Karl Kraus - WK1 - die letzten Tage der Menscheit

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von TomiBreitner, 30. Dezember 2016.

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  1. TomiBreitner

    TomiBreitner Neues Mitglied

    Ich lese gerade das Buch "Die letzten Tagen der Menschheit" von Karl Kraus.
    Meines Erachtens nach handelt es sich dabei um eines der bekanntesten Zeugnisse / Berichte der kuk Monarchie während des WK1.

    Allerdings muss ich feststellen, dass die Zeugnisse dieser Zeit aus Deutscher/Preussischer Sicht weitaus umfangreicher sind. Dementsprechend lässt sich auch die Qualität besser einschätzen. Beispielsweise weiß ich was von Ernst Jünger oder Rommel zu halten ist.
    Dies ist bei Kraus nicht der Fall.

    Ich paraphrasiere:

    Es gab einen Streit zwischen Geschäftsleuten/Militär/Finanzminister um ca 2 Millionen Decken für die Karpathenschlacht bereitzustellen. Decken wurden zu spät (nach dem Winter) freigegeben wegen Zollformalitäten. Das hatte verheerende Folgen für das Karpathenkorps.

    Galizische Flüchtlinge wurden ohne jeglichen Respekt in Wien behandelt.

    Ruthenen wurden als Unterklasse angesehen, und im Militär schikaniert.

    Standrechtliche Erschießungen wegen Konservendosen.

    Generell wird der Anschein erweckt als ob Willkür an der Front herrschte.

    Saddismus im Heer.



    Mir stellt sich also die Frage, ob dieses Buch ein realistisches Bild zeichnet, oder ob es hier zu einer starken (satirischen) Übertreibung kommt
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Natürlich ist das Werk satirisch überspitzt, aber wie jede gute Satire basiert es schon auf realen Zu- bzw. Missständen.
    Zu bedenken ist aber auch, dass das Werk kurz nach Kriegsende fertiggestellt und veröffentlicht wurde, als besonders deutlich war, was der Krieg bewirkt hatte.

    Übrigens gibt es schon noch mehr interessante literarische Werke über die k.u.k. Armee im 1. WK. Allen voran "Der brave Soldat Schwejk" von Jaroslav Hasek. Von Joseph Roth spielen die Romane "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" teilweise im Militär im 1. WK (ersterer großteils in den Jahren davor).
     
  3. TomiBreitner

    TomiBreitner Neues Mitglied

    Natürlich sind Bücher von Roth sowie der "Schwejk" jedem der mit der Materie befasst ist auch bekannt. Allerdings bleibt davon meine Hauptkritik unberührt: das Bild der Zustände im Militär und an der Front lassen sich nicht so einfach nachvollziehen wie auf Deutscher Seite.
    Wenn ich 5 min auf youtube suche, habe ich mehrere Dokus über Jünger. Er hat mehrere Bücher über den WK1 sowie seine Erfahrungen. Seine Bücher bauen teilweise aufeinander auf. Mit dieser Quelle alleine kann ich mir schon recht gut denken, wie es an der Westfront gelaufen ist, und wie Deutsche Militärs behandelt wurden.
    Zahlreiche Deutsche Tagebücher sind online verfügbar.

    Das alles fehlt auf Österreichischer Seite, bzw ist nur schwer zugänglich.

    Das Werk von Kraus ist ein klassisches Beispiel für die Problematik: es ist satirisch, es wurde anscheinend sehr viel hineininterpretiert und ausgeschmückt.

    Als klassisches Beispiel führe ich die Decken für den Karpathenfeldzug an. Die entsprechende Stelle findet sich relativ am Anfang des Buches:
    Ich kann es mir nicht ganz vorstellen, dass ein arroganter Bürokrat (Finanzminister) in Kriegszeiten die Decken für die Karpathenschlacht über den Winter zurückhalten kann, mit der Folge das Tausenden die Beine abfrieren. Wenn das so wäre, würden sich darüber noch andere Berichte im Internet finden lassen, was aber nicht der Fall ist.

    Weiteres Beispiel aus dem Buch, müsste ca im 5 oder 6 Abschnitt sein:
    eine Kellnerin aus Kastelruth macht Sperrstunde, allerdings wollen die kuk Soldaten weiterbechern. Als es keinen Wein mehr gibt wird die Kellnerin einfach erschossen. Und der Leutnant sagt dazu zum anderen: nein, warum haben Sie das gemacht, jetzt bekommen Sie 3 Wochen Zimmerarrest.

    Oder der Soldat den man zur Strafe einfach erfrieren lässt, weil er vermeintlich eine Konserve gestohlen hat.


    Das Problem hier ist einfach, dass sich nicht nachvollziehen lässt, wo die Grenze zwischen Fakt und Fiktion ist. Für mich klingt Kraus eher wie ein Schwarzmaler und Manipulator des Negativen - nicht so wie Jünger, wo das Bild etwas klarer ist, selbstverständlich fehlen dort auch große Aspekte, aber das Grundbild ist klar.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Du hast die Fakten bisher nicht ausreichend aufbereitet und nicht sortiert und kannst - laut eigener Aussage - Kraus nicht korrekt einschätzen. Vor diesem Hintergrund erfolgt dann dennoch eine subjektive Beurteilung. Eine Beurteilung, bei der Kraus negativ beschrieben wird und Jünger, über den eigentlich gar nichts bisher gesagt wurde, indifferent positiv beurteilt wird. Wobei mir unklar ist, wieso bei Jünger das "Grundbild" klar bleiben soll. Ist das Grundbild eine unkritische Verherrlichung von Gewalt oder was ist mir "Grundbild" gemeint?

    Wie man zudem einen Schriftsteller wie Kraus, der beispielsweise in der "Fackel" pointiert kritisch zur "Urkatastrophe" des zwanzigsten Jahrhundert Stellung bezogen hat, als einen "Manipulator des Negativen" zu erkennen glaubt, erschließt sich mir absolut nicht. Zumal der WW1 in seiner Durchführung von Anfang an menschenverachtenden Züge in der Kriegsführung gezeigt hat, die bis dahin ohne gleichen waren.

    Die Realität des Krieges war der Erzeuger des Negativen, da hat es der Manipulation kaum gebraucht.

    Im Ergebnis: So einfach - wie oben durch TomiBreitner vermutet - ist das Urteil über Kraus sicherlich nicht. Bei einer schnellen Durchsicht von ca. 8 Fundstellen (Büchern), die zu Kraus etwas sagen, trifft die Beurteilung von Ravenik "Natürlich ist das Werk satirisch überspitzt, aber wie jede gute Satire basiert es schon auf realen Zu- bzw. Missständen." weitgehend zu und beschreibt das Verhältnis von Fakten zu "künstlerischer Freiheit" angemessen. (vgl. beispielsweise zur Einschätzung von Kraus "Piper, Nacht über Europa, S. 288)
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Dezember 2016
  5. TomiBreitner

    TomiBreitner Neues Mitglied

    thanepower,

    du schreibst hier viel, allerdings ist dies an der Thematik vorbei.
    Die Problematik meiner Fragestellung scheinst du nicht verstanden zu haben, oder möchtest es nicht verstehen und fügst dem Ganzen eine emotionale Ebene an.

    Am besten lässt sich die grundlegende Fragestellung hiermit zusammenfassen:
    "Das Problem hier ist einfach, dass sich nicht nachvollziehen lässt, wo die Grenze zwischen Fakt und Fiktion ist."

    Man kann das eigentlich recht einfach überprüfen, dazu habe ich ja diverse Beispiele angefügt. Eines davon welches ich bereits gebracht habe:

    "Als klassisches Beispiel führe ich die Decken für den Karpathenfeldzug an. Die entsprechende Stelle findet sich relativ am Anfang des Buches:
    Ich kann es mir nicht ganz vorstellen, dass ein arroganter Bürokrat (Finanzminister) in Kriegszeiten die Decken für die Karpathenschlacht über den Winter zurückhalten kann, mit der Folge das Tausenden die Beine abfrieren. Wenn das so wäre, würden sich darüber noch andere Berichte im Internet finden lassen, was aber nicht der Fall ist."

    Ist das nun so vorgefallen, oder entspringt es den Gedanken des Schriftstellers?

    Umso tiefer ich mich in diese Thematik einarbeite, umso mehr entsteht der Eindruck, dass es sich um ein primär fiktives Buch handelt. Kraus beteuert zwar, es handle sich um Darstellungen von tatsächlichen Handlungen, allerdings sind die extremeren Schilderungen zu unglaubwürdig, und können nicht belegt werden.
    z.B. 3 Wochen Hausarrest für einen Mord an einer Kellnerin?
    z.B. Standrechtliche Erschießung wegen dem Besitz einer weißen Fahne?

    Es konnte hier noch keiner eine definitive Antwort geben. Ravenik bestätigt die Satire. Wobei die Grenze zwischen Satire und Lüge fließend ist. Mit Übertreibungen und Verfäschungen haben sich ja schon immer Geld machen lassen.
    Die Antwort von thanepower interpretiere ich als ein gut gemeintes Blendwerk, welches am Thema vorbei geht. Darüber hinaus interpretierst du fälschlichst etwas in meinen Beitrag hinein (Stichwort: Jünger).
     
  6. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Zunächst einmal eines - wenn Karl Kraus behauptet, dass er die Wirklichkeit abbildet, muss das gar nicht stimmen. Er war immerhin nicht nur Journalist und Kriegsberichtserstatter, sondern in erster Linie doch auch ein Schriftsteller, und Sprachkünstler, und desto mehr jemand etwas "künstlerisch" gestaltet, desto mehr besteht die Gefahr, dass (vielleicht sogar nur unabsichtlich) die Fakten verändert werden.

    Hinzu kommt noch, dass selbst eine objektive Darstellung keineswegs sachlich sein muss oder ihre Fakten unverändert lässt.

    Auch als Kriegsbericht-Erstatter kann selbst ein Karl Kraus wohl kaum an jedem einzelnen Kriegsschauplatz persönlich gewesen sein, er wird für vieles wohl nur Berichte anderer als Quelle gehabt haben, und selbst, wenn diese zuverlässig waren, sind es noch immer Berichte aus zweiter Hand.

    Hinzu kommt noch das Repertoire der Klischees, Stereotypen etc., das gewöhnlich auch von seriösen, qualitativen Schreibenden eingesetzt wird, um bestimmte Inhalte zu transferieren und auf den Punkt zu bringen.
    Nur ein Beispiel: Alexander hat das Perserreich nicht alleine erobert, und ebenso hat Napoleon I. seine Schlachten auch nicht als Einzelner gewonnen oder ein Friedrich II. seinen Siebenjährigen Krieg.

    Andererseits ist diese Vereinfachung insofern nützlich, als die Botschaft verständlich ist. Alexander erobert das Perserreich bedeutet eigentlich nur kurz und bündig: Das Perserreich wurde von Alexander und seiner Armee etc. erobert + Aufstellung, wer aller daran beteiligt war, welchen Anteil die dabei gehabt haben werden und Ähnliches.

    Bei Karl Kraus dürfte die Lage ähnlich sein. Ich halte es schon für glaubwürdig, dass Decken z. B. wirklich nicht zeitgerecht geliefert wurden. Immerhin umfasst eine solche Lieferung aber auch eine ganze Menge Zwischenschritte: Bestellung, Herstellung, Bezahlung, Lieferung, Organisation des Transports etc. Damit sind die unterschiedlichsten Personen beauftragt, und wenn da jemand einen Fehler macht oder sich tatsächlich ein wenig bereichern will, ist vorstellbar, dass das unter bestimmten Umständen eine Katastrophe sein kann, leider. (Zudem wird hier der Eindruck vermittelt, dass die im Ministerium gar keine Ahnung haben, wie ernst die Lage wirklich an der Front da draußen ist.)

    Wenn Kraus daraus allerdings eine von oben gelenkte Aktion macht, so ist natürlich entscheidend, ob es dazu Indizien oder gar Beweise gibt. Hat sich der Befehl des Ministers erhalten oder irgendeine Kopie? Oder gibt es zumindest schriftliche Belege dafür, dass es so einen Befehl tatsächlich gegeben haben könnte.

    Doch selbst wenn das nur erfunden ist, könnte es vielleicht Gerüchte diesbezüglich gegeben haben, die Kraus vielleicht tatsächlich geglaubt haben könnte.

    Oder er hat sie nicht geglaubt, könnte sie aber aufgegriffen haben, weil sie sich gut in seine eigene Idee gefügt haben, die er darstellen wollte.

    Solange Kraus der einzige ist, der davon gewusst hat, ist jedenfalls schon Skepsis am wahren Sachverhalt angebracht. Aber auch wenn andere darüber berichten, muss das nicht heißen, dass es stimmt, sondern sie können von einander abgeschrieben oder demselben Gerücht geglaubt haben.

    Welche Botschaft vermittelt die Stelle von Kraus, die hier als Beispiel angeführt ist. Fakt ist, dass hier eine schreckliche Geschichte erzählt wird und dass Kraus hier eine klare Schuldzuweisung vornimmt.

    In seiner Darstellung ergibt sich jedenfalls folgender Sachverhalt:
    - Eine für Soldaten an der Front schreckliche Sache wird in seiner Darstellung zu einem Kriminalfall, in dem Menschen eiskalt einem niedrigen Beweggrund geopfert werden.
    - Die Schuld wird eindeutig einem Regierungsorgan zugeschoben und dieser (und wohl auch stellvertretend mit ihm die Regierung) in die Verantwortung genommen. Wichtig hier auch die Botschaft: Es gibt einen Schuldigen.
    - Eine weitere Botschaft: Diese Katastrophe hätte leicht verhindert werden können.

    Ob diese Vorgehensweise nun gut oder schlecht zu bewerten ist, einen Zweck erfüllt sie jedenfalls: Die "Letzten Tage" der Menscheit, bekommen, ob zu Recht oder Unrecht, ein Gesicht, Akteure, Motivationen. Sie werden personalisiert, greifbar, auf ein vorstellbares Maß reduziert, und mit Schuldigen, Verbrechen etc. lässt sich das Geschehene doch irgendwie besser bewältigen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Dezember 2016
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nach Tomis Darstellung war es nach Kraus' Darstellung ja wohl in erster Linie die Bürokratie, nicht das Vorhandensein der Decken, welche die rechtzeitige Lieferung der Decken verhinderte. Das kann ich mir durchaus vorstellen. Im Raum Osnabrück wurde letztes Jahr ein Bahnübergang mit neuen Verkehrszeichen versehen, die Autofahrer vor dem Zugverkehr warnen sollten. Nur... die Bahnlinie wird seit Jahren nicht mehr betrieben, was man auch deutlich daran sieht, dass zwischen den Gleisen Bäume wachsen.
    Da kann man wirklich von Amtsschimmel reden...
    Angeblich soll Kraus ja vielfach einfach Schlagzeilen der Kriegsjahre zu Dialogen montiert haben.

    Aber wir kennen ja auch alle die Legende vom toten Soldaten, oder?

    Und als der Krieg im vierten Lenz
    Keinen Ausblick auf Frieden bot
    Da zog der Soldat seine Konsequenz
    Und starb den Heldentod.

    Der Krieg war aber noch nicht gar
    Drum tat es dem Kaiser leid
    Daß sein Soldat gestorben war:
    Es schien ihm noch vor der Zeit.

    Der Sommer zog über die Gräber her
    Und der Soldat schlief schon
    Da kam eines Nachts eine militär-
    ische ärztliche Kommission.

    Es zog die ärztliche Kommission
    Zum Gottesacker hinaus
    Und grub mit geweihtem Spaten den
    Gefallnen Soldaten aus.

    Der Doktor besah den Soldaten genau
    Oder was von ihm noch da war
    Und der Doktor fand, der Soldat war k. v.
    Und er drückte sich vor der Gefahr.

    [Die Ballade geht noch weiter, aber das ist hier und jetzt obsolet.]

    Was ich durchaus für plausibel halte, was Tomi ja auch als eine der Unglaubwürdigkeiten identifizieren wollte, ist die Geschichte mit den drei Wochen Arrest für den Mord. Im Krieg passieren skurrile Dinge. Und je nachdem, wer Opfer und Täter war... Es wird doch sicherlich eine historisch-kritische Ausgabe zu Kraus geben, oder?
     
  8. TomiBreitner

    TomiBreitner Neues Mitglied

    Ich stelle die entsprechende Passage aus dem Buch einfach hier ein.

    Übrigens, das ganze Buch ist public domain und in Gutenberg:
    Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus - Text im Projekt Gutenberg

    Ein Zitat aus dem Vorwort, welches Authentizität für sich beansprucht:

    Der Wolldeckendialog:

    Wenn dieses Ding auch nur halb wahr ist, gibt es dafür auf Jahrzehnte bürokratische Spuren!
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Dezember 2016
  9. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Das Buch muss ich mir mal zu Gemüte führen.

    Klinkt alles interessant was dazu hier steht.
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Tirol war nicht Galizien. Dass der Mord an einer Tiroler Kellnerin faktisch straflos geblieben wäre, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

    Zum einen gab es wesentlich mehr reichsdeutsche als (deutsch-)österreichische Kriegsveteranen. Somit ist schon einmal naheliegend, dass es in Deutschland auch mehr Veröffentlichungen gab.
    Zum anderen scheinen sich mir die Erinnerungskultur und der Zugang zum 1. WK in der Zwischenkriegszeit in Deutschland und in Österreich unterschieden zu haben. (Der 1. WK hatte für Österreich auch deutlich desaströser geendet als für Deutschland.) In Österreich fehlte die Dolchstoßlegende, die paramilitärischen Verbände waren nicht so sehr im gemeinsamen Kriegserlebnis verhaftet wie etwa der "Stahlhelm" und der Bruch mit der Vergangenheit in Österreich-Ungarn war viel schärfer.
     

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