João I. - Begründer der Dynastie von Avis - König wider Willen?

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von El Quijote, 30. April 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    João oder Johann von Avis war ein illegitimer Sohn des Königs Pedro I. von Portugal und Großmeister des Ritterordens von Avis. Sein Halbbruder Fernando I. konnte sich mütterlicherseits als Erbe des kastilischen Königshauses fühlen und als der illegitime Enrique von Trastámara seinen legtimen Bruder Pedro (später mit dem Beinamen el Cruel, der Grausame belegt) - sorry, für die Namensgleichheiten kastilischer und portugieischer Könige kann ich nichts, ist eine Folge der Leitnamenkontinuität - vom kastilischen Thron stieß und diesen nach einem langen Bürgerkrieg ermordete, da sah Fernando sich womöglich in der kastilischen Tradition und verhandelte mit den Königreichen Aragón und Granada einen konzertierten Angriff auf Kastilien (1369). Er solle dann die wieder zusammengeführten Königreiche Kastilien und Portugal regieren, Aragón und Granada würden Gebiete zugesprochen werden. Nun ja... bevor der Krieg begann war er auch schon wieder vorbei, Heinrich-Enrique brachte seinem entfernten Verwandten eine schwere Niederlage bei, der Papst wurde eingeschaltet und vermittelte einen Frieden, der vorsah, dass Ferdinand die Tochter Enriques heiraten sollte: Eleonora.
    Ferdinand aber verliebte sich mittlerweile in Leonore Teles, deren Ehe er annullieren ließ, um sie selber zu heiraten (1373). Ihr Mann floh nach Kastilien. Das Volk in Lissabon protestierte gegen diesen Sachverhalt, aber nach der Hinrichtung eines als Rädelsführer ausgemachten Schneiders war für's erste Ruhe im Karton.
    Leonore, kaum Königin, besorgte, dass ihre Familie wichtige Ämter bekam und dass Prinzen des Königshauses ausgeschaltet wurden. João beispielsweise, ließ sie ins Gefängnis werfen und wollte ihn hinrichten lassen, lediglich der ausdrückliche Befehl ihres Mannes, seinen Halbbruder wieder freizulassen, rettete diesem das Leben. Ihre ältere Schwester Maria, die mittlerweile mit einem weiteren Halbbruder ihres Mannes verheiratet war, einem Sohn Pedros I. mit Inês de Castro, passenderweise auch mit dem Namen João (die waren nicht besonders kreativ), bezichtigte Leonore diesem gegenüber der Unzucht, was dazu führte, dass João seine Frau umbrachte und nach Kastilien fliehen musste (1379).
    Somit war mit João ein weiterer Halbbruder ihres kränkelnden Mannes, der durchaus legitime Ansprüche auf den Thron nach Ableben seines Bruders hatte, ausgeschaltet.
    In Kastilien regierte mittlerweile Enriques Sohn Juan I. (ein Namensvetter der Joãos), was Fernando 1381 auf die Idee brachte, sein altes Projekt, die Vereinigung der Königreiche Kastilien und Portugal unter portugiesischer Krone noch mal in Angriff zu nehmen. Das endete erneut in einer empfindlichen Niederlage und nach langwierigen Verhandlungen, welcher kastilische Prinz nun mit Ferdinands Tochter und Thronerbin Beatrix verheiratet werden sollte, heiratete schließlich der 24jährige Juan I. selbst die erst zehnjährige Beatrix, mit einer entsprechenden, die Unabhängigkeit beider Königreiche garantierenden Erbfolgeregelung. Als dann kurz darauf Fernando starb, wollte Juan I. das Erbe seiner Frau antreten. Leonore, Beatrix' Mutter, von ihrem Mann Fernando zur Regentin bestellt, proklamierte, dass sie im Namen ihrer Tochter und ihres Ehemanns die Regierungsgeschäfte in Portugal führen würde. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Liebhaber (wohl bereits zu Lebzeiten ihres Mannes) einem galicischen Adeligen, der, um den ganzen Sachverhalt noch komplizierter zu machen, ein Parteigänger Pedros des Grausamen war und daher als Legitimist im portugieischen Exil.
    Aufgebrachte Lissabonner Kaufleute jedenfalls riefen zum Aufstand - der sogenannten portugiesischen Revolution - und beriefen nun den Großmeister des Ordens von Avis, João I., zum Regenten. Der drang mit Vertrauten in den Palast in Lissabon ein und erschlug den Liebhaber der Königin, die wiederum ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in Richtung kastilischer Grenze entgegen eilte. Da Leonore sich weigerte, auf den Posten der Regentin Portugals zu verzichten, steckte ihr Schwiegersohn sie kurzerhand ins Kloster in Tordesillas. Ein enger Vertrauter von João von Avis, Nun' Álvares stellte das anrückende kastilische Heer zum Kampf und konnte es schlagen, allerdings rückte das kastilische Heer weiter auf Lissabon vor und belagerte bald die Stadt. Von der Seeseite her wurde sie von der baskischen Flotte blockiert. Da aber im kastilischen Lager die Pest ausbrach, wurde die Belagerung aufgehoben. João von Avis wurde daraufhin, nachdem man ein Rechtsgutachten eingeholt hatte, was feststellte, dass die Ehe Pedros mit Inês nicht rechtsgültig gewesen sei, und ihre Söhne sich ja im kastilischen Exil aufgehalten hatten, während João von Avis das Reich verteidigt habe, angeblich gegen seinen Willen, zum König Portugals erhoben.
    Die wichtigste Quelle dieser Ereignisse ist das Werk Crónica de Dom João I.,eines seit 1418 nachweisbaren königlichen Archivars Fernão Lopes, das durch König Duarte (Eduard) in Auftrag gegeben wurde, ältester Sohn und Nachfolger Joãos I.
    Der bekannteste Sohn von João I. dürfte allerdings Dom Enrique (Prinz Heinrich der Seefahrer) sein.

    Fernão Lopes, der geradezu schon modern gearbeitet hat - als Archivar saß er ja auch an der Quelle - gilt eigentlich als zuverlässiger Historiker. Nichtsdestotrotz erscheint mir die Königserhebung Joãos gegen seinen Willen als Bescheidenheitstopos. Meinungen dazu?
     
    1 Person gefällt das.
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Eindeutig ist jedenfalls, dass Joãos Taten vor seiner ›Ausrufung‹ zum König nicht unbedingt zurückhaltend waren. Bereits der Grund für seine Einkerkerung, die Empörung darüber, dass Leonore dem verschwitzen Grafen von Ourém ein Tuch reicht, d.h. öffentliches Kritisieren und somit Beleidigung der Königin, zeigt eine gewisse Dreistigkeit und einen Anspruch, zumindest auf mehr Mitsprache.

    Am 6. Dezember 1383 kam es zum Aufstand in Lissabon mit João als Anführer, der jenen Günstling der Leonore, den Grafen João Fernandes Andeiro von Ourém ermordete und Leonore ziehen ließ. Diese bat dann ihren neuen Schwiegersohn, Johann I. von Kastilien um Hilfe. »Inzwischen war Johann von Avis am 16. Dezember 1383 zum Regenten und Verteidiger Portugals ausgerufen worden.« (»Leonore Teles de Menezes«, dt. Wikipedia) João zeigt sich also zehn Tage nach seiner Bluttat und der Vertreibung der Regentin der Menge in Lissabon und wird bejubelt, gar als Anführer und Verteidiger des Köngreichs bezeichnet. Was ist in diesen zehn Tagen passiert?

    João hatte nach dem Mord zwei Möglichkeiten: entweder ins Exil zu gehen, oder den Hochadel zu überzeugen, dass das Volk hinter ihm stand, und somit seine Verfolgung gefährlich wäre.

    Interessant vielleicht Friedrich Rehms Behauptung in seinem 1840 erschienenen Abriss der Geschichte des Mittelalters…, S. 864 (online) über Joãos Verhalten nach dem Mord: »Joao gab vor, er wolle in England eine Zuflucht suchen, und veranlaßte dadurch die Nation ihn zum Beschützer und Regenten auszurufen.« Diese nicht weiter ausgeführte Aussage (die Rehm vtml. von Fernão Lopes übernommen hatte, was ich aber nicht nachgeschaut habe…) kann entweder bedeuten, dass João sich zierte, d.h. sich bitten ließ, oder aber auch, dass er den Schutz des Volkes beanspruchte, um sein Leben zu schützen.
     
  3. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied


    Ach ja, noch meine Schlussfolgerung: nicht »König wider Willen«, sondern: König aus Not. :D
     
  4. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Bei der Geschichte mit dem Tuch als Grund für seine Einkerkerung würde ich nicht ausschließen, dass das erst eine spätere Erfindung ist, um sozusagen die Gegnerschaft zwischen Leonore Teles und Joao de Aviz zu erklären (oder ein wenig auszuschmücken).

    Weiter wäre vielleicht auch zu überlegen, ob die negative Sicht der Leonore Teles nicht reine, politische Gründe hatte. Bei der Auseinandersetzung um die Nachfolge im Königreich Portugal war sie letztlich auf der Verliererseite. Juan I. und Beatriz konnten letztlich die Nachfolge in Portugal nicht antreten.

    Dadurch, dass sie versuchte, nach dem Tod ihres Mannes die Regentschaft für ihren Schwiegersohn bzw. ihre Tochter zu übernehmen, werden diese "entlastet". Die Tochter ist noch de facto noch ein Kind, Juan I. kann sich trotz vertraglicher Zusicherungen und als Ehemann der "rechtmäßigen" Erbin nicht als Nachfolger behaupten, da seine Schwiegermutter dazwischenfunken musste. (Hätte er die Sache doch gleich in die eigenen Hände genommen ...)

    In dem Joao gegen sie vorgeht und einen ihrer Vertrauten (bzw. den Vertrauten von ihr) hinrichten lässt, ist seine Aktion zunächst gar nicht gegen die rechtmäßige Thronerbin Beatriz gerichtet, sondern nur im Interesse des Königreiches Portugal, dass er so von einer "bösen" Regentin befreit, die er zwingt, zugunsten der Tochter die Regentschaft abzugeben. (Es wäre vorstellbar, dass der Graf von Ourem erst später zum Liebhaber der Leonor Teles gemacht wurde, zum einen um seiner Ermordung nachträglich eine gewisse "Berechtigung" zu geben, und zum anderen um die "Verliererin" Leonore nachträglich noch zu diffamieren und so auch die Thronansprüche ihrer Tochter indirekt in Frage zu stellen.)

    Da Juan I. und seine Ehefrau daraufhin sozusagen "Partei" für Leonor (und gegen ihn) nehmen (eine wenn vielleicht auch nur theoretische Möglichkeit wäre gewesen, ihm nun die Regentschaft zu überlassen), wird der Eindruck vermittelt, Joao habe gar keine andere Wahl gehabt, als die portugiesische Krone für sich zu beanspruchen, um sich vor den beiden zu schützen, aber auch im Interesse des portugiesischen Volkes / Adel, um es nach der "bösen" Regentin Leonor nun vor dem Zugriff des "feindlichen" Königs von Kastilien zu schützen, wodurch sein Aufstieg zum König eine gewisse Legitimierung erhält. (In dem er die portugiesische Krone übernimmt, rettet er das Königreich vor dem "Hauptfeind" Kastilien. Obwohl er gar nicht die Krone will, muss er sie im Interesse von Portugal übernehmen, was er aus Pflichtbewusstsein natürlich nicht ablehnen kann, was wiederum darauf hinausläuft, dass es wohl Gottes Wille ist ...)

    Da sich Joao nicht nur als König von Portugal behaupten konnte, seine Regierungszeit dauerte mehr als 30 Jahre, sondern auch noch der Begründer einer neuen Königsdynastie wurde, erfüllte er letztlich jene Voraussetzungen ideal, um auch von der Nachwelt als der rechtmäßige Erbe anerkannt zu werden, obwohl sein tatsächlicher Ansprüch jedenfalls bei seiner Thronbesteigung recht fragwürdig war.

    Leonor Teles dürfte der ideale Sündenbock gewesen sein, vermutlich schon für die Zeitgenossen und ziemlich sicher für spätere Generationen: sie stammte aus keinem Königshaus (oder wenigstens Herrscherhaus), war somit doch eine "Aufsteigerin", außerdem weiblich, politisch tätig und letztlich erfolglos. (Da gibt es eine ganze Reihe von Königinnen im Spätmittelalter, mit denen die Zeitgenossen und vor allem die Nachwelt nicht viel anders verfahren sind.)

    Portugal war ursprünglich eine Grafschaft und als solche Teil des Königreichs Kastilien. Ihren Herrscher/innen gelang es letztlich ihre Unabhängigkeit von Kastilien durchzusetzen und zum selbständigen Königreich aufzusteigen.

    Juan I. von Kastilien hatte zwar im Zusammenhang mit seiner Eheschließung mit Beatriz einer Erbfolgeregelung zugestimmt, die die Unabhängigkeit beider Königreiche garantierte, aber ob er sich an diese auch halten würde, mag aus damaliger Sicht nicht so sicher gewesen sein, und würden sich seine Nachfolger daran halten? (Die Erbregelung scheint in erster Linie darauf abgezielt zu haben, dass nicht er, sondern einer seiner zukünftigen Söhne letztlich Portugal als selbständiges Königreich erbt. Zu diesem Zeitpunkt war auch noch nicht vorhersehbar, ob es einen Sohn bzw. mehrere Söhne überhaupt geben würde.)

    Daher wäre es vorstellbar, dass es in Portugal bzw. in bestimmten (Adels-)Kreisen eine gewisse Befürchtung gab, dass Portugal unter einem König von Kastilien letztlich doch seine Unabhängigkeit wieder einbüßen würde. Hinzu kommt noch, dass es seit vielen Jahren (so z. B. 1373 oder 1381) ständig Krieg zwischen den Königreichen gab - aus portugiesischer Sicht wird ein kastlischer König als neuer Herrscher bzw. eine Personalunion mit Kastilien sicher nicht als die ideale Lösung gewesen sein. Das dürfte die Chance gewesen sein, die Joao de Aviz für seinen Aufstieg nutzen konnte, wobei er vielleicht zunächst nur eine Position als Regent für Beatriz bzw. Platzhalter für den nächsten König angestrebt haben könnte.

    Als sich jedenfalls die Möglichkeit bot, selbst König zu werden, hat er jedenfalls zugegriffen. Joao I. war sicher kein König wider Willen, sondern er wird sich mit Unterstützung seiner Anhänger sich so inszeniert haben, um seiner Herrschaft eine scheinbare Legitimation zu geben.

    Wäre er wirklich gegen seinen Willen in die Position des Königs aufgestiegen und hätte er die Herrschaft nur aus "Pflichtbewusstsein" ausgeübt, hätte er später abdanken und sich z. B. in ein Kloster zurückziehen können, nachdem sein ältester Sohn volljährig geworden war und er diesen als seinen Nachfolger eingeführt hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juli 2015
  5. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Die Vermutung hatte ich auch (wobei Leonore wahrscheinlich auch kein Engelchen war). Irgendwie werde ich sogar das Gefühl nicht los, dass João die etwa 30 jährige Leonore begehrt haben könnte. Auf João, in diesem Fall ein eifersüchtiger Hitzkopf, hätte der verschwitzte Graf derart widerlich gewirkt, dass er beim fürsorglichen Überreichen des Tuches die Etiquette vergaß, und sich danach mit übler Nachrede zu rechtfertigen suchte. Also ein Stalker mit unkontrollierten Hormonschüben, was schließlich zur Einkerkerung und dann erst recht zum Mord an den Grafen führte? Warum sonst hatte João nach seiner ›Erstürmung des Palastes‹ Leonore nicht zumindest eingesperrt? Schließlich muss ihm klar gewesen sein, dass sie sich nicht untätig abschieben lässt.

    Für ein südländisches Eifersuchtsdrama spricht auch die Zeitspanne von 10 Tagen zwischen Mord und Joãos ›Ausrufung zum Defensor‹. Hätte João seine Tat als gerecht angesehen, hätte er gleich ein Bad in der Menge nehmen können. So aber ist die Annahme nicht abwegig, dass er Konsequenzen befürchten musste. Dass er sich erst nach zehn Tagen von der Menge feiern ließ, sieht wie der verzweifelte Sturm nach vorn aus, nachdem er womöglich bereits gesucht wurde.

    Nach fünfzig Jahren kann man einen aufsehenerrregenden Mord nicht einfach unter den Teppich kehren. Dem offiziellen königlichen Chronisten, Fernão Lopes blieb also für das Aufzeigen der Legitimation der Avis-Dynastie nur die Flucht ins Detail. Wie ein Romancier zitiert er ganze Gespräche und gibt Einzelheiten zum Besten, wie eine Plaudertasche. Einerseits wirkt seine Erzählung umso lebhafter, andererseits aber schadet damit Lopes der Glaubwürdigkeit der ganzen Hintergrundgeschichte. So muss man eigentlich hypothetisch die größtmögliche Geschichtsbeugung annehmen und die Begebenheiten herausfiltern, die nach fünfzig Jahren nicht zu vertuschen sind. Hierzu gehören unvergessene Taten und deren zeitliche Einordnung. Beugen lassen sich aber die Motivationen und mit ihnen die Charaktere.


    Die ›Story‹ mit dem Handtuch, den Leonore dem Grafen von Ourém gereicht haben soll, könnte m.M.n. eigentlich wahr sein, da es sicher noch Leute gab, die sich daran erinnern konnten. Für eine wahre Begebenheit spricht auch, dass hier ausnahmsweise etwas Positives von Leonore erzählt wird, während Lopes die Anekdote hier vmtl. nur weitergibt, da er damit die Belanglosigkeit des Grundes für Joãos Einkerkerung zeigen will. Falls aber João schlicht eifersüchtig war, dann verschweigt dies Lopes geschickt und kehrt die Triebhaftigkeit seines Helden in nationale Interessen.
     
  6. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Überlegung:
    Wollte Joao tatsächlich von Anfang an die Krone an sich bringen oder hatte er ursprünglich nur die Absicht, die Regentschaft für ihre Tochter, die immerhin als rechtmäßige Thronerbin galt, selbst zu übernehmen?

    Wenn er und Juan I. sich darauf geeinigt hätten, dass er statt Leonor Teles die Regentschaft in Portugal übernimmt, wäre sie ohnehin politisch kalt gestellt gewesen. Mit einer Inhaftierung von ihr hätte er sich zu diesem Zeitpunkt eindeutig als Gegner der Erbfolgebestimmungen seines Bruders und des kastilischen Königs profiliert, eine solche Maßnahme hätte wohl nur dann etwas gebracht, wenn er sich der Unterstütung des portugiesischen Adels / Volkes ohnehin sicher gewesen wäre.

    Wenn Joao nach der Tötung ihres Vertrauten tatsächlich angekündigt hat, dass er in England Zuflucht suchen will, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs entschieden war, wie dieser Machtkampf ausgehen könnte. (Indirekt wäre eine solche Ankündigung auch eine Aufforderung an den Adel bzw. Volk Stellung zu beziehen, etwa nach dem Motto: Steht ihr auf meiner Seite oder auf der Seite meiner Feinde?

    Leonor Teles übernahm die Regentschaft außerdem auf einer Grundlage mit einer gewissen Legalität, ein gewisser Rückhalt zumindest bei einem Teil der Adeligen ist zumindest für das Erste anzunehmen. Außerdem trat sie für die Interessen ihres Schwiegersohnes ein, also war zu erwarten, dass sie auch von dieser Seite für das Erste mit seiner Unterstützung rechnen konnte. Hätte Joao sie inhaftiert, hätten er seinen Gegnern einen idealen Vorwand geliefert, um gegen ihn vorzugehen.

    Indem Joao ihren Vertrauten hinrichten ließ und sie zum Rücktritt als Regentin zwang, konnte er die erste Runde in dem Machtkampf für sich entscheiden. Der weitere Verlauf war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch offen.

    Nach den ganzen Erbschaftsregelungen, die Ferdinando I. mit Juan I. vereinbart hatte, dürfte geplant gewesen sein, dass das Königreich Portugal nach dem Tod von Ferdinando I. unter einem Enkel von Juan I. und Beatriz ein von Kastilien unabhängiges Königreich bleibt und bis dahin eben eine Übergangslösung notwendig war, indem entweder Juan I. (als Gemahl von Beatriz und Vater des zukünftigen Königs) beide Königreiche in Personalunion regiert oder jemand in Portugal vorübergehend die Regentschaft in Abstimmung mit Juan I. und Beatriz übernimmt. (Eine Rolle, die er offensichtlich Leonor Teles zugedacht haben dürfte.)

    Nur war Beatriz zum Zeitpunkt, als ihr Vater starb, noch de facto ein Kind und gar nicht vorhersehbar, wie viele Kinder sie einmal haben würde, sodass eine dauerhafte Vereinigung der Königreiche Kastilien und Portugal, wobei Portugal letztlich (wieder) Teil von Kastilien geworden wäre, doch sehr reell gewesen sein dürfte.

    Was Joaos eigene Thronansprüche betrifft, so war er eigentlich als unehelicher Sohn von der Thronfolge ausgeschlossen. Hätten Ferdinando I. und Leonor Teles einen Sohn gehabt, der nachgefolgt wäre, wäre es eher unwahrscheinlich gewesen, dass er jemals König von Portugal geworden wäre. (Es gibt im Mittelalter Herrscher, die mit etwas fragwürdiger Herkunft einen Thron besteigen konnten, wie z. B. Herzog Wilhelm von der Normandie der spätere Eroberer und König von England, Henry Tudor Graf von Richmond und später als Henry VII. König von England oder Enrique de Trastámara, später als Heinrich II. König von Kastilien, aber bei denen handelt es sich um Ausnahmen, die von bestimmten politischen oder persönlichen Umständen profitierten wie z. B. dem Aussterben einer Familie im "legalen" "Mannesstamm", und die sicher auch einen entsprechenden Charakter hatten, mit dem sie sich als Herrscher behaupten konnten.)

    Bei Joao I. dürfte die Ausnahmesituation, durch die er als unehelicher Sohn in Besitz der portugiesischen Krone gekommen ist, gewesen sein, dass das Volk und der Adel in Portugal keine Vereinigung mit dem Königreich Kastilien wünschten und er sich sozusagen als die unter diesen Umständen beste Alternative anbot.

    Wird hier wirklich etwas Positives über Leonor berichtet?
    Zumindest lt. Wikipedia war ihr Günstling ein gewisser Juan Fernández Andeirom den sie zum Grafen von Ourém erhoben hatte ... Wenn diese Information korrekt ist, würde sich folgender Sachverhalt ergeben: Leonor Teles hat keine Bedenken, ihrem (angeblichen) Liebhaber ein Handtuch zu reichen, also ihm sogar öffentlich ihre Gunst zu erweisen. Eigentlich wäre es Aufgabe ihres Ehemannes da einzuschreiten.

    Was die Inhaftierung von Joao betrifft, könnte sie auch durchaus politische Gründe gehabt haben und von Ferdinando I. ausgegangen sein. (Dass mit der drohenden Hinrichtung konnte auch spätere Dramatisierung der Geschehnisse sein.)
    ---------------------

    Die wichtigste Quelle über den Aufstieg Joaos I. zum König von Portugal, die "Crónica de Dom João I." von Fernão Lopes wurde von dem Sohn Joaos in Auftrag gegeben, somit , das durch König Duarte (Eduard) in Auftrag gegeben wurde, somit wäre ihre Objektivität jedenfalls zu hinterfragen.

    Was Leonor Teles und ihren "schlechten" Ruf betrifft, so ist sie jedenfalls kein Einzelfall, es gibt da im 14. und 15. Jh. eine ganze Reihe von Königinnen, bei denen der Fall ähnlich sein dürfte.

    Eine ihrer Nachfolgerinnen war z. B. Leonor von Aragon, die Ehefrau von König Duarte. Dieser hatte sie in seinem Testament als Regentin bestimmt. Wie Leonor Teles wurde sie nach seinem Tod auch Regentin, was zum Konflikt mit seinem Bruder Herzog Pedro von Coimbra führte, von dem sie schließlich aus der Regentschaft verdrängt wurde. Auch hier dürfte eine Rolle gespielt haben, dass sie als Aragonesin, also Ausländerin, beim portugiesischen Adel unbeliebt war. Ihr Versuch, sich als Regentin zu behaupten, führte beinahe zum Bürgerkrieg und scheiterte. Auch sie kommt schlecht weg, wird als machthungrige Frau abqualifiziert und nebenbei auch als zweifelhafte Mutter. (So soll sie eine ihrer Töchter einfach auf einer Burg zurückgelassen haben, weil die krank war und so ihren Kampf um die Regentschaft / Macht behindert hätte.)

    Herzog Pedro von Coimbra mag zwar ein fähiger Regent gewesen sein, doch dürfte er bei der Übernahme der Regentschaft von hehren Interessen wie Schutz des Königreiches vor einer unfähigen Regentin und ihrem ausländischen Klüngel geleitet worden sein, letztlich wurde er als Regent von ihrem inzwischen volljährigen Sohnes, König Alfonso V. (den Afrikaner), gestürzt und fiel in einer Schlacht, nachdem er sich geweigert hatte, die Regentschaft niederzulegen.

    Einige weitere Frauen, die Parallelen zu Leonor Teles aufweisen dürften:
    - Elisabeth von Bosnien (1340-1387), Ehefrau von Ludwig I., ungarischer und polnischer König
    - Elisabeth von Luxemburg (1409-1442), Tochter Kaiser Sigismund (kommt zumindest bei den Biographen jener Zeitgenossen, mit denen sie zu tun hatte, nicht unbedingt positiv weg)
    - Margaret of Anjou (1430-1482), neben der Königin Isabella eine weitere grausame "Wölfin von Frankreich", Ehefrau des englischen Königs Henry VI.
    - Elizabeth Woodville (1437-1492), Ehefrau des englischen Königs Edward IV.
     

Diese Seite empfehlen