Kaiser Franz Joseph - Neubewertung vs. Entzauberung

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von Rovere, 21. November 2016.



  1. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Heute vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph in Schloss Schönbrunn.

    Er war in seinem 87. Lebensjahr und hatte 68 Jahre, 11 Monate und 3 Wochen regiert. Mit 18 bestieg er einen Thron, der von der 1848er Revolution erschüttert war. Als er starb, war der Erste Weltkrieg in vollem Gange. Das Hasburger Reich würde zwei Jahre nach dem Tod des Kaisers nicht mehr existieren.

    Ich beobachte derzeit zwei Phänomene in Bezug auf die Persönlichkeit und Ära von Kaiser Franz Joseph. Lassen wir die Zuckerguss- und Kitschvariante der Tourismusindustrie (die auf den allgemein bekannten Filmen aufbaut) beiseite.

    Im deutschen Sprachraum - aber ausgehend von Österreich - dominiert eine beinahe fundamentalkritische Betrachtung dieses Monarchen. Dabei ist es interessant, welche Ereignisse der beine 7 Jahrzehnte überdauernden Herrschaft erwähnt und in einen Kausalzusammenhang gesetzt werden - und welche unerwähnt bleiben. Da gibt es einen direkten Konnex zwischen Krimkrieg und der Gegnerschaft zu Russland Anfang des 20. Jahrhunderts (obwohl über 50 Jahre und das doch recht stabile Drei-Kaiser-Abkommen dazwischen liegen), da wird genüsslich der Ausgleich mit Ungarn als Beispiel für die Nicht-Föderalisierung und Ursache des Zerfalls gebracht. Dass die "Länder Heiligen Krone" eine fast 900-jährige eigenständige Tradition hatten (außerhalb des HRR und Deutschen Bundes) wird gerne ignoriert. Auch die diversen Abkommen mit nach 67 - kroatischer, galizischer, mährischer Ausgleich, jener in der Bukowind, davon hört man nix. Die Krawalle in Folge der Badenischen Sprachenverordnung 1897 - gut dokumentiert von Mark Twain - werden als Argument des unmittelbar bevorstehenden Zerfalls wie eine Prozessionsfahne getragen. Über die Reichsratswahl 1911 nach der sich über Nationalitäten- und Sprachgrenzen gehende Fraktionen bilden, hört man kaum etwas.


    Ganz anders hingegen die Rezeption Franz Josephs in Tschechien. Hier gibt es einen völligen Wandel in der Betrachtung dieser Epoche. In einer fast zwei-stündigen Doku samt Historikerdiskussion letzten Samstag im Tschechischen Fernsehen wurde vor allem der Reformer Franz Joseph gewürdigt, sein streng konstitutioneller Regierungsstil, seine Versuche des nationalen Ausgleichs und die wirtschaftliche und kulturelle Blüte seiner Zeit. Voll Stolz wurde darauf hingewiesen dass es "Tschechien ist, das als einziger Nachfolger noch heute mit der Krone bezahlt".
     

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    Zuletzt bearbeitet: 21. November 2016
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Es gibt bereits in der aktuelleren anglo-amerikanischen Forschung eine deutlich differenziertere Sichtweise auf Ö-U, die streckenweise sogar die Leistungsfähigkeit betont, politisch integrativ gewirkt zu haben (vgl. Beitrag #12 im Link)

    Und es sind gerade diese Integrationsmechanismen, die heute so wichtig sind, um sie für aktuelle Probleme verstehen zu können.

    Deswegen sollte man in der Tat der "Zuckerguss" entfernen und ein relativ tolerantes und leistungsfähiges politisches System dahinter erkennen.

    Und gerade mit dem Beitrag in #12 wollte ich auf die Neubewertung von Ö-U hinweisen.

    http://www.geschichtsforum.de/f73/sterreich-ungarn-1867-1918-der-niedergang-einer-gro-macht-29223/#post766787

    In dieser Argumentation folge ich Dir gerne. Es ist im wesentlichen die "preußische" Geschichtsschreibung einer historischen Legitimierung der Klein-Deutschen-Lösung, die diesen Narrativ in den Vordergrund stellte.

    Im Hintergrund steht dabei sicherlich neben den territorialen politischen Realitäten auch noch die Frage des "Westfälischer Frieden" und die gleichberechtigte Teilhabe der evangelischen und katholischen Bevölkerungsteile bzw. auch der jeweiligen politischen - aristokratischen - Eliten.

    Und in diesem Narrativ wird die hohe Bedeutung der österreichischen Herrscher für das HRR außen vor gelassen und die Groß-Deutsche-Lösung bekommt die negative Konnotation von multikulturell und eigentlich nicht "Deutsch".
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. November 2016
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  3. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Ein wunderbarer Artikel zur Ära Franz Josephs in der FAZ von Arnold Suppan, emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte.
    Habsburgermonarchie: Die Kunst des Ausgleichs

    Ich kann auch sagen warum: Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz, der scheinbare "Einzelentscheidungen" in einen zeitpolitischen Zusammenhang stellt.
    Großartig finde ich den Absatz über die Rezeptionsgeschichte der Epoche nach 1918 und deren ideologischen Ursachen, da gibt Professor Suppan einen - zwar kurzgefassten - Überblick dazu.
    Und auch zum letzten Absatz meine volle inhaltliche Zustimmung (bis auf einen Satz zu den Balkankriegen der leider immer fehlt, aber dafür gibts ja die Schlafwandler von Clark).
     
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