Iranisierung des Islam - Einführung der Enthauptung?

Dieses Thema im Forum "Der Islam und die Welt der Araber" wurde erstellt von El Quijote, 13. August 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Ich las vor kurzem die Behauptung, dass die Enthauptung erst mit der 'abbāsīdischen Revolution und der Hinwendung der neuen 'abbāsīdischen Kalifendynastie und ihrer Hinwendung hin zum persischen Raum eingeführt wurde. Was ist davon zu halten?

    Was bedeutet das für die Ḥadīṯ-Überlieferung?
     
  2. Ilan

    Ilan Aktives Mitglied

    Das ist mir neu und zumindest die islamische Geschichtstradition weiß von sehr prominenten Opfern schon aus frühislamischer Zeit – so z.B. al-Ḥusayn b. ʿAlī – zu berichten, die so zu Tode gekommen sind.

    Falls du dagegen schlüssig belegen könntest, dass Enthauptungen erst zur Abbasidenzeit eingeführt wurden, dann wäre Quellenmaterial, einschließlich der Ḥadīṯ-Überlieferung, welches dieses Thema in die Zeit davor projiziert, anachronistisch und zumindest in dieser Hinsicht erfunden. Das wäre allerdings auch keine präzedenzlose Situation, da größere Teile des Maġāzī-, Sīra- und Ḥadīṯ-Materials ohnehin fabriziert sind. Der Streitpunkt in der Forschung ist eher der, wie weitgehend die Überlieferungen unzuverlässig sind.

    Wobei ich aber ohne gute Gründe nicht davon ausgehende würde, dass Enthauptungen per se in vorabbasidischer Zeit unbekannt waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. August 2017
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Dazu sehe ich keine Veranlassung. Vielleicht ist mein Zweifel an der Behauptung nicht deutlich genug geworden? Ich habe sie aus der Dissertation Pers-Andalus von G. Dold (2015), die sich wiederum auf Wellnhausen Das arabische Reich und sein Sturz beruft. Was ich übersehen habe: Das Referenzwerk ist von 1902.
     
  4. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Bullshit. Klingt für mich nach Islam-Mystifizierung/Glorifzierung.
    Enthauptungen gab es natürlich bereits vor den Abbasiden. Mohammed selbst soll die Enthauptung von 600-900 Juden sowie diverser Kritiker und anderer Gegner angeordnet haben. Köpfungsverse finden sich auch im Koran:

    1) "Da gab dein Herr den Engeln ein: "Ich bin mit euch; so festigt denn die Gläubigen. In die Herzen der Ungläubigen werde Ich Schrecken werfen. Trefft (sie) oberhalb des Nackens und schlagt ihnen jeden Finger ab!"
    -Koran 8:12

    "Wenn ihr auf diejenigen, die ungläubig sind, (im Kampf) trefft, dann schlagt (ihnen auf) die Nacken. Wenn ihr sie schließlich schwer niedergeschlagen habt, dann legt (ihnen) die Fesseln fest an."
    -Koran 47:4
     
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Diese Qur'ān-Verse kann man aber schwerlich für Enthauptungen als Strafe heranziehen. Es handelt sich dabei ja nicht um Gerichtssituationen, die beschrieben werden, sondern um Kampfsituationen. Gerade Sure 47 Vers 4 ergäbe ja gar keinen Sinn, wenn die Leute bereits enthauptet sind, ihnen dann noch die Fesseln anzulegen. Zumal der Vers ja noch nicht zu Ende ist, sondern weitergeht: Es wird über Freilassung gegen Lösegeldzahlung oder Annahme des Islam gesprochen.

    Es geht also nicht um Enthauptung als Strafe sondern während des Schlachtgeschehens.
    Die Enthauptungen der Qurayza sind in den Geschichtswissenschaften ja nicht unumstritten, manche halten sie für eine spätere Legende. Allerdings muss man auch sagen, dass unter denen, welche sie für eine spätere Legende halten auch der Islamwissenschaftler Jansen ist, der die Historizität Muhammads anzweifelt. Der muss natürlich folgerichtig alles anzweifeln, was Muhammad zu seinem Lebzeiten gemacht haben soll.
     
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  6. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Laut [link gelöscht/Moderation] bezieht sich 47:4, entgegen der eingeklammerten Anmerkung "im Kampf", auf Kriegsgefangene. Man soll erst einen Großteil der Gefangenen hinrichten, bevor man den Rest entweder gegen Lösegeld verkauft oder "Gnade" walten lässt (Versklavung).

    Bei diesen "manchen" handelt es sich entweder eben um Mohammed-Zweifler oder Muslime, denen dieses Ereignis peinlich ist. Also nicht viele, denn die Mehrheit der Muslime und Islamwissenschaftler erkennt die Hadhite und Biographien als weitestgehend authentisch an.
    Über die Historizität der Mohammed-Erzählungen siehe Abdel-Samad's "Mohammed", S. 42-43.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. August 2017
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich will mich in der Qurayza-Frage nicht positionieren, ich weiß nicht, ob die Episode historisch ist, oder nicht, ich habe sie immer für historisch gehalten aber vor einigen Monaten eine interessante Zurückweisung (Widerlegung will ich bewusst nicht schreiben) gelesen. Leider erinnere ich mich nicht, wo und vom wem. Ich würde das Thema aber nicht auf Mohammed-Zweifler und von der brutalen Enthauptung peinlich berührte Muslime beschränken.
     
  8. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Selbst wenn die Quraiza-Episode aus welchem Grund auch immer erfunden sein soll gibt es immer noch andere Überlieferungen. Die durch Ishaq und Tabari überlieferte Folterung und Hinrichtung von Kinana, zum Beispiel:

    "Kinana al-Rabi, who had the custody of the treasure of Banu Nadir, was brought to the apostle who asked him about it. He denied that he knew where it was. A Jew came (Tabari says "was brought"), to the apostle and said that he had seen Kinana going round a certain ruin every morning early. When the apostle said to Kinana, "Do you know that if we find you have it I shall kill you?" He said "Yes". The apostle gave orders that the ruin was to be excavated and some of the treasure was found. When he asked him about the rest he refused to produce it, so the apostle gave orders to al-Zubayr Al-Awwam, "Torture him until you extract what he has." So he kindled a fire with flint and steel on his chest until he was nearly dead. Then the apostle delivered him to Muhammad b. Maslama and he struck off his head, in revenge for his brother Mahmud."

    Die Behauptung, dass es vor den Abbasiden keine Enthauptungen gab, kann man gewiss als Fantasy abstempeln, insbesondere wenn nicht mal konkrete Argumente / Quellen vorgebracht werden. Erinnert mich sowieso an eine gewisse islamapologetische Agenda, laut der die gesamte islamische Geschichte vor den Abbasiden Friede, Freude, Eierkuchen gewesen sein soll.
     
  9. Ilan

    Ilan Aktives Mitglied

    Auch wenn es vom eigentlichen Thema wegführt, will ich dem widersprechen. Jeder, der sich mit den fachhistorischen Auseinandersetzung letzten über hundert Jahre auseinandergesetzt hat, weiß wie delikat die Frage nach der Authentizität der islamischen Quellen über das Leben Muḥammads ist. Ganz sicher wird sich deshalb heute kaum noch jemand darauf einlassen, diese kommentarlos als »weitestgehend authentisch« einzuordnen. H. Motzki, der innerhalb des islamwissenschaftlichen Diskurs’ sicherlich keine maßlos skeptische Haltung gegenüber den frühislamischen Überlieferungen einnimmt, meint dazu:
    Insofern kann ich deine Einschätzung nicht wirklich nachvollziehen.
     
  10. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Naja, ich denke Abdel-Samad fasst die Lage ganz gut zusammen. Klar wird es Erzählungen geben, die entweder fantastisch oder aus politischem Kalkül entstanden sind, aber alle Überlieferungen als ausgedacht abzustempeln würde einer großen Verschwörung gleichkommen. Die Urheber waren immer noch respektierte Gelehrte, die ihr ganzes Leben lang Überlieferungen gesammelt haben. Welche Gründe sollten sie dafür gehabt haben, sich Ereignisse wie die Eliminierung der Banu Quraiza, die Folterung und Tötung von Kinana, Mohammeds Teufelsbesessenheit oder seine Vergiftung auszudenken?
    Fakt ist, dass man ohne die Hadihte und Biographien nichtmal die Koranverse in einen Kontext bringen könnte. Fakt ist, dass Koranisten, also Hadith und Biographien-Ablehner, in der gesamten islamischen Welt abgelehnt und verfolgt werden.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie gesagt, ich weiß nicht mehr, woher ich die Zurückweisung der Qurayza-Geschichte herhabe. Das erschwert mir auch ein wenig, die Argumentation im einzelnen noch mal nachzulesen. Es ging dabei nicht um eine "Verschwörung", schon gar nicht darum Muḥammad zu diskreditieren, sondern vielmehr war es der Argumentation (sofern ich sie richtig erinnere) zufolge in der politischen Situation geradezu notwendig, eine solche Geschichte zu konstruieren. Wozu genau, erinnere ich mich leider nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich das im Rahmen einer kurzen Beschäftigung mit den Rechtsschulen kursorisch überflogen.
     

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