Indogermanische Sprachen und die Vielfalt ihrer Völker

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von em.20, 1. Februar 2012.

  1. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied


    Ich denke, davon kannst du ausgehen.
    Der Bauer ist zu abhängig von seiner Scholle, um einfach mal eben woanders hin zu ziehen. Denn damit fällt mindestens mal eine Ernte aus, und das reicht schon zur Katastrophe.
    So langsam löst man sich ja auch vom Gedanken, Hundertausende seien durch die Lande gezogen.
    Das Umherziehen ist eher Sache der Krieger, die sich notfalls mit Gewalt nehmen können. was sie brauchen.
    Von daher dürfte es in den meisten Gegenden niemals DIE eine Sprache gegeben haben - die Krieger sprachen anders als die eingesessenen Bauern, man näherte sich höchstens langsam an.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Ausbreitung der Südlawen und auch die der Westslawen hat gut nachvollziehbare demografische Gründe, da sie sowohl auf dem Balkan als auch in Mitteleuropa in ein Vakuum hineinstießen. Auf welche Weise das geschah, lässt sich anhand zahlreicher Quellen und archäologischer Funde gut verfolgen.

    Nach der Auflösung Westroms, den Wirren der Völkerwanderung, mehreren Vorstößen der Hunnen und Awaren sowie weiteren Kriegen und Krisen waren große Gebiete des Balkans und Griechenlands entvölkert. In diesen Raum wanderten seit dem 6./7. Jh. allmählich Slawen ein, deren Vordringen auch byzantinische Feldherren und Kaiser nicht aufhalten konnten. So drangen z.B. 577/78 nach antiken Berichten 100 000 (?) Slawen in Hellas ein und verwüsteten das Land. Nach einem Zeugnis des syrischen Kirchenhistorikers Johannes von Ephesos ließen sie sich nieder, erwarben reichen Besitz und lernten Krieg zu führen. 581 wurde Konstantinopel erneut belagert und auch in den folgenden Jahren hatte Griechenland unter ständigen Raubzügen zu leiden.

    Die Bevölkerung des Balkans und besonders auch die Griechenlands war im 6. Jh. und der folgenden Zeit stark dezimiert, was erklärt, warum Slawen in großer Zahl das Land besetzen und dort siedeln konnten. In der folgenden Zeit breiteten sich Slawen über den ganzen Balkan, Griechenland und die Peloponnes aus. Mitte des 8. Jh. entvölkerte zudem eine Pestepidemie weite Landstriche, die nunmehr ebenfalls neu besiedelt wurden. Damit wuchs der slawische Einfluss weiter gegenüber der altansässigen romanisierten Bevölkerung des Balkans und dem geschwächten griechischen Bevölkerungsanteil, der vor allem in den Städten lebte.

    Diese Situation veranlasste im 19. Jh. den Historiker Jakob Philipp Fallmerayer zu seiner heftig umstrittenen These, bei den modernen Griechen handele es sich um "hellenisierte Slawen". Diese These wiesen jedoch Byzantinisten und Slawisten als unhaltbar zurück.

    Bei der Einwanderung der Südslawen auf den Balkan gab es noch eine romanisierte illyrische und thrakische Restbevölkerung, die von den Slawen restlos assimiliert wurde. Bei der Ethnogenese der südlawischen Völker kam es somit zu einer Verschmelzung mit der altansässigen Bevölkerung, wobei das slawische Element dominierte.

    Anders sah das bei den Slawen aus, die nach Griechenland expandiert waren. Im Laufe des 9.-11. Jh. wurden die Slawen von der überlegenen griechischen Kultur hellenisiert und die Annahme des orthodoxen Christentums sowie die kulturelle Assimilation führten zur restlosen Integration im Raum des heutigen Griechenland. Wie das Verhältnis des ursprünglichen slawischen Bevölkerungsteils zur originären griechischen Bevölkerung aussah ist umstritten. Vielfach wird ein Verhältnis von etwa 50 : 50 angenommen. Andere Ethnien wie z.B. die Albaner oder Aromunen spielen dagegen in Griechenland nur eine untergeordnete Rolle und scheinen sich mit der griechischen Bevölkerung auch wenig vermischt zu haben. Das zeigen einstige und z.T. noch heute bestehende aromunische und albanische Sprachinseln.Ebenfalls keine Vermischung gab es später mit den muslimischen Türken, die als eigenständige ethnische Einheit von rund 500 000 Menschen bis zur Aussiedlung im 20. Jh. existierten.

    Was die Kroaten und Serben angeht, so kamen sie nicht als fertige Völker in ihre heutigen Sitze. Sie entwickelten sich aus den im 6./7. Jh. eingewanderten Südslawen, d.h. ihre Ethnogenese erfolgte erst auf dem Balkan. Im Zuge dieser Entwicklung assimilierten sie die romanisierte illyrische und thrakische Restbevölkerung, deren Sprache sich heute nur noch als Substrat im serbischen und kroatischen findet.

    Eine andere Entwicklung nahm Bulgarien. Ende des 7. Jh. wanderten turkstämmige Protobulgaren in den Raum des heutigen Bulgarien und unterwarfen die dortige slawische Bevölkerung. Da die turkstämmigen Eroberer nur eine ganz dünne Oberschicht bildeten, verschmolzen sie schon bald mit der slawischen Mehrheitsbevölkerung und gaben ihre Sprache und Identität auf. Bereits im 9./10. Jh. findet sich von ihnen keine Spur mehr, sodass die Bulgaren zu einem slawischen Volk wurden, in dessen Sprache sich so gut wie keine türkischen Spuren mehr finden. Das deutet darauf hin, dass die türkischen Ereoberer nur eine äußerst kleine Elite gebildet haben. - Wie sehr Völker aus unterschiedlichen Ethnien entstanden, zeigt beispielhaft Bulgarien: Zunächst wurde die dort lebende thrakische Bevölkerung romanisiert, dann verschmolzen die Thraker mit den eindringenden Slawen, die ihrerseits die turkstämmigen Protobulgaren assimilierten.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    ja aber das ändert doch nichts daran, dass die Gelehrten über der Frage, woher die Slawen kommen, hadern?
    dass sie ab dem 6.Jh. in den Quellen erscheinen, ist ja bekannt genug - ob sie überall in ein Vakuum hineinwanderten, daran hab ich ein paar Zweifel
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    So groß ist die Haderei nun auch wieder nicht. Angenommen wird - je nach Hypothese - ein slawisches Ursprungsgebiet, das vom Nordhang der Karpaten bis zum Don reicht.

    Es gibt dazu eine sehr eindrucksvolle Karte bei Peter Heather, die die bislang vorgeschlagenen slawischen Ursprungsgebiete zeigt. [1]

    Hypothesen, die einen slawischen Ursprung im Raum des heutigen Kroatien/Bosnien oder zwischen Elbe und Oder annehmen, werden nicht mehr ernsthaft diskutiert.

    [1] Peter Heather, Invasion der Barbaren, Stuttgart 2011, S. 574, "Karte: Von der Forschung vorgeschlagene slawische Ursprungsgebiete"
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2012
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte mir eigentlich keine Beantwortung der Frage von dir erhofft, die hätte ich mir selber geben können. Du solltest dir mit meiner Frage vielmehr selbst die Vergleichbarkeit des Slawischen und des Gotischen beantworten, die du mir gestellt hattest.

    Wir haben verschiedene Szenarien. I.d.R. setzen sich Sprachen, die aufgrund ihrer Bedeutung als Verwaltungssprachen oder Liturgiesprachen Schriftsprachen und auch Literatursprachen sind und daher ein höheres Prestige genießen, gegenüber den anderen Sprachen durch. Beim Slawischen ist es aber so, dass sich diese Sprache auf dem Balkan gegen zwei sehr prestigeträchtige Sprachen durchsetzen kann, eben Latein und Griechisch, auch die Westslawen können sich zunächst sprachlich gegen die Germanen durchsetzen, bis allmählich im hohen Mittelalter durch die Ostsiedlung zumindest in den Städten das Deutsche als Sprache wieder interessant wird und sich (auch als Jiddisch) bis zum Zweiten Weltkrieg hält. Die Verbreitung des slawischen kann eigentlich nicht über die reine Masse der Slawen vollzogen sein. Zudem ist das Slawische - mit Ausnahme vielleicht des Bulgarischen/Mazedonischen - eine sehr komplizierte Sprache, nicht nur was die Sibilanten angeht, sondern auch die Flektion. Während wir etwa im klass. Latein 6 Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ. Ablativ, Vokativ) begegnen, wovon im Sprechlatein gar nicht alle verwendet werden (teilweise sogar nur auf den Akkusativ reduziert werden), sind es im Slawischen schnell mal 8 Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental, Lokativ, Vokativ), die in Kombination zueinander auch noch variieren können oder von der Präposition abhängen und sich mit Zahlen völlig seltsam verhalten. Dass also ausgerechnet das Slawische sich durchsetzen konnte vom finnischen Meerbusen bis zur Adria und von der Elbe bis zum Schwarzen Meer, obwohl es weder eine Literatur- und Verwaltungssprache war, noch besonders einfach zu sprechen, ist zumindest als bemerkenswert zu bezeichnen.
     
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    es kommen bei einigen, nicht allen slaw. Sprachen noch erschwerend die Aspekte hinzu (übrigens benötigte es, wie das Gotische ;), anfangs ein eigenes Zeichensystem (erst die glagolithische, dann die kyrillische Schrift))
    in der Tat: auf dem Balkan hat es sich gegen zwei prestigeträchtigere Sprachen durchgesetzt, aber der Balkan ist nur ein kleiner Teil der gesamten Verbreitung slaw. Sprachen - es hat sich also bei weitem nicht überall gegen ein oder gar zwei prestigeträchtigere Sprachen durchsetzen müssen. Aber bemerkenswert ist das bzgl. des Balkan auf jeden Fall.

    als Sprache der Sieger (in vielen Regionen) und dazu relativ bald als Liturgiesprache müsste doch das slawische schon im frühen Mittelalter ebenfalls zu den prestigereichen Sprachen gezählt haben?
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es gibt in der Geschichte sowohl die eine, als auch die andere Möglichkeit.

    Die Sprache der Eroberer setzte sich nicht nur auf dem Balkan durch (wobei sich übrigens die Rumänen mit ihrer romanischen Sprache behaupteten, ebenfalls die Griechen), sondern sie setzte sich auch in England durch, wo die Angelsachsen die keltische Sprache weitgehend verdrängten. Die Türken setzten ebenfalls in Kleinasien ihre Sprache durch und zwar gegen die Griechische.

    Andererseirs konnten Langobarden, Westgoten oder Franken ihre germanischen Idiome nicht behaupten, sondern vollzogen einen Sprachwechsel zu romanischen Idiomen.

    Jenseits der Elbe-Saale-Linie wurde das Slawische im Zuge der deutschen Ostsiedlung verdrängt und nur die Sorben konnten sich bis auf den heutigen Tag behaupten - was schon fast an ein Wunder grenzt.
     
  8. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    kleine Anmerkung: das gilt aber nur für die Franken jenseits der german.-roman. Sprachgrenze ;)
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich denke ich dabei an die Franken, die im 5./6. Jh. Gallien eroberten und - obwohl sie die germanischen Eroberer stellten - im Lauf der Zeit das gallo-romanische Idiom der unterworfenen Bevölkerung übernahmen, aus dem später das Französische hervorging.
     
  10. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ;) womit die sich ganz ordentlich Zeit gelassen hatten, denn da verging die ganze Merowingerzeit... und die Franken in Gallien waren eine demografische Minderheit, wie auch die Goten ins Spanien und die Langobarden in Italein --- aber als zahlenmäßig geringe Eliten sind die Slawen kaum je in Erscheinung getreten (evtl. die Abodriten, welche anfangs andere slaw. gruppen dominierten)
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Derartige Sprachwechsel erfolgen nicht von heute auf morgen, sondern benötigen eine geraume Zeit. Bekanntlich sprach noch Karl der Große fränkisch.

    Dass es auch anders herum geht, und eine Bevölkerungsmehrheit die Sprache der kleineren Erobererschicht annimmt, zeigt das Beispiel der Angelsachsen in Britannien, die das keltische Idiom weitgehend verdrängten oder das der nach Kleinasien einwandernden Turkstämme. Auch dort wird der Sprachwechsel sicher 200-300 Jahre gebraucht haben, bis sich Türkisch und zudem der Islam in der einst christlich-byzantinischen Bevölkerung durchgesetzt hatten. Immerhin gab es Ethnien wie die ostanatolischen Armenier, die sowohl ihre Sprache als auch ihren Glauben gegenüber den turkstämmigen Invasoren bewahrten.

    Mir ist nicht ganz klar, was du damit sagen willst. Nach dem Abzug germanischer Stämme - Burgunder, Vandalen, Goten - aus dem Gebiet zwischen Elbe und Weichsel im Zuge der Völkerwanderung sickerten in diesen Raum seit dem 5. Jh. Slawen ein. Sie assimilierten die zurückgebliebene germanische Restbevölkerung - deren Stärke bis heute umstritten ist - und breiteten sich bis zur Elbe-Saale-Linie aus. Es entstanden slawische Stämme wie die der Lutizen, Abodriten, Polaben, Heveller und andere, wobei insbesondere der Bund der Lutizen das Zeug zu einem staatlichen Gebilde hatte. Nach dem großen Slawenaufstand von 983 hätte diese Möglichkeit bestanden, doch verhinderte die im 12. Jh. einsetzende deutsche Ostsiedlung eine solche Entwicklung.
     
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    eben!
    sicher sind wir uns einig, dass nicht alle "Franken" ihre althochdeutsche Sprache aufgaben gegen Ende der Karolingerzeit, sondern nur diejenigen, die als demografisch kleine Militärelite im romanisch (spätlatein-altfranzösisch) sprechenden ehemaligen Gallien - an der Ethnogenese der "Franzosen" sind "die Franken" nur marginal beteiligt (einfach weil der Großteil der Franken im germanischsprachigen Raum blieb)


    ich will damit sagen, dass nirgendwo eine slawische Minorität eine anderssprachige Majorität dominiert hat, also dass die Slawen nirgendwo demografisch wie z.B. die Westgoten in Spanien agierten; eine Ausnahme scheinen anfangs die Abodriten gewesen zu sein, welche allerdings andere slawische Gruppen an der Ostsee als herrschende Elite dominierten und irgendwann dem ganzen Stamm ihren Namen gaben (hab ich mal irgendwo über die Abodriten gelesen)
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zu welchem Zeitpunkt man im Frankenreich nicht mehr germanisch sprach, lässt sich nicht genau bestimmen. Unter den Kapetingern wurden Paris und die Ile-de-France allmählich zum politisches Zentrum Frankreichs, wodurch sich der dortige Dialekt, das romanische Franzische, zur Hochsprache entwickelte. Im 12. Jh. sprach in Frankreich sicher niemand mehr ein germanisches Fränkisch, sondern - zumindest im Norden - Altfranzösisch, während sich südlich der Loire andere romanische Dialekte und Sprachen hielten.

    Vermutlich nicht. Aber ich habe oben ausgeführt, dass es derartige sprachliche Verhältnisse durchaus gegeben hat.
     
  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ...ja wie sollte man das auch... das merowingische wie auch das nachfolgende karolingische "Frankenreich" (Reich der Franken, ab Karl dem Großen sogar Kaiserreich - ein Vielvölkerstaat übrigens) wurden mehrmals geteilt.

    Und im Ostteil des Frankenreichs hat keiner seine germanische Sprache aufgegeben (man bedenke, bis wohin nach Osten und Norden dieser Teil reicht)

    Im Westteil (ehemals Gallien, heute Frankreich) stellte die german.-fränkische Oberschicht nur einen marginalen Bevölkerungsteil dar, die Mehrheit der Bevölkerung sprach romanisch (spätlatein, franzisch dann altfranzösisch) und DORT, im Westteil, gaben die besagten german. Franken ihre Sprache letztlich ganz auf (wohl schon zu spätkarolingischer Zeit, nach ein paar vorangegangenen Generationen der Bilingualität) - übrigens findet sich in merowingischer Zeit schon ein interessanter Angleichungsprozess: vermehrt übernahmen fränkische "Adelige" romanische Namen, umgekehrt romanische Abkömmlinge ehemaligen senatorischen Adels übernahmen german./fränk. Namen.

    ...dazwischen, in der Mitte sozusagen, war es etwas undurchsichtiger - dennoch lässt sich bzgl. der Ausbreitung der german. Franken feststellen:
    a) sie wurden demografisch immer weniger, je weiter man nach Westen schaut
    b) das "Frankenreich" schon zur Merowingerzeit war viel größer als seine german. Besiedlung

    In diesem Sinne sollte man meiner Ansicht nach von einem aufgeben der fränkischen (althochdeutschen) Sprache nur und ausschließlich westlich der roman.-german. Sprachgrenze sprechen; übrigens ist die Annahme der Germania-Romania von Gammilschleg, die Franken hätten in großen Massen tief hinein nach Gallien (mindestens bis Paris) gesiedelt, teilweise revidiert worden.
     
  15. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Als die Franken nach der Schlacht bei Vouillé im Jahr 507 Frankreich weitgehend erobert hatten und wenig später noch das Reich der Burgunder und schließlich das westgotische Septimanien besetzten, hatten sie das Land bis zu den Pyrenäen erobert.

    Da Frankreich bzw. Gallien komplett romanisiert war, kann man davon ausgehen, dass die Menschen einen gallo-römischen Dialekt sprachen, d.h. ein Vulgärlatein, das sich unter Absorbierung des Westgermanisch-Fränkischen später zur (alt)französischen Sprache entwickelte.

    Das trifft aber nur bedingt auf alle Landesteile zu, denn unter anderem wurden die Varietäten des Südens im Gegensatz zu denen des Nordens kaum vom fränkischen Superstrat beeinflusst. Sie veränderten sich auf lautlichem Gebiet weniger schnell und behielten so größere Ähnlichkeit mit den übrigen romanischen Sprachen. Das bedeutet also, dass bereits Karl der Große dreihundert Jahre später im Süden eine sehr viel andere Sprache vorfand als im Norden, nämlich das, was man später als langue d'oc oder Okzitanisch bezeichnete.

    Die größten Siedlungsgebiete der Franken gab es in Nordfrankreich zwischen der Loire und Flandern und die waren nicht gerade klein. Von einer "winzigen" fränkischen Elite im Raum des späteren Frankreich kann man sicher nicht sprechen.

    Es gibt dazu eine schöne Karte in:
    Großer Atlas zur Weltgeschichte, S. 49 (2): Frankreichs sprachliche Entwicklung unter germanischem Einfluss
    (Westermann Verlag)

    Das versteht sich doch von selbst. Die Rhein- und Mainfranken gaben ihr germanisches Idiom natürlich nicht auf.
     
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    das beruhigt mich :friends: (ein Satz wie "die Franken gaben ihre Sprache auf" kann missverständlich wirken)

    Auch dort stellten die Franken nur eine demografische Minorität dar, vgl. u.a. Wolfram "das Reich und die Germanen", Geary "die Merowinger"

    übrigens lesenswert hierzu:
    http://www.e-cademic.de/data/ebooks/extracts/9783110214604.pdf
    (ist leider nur das Vorwort - natürlich ist der gesamte Band lesenswert, aber nicht online einsehbar)
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dass eine kleine Erobererschicht - hier die Franken in Gallien - die Sprache der unterworfenen Mehrheit annimmt, war schließlich unser Thema.

    Ein interessantes Dokument sind in diesem Zusammen die "Straßburger Eide" von 842 zwischen dem west- und ostfränkischen Herrscher. Sie erfolgten bereits in altfranzösischer und althochdeutscher Sprache, was zeigt, dass das germanische Fränkisch schon zu diesem Zeitpunkt bei der Regierungselite Westfrankens am versinken war und keine Rolle mehr spielte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. September 2012
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  18. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Ich finde, wir sollten versuchen, den Kern der Frage zu erreichen, nämlich die psychologische Dimension des Themas. Ich stelle mir hier als denkbare Wirkmechanismen vor:


    Äußerliches Szenario: Ein Volk gewinnt die Vorherrschaft über ein anderes, indem es das Siedlungsgebiet erobert und die dort lebenden Menschen unterwirft.

    • Variante 1. Die eroberten Menschen fühlen sich gedemütigt und kämpfen um ihre Selbstachtung, während die Eroberer mit sich selbst im Reinen sind. Die Eroberer empfinden empathisch für die Eroberten und gehen auf sie ein. So ist es viel leichter, als Herrscher anerkannt zu werden und man muss sich etwas weniger vor Racheakten fürchten, als wenn man nun auch noch die Eroberten drangsalieren würde. Deshalb lernen die Eroberer bereitwillig die Sprache der Eroberten. Die Eroberten, um deren Akzeptanz die Eroberer nun buhlen, ziehen sich dagegen in ihr Schneckenhaus zurück und weigern sich, die Sprache und Kultur der Eroberer anzunehmen. Hier lernen die Eroberer viel Sprache und Kultur der Beherrschten.

    • - Variante 2. Die eroberten Menschen sehen sich einem Regime gegenüber, das sie am ausgestreckten Arm verhungern lässt, wenn sie sich nicht anpassen. Die Eroberer sind arrogant und zeigen keine Bereitschaft, sich an das Volk anzunähern. Die Sprache der Eroberer zu lernen ist entscheidend um zu überleben und irgendwann gesellschaftlich aufsteigen zu können. Hier lernen die Beherrschten viel Sprache und Kultur der Eroberer.

    • Variante 3. Im Zuge der Eroberung ist eine kleine Elite mit einer großen Streitmacht und Tross eingezogen und geblieben. Die Eroberer-Elite und Streitmacht/Tross sind ethnisch nicht identisch. Streitmacht und Tross vermischen sich in etwa gleichberechtigt mit der unterworfenen Bevölkerung, so dass nach wenigen Generationen kaum noch kenntlich ist, wer woher kommt. In einem Haushalt dominiert die Sprache der Streitmacht der Eroberer, im nächsten die der Unterworfenen, in einem dritten bildet sich ein Mischmasch aus beiden, im vierten, werden beide Sprachen nebeneinander gesprochen und wechselseitig verstanden. Allmählich entsteht eine Mischsprache, in der die Sprache der Eroberer-Elite kaum vorkommt.
    In allen genannten Fällen kommt es natürlich zu einer Mischung beider (oder vieler) Sprachen. Unterschiedlich ist das Mischungsverhältnis. Ich würde erwarten, dass männliche oder weibliche Dominanz in den Familien und welcher Herkunft Mann bzw. Frau sind, zu typischen Unterschieden im sprachlichen Ergebnis führen. Wenn zB. Frauen im Säuglings- und frühkindlichen Alter die dominierenden Kontaktpersonen der Kinder sind, Männer Kindern Jagd und Handwerk zeigen, Frauen Haushalt und Kochen vermitteln, müssten die jeweiligen Instruktoren einen entscheidenden sprachlichen Einfluss haben.


    Dazu ein einfacher Vergleich aus unserer Erlebniswelt: Hört man Migranten bei Unterhaltungen in ihren Muttersprachen zu, die im Erwachsenenalter nach Deutschland gekommen, hier studiert haben, ist das Sprachgerüst in der Regel muttersprachlich, die Fachtermini aber Deutsch. Auf Deutsch gelernte Konzepte werden also erst einmal nicht durch Entsprechungen in der Muttersprache ersetzt. Nach meiner Erfahrung haben viele Menschen aus dieser Gruppe große Probleme Fachtexte in die eigene Muttersprache zu übersetzen, oft sogar, solche Texte in ihrer Muttersprache zu verstehen. Diese Beobachtung weist darauf hin, dass in einer Sprache mit hinreichend starkem Erleben erlernte Worte nicht durch Worte einer ansonsten wesentlich besser beherrschten Sprache ersetzt werden.


    Meine Frage wäre: Stimmen die vorgeschlagenen Modell? Kann man sie in der historischen Praxis nachweisen? Lassen sich womöglich Fälle herausarbeiten, in denen männliche/weibliche Übergewichte der einen oder anderen Sprache deutlich werden?
     
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  19. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied


    Seltsame Eroberer.

    Davon abgesehen gibt es noch dutzende andere mögliche Szenarien, warum sich eine Sprache gegen eine andere durchsetzt, sich mit ihr vermischt oder von einer anderen dominiert wird. Zeitgeist, wirtschaftliche Erwägungen, die jeweils spezifische Situation, persönliche Geschmäcker und sonstiges.
     
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  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Diese "Modelle" wurden in den vorangegangenen Beitragen ansatzweise erörtert. In der Sprachwissenschaft zeigen sich solche Überschichtungsvorgänge unter anderem daran, dass in manchen Fällen die Sprache der Eroberer dominiert, während die Sprache der Eroberten untergeht. Allerdings hinterlässt die untergegangene Sprache meist Spuren auf lexikalischer, lautlicher, grammatischer oder syntaktischer Ebene und wirkt somit auf die Sprache der nachfolgenden Kultur ein (Substrateinfluss).

    So gibt es z.B. ein keltisches Substrat in der französischen Sprache oder ein keltiberisches im Spanischen. Demgegenüber gibt es im Englischen so gut wie keine keltischen Substrateinflüsse, was darauf hindeuten kann, dass die von den Angelsachsen unterworfenen Kelten ihre Identität rasch aufgaben und gegenüber den Eroberern nur eine geringe kulturelle Selbstbehauptung aufwiesen.

    Der umgekehrte Weg, wo eine Erobererschicht ihre Sprache aufgab und die der Unterworfenen übernahm, zeigt sich am bereits geschilderten Fall der Franken im Norden Galliens. Auch hier verblieben zahlreiche Wortstämme (etwa 700) aus der Sprache der Sieger in der sich durchgesetzten galloromanischen Sprache der Besiegten (Superstrateinfluss). Ähnlich sieht das beim westgotischen Einfluss im Spanischen aus, der allerdings geringer ist.

    Auf diese Weise lassen sich anhand sprachlicher Überschichtungsvorgänge ethnische Kontinuitäten oder Brüche nachweisen oder auch das Weiterleben kultureller Traditionen erkennen.
     

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