, dass Heere mit mehr als zehntausend berittenen Gewappneten im Regelfall unrealistisch seien, da sie viel zu immobil gewesen wären (allerdings nennt sie als Gegenbeispiel kein europäisches Heer, sondern die Mongolen). Hierzu kann ich nicht viel sagen, da ich mich mit Pferden, Ochsen usw. nicht auskenne, bis auf dieses: Mir sind keine Berichte bekannt, dass nach dem Auszug des eigenen Heeres in irgendeinem Land grundsätzlich ein Mangel an Reit- und Lasttieren geherrscht habe. Das muss freilich nichts heißen. Nichtsdestoweniger möchte ich annehmen, dass bei den als realistisch genannten Heeresstärken noch „Luft nach oben“ gewesen ist, zumindest was die Zahl der mitgeführten Lasttiere anging.

    * Propaganda. Die vermeintlich übertriebenen Angaben über Heeresstärken zeitgenössischer Autoren werden generell Propagandazwecken zugeordnet. Aber: Wenn die genannten Zahlen so ganz und gar unmöglich gewesen seien, dass sie der Lebenserfahrung klar widersprachen, welche Wirkung konnten sie dann überhaupt entfalten (selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nur eine Minderheit der Bevölkerung mathematisches Grundwissen besaß, schließlich schrieben die Autoren kaum für diese)?

    Das glaubhafteste Argument scheint mir das der Besoldung zu sein (das ironischerweise mir seltener begegnet als das der Logistik). Europaweit scheint es die Norm gewesen zu sein, dass nur bei einem Angriff auf das eigene Territorium dessen Herrscher von Vasallen und Unfreien uneingeschränkte Gefolgschaft bekommen konnte bzw. überhaupt einfordern durfte, hingegen für Feldzüge im Ausland Truppen i.d.R. gedingt werden mussten, was schlicht und ergreifend Geld kostete.

    Welches ist Eure Meinung? Unabhängig davon, ob die konkrete Zahl nun in der Forschung oder anhand eines Beispiels vertreten werden kann — bis zu welcher Stärke konnte ein Heer des Hoch- und Spätmittelalters Eurer Meinung nach maximal aufwachsen?
     
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  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Für die Heereszahlen grundlegend ist die Kritik Hans Delbrücks in seiner Geschichte der Kriegskunst. (Digitalisate sollten online zu finden sein.) Heute ist man nicht mehr ganz so streng wie er und kann z.B. Bevölkerungszahlen besser einschätzen, aber viele Antworten findest Du dort.

    Um es wirklich zu verstehen, musst Du Dich mit militärischen Notwendigkeiten beschäftigen. Dazu kannst Du 3 unterschiedliche Wege gehen.
    1- Das 19. Jahrhundert berief sich gerne auf die Zahlen aus den zeitgenössischen Militärvorschriften.
    2- Handbücher zur Militärgeschichte geben solche Zahlen ebenfalls an. ( Z.B. das von Georg Ortenburg herausgegebene Handbuch "Heerwesens der Neuzeit".
    3- Auf jeden Fall sollte man Carl von Clausewitz, Vom Kriege zur Kenntnis nehmen. Er rechnet die Notwendigkeiten vor. Und jenseits der ersten, philosophischen Kapitel wird er verständlicher. Was er über Märsche und Versorgung geschrieben hat ist unverzichtbar, um die Notwendigkeiten zu begreifen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wege im Mittelalter schlechter, die Bevölkerung weniger dicht und das 'Militär' weniger organisiert war. Dazu waren die Ernten geringer.

    Eine Notwendigkeit ist z.B. der Marsch. So ein Heer muss zum Kampf anreisen. Die Grenze dessen, was auf einem Weg in einem mehr oder weniger geschlossenen Zug an einem Tag verlegt werden kann, liegt zwischen 30.000 und 40.000. Wenn man in Reih' und Glied marschierte, was für das Mittelalter auszuschließen ist. Solche Märsche wurden erst in der Neuzeit wiederentdeckt. Und es dauerte lange, bis das Wissen überall ankam. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg könnte das z.B. der Großteil der US-Truppen nicht. Es gehört zu den Verdiensten Steubens, das geändert zu haben.

    Damit liegt die Grenze dessen, was das Mittelalter an einem Tag auf einem Weg verlegen konnte zwischen 20.000 und 30.000.

    Ähnliche Grenzen gibt es bei der Logistik. Friedrich der Große hat es auf dem Marsch von Eisenach nach Leuthen geschafft, nicht nur sein Armeekorps zu versorgen, sondern auch mit neuen Uniformen zu versehen. Aber er marschierte parallel zu bereits im Frieden vorbereiteter Infrastruktur. Dennoch nötigt der perfekte Ablauf noch heutigen Logistikern Respekt ab. Solche Infrastruktur und Organisation gab es im Mittelalter nicht. Man hatte, was man mitnahm und was man plündern könnte. Wieder liegt die Grenze für solch' eine Logistik bei 20.000 Mann oder knapp darüber.

    Nehmen wir ein Beispiel. 1410 wurde das Hochstift Paderborn vom angeblich größten jemals in Norddeutschland aufgestellten Ritterheer angegriffen, angeblich 50.000 Mann. Delbrück, damals noch keine Stadt, wurde eingenommen und geplündert. In der Nacht wurde das bäuerliche Aufgebot der Umgegend zusammengerufen, während der Bischof erst am nächsten Tag eine Truppe zusammenbekam. Dies ist deshalb interessant, weil die Wegstrecke von Delbrück weiter Richtung Paderborn noch um 1800 im selben beklagenswerten Zustand befand wie im Mittelalter. Goethe kam dort durch und hat sich sehr darüber beklagt.

    Morgens brach das Heer von Delbrück auf und soll selbst für die Zeit auseinandergerissen marschiert sein. Das Bauernaufgebot (mit Pfeil und Bogen) erlangte, als der Marsch an den schlechten Wegstecken ins Stocken geriet einen vollständigen Sieg. Als der Bischof eintraf wurden ihm die Gefangenen übergeben. Die Lösegelder restaurierten seine Finanzen.

    Das Heer kann nicht größer als 20.000 Mann gewesen sein, wegen der chaotischen Marschweise und einer Erwähnung, dass das Heer Delbrück verlassen hatte, wahrscheinlich weniger.

    Zu den einzelnen Punkten später. Es wird sonst zu lang und braucht auch Zeit.
     
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  3. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Good point. Allerdings:
    Da werden ja nicht nur Nahrungsmittel requiriert, sondern Substanz entzogen. Es werden Zugtiere, Milchvieh etc geschlachtet oder fortgeführt, Feuer gelegt, Wertsachen wie Zahlungsmittel geraubt, Familienmitglieder (Arbeitskräfte!) zwangsrekrutiert oder umgebracht. Und wenn die Vorräte weg sind wird gehungert, spätestens im nächsten Winter nach einer Missernte. Selbst wenn der Wert dieser Vorräte in guten Jahren vergleichweise gering war.
    Vermutlich haben solche Sachen mehr an der Lebengrundlage der Bauern genagt als der eigentliche Nahrungsmittelverbrauch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2016
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Genau diese Frage behandelt Clausewitz. Er legt dar, wieviele Truppen aus einem wie großen Gebiet ernährt werden können unter Berücksichtigung dessen, was aus der Bevölkerung werden soll.

    Das kann man natürlich mittelalterlichen Wirtschaftsweisen anpassen. Allerdings muss man auch Unterschiede bei der Requirierung berücksichtigen, wie Clausewitz sie auch darlegt. In seiner Zeit nutzte man die regionale Bürokratie wie Amtleute und Bürgermeister. Das gab es so im Mittelalter nicht.

    Es war vorgeschrieben, wie viel der Dienstpflichtige mitzubringen hatte, teils auch ein Minimum für den Dienstherrn. Man führte im Sommer Krieg, damit die Pferde gesendet werden könnten. Der Rest wurde geplündert/requiriert/erbeutet.

    Zusätzlich zu den üblichen Verstecken, die Clausewitz durchaus berücksichtigt, gab es Lager in Kirchen, oder auf Kirchhöfen, die als sakrosankt halten. Wenn solche Lager geplündert wurden, wird das gesondert erwähnt, war also eine Ausnahme. Der kürzlich von mir erwähnte Benglerbund war berüchtigt dafür auch Kirchen zu berauben. Die Regel war es nicht, teils gab es sogar Sanktionen.

    Dadurch war die Möglichkeit, sich aus dem Lande zu ernähren weiter eingeschränkt.
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die meisten der erhaltenen antiken Traktate sind ohnehin nur sehr begrenzt brauchbar, da sie oft von Autoren ohne eigene Kriegserfahrung stammten, mitunter eher Anekdotensammlungen waren oder auf eine bestimmte Heeresstruktur zugeschnitten. (Mit einem Werk über die Handhabung der makedonischen Phalanx kann man nur wirklich etwas anfangen, wenn man über ein entsprechendes Heer verfügt.)

    Erstens waren die meisten mittelalterlichen Autoren selbst keine Militärs, hatten also keine eigene praktische Erfahrung im Kriegswesen. Auch ihre Leser waren großteils keine Soldaten.
    Zweitens ist Lebenserfahrung das eine, Wahrnehmung das andere. Übertrieben wurden primär die Heeresgrößen des Feindes. Wenn man in einiger Entfernung einen großen Haufen feindlicher Soldaten sieht, wie will man dann erkennen, ob das 5000 sind oder 20000? Solche Zahlen übersteigen schlicht das sinnliche menschliche Fassungsvermögen. Bei Kriegen gegen große orientalische Reiche oder Horden aus dem Osten kam noch hinzu, dass das Bewusstsein für logistische Zwänge nur unzureichend ausgeprägt war. Man ging von der Vorstellung aus, dass große Reiche mit großer Bevölkerung auch große Heere aufstellen; Barbarenvölker galten als sehr volkreich.

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    Noch ein Punkt: Das verfügbare Personal.
    Viele antike Staaten verfügten über eine allgemeine Wehrpflicht, konnten also im Ernstfall vorübergehend einen Gutteil der freien männlichen Bevölkerung im wehrfähigen Alter ausheben. Im Mittelalter hingegen war ein Großteil der Bevölkerung vom Kriegsdienst freigestellt (und unterlag dafür anderen Verpflichtungen).
    Außerdem waren viele antike Armeen in ihrer Zusammensetzung einigermaßen ausdifferenziert, es gab verschiedene Verwendungsmöglichkeiten für die Männer. Sofern die Soldaten selbst für ihre Ausrüstung aufkommen mussten, konnten auch Ärmere, die sich keine Ausrüstung als schwere Infanterie oder Kavallerie leisten konnten, immer noch als Plänkler eingesetzt werden. Im Mittelalter hingegen dominierte eine Zeitlang die schwere Kavallerie, die Zahl verfügbarer Krieger war somit begrenzt.
    Und ein im Eingangsbeitrag bereits angesprochener Punkt: Mittelalterliche Herrscher konnten oft nur sehr bedingt über die Krieger ihrer Vasallen verfügen - ein Großteil ihrer Untertanen wurde aber nicht von ihnen direkt beherrscht, sondern über eben jene Vasallen.
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Kommen wir zur Bevölkerungsstärke und ihre Beziehung zu Heeresgrößen.

    Erst mal ein Beispiel. Caesar behauptet, dass in Alesia 80.000 Mann bei Vercingetorix waren und das Gallische Entsatzheer auf 250.000 Mann kam. Delbrück rechnet auf 20.000 und 50.000 herab. Lässt sich in der Geschichte der Kriegskunst nachlesen.

    Cäsar hat hier einfach die Stärke der Stämme addiert, was auffällt, wenn man ihn ganz liest.

    Nun, wie groß kann ein Heer bei einer Grundbevölkerung x sein. Sagen wir x=10.000.
    Die Hälfte sind Frauen. Das macht für die mögliche Heeresstärke y 5.000.
    Bis zur Industrialisierung war die Hälfte der Bevölkerung unter 15, also y= 2.500.
    Dann muss man Alte und Kranke abziehen. Das kann je nach Kultur differieren. Damit landet man bei einem Teiler von 6 oder 8, also bei 8 y=1.250.
    Dann gab es Kulturen, bei denen nur ein Teil auszog, die Hälfte die Felder bestellte oder die Mauern Athens bemannte. Teils blieb nur 1/3 daheim, teils sollte nur 1/4 der Wehrfähigen ausziehen.
    Das macht für die Heeresstärke z:
    Bei 2/3: 834
    Bei 1/2: 625
    Bei 1/3: 417
    Bei 1/4: 313

    Und im Lehnssystem zog ein noch kleinerer Anteil aus. Aus ganz Böhmen waren es 1000 Ritter. Man kann sich auch mal die erste Reichsmatrikel betrachten. Naturgemäß kommt Böhmen 1422 nicht vor. 1521 sind es 400 zu Pferd, 600 zu Fuß. (Über den Wikipedia-Artikel sind die Matrikel bei Wikisource verlinkt.)

    Zu Zeiten Delbrücks ging man allerdings für das Mittelalter von falschen Daten für die Wirtschaft aus. Man berücksichtigte nicht einmal die stattgefundenen Gemeinheitsteilungen. Dann war die Viehwirtschaft bedeutender, weshalb Wälder eine größere Bedeutung für die Ernährung hatten. Zu diesen gibt es heute auch bessere Zahlen. Im Münsterland bestanden sie ca. zu 50 % aus Buchen und zu 10 % aus Eichen, waren also sehr gut für die Mast geeignet. Und Heide Flächen sind auch keine Wildnis, sondern Kulturlandschaft, die durch Abholzung und Weide entstanden ist und bekanntlich auch zur Weide genutzt wird.

    Das sind nur Beispiele. Jedenfalls schlägt man die Bevölkerung heute höher an und ebenso die Leistungsfähigkeit. Dennoch bleibt die obige Rechnung gültig.

    Geht man von 260.000 Galliern aus, wären 1/6 43.333,33 und 1/8 31.250.
    Sind es die Wehrfähigen, ergäben Delbrücks 70.000 einen Faktor von etwa 3,5, lägen also in oben genanntem Rahmen zwischen 1/3 und 1/4.
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    @ Zahlenschätzungen der Geschichtsschreiber:

    Zunächst muss vorausgeschickt werden, dass sogar Feldherren wie Napoleon und Friedrich der Große sich später über Heereszahlen irrten, wie schon Delbrück darlegt.

    Dann kam es der Geschichtsschreibung im Mittelalter oft auf das an, was wahr sein sollte und nicht auf die wissenschaftliche Wahrheit.

    Schließlich muss eine Legion auf dem Lechfeld nicht 1000 Mann bedeuten, es kann auch ganz einfach 'Aufgebot' gemeint sein. Umgekehrt können Zahlen symbolisch gemeint sein. Da würde ich nicht von Propaganda reden. Solange es in einem Werk konsistent blieb, wird niemand gemeckert haben.

    Vielleicht hat man auch theoretische Stärken angegeben, wenn man sie denn kannte. Etwa nach dem Motto: Soviele müssen dem Kaiser folgen und die haben dann wieder soundsoviel Vasallen. Real war das dann natürlich nicht.
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Zur Führung hat schon Delbrück bemerkt, dass auch ein erfahrener Anführer nicht ein entsprechendes System ersetzen kann und ad hoc auch keinen Weg zur Organisation von Heeren über eine gewisse Größe hinaus findet.

    Aber da hatte es Karl der Kühne natürlich schon besser als Karl der Große.

    Und so fällt auch meine Antwort auf die Schlußfrage des Eingangsposts aus: Das Mittelalter war lang, es kommt auf die genaue Zeit an. Und es kommt auch auf den Einzelfall an. Das mit dem getrennten Marschieren und vereinten Schlagen ist von Moltke. Aber dennoch mag es vorgekommen sein, dass sich zwei Heere kurz vor einer Schlacht vereinten. Einige Male wird auch berichtet, dass ein Heereszüge 2 oder 3 Tage lang war. Es ist also jedes Vorkommnis eigens zu betrachten.

    Das Mittelalter ist zu uneinheitlich, um typische Zahlen zu nennen.

    Dennoch sind die Notwendigkeiten so gelagert, dass wohl nur wenige Heere 20.000 deutlich überschritten. Viele werden hingegen deutlich darunter gelegen haben.

    (Und dass man wenig auf die genaue Größe als Faktor für den Sieg gab, ist noch gar nicht thematisiert.)
     
  9. -muck-

    -muck- Mitglied

    Vielen Dank für die zahlreichen interessanten Antworten! :yes:

    Einige Gedanken, die mir bei der Lektüre kamen:

    Aber galten manche dieser Faktoren nicht desgleichen für die Antike — wenn wir von den prominentesten Kriegszügen der Römer und Hellenen absehen, welche innerhalb ihres dauerhaften Einflussbereiches auf eine umfassende Infrastruktur zurückgreifen konnten, die der mittelalterlich-europäischen i.d.R. überlegen war? Waren die Wege im Assyrien des vierten Jahrhunderts v.Chr. besser gangbar als die im Schwaben des vierzehnten Jahrhunderts n.Chr.? Waren die Ernten durchgängig besser?

    Diese Anmerkungen verstehe ich nicht ganz. Welcher Sachzwang drückt sich hier en détail aus? Ist gemeint, dass — um es stark vereinfacht auszudrücken — aufgrund der mangelhaften Infrastruktur und fehlender Heeresorganisation zwischen Anfangs- und Endpunkt des Marsches schlicht nicht genug Platz war für mehr als 20-30.000 Menschen? Dass der Heereszug zu lange wurde, um ihn zu kontrollieren?

    Ziehen wir abermals die Antike als Kontrast heran. Du scheinst deutlich mehr über dieses Thema zu wissen als ich und hast in dieser Hinsicht nicht widersprochen, deswegen setze ich im Folgenden voraus, dass die Faustregel Antike = größere Heere an und für sich stimmt.
    Wie bereits gesagt: Müssten nicht diejenigen Faktoren, die nicht vollumfänglich von einer konkreten Gesellschaftsordnung bestimmt werden (z.B. Infrastruktur, Agrikultur), etwa auch einem Alexander das Leben schwergemacht haben? Demgegenüber traut Hans Delbrück in seinen Antiken-Schriften dem Alexander in der Halbwüste bei Gaugamela ein Heer von knapp 50.000 Mann und dem Dareios eines von über 100.000 Mann zu.

    Vor diesem Hintergrund scheint mir auch bedenkenswert, dass die Sinologie *) immens große Heere in den ersten Jahrhunderten n.Chr. in China als Faktum annimmt. Angeblich gilt als gesichert, dass Cao Cao auf dem Höhepunkt seiner Macht gegen die südlichen Reiche 250.000 Mann ins Feld führte.

    *) Anmerkung: Ich weiß allerdings nicht, inwieweit chinesische Lehrmeinungen in der westlichen Sinologie noch als sakrosankt gelten; seit Peking vermehrt Filme mit historischen Stoffen gestattet, ist die (d.h. beratende) „nationale“ Sinologie mehrmals an prominenter Stelle in Kritik geraten, sie überhöhe die kulturellen und militärischen Leistungen der chinesischen Völker des Altertums aus propagandistischen Gründen.

    Gehe ich recht in der Annahme, dass Du für das Mittelalter Zahlen über 20.000 nur unter den günstigstmöglichen Bedingungen gelten lassen willst? Fühle Dich frei, die Bitte zu übergehen, falls es Dir, salopp gesagt, „zu blöd“ ist; könntest Du mir ein Beispiel einer Schlacht nennen, welche den höchsten Kräfteansatz aufweist, den Du unter den konkreten Umständen dieses Ereignisses noch gelten lassen würdest?
     
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es kommt, wie ich schrieb, auf den Einzelfall an. Die Mongolen konnten sicher mehr Krieger ins Feld führen als andere, da sie sich zu einem verabredeten Zeitpunkt trafen und dann wieder verstreuten. Aber eine konkrete Schlacht als die größte der Zeit benennen? Da müsste man erst wieder mit heutigen Erkenntnissen nachforschen, was sich kaum lohnen dürfte. Schon Delbrück hat im Grunde nur eine Auswahl an Schlachten beschrieben. (Und bei den Schlachtbeschreibungen ist er meist nicht mehr aktuell. Aber man vergleiche, wie er zeitgenössische Schlachtbeschreibungen einordnet und was z.B. Dieter Flach, Römische Geschichtsschreibung dazu sagt.)

    In der Antike waren die Heere oft gut organisiert. Den Stand der Römer zu ihren Hochzeiten erreichte Europa erst wieder im 18. Jahrhundert. Auch die Perser müssen entsprechend organisiert gewesen sein. Bei den Griechen kann man eine Entwicklung beobachten. Dort wo solches nicht der Fall war, gab es auch in der Antike keine großen Heere.

    @ Marschstrecke eines Tages:

    Der Heereszug kann nicht viel länger sein, als die marschierte Strecke. Ich meine sowohl Clausewitz, als auch Delbrück rechnen das vor. Es marschiert ja nicht ein Mann hinter dem anderen. Es gibt eingeplante Lücken und es sind Pausen zu berücksichtigen. (Und auch Römer konnten nur da 6 Mann hoch marschieren, wo es genügend Platz gab.)

    Leichte Kavallerie konnte man auf Nebenwegen marschieren lassen. Nur war im Mittelalter die Kavallerie eher schwer.

    Der Tross verlängert eine Marschkolonne ungemein. Und der war in der Antike oft organisiert. Die Perser ließen sich beim Marsch nach Griechenland von Schiffen begleiten. Im Mittelalter wurde jeder Ritter von 2 oder 3 Dienern (Page, Diener, Stallknecht) begleitet. Dazu hatte er 3 oder 4 Pferde (Schlachtross, 1 oder 2 Reisepferde, Lastpferd). 1000 Böhmische Ritter bedeuteten also einen Tross von 2 bis 3000 Pferden und 2 bis 3000 Dienern. Dazu noch die den Ritter begleitenden Kämpfer und ihr Tross. Zumindest 1 Knappe, später eine ganze Lanze. Der Knappe hatte sicher ein Ersatzpferd, später auch ein Schlachtross, also wieder 2-3000 Pferde. Und alle zusammen vielleicht ein Maultier oder Pferd. Und man zog nicht in Reih' und Glied, sondern in wildem Sauhaufen.

    In der Legion hatte eine Zeltgemeinschaft, 9 Mann, 1 Maultier. Die Zahl der Trossknechte war optimiert, und so weiter.

    Hier, bei Salzkotten, verliefen der Weg über den Haarstrang, der Hellweg und die Nebenstrecken des Hellwegs nördlich der Lippe, teils auch Heerweg genannt parallel von Ost nach West. 1813 wurde das genutzt, um 100.000 Mann an einem Tag verlegen zu können, ohne sie mehr als 10 oder 15 km auseinander zu reißen. 1812 hatte das schon die Holländische Nordarmee genutzt, um nach Russland zu kommen. 1813 kamen allerdings nacheinander Franzosen und Allianz hier durch. Dadurch war die Gegend dermaßen abgegrast, dass man die Strecke 1814 nicht benutzen konnte und 1815 nur lokale Truppen und Schweden durchmarschieren konnten. Es galten also ebenfalls einschränkende Faktoren, man hatte sich nur besser organisiert und Märsche wurden genau geplant. Nur die ersten Truppen mussten fouragieren, schon im Laufe des Tages wurde den Amtmännern mitgeteilt, was zu liefern war. Die legten das dann auf Städte und Dörfer um. Wenn man im Besitz des Landes war, wie Napoleon 1812 wurde die Verpflegung teils Wochen vorher angeordnet. Die Funktionsweise ist am Besten bei Clausewitz nachzulesen.

    So etwas konnte man nicht mal eben entwickeln. Entsprechende Verwaltung und Organisation gab es im Mittelalter einfach nicht.

    Mit chinesischer Geschichte kenne ich mich kaum aus. Allerdings wird da anscheinend oft keine ausreichende Quellenkritik betrieben. Ich meine zeitgenössisch wurden da zur Zeit der Streitenden Reiche 1000 Streitwagen als viel für eines der Reiche bezeichnet.

    Nochmals: Die Umstände müssen zu den Zahlen passen. Dann können es auch im Mittelalter mehr gewesen sein. Aber das ist für jeden Fall einzeln zu prüfen.
     
  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Diese Faktoren spielten natürlich auch in der Antike eine Rolle. Nehmen wir eine der größten antiken Schlachten, die Schlacht bei Philippi, in der tatsächlich beide Seiten über jeweils etwa 100.000 Mann verfügten. Die Truppen der Caesarmörder wurden auf dem Seeweg versorgt, während die Caesarianer arg unter Zugzwang standen, da ihnen für die Versorgung "nur" Makedonien und Griechenland zur Verfügung standen, was aber nicht reichte. Andere Versorgungsmöglichkeiten waren ihnen abgeschnitten, weil der Feind das Meer beherrschte. Die Caesarianer standen daher unter Druck, möglichst rasch anzugreifen, während sich der Feind gut verschanzt und auf ein längeres Verweilen eingerichtet hatte.
     
  12. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich hatte schon darauf Hi gewiesen, dass das Mittelalter lang war. Karl der Große mag in Sachsen nur mit 3.000 Mann unterwegs gewesen sein. Karl der Kühne hatte mehr.

    Ein Beispiel, wo mehr möglich wäre, man aber aus anderen Gründen von weniger ausgeht ist Nikopolis 1396. Teile des christlichen Heeres marschierten auf verschiedenen Wegen und der Einzugsbereich war groß. Allerdings werden die einzelnen Kontingente kleiner angesetzt, so dass die Schätzungen bei unter 15.000 Mann bleiben. Delbrück rechnet wie folgt: 9.000 bis 10.000 Mann, nach Marschverlusten noch 7.500. Allerdings sind das nur Reiter. Für die Französischen Rittern (1000) geht er von 2.500 "Hilfskombattanten" aus. Sonst werden keine Fußtruppen erwähnt. Er kommt damit eigentlich auf 10.000, vergisst aber die 2.500 zu addieren!

    In der Zeit würde ich von 6 Kombattanten pro Ritter ausgehen macht schon mal für die Kreuzfahrer aus Frankreich und Burgund 6000 Mann. (Delbrück geht von Rittern und Knappen aus, in Frankreich und Burgund war es üblich Ritter, bzw. Führer einer Lanze (Die den Ritter begleitenden Kombattanten.) anzugeben. Und heute findet man Angaben von 12.000.

    Außer Franzosen und Burgundern war ein ungarisches Heer, Truppen vom Balkan, einige Johanniter (100-200, ihre Unterstützung fand eigentlich auf dem Meer statt) und Kreuzfahrer aus dem Reich (laut Wilhelm Baum einige 1000, die sich den Franzosen auf dem Marsch anschlossen) und aus England beteiligt. Auch Walachische Truppen unter dem Woiwoden Mircea schlossen sich an und auch Böhmen und Polen sind erwähnt.

    (Johannes Schiltberger, ein Teilnehmer der Schlacht gibt für das christliche Heer 60.000 an. Die Chronik Justingers aus Bern gibt 100.000 an.)

    Und nun die Osmanen! Delbrück geht davon aus, dass es nicht das Doppelte der Christen waren, da sie sich in ungünstiger Lage auf die Schlacht einließen. Eine mögliche fehlerhafte Aufklärung berücksichtigt er nicht. Daher werden bis heute nur ein paar Tausend mehr Osmanen als Christen angenommen, obwohl die Osmanen einen überragenden Sieg erfochten. Die Niederlage wird den Franzosen zugeschrieben, die sich einem Plan verweigerten und die Eröffnung der Schlacht beanspruchten. (Bei Delbrück ein Widerspruch, da er den Bericht über die Beratungen nicht so gelten lassen will.) Das wird ein Grund gewesen sein, widerspricht aber nicht einem großen türkischen Heer. Es gibt für dieses auch unrealistische Angaben. 400.000 werden genannt. Aber warum dürfen es nicht doppelt soviele wie die Christen gewesen sein? Ich würde noch weiter gehen: Für ihre Zahl gibt es einfach keinen Anhaltspunkt über die allgemeinen Einschränkungen hinaus.

    (Ungarn und Osmanen hatten leichte Reiter, was Ernährung und Marsch erleichterte. Die Osmanen sollen auch besser organisiert gewesen sein. Dafür ist für die Christen überliefert, dass sie in mehreren Abteilungen marschierten. Also nicht alle gleichzeitig auf demselben Weg. Sultan Bajazed hatte wiederum rechtzeitig Korrespondenz abgefangen und könnte vorbereitet agieren. Ein Faktor, den Delbrück nicht berücksichtigt, der ihm nur die bereitstehenden Janitscharen zubilligt.)

    Wie kommen wir da zu einer Zahl. Ganz einfach. Die Christen teilten ihre Truppen in Haufen ein. Einen bildeten die Franzosen, einen die Ungarn und einen die restlichen Verbündeten. Solche Haufen sollten etwa gleich groß sein. 3500 oder 6000 Franzosen ergäben 10.500 oder 18.000 Mann. Damit haben wir zumindest eine Spanne für die Stärke. Es gibt noch weitere Argumente, besonders hinsichtlich Reiter und Fußgänger, aber das würde für ein Beispiel zu weit führen. Es sei angemerkt, dass die Stärke dadurch noch etwas erhöht wurde. Ein Ritterheer von 18.000 Kombattanten reist auch schon wesentlich bequemer in mehreren Abteilungen.

    Bei den Türken ist es nicht so einfach. Aber es wird erwähnt, dass Truppen aufgestellt wurden, die die ganze Armee vortäuschen sollten, und die Janitscharen im Hinterhalt gehalten wurden. Gehen wir mit Delbrück von 12.000 Janitscharen aus, werden es sicher über 20.000 gewesen sein. Aber das wäre nur ein Minimum.

    Aber das soll auch nur ein Beispiel für die Probleme sein, Truppenstärken zu bestimmen. Im Einzelnen, besonders bei der angedeuteten Problematik des in den Quellen fehlenden christlichen Fussvolks, kann man anderer Ansicht sein. Grundsätzlich ist es aber ein gutes Beispiel für unrealistische Überlieferung und die Abschätzung der Stärke durch Historiker, die hier durchaus unterschiedlich ausfällt.

    Noch etwas zum Nachdenken:
    Ich habe beim Nachschub gedient. An prominenter Stelle hing in der Materialhalle ein Zitat von Rommel: "Die Logistik hat eine Schlacht geschlagen und entschieden, bevor sie beginnt."

    Auch Sun Tzu weißt darauf hin, dass ein siegreichen General vor der Schlacht viele Berechnungen anstellt.

    Interessant zu dem Thema dürfte auch die Komödie 'Helden' von George Bernard Shaw sein.
     
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  13. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Damit es nicht verwirrt in einem Extra-Post:

    Beim Nikopolis-Beispiel habe ich einiges vereinfacht, anderes weggelassen, z.B. Marschverluste nicht weiter berücksichtigt und mir die Quellen nicht nochmal angesehen. Das ist also nicht als Urteil über Nikopolis zu verstehen, sondern als Aufzeigen von Abschätzungsmöglichkeiten. Ich hoffe, es reicht so zur Verdeutlichung. Ich möchte mich eigentlich zur Zeit nicht weiter zu Nikopolis einarbeiten.

    Edit: Nikopolis ist auch nicht das Beispiel der größten Schlacht der Zeit. Wie gesagt Geistern da zu viele alte Angaben umher, um sicher eine Aussage zu treffen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Dezember 2016
  14. -muck-

    -muck- Mitglied

    Danke für die informativen Antworten! Der Hinweis, mehr auf die Entwicklungsstufen der Schlacht zu achten (bspw. Anmarschwege), hat sich als hilfreich erwiesen.

    Die größten Schlachten des Mittelalters scheinen mir nun alle eine Gemeinsamkeit zu haben:

    Große Heere scheinen stets inhomogene Koalitionsheere gewesen zu sein, bis gegen Ende des Mittelalters die Aufwuchsfähigkeit zunahm. Einerseits gilt, dass Staatenlenker sowieso die Kontingentierung schätzen, da politische Ziele im Verein trotz gewisser Reibungsverluste mit weniger Aufwand für den einzelnen Regierenden zu erreichen sind. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Größe von Kontingenten gerade bei großen und prestigeträchtigen Unternehmen wie einem Kreuzzug nicht auch das jeweilige Maximum des Möglichen ausdrückt. Nach allen Quellen, die ich bislang eingesehen habe, sind bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein nicht nur als plausibel betrachtete Heeresgrößen über 20.000 die Ausnahme, sondern auch „national“ homogene Heere über 10.000.

    Das „günstigste“ Klima für einen großen Aufwuchs scheint — was natürlich schon der gesunde Menschenverstand nahelegt — entweder bei „nationalen“ Kraftanstrengungen zur Verteidigung gegen Invasoren bzw. im Bürgerkrieg und bei entsprechender Vorwarnzeit bestanden zu haben, oder im Zuge langjähriger Vorbereitungen währenddessen unangefochtener Hegemonen.

    Da ich vorhin noch die Bibliothek stürmte, kann ich mir meine Frage an Riothamus nun auch beantworten. Die zehn größten Aufgebote des mittelalterlichen Europas nach Kelly DeVries (Angabe ohne Gewähr, habe das Buch noch nicht durch):

    1. Schnepfenfeld (1380): Bis zu 60.000 Russen und Verbündete
    2. Damaskus (1148): Bis zu 50.000 Mann aus HRR, Frankreich, Kreuzfahrerstaaten
    3. Tannenberg (1410): Bis zu 39.000 Polen, Litauer, slawische Aliierte gegen bis zu 25.000 Mann auf Seiten des Deutschen Ordens
    4. Towton (1461): Wenigstens 35.000 Lancastrianer gegen 30.000 Yorkisten
    5. Marchfeld (1278): Bis zu 30.000 Mann im Aufgebot der Habsburger gegen bis zu 25.000 Böhmen
    6. Northampton (1460): Bis zu 30.000 Yorkisten
    7. Guinegate (1476): Bis zu 30.000 Mann auf Seiten des Kaisers
    8. Zadar (1345): 26.000 Kroaten gegen 25.000 Venetier
    9. Murten (1476): Jeweils ca. 22.000 Burgunder und Eidgenossen
    10. Poitiers (1356): 20.000 Franzosen
    Es fällt auf, dass all diese Schlachten mit einer Ausnahme erstens im Spätmittelalter stattfanden, und zweitens, dass die Aufwuchsfähigkeit einzelner Truppensteller im Verlauf der Zeit zunimmt. Bedurfte es im Hochmittelalter noch Koalitionen der Großmächte ihrer Zeit oder einer „allgemeinen Mobilmachung“ wie im Falle Russlands, um Heere über 20.000 Mann aufzubieten, gelingt dies im Spätmittelalter bereits einzelnen Bürgerkriegsparteien.
     
  15. -muck-

    -muck- Mitglied

    Leider ist das Zeitfenster für Änderungen geschlossen, daher eine Ergänzung:

    Ich habe die mir ans Herz gelegten Passagen aus „Vom Kriege“ nun gelesen, die Dich, Riothamus, bestätigen. Danke nochmals für den Tipp!

    Allerdings muss in zwei Punkten relativiert werden:

    1. Clausewitz geht in seinen Ausführungen über Marschorganisation stets davon aus, dass mehr oder weniger unmittelbar nach Ankunft am Marschziel ein Kampf ausgefochten wird. Dass bei einer Marschkolonne von 100.000 Mann „das Ende dieser Kolonne mit ihrer Spitze niemals an demselben Tage eintreffen würde” und man „entweder ungewöhnlich langsam [würde] vorrücken müssen, oder die Masse würde, wie ein fallender Wasserstrahl in Tropfen, auseinanderreißen”, ist dann kein Problem mehr (was durch geografische Engpässe oder militärische bzw. politische Notwendigkeiten auch durchaus bedeutsam werden kann), wenn Zeit besteht, das Heer nach der Ankunft mehr oder weniger in Ruhe zu ordnen. So gesehen muss man nicht schon allein deswegen hohe fünfstellige Heeresgrößen (Bspe.: 85.000 Byzantiner bei Klokotniza, 80.000 Osmanen vor Konstantinopel usw.usf.) verwerfen, wenn diese zu einem lange vorbereiteten Feldzug oder zu einer Belagerung herangezogen wurden.

    2. Die Kapazitäten der Bevölkerung unterstützen nach Clausewitz in der Neuzeit durchaus Heere um die 100.000er Marke, ohne den Menschen eine Zumutung zu schaffen, wenn sich das Heer insgesamt nicht länger als sieben Tage an einem Ort aufhält. Der dafür nötige Raum ist bei einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte mit rund 40 Kilometern Breite zu veranschlagen, falls ich die preußische Meile richtig im Kopf habe, was viel erscheinen könnte, jedoch nurmehr etwa einem Tagesmarsch entspricht (Curry, 1410: ≈30 km ∨ Clausewitz, 1830er: ≈40 km) und damit kein zwingendes organisatorisches Hindernis darstellt.

    Doch sind noch zwei Faktoren in Betracht zu ziehen: Wo kein nennenswerter Widerstand droht, könnten mittelalterliche Fouragezüge, sofern mobil (d.h. nicht zu Fuß), ein sehr viel größeres Gebiet erschließen, ohne dass das Hauptheer unter Druck geriete. Und wenn überhaupt keine Rücksicht genommen werden soll und ein Heer den Leuten die Haare vom Kopf fressen darf, sieht die Sache noch ganz anders aus.

    Nun stellt sich die Frage, wie groß das „Output” der mittelalterlichen Landwirtschaft im Vergleich zur neuzeitlichen und der des Altertums war. Hier will ich noch weiter fleißig Lektüre betreiben, allerdings bin ich bereits aus zwei Gründen nicht geneigt, eine um dramatische Faktoren geringere landwirtschaftliche Leistung vorauszusetzen: Mit Henry Lancaster lässt sich verallgemeinernd sagen, dass die Lebenserwartung des Menschen seit dem Altertum stetig gestiegen ist. Das bedeutet immer auch (da sonst kein statistischer Niederschlag) eine verbesserte Lebenssituation der Masse, hier zwangsläufig eine bessere Ernährung, da wir einen Punkt betrachten, wo hygienische Errungenschaften noch auf sich warten ließen.

    Zweitens hat ab dem Mittelalter die Zahl der Konsumenten gegenüber der Zahl der Produzenten durch sozialen Wandel, v.a. die zunehmende Verstädterung beständig abgenommen. Agrikulturelle Errungenschaften beschleunigten diesen Trend, aber bestehen (und hier als Faktor der räumlichen Verteilung von Nahrungsquellen relevant) bleibt die Tatsache, dass zu Karl von Schwarzenbergs Zeiten sich weniger Menschen vollumfänglich selbst ernähren konnten als zu Zeiten unseres kühnen Burgunder-Karls.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Dezember 2016
  16. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Zu bedenken wären noch folgende Aspekte,
    Unterscheidung zwischen Lehensheer und Söldenerheer,
    Verpflegung erhielten nur die Janitscharen, alle anderen mussten sich ihr Essen oder Pferdefutter kaufen oder rauben,
    Pferde brauchen Unmengen an Wasser,
     
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  17. -muck-

    -muck- Mitglied

    ^ Allerdings fragt es sich, ob Versorgung durch Fourage im Gegensatz zur Verpflegung durch den Herren für diesen einen Nachteil darstellt. Natürlich ist ein Heer, das sich selbst versorgen kann, mobiler und kann unabhängiger von Siedlungen und Nahrungsproduktionsstätten agieren. Aber: Die Verpflegung der Truppen muss durch Lasttiere transportiert werden. Wer trägt die Verpflegung der Lasttiere? Aus dem Futterbeutel mampfen können Pferde höchstens ein, zwei Tage, und dann ist ihre Traglast begrenzt. Wenn man also nicht zusätzliche Kapazitäten aufbauen will oder kann, muss man dennoch fouragieren.

    Eine Frage an alle: Wie sieht es eigentlich mit der Lebensmittelkonservierung aus? War das Mittelalter darin weiter als die Antike?
     
  18. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Für den Herrn nicht aber für die Bevölkerung, wobei es ziemlich egal war ob Freundes- oder Feindesland.
     
  19. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Ist jetzt nicht MA, aber veranschaulicht das Problem, wie viele Tonne Wasser haben die Ägypter gebraucht um mit 3500 Streitwagen bis nach Kades zu gelangen?
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine Reihe von Punkten hast Du angesprochen, die ergänzt werden können.
    Im Verlauf des Mittelalters bis ins Hochmittelalter sehen wir die Konzentration der finanziellen Mittel bei immer weniger größeren Adligen in Mitteleuropa inklusive England etc.

    Dieser Prozeß der Konzentration verläuft parallel zum Machtgewinn dieser Adligen und ihrer Fähigkeit, ihren Herrschaftsbereich im Rahmen von staatlichen Strukturen auszudehnen.

    Das Anforderungsprofil an erfolgreiche Adelige hießt, einerseits staatliche Strukturen aufzubauen und diese nach außen zu verschieben, sprich zu expandieren (vgl. Strayer) Dieses verfestigt sich als Anforderung an staatliches Handeln in der frühen Neuzeit, wie Glete zeigt.

    Das führt dazu, das Burgen bzw. Befestigungen als Zeichen staatlicher Macht relevanter werden. Sie sind die befestigten Orte, die die innenpolitische Machtprojektion – sprich Repression etc. – ermöglichen , sie sind die Verwaltungssitze der staatlichen Strukturen (Steuern, Judikative etc.) und sie bilden als Burgen-System den Verteidigungsgürtel um das entstehende Staatsgebiet. Das nicht selten auch geographisch noch amorph war.

    Der Preis für diese Entwicklung der „befestigten Plätze“ waren extrem teure Burgbauten, die im Hochmittelalter zunehmend aus Stein waren und eine Kostenexplosion nach sich zogen. Vor diesem Hintergrund stellte sich im ausgehenden Mittelalter zunehmend die Frage, wie die Investitionen aufzuteilen waren. Ob ein großer Adeliger sein Gold in Burgen oder in mobile Armeen investiert zur Sicherung seiner Herrschaftsansprüche auf ein bestimmte Territorium, war eine zentrale Frage. Seine Bedrohungsanalyse und seine persönlichen Ambitionen werden die Beantwortung beeinflußt haben.

    Diesen Aspekt haben Brauer und van Tuyll unter Benutzung der Bedeutung der „Opportunitäts-Kosten“ sehr gut herausgearbeitet und das „Dilemma“ der Herrscher im Mittelalter damit gut getroffen. Sie mußten sich in dieser Mangelgesellschaft entscheiden zwischen einer strategischen Defensive, also Burgenbau, und andererseits einer offensiven Kriegsführung, die zwar Gewinn versprach, aber auch extreme Risiken bis hin zum kompletten Verlust von Territorien.

    Die Entscheidung für die offensive Kriegsführung läßt die Variante der Verteidigung des eigenen Territoriums und die zweite Variante des Betretens bzw. Erobern von Gebieten, die man nicht kontrolliert.

    Einen Sonderfall der offensiven Kriegsführung bilden die maritimen Operationen, die unter ganz besonderen Vorzeichen Begrenzungen aufwiesen, wie beispielsweise einzelne Kampagnen während der Kreuzzüge (vgl. z.B. die Beiträge in Pryor und auch Keen, S. 197). Auf die Beiträge in Pryor komme ich noch zurück, die die Beiträge von Riothamus zu Delbrück ergänzen.

    Betrachtet man die Kriege im Mittelalter, dann werden sie insgesamt zu mindestens 90 Prozent von relativ kleinen Heeren geführt, wie relativ umfassend in der „The Encyclopedia of Warfare. Medieval Wars 500 – 1500“ ausgeführt. Auch wenn nicht jede Schlacht ausführlich quantitativ dargestellt wird, was wohl auch ein Problem der Quellen teilweise ist, belegen die ausgeführten Beispiele eher die Annahme kleiner Heere, deutlich unter 10.000 Kombattanten.

    Die Erklärung für die Größe der Armeen ist zum einen, wie oben bereits ausgeführt, durch die vergleichsweise geringe Machtkonzentration – beispielsweise im Vergleich zum imperialen Rom – zu sehen und somit in der Unfähigkeit umfangreiche Ressourcen zu mobilisieren.

    In diesem Kontext kommt dem Papsttum beispielsweise eine zentrale Rolle zu, durch eine außergewöhnliche ideologisch motivierte Mobilisierung, den Konsens unter den europäischen Adligen teilweise zu erzwingen. Und damit Ritterheere zu ermöglichen, die unter normalen Umständen so nicht zu realisieren gewesen wären.

    Die reale Größe von Heeren im Mittelalter unterlag somit einer Vielzahl von Einflußgrößen.

    Die reine Frage nach der Größe eines Heeres führt dabei allerdings zu irreführenden Schlussfolgerungen. Um den Aufwand für den Unterhalt eines Heeres bewerten zu können, sollte die Größe zunächst in Beziehung gesetzt werden zu der Länge der Mobilisierung bzw. des Unterhalts.

    Als zweiter relevanter Aspekt ist natürlich das Terrain wichtig und die damit zusammenhängende Verkehrsinfrastruktur wie Bevölkerungsdichte, Landwirtschaftsstruktur und Straßen. Zusätzlich ist von hoher Bedeutung, welche Wasserwege für die Versorgung zur Verfügung standen. Und in diesem Kontext gilt, je besser ein Feldzug geplant wurde, desto stärker lehnte er sich an die Versorgung durch Schiffe (Flüsse, Seen, Meere etc.) an (vgl. dazu vor allem für das frühe Mittelalter beispielsweise Alcock, Bodel und Talbert)

    An einem praktischen Beispiel hat Pryor das Problem durchgespielt (vgl. auch Link zur Manzikert Kampagne)

    Die Frage der Diskussion der Marschleistung diskutiert Pryor an dem Beispiel von Bohemond. Im Rahmen einer Modellrechung geht er davon aus, dass seine Streitkräfte zwischen November und Februar ca 9 Stunden effektive Marschzeit hatten, berücksichtigt man die Vor- und die Nachhut (Pos. 324, Table 1.1)

    Es wurde dabei auf der aus römischer Zeit stammenden (zu dem Zeitpunkt ca. 1000 Jahre bereits alt und nicht erneuert worden) Via Egnatia marschiert, die 2 Pferde oder drei Soldaten nebeneinander erlaubte. Die Standardmarschierleistung für Infantrie beträgt ca. 4.83 Kilometer pro Stunde.

    Und kommt zu folgendem Ergebnis: „The vanguard would have had to encamp by sun transit around 12.35 hours in order for the rearguard to encamp before dark, so a maximum of 214 troops (im Sinne einer „Lanze“ bzw. Ritter mit Gefolge) troops could march in one division (Marschsäule) if maximum distance of march were tob e achieved: 963 knights, squires and grooms, 2895 footmen, and 7730 animals.“(ebd. Pos. 398) Die tägliche Marschleistung hätte dann bei ca. 21-22 Kilometer gelegen. Eine größere Streitmacht auf dieser Straße zu bewegen hätte zu einer deutlichen Reduzierung der täglichen Kilometerleistung geführt.

    Entsprechende Verpflegung aus dem Land war nicht zu erwarten, da die spärlichen Vorräte der Bevölkerung bereits für das nächst Jahr gesäht ware.

    Bei dem Bedarf pro Mann pro Tag gehen die Schätzungen von relativ übereinstimmenden Werten aus (vg. Pos. 415, Table. 1.4). Im Kern wird davon ausgegangen, dass ca. 1 kg pro Soldat zur Verfügung stehen sollte, um ihn kampfkräftig zu erhalten. Das berücksichtigt noch nicht den Bedarf für die Pferde und Lasttiere.

    Dennoch kommt Pryor zu dem Ergebnis, dass hohe Mengen an Heu und Wasser für die Pferde beschafft werden mußten und das illustriert, wie aufwendig die Kriegsführung mit einem Ritterheer war und diese Form der Kriegsführung schnell an ihre logistischen Grenzen stieß.

    Zu entsprechenden Ausführungen für spätere Kriege und die hohen Anforderungen an das System der Logistik, wie beispielsweise Napoleon`s Russlandfeldzug vgl. van Creveld.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Bohemond_I_of_Antioch#First_Crusade

    Eine gute Übersichtsdarstellung über den Zustand des mittelalterlichen landwirtschaftliche System bietet beispielsweise Malanima (Landwirtschaft. S. 120 ff und Bevölkerung S. 13ff). Allerdings lag die durchschnittliche Lebenserwartung noch um 1700 bei ca. 27 Jahren und bis zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerung relativ jung und starb früh (vgl. Malanima, S. 54ff)

    Computersimulation der „Manzikert“ Kampagne / interessant! (Berechnung der Versorgung der Lastenesel quer durch die Türkei)

    http://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/36994441/Marching_across_Anatolia.pdf?AWSAccessKeyId=AKIAJ56TQJRTWSMTNPEA&Expires=1481829123&Signature=UcEqFO5knGiy8qR9KeSXUTxTZB8%3D&response-content-disposition=inline%3B%20filename%3DMarching_across_Anatolia_Medieval_Logist.pdf

    Alcock, Susan E.; Bodel, John P.; Talbert, Richard J. A. (2012): Highways, byways, and road systems in the pre-modern world. Chichester, West Sussex, Malden, MA: Wiley-Blackwell
    Brauer, Jurgen; van Tuyll, Hubert P. (2008): Castles, battles, & bombs. How economics explains military history. Chicago: University of Chicago Press.
    Glete, Jan (2002): War and the state in early modern Europe. Spain, the Dutch Republic, and Sweden as fiscal-military states, 1500-1660. London, New York: Routledge
    Malanima, Paolo (2010): Europäische Wirtschaftsgeschichte. 10. - 19. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar: Böhlau
    Multiple Authors (Hg.) (2013): The Encyclopedia of Warfare. Medieval Wars 500 - 1500. Foreword to the Series by Dennis Showalter. London: Amber Books
    Pryor, John H. (Hg.) (2006): Logistics of warfare in the age of the crusades. Proceedings of a workshop held at the Centre for Medieval Studies, University of Sydney, 30 September to 4 October 2002. Aldershot: Ashgate.
    Strayer, Joseph Reese (2005): On the medieval origins of the modern state., N.J: Princeton University Press
    van Creveld, Martin (2004): Supplying war. Logistics from Wallenstein to Patton. New York: Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Dezember 2016

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