Kollaps der Wikinger-Besiedlung von Grönland?

Dieses Thema im Forum "Die Wikinger" wurde erstellt von silesia, 12. August 2012.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Was ist eigentlich der aktuelle Stand der Erklärungen für das Ende der Wikinger-Besiedlung von Grönland?

    Wikipedia gibt da fünf Theorien:
    Geschichte Grönlands ? Wikipedia
     
  2. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Die gefundenen Skellete und Leichenteile aus der Spätzeit der Kolonie die man ausgegraben hat zeigen ohne Ausnahme Symptome schwerer Mangelerkrankungen und chronischer Unterernährung, fast alle litten beispielsweise unter Rachitis.

    In der Spätphase der Kolonie waren archäologisch nachweisbar keine Kühe mehr vorhanden, anscheinend auch keine Hunde mehr. Das deutet auf eine schleichende Hungerkatastrophe hin. Die Grönländer gingen wenn das Fundgut so weit stimmt aber eben auch nicht zu einer Lebensweise wie die der Eskimos über, ersetzten also die fehlenden Lebensmittel nur unzureichend durch Jagdbeute. Sie hielten im Gegenteil an ihrer althergebrachten Lebensweise zäh fest.

    Zugleich scheint die Kirche in Grönland eine unheilvolle Rolle gespielt zu haben. Es gab dort im Verhältnis zur Bevölkerung bereits im 14 Jahrhundert unglaublich viele Kirchen, und die Priester und die Bischöfe hatten sich bereits zu diesem Zeitpunkt fast das gesamte nutzbare Land unter den Nagel gerissen. Während die Laien offenbar chronisch hungerten, besassen die Bischöfe für sich allein fast alle Kühe die zu diesem Zeitpunkt noch übrig waren. So weit man es nachweisen kann, gab es gegen diese extreme Ungleichverteilung nie einen Aufstand bzw Widerstand, vielleicht waren die Kolonisten auch einfach zu erschöpft und hungrig dafür.

    Desweiteren deuten die Funde in Eskimosiedlungen darauf hin, dass die Eskimostämme kriegerisch gegen die Kolonisten vorgingen.

    Ich würde daher von einem Faktorenbündel ausgehen: Armut, Extreme Ungleichverteilung, Unterdrückung durch die Kirche, Chronische Unterernähung, Mangelkrankheiten, geringe Fruchtbarkeit bei sehr hoher Kindersterblichkeit, keine Zuwanderung aber konstante Abwanderung, Krieg mit den vordringenden Eskimostämmen.

    Meiner Meinung nach war kein Faktor für sich allein entscheidend, es gab also nicht den einen Grund für das Verschwinden der Kolonie, sondern mehrere Gründe griffen ineinander über und verstärkten sich auch noch gegenseitig.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Vielen Dank für die Darstellung.

    Hast Du hierzu eine Literaturstelle?
     
  4. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Ich kenne das, so ähnlich zusammengefasst aus J. Diamonds "Collapse".
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  6. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Ergänzend noch:

    Viking Greenland von Krogh

    Settlement and Subsistence in the North Atlantic von Morris

    The Norse in the North Atlantic von Bigelow

    Ausschlaggebend für die Darstellung des Untergangs der grönländischen Kolonie sind immer noch primär die Ausgrabungen, die man in Herjolfnes gemacht hat. Dort hat man einen Friedhof aus der Endzeit der Kolonie und einige Gehöfte ausgegraben. Dabei wurde sogar die Kleidung durch den Dauerfrostboden hervorragend konserviert, so dass man aufgrund der Funde sehr gute Aussagen über die letzten Jahrzehnte der Kolonie treffen kann. Diese Erkenntnisse werden noch durch Ausgrabungen in Inuit-Siedlungen aus dieser Zeit ergänzt.

     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 15. August 2012
  7. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Was in keinem der mir bekannten Bücher als Grund genannt wird, ist die heillose Überbevölkerung der grönländischen Kolonie zu ihrer Blütezeit.

    Als Grund für die Hungerkatastrophe die schließlich zum Zusammenbruch der Kolonie führte, wird fast immer die Klimaveränderung angeführt. Tatsächlich aber war diese viel weniger wesentlich als die durch Überbevölkerung hervor gerufene Degradation und Zerstörung der Böden.

    Laut Quellen gab es in der Ostsiedlung auf dem Höhepunkt 190 Höfe. Die schriftlichen Quellen stimmen hier aber eben nicht. Die Mauern der Höfe sind ja noch heute sichtbar und durch simples Nachzählen und Ausgrabungen hat man festgestellt, dass es zeitgleich auf dem Höhepunkt der Kolonie um die 450 Höfe allein in der Ostsiedlung gab.

    Noch heute sind große Teile Islands Wüsten, wegen Überweidung durch Schafe. Schafe waren auch auf Grönland die primäre Landwirtschaftliche Nutzung der Böden. Auf dem Höhepunkt der Kolonie gab es aber darüber hinaus auch noch eine erstaunlich hohe Zahl von Rindern und Ziegen.

    Die Bodenerosion die durch Überweidung die Böden in völlig unfruchtbare und vegetationsfreie Wüste verwandelt, kann man heute noch in Island überall betrachten.

    Ich habe daher meine eigene These zum Untergang der Grönlandkolonie: dass der primäre Grund nämlich höchst einfach die völlige Übernutzung und Zerstörung der Vegetationsflächen durch Überweidung und Überbevölkerung war. Die Kolonie begann allein schon dadurch zusammen zu brechen, während dann andere Faktoren diesen Zusammenbruch zeitgleich noch beförderten.

    Und in keinem mir bekannten Werk wird die unheilvolle Rolle der Kirche besonders hervor gehoben. Es gab in Grönland im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Kirchen als sonstwo zu dieser Zeit. Und die Priester und Bischöfe eigneten sich im Laufe der Zeit fast alle guten Weideflächen und fast alles Vieh an. Während die Bauern bereits hungerten und an Mangelkrankheiten litten, wurden die Ställe und damit anscheinend auch die Herden des Bischofs immer größer. Und dies, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Erosion und Zerstörung der Weideflächen bereits erheblich gewesen sein muss.
     
  8. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    zwar etwas älter, aber immer noch eine recht umfassende Darstellung:
    Harald Steinert "Tausend Jahre Neue Welt " /Stuttgart 1982 / ISBN 3-421-06113-0

    ,
    stimmt, aber die innerisländischen Wüstengebiete sind nicht der Überweidung zuzuschreiben sondern Folge der klimatischen und vulkanischen Gegebenheiten. Landmannalaugar, Sprengisandur, Gásasandur usw. gab es schon vor der Besiedlung.
    Zwar gab es im 9. Jh. als die ersten Siedler kamen, in Island einen dichten Birkenbestand, und 40 Prozent der Insel waren bewachsen, aber rund 60 Prozent waren Ödland und Wüste. Überweidung, Abholzung und Erosion haben die Fläche natürlich vergrößert bzw. die Birkenwälder nahezu eliminiert.

    Was die Grönländer betrifft , so haben wir es hier mit einer Gesellschaft zu tun ,die aufgrund ihrer Wirtschaftsweise und Tradition auf Importe für sie lebensnotwendiger Resourcen ,besonders Holz und Metallprodukte, angewiesen waren . Letztere waren wiederum besonders für den Schiffbau notwendig.
    Und da haben wir genau den Punkt.Als es zur Klimaverschlechterung kam, kam über Jahre und Jahrzehnte kein Schiff mehr nach Grönland durch und der Import doieser lebensnotwendigen Güter blieb aus.Die Grönländer konnten mangels Material auch keine eigenen Schiffe bauen um ihrerseits die Isolation zu durchbrechen und z.B. Island- oder Marklandfahrten zu unternehmen oder auch nur die Nordseter weiterhin als Weidegebiet effektiv zu nutzen.das wiederum führte zu einer Konzentration des Viehbestands auf Vester- und Österbygd und hier zu Überweidung mit den üblichen Folgen.
    Hinzu kamen Ernteausfälle ,die nicht durch die Einfuhr von Saatgut ausgeglichen werden konnten.
    Das ganze muß relativ kurzfristig zu einer prekären Versorgungssituation der Gesellschaft geführt haben,die sich natürlich zu erst in einem Auseinanderklaffen der sozialen Schere manifestiert hat.
    Daß es hier nicht zu sozialen Aufständen kam mag zum einen drin begründet sein dass die Gemeinschaft klein genug war,um sie effelktiv zu kontrollieren und andererseits an der äüßeren Bedrohung durch die "Skrälinger"

    Was die Kirchen betrifft ist mein Stand:
    9 Kirchen,1 Dom, 2 Klöster in der Österbygd und 2 Kirchen in der Vesterbygd
    wobei etliche dieser Kirchen nur Kapellen eines Bauernhofs ohne Pfarreigewesen sein dürften- damit hätte deren eigentlich Anteil nicht über dem mitteialterlicher Städte in Europa gelegen.
     
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  9. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Ich meinte nicht die Innerisländischen Wüstengebiete, sondern explizit Gebiete, die zum Zeitpunkt der Besiedelung noch fruchtbare Vegetationsflächen waren. Der Anteil dieser Flächen wird heillos unterschätzt, was in Island auch ein Politikum ist, da eine Einschränkung der Beweidung durch Schafe auf massiven Wiederstand der Landbevölkerung trifft.

    Trotzdem wurden in einigen Gebieten Schutzzäune errichtet und die Ergebnisse sprechen für sich. Selbst jetzt schon, ist ein erheblicher Unterschied in der Vegetation zwischen den geschützten und den beweideten Flächen ganz offensichtlich.

    Und sogar Teile der Innerisländischen Wüstengebiete waren früher Weideflächen.

    Zur Frage der Holzversorgung der Grönländer möchte ich auf die großen Mengen an Treibholz (bis hin zu ganzen Stämmen) verweisen, die insbesondere an der Westgrönländischen Küste zu finden sind.

    ....
     
  10. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Die Importe blieben nicht wegen der Klimaabkuehlung aus, sondern weil die Groenlaender keinen Gegenwert zu bieten hatten. Den urspruenglich begehrten Walross-Stosszaehnen wurde durch afrikanisches Elfenbein der Rang abgelaufen.

    Das fuer die Stahlerzeugung benoetigte Holz wuchs nicht in Groenland, es wurde zunaechst aus Vinland (Amerika) herbeigeschafft, spaeter reichte es nicht mal mehr zum Bau von Schiffen. Man hat Messer gefunden, die bis auf den letzten Millimeter abgenutzt waren.

    (nach J. Diamond)
     
  11. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    wurde leider unterbrochen
    ...

    Die Kolonie war bis auf ganz bestimmte Güter (beispielsweise Messer, Äxte usw) gar nicht so sehr auf Importe angwiesen. Und diese hätte man durchaus bezahlen können, beispielsweise mit Fischprodukten, Fellen, Narwalstoßzähnen usw

    Abgesehen davon, wurde der Schiffsverkehr zu der Zeit, wo die Kolonie unterging durch die Klimaveränderung noch gar nicht eingeschränkt. Die Kolonie ging bereits unter, als die Schiffswege noch frei waren. Die Begräbnissitten und die Kleidung in den letzten Jahren der Kolonie zeigen zudem, dass der Kontakt nicht abgerissen war, es müssen bis zuletzt zumindest hin und wieder Schiffe nach Grönland gekommen sein. Es gibt noch von 1534 einen isländischen Bericht über eine Fahrt nach Grönland, bei man noch einige wenige Menschen und Schafe angetroffen haben will.

    Importe wären also noch möglich gewesen, waren aber gar nicht so wichtig. Die abgenutzten Messer könnten auch auf die extreme soziale Schieflage in der Kolonie hinweisen. Man hat noch aus den letzten Jahrzehnten der Kolonie Horte von Wertgegenständen und Lebensmitteln gefunden und einzelne Skellete die von Menschen zeugen, die entgegen allen anderen wohlgenährt waren.

    Der Schiffsverkehr in diese Richtung war überigens im Verhältnis zum Gewinn schon immer sehr Risikoreich. Schon bei der Besiedelung gingen viele Schiffe auf dem Weg nach Grönland verloren. Dazu kam noch das norwegische Handelsmonopol dass sich für Grönland ebenso fatal auswirkte wie später ein eben solches Handelsmonopol für Island. Trotzdem wären Importe bis zum Schluss möglich gewesen.

    Saatgut war zudem nicht notwendig, da schon lange Zeit vor dem Kollaps nichts mehr gesäät wurde, den es wuchs dort kein Getreide. Daher musste man auch kein Saatgut importieren und es gab keinen Ausfall von Ernten, da nichts angebaut und daher nichts geerntet wurde.

    Bezüglich der Kirchen: in der Niedergangszeit der Siedlung konnte man inzwischen bereits den 1 Dom (Noch ein interessanter Aspekt ist, dass die Bischöfe von Grönland im 15 Jahrhundert gar nicht in Grönland residierten, aber die Kirchensteuern in Grönland eintreiben und zu sich bringen ließen. Und wenn hier Schiffe verloren gingen (beladen mit der Kirchensteuer) musste diese erneut entrichtet werden.) , 3 Klöster und 17 Kirchen nachweisen, und dies allein für die Ostsiedlung bei einer Einwohnerzahl von zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 500 Menschen. Das bedeutet für ca 20 bis 25 Menschen eine Kirche und liegt damit meines Wissens nach deutlich über dem Schnitt dieser Zeit.

    Wenn man nun entgegen hält, dass diese Kirchen oft nur Kapellenartig und sehr klein waren, dann muß man dazu bedenken, dass die meisten Höfe in dieser Zeit ebenfalls sehr klein und elend waren.
     
  12. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Zu der Frage, wohin die Grönländer verschwunden sind, wird meiner Meinung nach der Aspekt der Rückwanderung nach Island und Norwegen unterschätzt.

    Die Armen und Elenden blieben zurück, verhungerten, erfroren und wurden von den Inuit getötet, weil sie sich den Transport übers Meer zurück nicht leisten konnten.

    Die verbliebenen Wohlhabenden und die Priester werden Stück für Stück im
    15 Jahrhhundert nach Island und Norwegen ausgewandert sein.

    Der verbliebene Viehbestand kollabierte dann aufgrund Überweidung. Die Überweidung wird meiner Meinung nach als Faktor ebenfalls erheblich unterschätzt. In Island kann man heute überall aus eigener Anschauung sehen, wie extrem sich die Überweidung durch Schafe in diesen empfindlichen Weiden auswirkt. Die Böden gehen dann durch Erosion rasch verloren, und die Vegetation fällt über lange Zeiträume aus.

    Wo in Island Zäune Gebiete abtrennen, ist der Unterschied am Zaun direkt auf extreme Weise sichtbar zwischen Schafweide und nicht beweidetem Land.
     
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  13. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Ich habe noch mal in meinen Büchern gestöbert und bin noch auf einen interessanten Fakt gestoßen:

    Bezüglich Saatgut: Bereits der Königsspiegel berichtet, dass sich die Grönländer nur von Fleisch, Milch und Käse ernähren würden und das Getreide ein Importgut war. Bereits im 13 Jahrhundert waren die Grönländer also nur noch reine Viehzüchter und Jäger. Zu dieser Zeit sprechen die Quellen aber noch davon, dass es auf Grönland viele große und schöne Höfe gebe und die Ausgrabungen zeigen, dass in dieser Zeit noch keine Mangelkrankheiten vorherrschten so wie später im 15 Jahrhundert.

    Bezüglich der Schiffskontakte und möglicher Importe: Es gibt einen archäologischen Fund eines Kochtopfes aus Steingut, der höchstwahrscheinlich im Rheinland gefertigt wurde und von Anfang des 16 Jahrhhunderts stammt. Das heißt, dass um 1500 n Chr noch die letzten Schiffe Grönland ansteuerten und zu diesem Zeitpunkt noch einige wenige Siedler dort vorhanden gewesen sein müssen.

    Der letzte schriftliche Bericht über die Grönländer (allerdings ohne Nennung von Namen oder Anzahl der verbliebenen Siedler) stammt aus Island und bezieht sich auf eine Fahrt im Jahr 1534 bei der noch einige Menschen gesehen worden wären. Bei einer weiteren Fahrt 1541 wurden keine Menschen mehr angetroffen.

    Das allerletzte Gebäude, dass die Grönländer vermutlich in der zweiten Hälfte des 15 Jahrhhundert noch zu errichten versuchten, dass aber nie fertig gestellt wurde, war eine mittelgroße Kirche.

    Ein Grund für das Ausbleiben einer sozialen Revolte könnte neben einem kriegerischen Druck der Inuit daher auch in einer besonders ausgeprägten Religiösität der Grönländer liegen, die von den Priestern folglich mithilfe der Religion niedergehalten wurden.
     
  14. fingalo

    fingalo Neues Mitglied

    Wir wissen nicht, welche Rolle die Kirche in Grönland spielte. Die Quellen geben dazu nichts her. Ich habe die Grönland betreffenden Berichte der Annalen übersetzt und und in Grænlendingar/Quellen ? Wikipedia veröffentlicht. Insbesondere würde mich die Quelle interessieren, aus der sich ergibt, dass die Kirche sich das ganze Land angeeignet habe. Mit dem Abbruch des Schiffsverkehrs kam auch der unverzichtbare Messwein nicht mehr nach Grönland, so dass kein Gottesdienst mehr gefeiert werden konnte. Außerdem ist auch für Island bekannt, dass die Kirche und vor allem Klöster für die Armenfürsorge zuständig waren und daher entsprechende Einnahmen haben mussten. Richtig ist natürlich, dass nach dem Sprichwort: "In der Hungesnot verhungert der Koch zuletzt" die Geistlichkeit in einer besseren Ernährungssituation stand. Aber mehr als sich sattessen konnte sie auch nicht. Der Rest ging wieder an die Hungernden.

    Die Überbevölkerung und die Überweidung scheinen mir da plausibler. Denn die allgemeine Unterernährung spricht dafür, dass die Nahrungsmittelproduktion - egal, wer sie beherrschte - umgerechnet auf die Bevölkerung langfristig nicht ausgereicht hat. Dass man gleichwohl noch Nahrungsmittelvorräte gefunden hat, sollte nicht überbewertet werden. Die Besitzer können auf andere Weise als durch Hunger den vorzeitigen Tod gefunden haben. Immerhin herrschten in weiten Teilen Skandinviens verschiedene heute nicht mehr sicher identifizierbare Seuchen.

    Auch wüsste ich gern, woraus sich ergibt, dass bei Verlust eines Schiffes mit dem Kirchenzehnten dieser noch einmal zu entrichten war.
    Das mit der Abwanderung ist zwar nicht unplausibel, aber es ist eigenartig, dass nirgends in den isländischen oder norwegischen Quellen von Personen die Rede ist, die aus Grönland (zurück)gekommen seien. Das bewohnbare Gebiet Islands war zu dieser Zeit vollständig aufgeteilt. Da konnte sich niemand mehr neu niederlassen. Die Annalen lassen nicht erkennen, dass man über die Siedler aus dem Munde der Rückkehrer irgendwie Bescheid wusste.

    Auch hätte ich gerne eine Fundstelle dafür, dass Bauholz aus Vinland importiert wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2012
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  15. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    fingalo:

    Meine Ausführungen basieren mehr auf dem archäologischen Befund, und nicht so sehr auf den schriftlichen Quellen.

    Bezüglich der schriftlichen Quellen, ist gerade die Grönland-Kolonie ein Musterbeispiel dafür, dass eine bloße Reduzierung allen Geschehens auf die schriftliche Überlieferung ein falsches Bild ergeben kann.

    Musterbeispiel: Siedlungsdichte und Anzahl der Höfe. Laut den schriftlichen Quellen gab es sehr viel weniger Höfe als tatsächlich vorhanden waren. Inzwischen hat man allein in der Ostsiedlung archäologisch mehr als doppelt so viel Höfe nachgewiesen, wie in den schriftlichen Quellen erwähnt werden. Die schriftlichen Quellen stimmen also nicht.

    In den schriftlichen Quellen findet man hierzu nichts. Aber man hat in Grönland selbst Holz gefunden, dass von den Kolonisten bearbeitet wurde, und dieses Holz stammt aus Amerika, es handelt sich um definitiv in Amerika gefällte Bäume. Und es kann kein Treibholz sein, weil das Treibholz aufgrund der Strömungen und der Eisdrift ganz woanders her kommt. Und wieder einmal zeigt sich die Differgenz zwischen einer absoluten Auswertung schriftlicher Quellen und dem was Archäologisch nachweisbar ist.

    Wir wissen heute, dass Holz aus Vinland importiert wurde, schlicht und einfach aufgrund des in Grönland gefundenen Holzes.

    Eine hochinteressante Frage in diesem Kontext (Seuchen) ist es, ob die Pest Grönland erreichte oder nicht, und wenn ja, welche Auswirkungen sie dort hatte.

    Was zur Frage von Verwandschaftsbeziehungen zwischen Grönländern und Isländern führt, denn wenn solche bestanden, hätten sich die Rückkehrer ja auf dem Land ihrer Verwandten niederlassen können.

    Das ganze Land habe ich nicht behauptet, aber die Ausgrabungen haben für die Spätzeit der Kolonie eindeutig ergeben, dass die Viehstallungen die den Kirchen und insbesondere dem Bischofssitz zugeordnet werden können die mit Abstand größten sind und den größten Teil des Vieh beherbergten. Um so viel Vieh in dieser Zeit halten zu können, musste man zugleich die Kontrolle über ausreichend Weiden bzw Grasland ausüben um das notwendige Futter sicherzustellen.

    Schriftliche Quellen gibt es dazu natürlich wieder nicht.

    Man kann einen Gottesdienst auch ohne Messwein feiern. Solche Geschichten gab es ja mehrere: beispielsweise wurde meines wissens nach berichtet, dass die Grönländer kein Mehl für Hostien mehr hatten und deshalb im Gottesdienst das Tuch verehrten, auf dem die letzten Hostien gelegen hätten usw

    Bin der gleichen Meinung. Meiner Ansicht nach waren Überbevölkerung und daraus resultierende Überweidung der primäre Faktor der zum Untergang der Kolonie führte (neben anderen Faktoren).


    Anbei: Werter fingalo: ich würde gerne wissen, was du von dem Buch: Die Vinland Fahrten von Dr. Langenberg hältst?

    Das habe ich gerade gelesen und darin wird über eine Insektenplage in Grönland berichtet, die es dort in der Spätzeit der Kolonie gegeben habe und die aus Bodenfunden/Mooruntersuchungen feststellbar sei.

    Was ich mich dabei frage ist, was für Insekten das gewesen sein sollen und warum sie ein Problem dargestellt haben sollen?

    Weißt du dazu näheres?
     
  16. fingalo

    fingalo Neues Mitglied

    Mir ist im Augenblick keine schriftliche Quelle präsent, die eine Anzahl von Höfen nennt. Zudem besteht ein Hof nicht aus einem Gebäude, sondern nach damaliger Terminologie aus dem Haupthof und den Hintersassen. Daher ist es durchaus plausibel, dass archäologisch mehr Höfe festzustellen sind, als die Quellen angeben. Die Archäologie ist ohne die Quellen zum großen Teil eben stumm.

    Genau das wollte ich wissen. Ich habe es zwar vermutet, wollte es aber sicher wissen. Hast Du irgendwo ein Lit-Stelle zu der dendrologischen Bestimmung?

    Die Pest halte ich für unwahrscheinlich, weil die Ausbreitungsbedingungen nicht passen. Die Krankheitsbeschreibungen in norwegischen und isländischen Quellen lassen eine eindeutige Zuordnung zu heute gültigen Krankheitsbezeichnungen in der Regel nicht zu. Es wird wegen der hohen Kindersterblichkeit (in Island) zu dieser Zeit die toxische Diphterie diskutiert.

    Schon möglich. Aber laut- und spurlos? So viele? Und die sollen nichts über die Zustände in Grönland berichtet haben? Die Annalen berichten die Fahrten nach Grönland in einer Weise, als ob man vorher nicht bekannte Verhältnisse vorgefunden habe. Das gilt besonders für die Fahrt Ögmundurs. Kein Annalist würde schreiben, Ögmundur sei nach Snæfellsnes geritten und habe dort Höfe vorgefunden. Der Nachrichtentransfer funktionierte ja in Island sehr gut, wie die Annalen im übrigen ausweisen.

    Ich bin daher der Meinung, dass die Verbindung zu Island im 15. Jh. definitiv abgerissen ist. Die Verbindungen, die zu den "moderneren" Kleidungsstücken in Grönland führten, müssen mit Norwegen bestanden haben. Bergen war ja der Ausgangspunkt für Island- und Grönlandfahrten. Dort war es mit der Annalistik nicht weit her und auch die Informationen, die in Bergen ankamen, müssen nicht bis Trondheim gelangt sein, so dass der Informationsweg Grönland - Bergen - Trondheim - Island dort zur Darstellung führte, dass man nicht einmal wisse, ob der letzte Bischof Askel Grönland überhaupt erreicht habe. Jedenfalls gehörte er nicht zu den Rückkehrern. Was sich in Norwegen zu der Zeit abspielte, ist so gut wie unbekannt, was mögliche Rückkehrer betrifft.

    Interessant. Auch hier hätte ich gern mal den Ausgrabungsbericht eingesehen.

    Nein, man kann zwar einen Wortgottesdienst feiern, aber keine Eucharistie. Dazu ist Wein aus Trauben unabdingbar. In Zeiten größter Not hat ein isländischer Bischof beim Papst angefragt, ob er wegen fehlenden Messweins auf Beerenwein ausweichen dürfe. Wurde abgelehnt.

    Nein. Ich kenne das Buch von Inge Langenberg nicht. Von der Insektenplage weiß ich auch nichts.
     
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  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wie wird sichergestellt, dass bei der Bestimmung des Urspungsortes das Holz nicht später nach Grönland gelangt ist?

    Hast Du zu den Holzfunden eine Literaturstelle, die sich zur Herkunftsbestimmung äußert und Hypothesen zur Verbringung bietet?
     
  18. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    wie lange bzw. bis in welche Zeit hinein gab es von Grönland aus Vinlandfahrten?

    dann stellt sich mir zu diesem Faden noch eine weitere Frage:
    natürlich ist die frühe Geschichte der isländischen Grönlandbesiedlung (Kolonie halte ich für keinen ganz angemessenen Ausdruck) nicht nur spannend und abenteuerlich (und selbstverständlich gehören hier die Vinlandfahrten hinzu!) und freilich: das waren "die Wikinger" - aber macht es Sinn, für die Spätzeit (14.-15. Jh.) und den endgültigen Niedergang (erste Hälfte 16. Jh.) noch von Wikinger-Besiedlung zu sprechen? war man aud Grönland bei Lebens- und Denkweisen des 10.-11. Jhs. stehen geblieben? oder entwickelten sich die Siedler dort parallel zur isländischen bzw. skandinavischen Bevölkerung, vielleicht mit etwas zeitlicher Verzögerung?
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Warum nicht? Der Colon(us) ist der Bauer.
     
  20. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ganz kurz OT:
    Der erste Satz, den wir im Lateinunterricht lernten, war: "Rusticus laborat." --> "Der Bauer arbeitet (mueht sich ab)." Gibt es einen Unterschied zwischen "rusticus" und "colonus" oder sind die gleichbedeutend?

    Gruss, muheijo
     

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