Kaiserreich und Militär

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Fragender18, 6. November 2018.


  1. Hallo, wir haben in der Schule das Militär in der Kaiserzeit durchgenommen. Leider fehlte die Zeit, dass mir mein Lehrer noch eine Frage beantworten konnte.

    Es wird ja oftmals betont, dass das Kaiserreich sehr autoritär war. Aber ist das wirklich so oder werden fälschlicherweise heutige Maßstäbe in der Analyse verwendet? Und in diesem Zusammenhang: Da das Militär nur dem Kaiser unterstand, konnte es seine Bedingungen grenzenlos durchsetzen oder waren dem, da Wilhelm II sehr begeistert vom Militär war, keine oder wenige Grenzen gesetzt?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


  3. Ja eigentlich tut der Artikel das nicht komplett. Das Web bietet mir jetzt auch nicht so viel input an, als ob ich das Kaiserreich nun als autoritärer Staat oder doch schon im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie England gute demokratische Elemente hatte? Und war der Militarismus nur ein deutsches Phänomen?
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Exemplarisch für den Autoritarismus des Kaiserreichs mag exemplarisch der Kasus Friedrich Wilhelm Voigt vulgo Hauptmann von Köpenick angeführt werden. Oder man lese Heinrich Manns Der Untertan. Dieses Bestseller ist Teil einer Trilogie, zu der auch Der Kopf und Die Armen zählen.
     
  5. Aber gab es denn nun zivile Kontrolle oder nicht? Und wenn ja, wie ist diese zu bewerten ?
     
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Der Kaiser konnte seine Bedingungen nicht beliebig stellen. Seine augenscheinliche Begeisterung für das Militär änderte daran nichts.
    Denn dieses hatte eine ungewöhnlich hohe Eigenständigkeit im internationalen Vergleich. (Und der Kaiser eine ungewöhnlich hohe Inkompetenz in diesem.)
    "In Deutschland stellte sich das Problem der politischen Kontrolle der militärischen Elite anders dar als in Frankreich oder den angelsächsischen Ländern. Im deutschen Militärstaat gab es keine keine zivile Leitung die es sich zur Aufgabe gemacht hätte die Militärelite zu kontrollieren oder politisch zu domestizieren."
    Wette - S. 51. *
    Im DR, folgt man Wette, war das Militär nicht nur Garant des des Staates, sondern auch Kern dessen Wertesystems. Dies im Unterschied zu Frankreich und England, bei denen das Militär "als ein der Politik unterworfenes Gewaltinstrument" betrachtet wurde.

    Wie EQ zutreffend anmerkt, findet diese etwas spezielle Befindlichkeit des Kaiserreichs in dem (sehr kurzweiligen) Buch von Heinrich Mann - Der Untertan - gut beschrieben.

    Der Militarismus dieser Zeit war jedoch nicht auf das Kaiserreich des Wilhelm II beschränkt.
    Eine vergleichende Studie steht wohl noch aus.

    *Wolfram Wette - Militarismus in Deutschland
     
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  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Kaiserreich war nicht totalitär, falls du in diese Richtung denkst.

    Es ist vielleicht für einen Jugendlichen von heute, wo Uniformen keine Bedeutung mehr haben, schwer nachvollziehbar, aber wer eine Uniform trug, war damals Autoritätsperson. Nehmen wir die Polizei: Die Darstellung von Polizisten als "Freund und Helfer" des Bürgers war keine Sache des Kaiserreichs. Das kam erst in der Weimarer Republik auf, wo man ein bürgernäheres Bild vor allem der uniformierten Polizei zeichnete. Es gibt da ganz interessante Beobachtungen, dass die Darstellung des Polizisten in dieser Zeit - also der Weimarer Republik - feminisiert wurde. Sprich, es wurden zwar weiterhin Männer dargestellt, aber diese bekamen weibliche Züge (weiches Gesicht, tailliert), was man aus älteren Darstellungen nicht kennt. Zielgruppe dieser neuen Darstellung des Polizisten waren Kinder. [​IMG]
     
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  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  9. Ich meinte autoritär. Es gibt glaub ich ne Unterscheidung zwischen totalitär und autoritär. Und in Bezug auf das Militär unter Wilhelm 2 kann man schon viel autoritäres sehen.
    Unter ziviler Kontrolle verstand ich so eine Institution wie das Kriegsministerium
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Selbstverständlich. Ein totalitäres Regime durchdringt alle Lebensbereiche, nicht nur die Politik sondern auch Arbeit und Freizeit und versucht den Bürger organisatorisch zu fassen. In der Regel ist es auch autoritär (mir zumindest würde kein gegenteiliges Bsp. einfallen und es wäre auch irgendwie unsinnig). Ein autoritäres Regime hingegen kann totalitär sein, muss es aber nicht. Man muss sich nur die arabischen Staaten anschauen, die alle autoritär geführt werden (Libanon und Tunesien und mit Abstrichen Jordanien mögen Ausnahmen sein) aber sie sind deswegen noch lange nicht totalitär. Was der Bürger macht, ist egal, solange er die Staatsraison nicht untergräbt. Ähnliches galt für die Militärjuntas in Lateinamerika: So lange der Bürger nicht oppositionell war, war es relativ latte, womit er sich in seiner Freizeit beschäftigte. Dennoch waren alle diese Regime hochautoritär.

    Eigentlich waren alle amtierenden Kriegsminister bis 1918/19 auch Berufssoldaten. Auch in Friedenszeiten. Das gilt nicht nur für das preußische sondern auch für das württembergische, bayrische und das sächsische Kriegministerium. In Bayern, Württemberg und Sachsen findet man dann bedingt durch die Novemberrevolution SPDler, USPDler oder Gewerkschafter als Kriegsminister.
    Das (auf Reichsebene fast bedeutungslose) hessische Kriegsministerium war eine Ausnahme, hier waren die Staatsminister aber seit 1848 auch gleichzeitig die Kriegsminister, in der überwiegenden Menge handelte es sich um Juristen. Die hessischen Kabinette waren aber auch überaus klein.
     
  11. Ich hab jetzt eine Antwort auf meine Frage erhalten. Der preußische Kriegsminister war sozusagen auch "Reichskriegsminister" und musste die militärischen Angelegenheiten vor dem Reichstag vertreten Vor allem das Aushandeln des Etats war seine Aufgabe. Dabei unterstand er aber dem Ressortprinzip des Reichskanzlers, der im zweifelsfalle immer noch das letzte Wort hatte. Die Macht des REichstages, insbesonder dessen Budgetrecht war nicht zu unterschätzen, weshalb dessen Kompetenzen vor allem seit 1890 stetig anwuchsen.

    vielen dank für eure müh
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Reichskanzler hatte nicht das letzte Wort. Er unterlag sehr vielen Zwängen zum Kompromiss, die sich aus Mehrheitsverhältnissen im Reichstag zusammen setzten, das hohe Prestige der Armee bei der öffentlichen Meinungsbildung inklusiver der Äußerungen hoher Militärs (Bernhardi etc.) und natürlich den jeweiligen Interessenvertretungen (Industrie und "nationalistische Vereinigungen)

    Und nicht zuletzt war er an das Wohlwollen des Kaisers gebunden, der ihn "bestellt" hatte und ihn auch entlassen würde.

    Der Reichstag nutzt seine Kontrollfunktionen des Budgets im Rahmen des "Septennat" aus (vgl Link) Und das war der stärkste Hebel, um einen Einfluss auf die Militärausgaben zu haben.

    Während des Krieges nahm die faktische Bedeutung des Reichstags zu, da die Reichskanzler zunehmend die Parteien in die politischen Entscheidungen eingebunden haben.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Septennat_(Deutsches_Kaiserreich)

    und beispielsweise ein interessanter Thread zur Finanzierung der Kriege

    http://www.geschichtsforum.de/thema/finanzierung-der-kriege-1866-und-1870-71.21955/

    und zum Verhältnis der Marinerüstung zur Aufrüstung des Heeres

    http://www.geschichtsforum.de/thema...zu-gunsten-der-marine-unter-wilhelm-ii.29010/
     
  13. Vielleicht falsch ausgedrückt: zwischen dem Kriegsminister und dem Reichskanzler hatte der Reichskanzler das letzte Wort. Ab 1890 gab es das Quinqennat. Und der Reichstag wusste schon mit dieser macht was anzufangen
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch eine Anmerkung wie ein preußischer Kriegsminister (Generaloberst Karl von Einem von 1903 bis 1909 ) zum Parlamentarismus insgesamt und zur Sozialdemokratie in einer betont reaktionären Art stand.

    Diese konfliktreiche Situation war vor 1914 kennzeichnend für das Verhältnis der Exekutive und dem Reichstag.

    Den Reichstag verachtete v. Einem aus tiefster antidemokratischer Überzeugung und machte das in seinen "Erinnerungen" sehr deutlich,

    Der Sozialdemokratie stand er besonders ablehnend gegenüber und formulierte:
    "Ich habe die Sozialdemokratie mein Leben lang gehasst. ....Denn darüber mußte jeder sich damals schon klar sein: kamen diese Leute zur Macht oder zu Einfluss, so war Deutschland unweigerlich verloren." (S. 67)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Einem

    Interessant ist demgegenüber die Position von Bebel, der sich ausdrücklich zur Landesverteidigung bekannte. Und das nicht, um politische Gegner zu schützen, sondern um die Errungenschaften des deutschen politischen System zu verteidigen und es im Sinne der Sozialdemokratie weiter zu entwickeln. In diesem Sinne argumentierte Bebel als deutscher Patriot und als überzeugter Modernisierer der deutschen Gesellschaft.

    Eine Haltung, die die SPD ab 1918 für die Weimarer Republik einzulösen versucht hatte. Und auch an der Haltung von Personen gescheitert ist, die der politischen Sicht eines v. Einem sehr nahe standen.

    Bebel, August; (1997): Aus meinem Leben. Berlin: Dietz.
    Einem, Karl v. (1933): Erinnerungen eines Soldaten. 1853 - 1933. Leipzig: Koehler.
     

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