Indogermanen, Konstrukt oder Wirklichkeit?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von DerGeist, 18. April 2008.

  1. Peppermint Pig

    Peppermint Pig Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 4. April 2018
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es wurde schon immer vermutet, dass die indoarischen Migranten, die im 2. Jahrtsd. v. Chr. nach Nordindien einwanderten, sich von einem Kern aus dem Raum zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer gelöst hatten. Früher bekannt als Ockergrabkultur, nun überall als Jamnaja-Kultur publiziert.


    Was allerdings unter "Late-Proto-Europäisch" zu verstehen ist, bleibt ein wenig vage. Soll es von den Sprachträgern gesprochen worden sein, die noch ungeteilt im 5./4. Jahrtsd.v. Chr. in der südrussischen Steppe saßen? Das wäre dann die von Indogermanisten hypothetisch erschlossene indoeuropäische Grundsprache.
     
  3. Heine

    Heine Aktives Mitglied


    Die Jamnaja-Kultur existierte im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. Als Ursprung der nach Süden wandernden Indoarier wird ihr östlicher Ableger, die Andronowo-Kultur, vermutet.
    Als "Late PIE" wird die protoindoeuropäische Sprache nach Abspaltung des anatolischen Sprachzweigs vor Abspaltung aller anderen indoeuropäischen Sprachzweige bezeichnet. Man geht davon aus, dass Late PIE von den Hirtennomaden der Jamnaja-Kultur in der nordpontischen Steppe gesprochen wurde. Dass der Jamnaja-Kultur Late PIE nach Abspaltung des anatolischen Sprachzweig zugeordnet wird, ist natürlich ein kleiner Hoffnungsschimmer für die zuletzt in die Defensive geratenen Vertreter der Anatolien-Hypothese.
     
    Dieter und silesia gefällt das.
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ob die Träger der Andronowo-Kultur der indoiranischen Sprachgruppe angehörten, ist tatsächlich umstritten. Da aber die im 2. Jahrtsd. v. Chr. nach Nordindien einwandernden Indoarier nicht vom Himmel gefallen sind, halte ich eine Zuwanderung aus den Gegenden nordwestlich des indischen Subkontintents für wahrscheinlich. Andeee plausible Hypothesen zur Einwanderung sind mir nicht bekannt, werden aber sicher existieren.

    Andererseits scheinen Andronowo-Kultur und die Einwanderung der Indoiraner chronologisch nicht kompatibel zu sein. Ferner gibt es im Hinblick aus das Bestattungswesen und andere kulturelle Ausprägungen anscheinend wenig Übereinstimmungen zwischen der Andronowo-Kultur und der der einwandernden Indoarier (vedische bzw frühe indoarische Kultur)

    Im Großen und Ganzen deckt sich das mit der schon vor Jahrzehnten von Marija Gimbutas verfochtenen Hypothese, wonach es im 5./4. Jahrtsd. v. Chr. im Raum zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer eine halbnomadisvhe Bevölkerungsgruppe gab, die Träger der indoeuropäischen Ursprache war, auch als Proto-Indoeuropäisch (PIE) bezeichnet.

    Gimbutas postulierte, dass sich von diesem proto-indoeuropäischen Kern Gruppen abspalteten, die sowohl nach Ost- und Mitteleuropa als auch nach Asien ( u.a. Indoiraner) zogen. Vielfach wurde bestritten, dass es überhaupt eine solche Verbreitung und Migration gab, was inzwischen wohl nur noch wenige vertreten.

    Auch gab es einige Indogermanisten, die eine kriegerische Machtübernahme durch die eigewanderten indoeuropäischen Migranten favorisierten, die bei der unterlegenen Bevölkerung einen Sprachwechsel einleiteten. Dieser eliteorientiertem Sprachwechsel wird in der anglo-amerikanischen Terminologie als "elite recruitment" bezeichnet (Anthony 2007: 117 f.), womit der Assimilationsdruck und die Anwerbung zum Einztritt in eine anderssprachige Kriegerelite gemeint ist.

    Andere Forscher vermuteten lediglich eine Kulturtrift, die zur gewaltlosen Übetnahme indoeuropäischer Dialekte führte, was meines Wissens nicht mehr aktuell ist. Allerdings scheint sich das indoeuropäische Idiom der Hethiter (früheste schriftliche Überlieferung aus dem 18. Jh. v. Chr.) nicht gewaltsam ausgebreitet haben, obwohl es "elite-recruitmen" durchaus gegeben haben mag.

    Zwischen indoeuropäischen Einwanderern in Griechenland und der griechischen Urbevölkerung scheint es hingegen kriegerische Konflikte gegeben zu haben , wobei es schließlich zu einer friedlichen Verschmeltung beider Bevölkerungsteile kam.

    In Nordindien - unser Thema - kam es nach Auskunft der Veden zu langen und Jahrhunderte währenden Konflikten mit der autochthonen nordindisvhen Bevölkerung und erst spät zu einer nur partiellen Assimilation. Das indische Kastensystem, das auf der Kaste (Varna = Farbe) basierte , hat das verhindert. Die ursprüngliche Bedeutung von Varna, nämlich Farbe, hat sich indirekt erhalten, indem jede der vier Hauptkasten mit einer Farbe assoziiert wird. Die Brahmanen repräsentieren die Farbe Weiß, die Kshatriyas Rot, mit den Vaishyas wird Gelb und mit den Shudras Schwarz assoziiert. Sie bilden die unterste Schicht der indischen Gesellschaft (abgesehen von den "Unberührbaren"). Die Farbe Schwarz wird identifiziert mit Tamas, das heißt Faulheit, Dunkelheit und Lethargie. Das beziehen die Veden der indoarischen Einwanderer auf die von ihnen unterworfene autochthone nordindische Bevölkerung.

    Natürlich wurden die Ergebnisse der 1994 verstorbenen Gimbutas im Verlauf der letzten Jahrzehnte verfeinert und modifiziert. So z.B. durch David Anthony (The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World.) oder eine 2015 veröffentlichte genetische Studie von Forschern der Harvard Medical School in Boston, die Gimbutas Theorie stützt. Die Forscher wiesen zwei Einwanderungswellen nach Europa nach.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. April 2018
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Seitendiskussion zu Laktasepersistenz und Pesterreger in separaten Strang abgespalten.
     

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