Hexe: Abgeleitet von Hagazussa oder Hekate?

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Haetius, 29. Dezember 2009.

  1. Haetius

    Haetius Neues Mitglied


    )) ein paar neue Vokabeln können nicht schaden)) :aua:
     
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    So richtig verstehe ich nicht, warum es in diesem Thread immer nur um Sprache geht.
    Ich fände es viel interessanter zu untersuchen, welche Aufgaben und Funktionen Hexen, Baba Jagas, Hekatepriester wann, in welcher Region hatten. Dass das nach 1000 - 2000 Jahren Christentum und spärlichen schriftlichen Quellen schwierig ist und leicht ins esoterische abrutschen kann, ist mir klar.
    Einen Versuch wäre es aber wert und wenn die Wortbedeutung dabei hilft, ist es in Ordnung. Eine Hagazussa kann irgendwann in grauer Vorzeit die Hüterin des vertrauten, sicheren "Gartens" gewesen sein und außerhalb war gefahrvoller Wald. Der wurde später gerodet und der sichere Bereich immer weiter ausgedehnt, auch ohne den "Schutzzauber" einer Hagezussa und ihre Aufgaben wandelten sich, der Name aber blieb. Ähnlich könnte es mit den, der Hekate dienenden Priestern und Priesterinnen gewesen sein. Solche Vorstellungen sind nicht statisch, sie verändern sich, manchmal schneller und manchmal langsamer als ihre Bezeichnungen.
     
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  3. Beate

    Beate Neues Mitglied


    Die Baba Roga heißt im Litauischen Rugiu Boba. Sie wird als Babenfigur mit einem Trinkhorn dargestellt, ist aber gleichzeitig die Schutzgöttin für das Getreide (pr. rugis, regia: Roggen, Korn, Getreide).

    Diese steinzeitlichen Baben kamen von Nord- und Mittelasien über Russland, baltische Länder, Rügen bis Frankreich vor. Es gibt sie in männlicher und weiblicher Gestalt (Mütterchensteine).

    Ich finde, über Sprache erschließt sich die Kulturgeschichte. Gottesdienste fanden im Freien in eingefriedeten Gebieten statt. Priester und Priesterinnen waren verehrte hochangesehene Menschen mit besonderer Begabung, die zwischen Menschen und Göttern vermitteln, vermutlich auch heilen konnten. Ihre Hellsichtigkeit mag durch aus bestimmten Waldpflanzen gewonnene Drogen beeinflusst worden sein (Phantast, Träumer), weshalb die "Zauberkraft" nachlassen konnte, sobald sie das Areal verließen.
     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Unabhängig von der Etymologie halte ich eine kannibalistische Deutung der Hexe für mehr als naheliegend, denn dieses Element schon sehr früh und oft aus. Interessanterweise ist es nach salfränkischen Recht ein ganz normales Verbrechen, wenn eine Hexe einen Menschen aufisst, lediglich mit Geldstrafe/Wergeld belegt wie andere Gewaltverbrechen ohne hexerischen Hintergrund!

    Bei dem Kannibalismus muss es sich nicht unbedingt um eine christliche Dämonisierung halten. Vielleicht handelte sich sich um kultischen, magischen oder medizinischen Kannibalismus, ähnlich wie bei menschenverbrauchenden Medizin im frühneuzeitlichen Europa oder bei afrikanischen einigen afrikanischen witch doctors der Gegenwart.
     
  5. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    Baba bedeutet einfach Großmutter oder alte Frau (siehe russ. babuschka) Von Baben habe ich noch nichts gehört.
    ich könnte mir auch vorstellen, dass Jaga und Haga von hager kommt und Baba Jaga dann sowas wie der weibliche Gevatter Tod wäre. Das würde auch das Menschenfressen erklären.

    Hab auch grad noch eine andere interessante Entdeckung gemacht. Roscha роща bedeutet im Russischen Hain, Gehölz, Hag. Baba Roga рогa könnte also auch durchaus auf einen Hain oder Hag hindeuten.

    Rosch ist Russisch aber auch der Roggen. Die Roggen - oder Kornmutter und den Roggenwolf gibt es auch in Deutschland. Kinder sollten mit diesen Geschichten abgehalten werden, in das Feld zu gehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2010
  6. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    interessant.

    Eine Babe (Diminuitiv: Babeli) ist hier im Schweizer Dialekt ein tollpatschiges Mädchen, ein Bäbi ein kleines Mädchen in Spielzeugform. Da kommt mir das englische Wort Baby in den Sinn: Zusammenhang?
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Zusammenhang ist der, dass sowohl baba als auch baby Lallwörter sind.

    Kennt ihr die Anekdote wie Radio Gaga entstanden ist? Roger Taylor bekam Besuch vom BBC und sein gerade in der Phase des Sprechenlernens begriffener Sohn sagte etwas wie "radio-caca".
     
  8. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    und Lady Gaga ist Queen Fan und nennt sich deshalb Lady Gaga))

    wobei unsere ganze Sprache wahrscheinlich aus Lall - und Nachahmwörtern entstanden ist. Krähe und Uhu z.B. vom Laut der Tiere.

    Ata und Pater sehe ich ebenfalls in diesem Zusammenhang.

    Unter Baba fällt natürlich auch Papa usw.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das sind Onomatopoetika. Der Unterschied zwischen Lautmalereien und Lallwörtern ist der, dass Lallwörter auf die ersten mehr oder weniger gezielten Artikulationen von Kleinkindern zurückgehen, während Onomatopoetika zwar auch gerne von Kindern verwendet werden ("ein brumm-brumm"), aber tatsächlich Geräusche aus dem täglichen Leben wiedergeben. Dazu gehören dann auch Tiernamen, wie von dir erwähnt oder Lautäußerungen wie grunzen, muhen, wiehern, buhen, klatschen...

    Ein Onomatopoetikon liest man ständig im Internet und zwar mehrsprachig: Klicken, to click, haga click aquí, cliquea, Sie sind nur einen Mausklick vom Millionengewinn entfernt....
     
  10. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Das ist schon klar. Es stellt sich die Frage, ob es einen weitergehenden Zusammenhang gibt.
    Zum Vergleich: das Wort Mama ist das wohl am meisten verbreitete Wort mit der gleichen Bedeutung in sehr vielen Sprachen:
    Mutter – Wikipedia
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Zusammenhang von Lallwörtern ist der, dass er sich auch für Kleinkinder, die in der gezielten Artikulation von Lauten noch keine große Übung haben, leicht zu artikulieren sind. Sprechen lernen heißt eben nicht nur das Vokabular der Muttersprache zu verinnerlichen, sondern auch die entsprechenden Laute zu erlernen. In Russland hat sich halt ein Lallwort zu dem Kosenamen der Großmutter entwickelt und in England ein ähnlich klingendes zum Begriff für Säugling. Zusammenhangsucherei ist da sinnlos.
    Und mater/Mutter ist kein Lallwort.
     
  12. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    megatrend meinte auch Mama als Bezeichnung für Mutter.

    Mater kann aber durchaus aus ata entstanden sein, indem man dem männlichen Elternteil ein p, dem weiblichen ein m vorgesetzt hat zur Differenzierung :S.
     
  13. giorgia

    giorgia Neues Mitglied

    hainweib

    die nutzung oder nichtnutzung der schnittverträglichkeit der hainbuche oder esche oder eiche hat nichts mit der interpretation von "hag" als "besonderes, abgegrenztes" gebiet zu tun.
    der hag der landwehre war ein undurchdringliches, meistens dorniges (hakan=dorn) geäst und gebüsch, "20 bis 50 Meter breiter dichter, verflochtener Gehölzstreifen" (wiki), dessen hege darin bestand, die jungen bäumen einmal zu kappen, damit sie seitlich austreiben und dazwischen dornbüsche einzupflanzen. der gehölzstreifen war, einmal ausgewachsen, für jedermann und getier undurchdringlich.
    ein besonderer hag ist der hagen, d.h. hain, wald. dieser wurde gehegt im sinne von gepflegt. diesen hag habe ich mit "hainweib" gemeint, genauer "hagebucheweib".
    ich danke aber für Deine berichtigung, weil die hainbuche tatsächlich wirtschftlich genutzt wurde (u.a. ihre schnittverträglichkeit) und das vermutlich seit sie sich im heutigen europäischen verbreitungsgebiet etabliert hat. die ganze pallette ihrer nutzung findet sich in den geschichten von baba jaga wieder:
    - besen und mörser - das holz der hainbuche ist das schwerste in europa, sehr hart, schlagbeständig und schwierig in der bearbeitung. dafür ist es aber das beste material für die herstellung von hobel, holzhämmer, schuhleisten, besenstiele, wagenachsen, landwirtschaftl. geräte. früher laut „kreutterbuch hieronymus bock 1539" auch schrauben, fackeln, mühlräder, spindeln, späne (die trüben Wein lauter machen).
    - es ist ein "eisenholz", das an baba jaga's eisenzähne erinnert.
    - ofen - bestes brennholz (hexen wurden verbrannt, wenn nicht ertrunken, was an die schwere dieses holzes erinnert, das im wasser sinkt) und holzkohle mit einem sehr hohen potasche gehalt das für seifenherstellung genutzt werden kann.
    - alles was aus diesem holz hergestellt wird, splittert und zerbricht nicht, macht die arbeit schneller, zügiger. das ist vlt. ein grund für die metapher des fliegens. ein anderer wäre die verwendung der glatten rinde der jungen bäumen als blätter zum schreiben (baum-buchstaben).
    - zäh, elastisch und bizzar in den formen als erwachener baum wie die alte dame und manche hainbuchenallee in der fläming
    Bild Hainbuche, Weißbuche, Hainbuchenhecke, Säulenhainbuche Carpinus betulus, Foto Alte Hainbuchen-Allee im Laubaustrieb am Weinberg von Klein-Glien im Fläming.
    - der baum war zusammen mit esche und eiche ein bestandteil der s.g. hutenwälder und darin sehr intensiv als futterwald oder baumweide genutzt. die jungen zweige wurden mit einer sichel geschnitten . das führte zu einer bildung von baumhöhlen, welche bevorzugt von diversen fledermausvarietäten als wohnung genutzt wurden (heute noch). ebenso von dem käfer, der "eremit" denannt wird und heute vom aussterben bedroht ist.

    - ein gekappter ausgewachsener baum liefert durch das seitengeäst eine wunderbare möglichkeit zur errichtung von einem baumhaus als "totenhaus" auf "einem bein" wie es in der geschichte von baba jaga beschrieben steht.
    das er m.e.n. irgendwann dazu verwendet wurde, zeugen seine bezeichnungen in den 7 slawischen sprachen, bei denen ich nachgeschaut habe: grab, grob, hrab, graber.
    vielleicht ist aber das bild zu dem norwegischen, ähnlich lautenden aber mit einer andereren bedeutung versehenen "krop" = "stolz, hochmutig, aufgeblasen", die baumhöhle, der ausgehöhlte alte baum, in bulgarischen "hralupa" (=baumhöhle).
    vielleicht aber war er (als kleiner wald) ein opferplatz für eine große, durch opfer zu verehrende (jagata). deswegen die slowenische bezeichnung für "zorn" = "jeza", das serbische "jeza" = schauder; welche den negativen gehalt von "jag" = opfer (sanskrit) berühren.
    ob "jag" und "jagata" mit "hag" (in seiner seiner bedeutung als "hain") und gar "hekate" etwas zu tun haben, weiß ich nicht, aber tribut-zahlung und gleichzeitiges beschutzen haben sie m.e.n. schon gemeinsam.
    etimologisches beispiel für anlautänderung wäre "knie":
    "janu" sanskr.; "gonu, gone" griech., "genu" lat.; "chnio, kniu, chneu" alt.d., cneow, cneou, cnyow" ang.s.
    ausserdem ist die hainbuche eine "weisse buche", eigentlich eine birke. ihr holz ist sehr hell und das bedeutet, griechisch-mythologisch gedacht, wiederkehr und wiedergeburt, eine eigenschaft der kore, des jungen mädchens. hekates baum war die schwarze pappel.

    grüsse
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Januar 2010
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  14. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    ...nicht zu vergessen der Hagebaumarkt.
     
  16. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Den braucht man aber nicht, um einen frühzeitlichen Hag, Hagen oder wie auch immer, anzulegen. Pflege ist da eher schädlich.
    Um eine für größere Tiere oder Feinde hinderliche Abgrenzung zu schaffen, wirft man einfach Gestrüpp und sonstige Abfälle auf einen wallartigen Haufen und überläßt das weitere der Natur. Heute man dieses Verfahren als Benjeshecke – Wikipedia wiederentdeckt. Richtige Wälder um die Dörfer herum, mögen aufgeräumter gewesen sein, da sie als Hutewälder für das Vieh, zum Brennholzsammeln vielfältig genutzt wurden.
    :winke::cool::red:Die Geräte aus dem Hagebaumarkt waren also überflüssig, womit ich ausdrücklich diese wunderbare Herleitung in Zweifel ziehen möchte. :grübel:
     
  17. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    ich würde auch noch eine Göttin Haeva ins Spiel bringen, die wohl in Zusammenhang steht mit Eva, Embla, Kybele, Hubal, Kebehut, Yewa (Yegua).

    V zu g muss dann El Quijote erklären))
     
  18. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Herleitung über die Sprache ist bei denen überflüssig, weil die alle nicht im Hagebaumarkt gekauft haben.

    Entschuldigung, konnte ich mir einfach nicht verkneifen, ab jetzt :still:
     
  19. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Hier im Norden nannte man Hexen Toversche. Das kommt von Toverie=Zauberei. Das Wort Hexe findet man erst in späteren Gerichtsakten. Aus einer rostocker Gerichtsakte (16. Jahrhundert): "Anno 32 up den avent matey den wy hedden enen fridach qwam Katharyne Swarten vor gherichte umme eren toverie willen..." Man bezeichnete anfänglich noch nicht einmal die Hexe als Hexe oder Zauberin, sondern nannte nur das Verbrechen der Zauberei.
    Eine gebürtige Hamburgerin, Catharina Wolgemodesche, kam z.B. 1560 vor das rostocker Gericht: "...irer Toverie und andere duvelsche handel willen"
     
  20. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Lautverschiebungen sind nichts aussergewöhnliches. Beispiele:

    deutsch Garderobe englisch wardrobe
    deutsch Garantie englisch warranty

    französisch Guillaume deutsch Wilhelm

    deutsch Magen elsässisch Mawe
    deutsch Wagen elsässisch Wawe
    Quelle für letzteres: Wikipedia

    Das heisst aber noch nicht, dass man alle von Dir erwähnten Namen "in einen Topf" werfen kann. Das müsste man im Detail anschauen.
     

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