Konflikt und Gewalt durch komplexere neolithische Gesellschaften?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von silesia, 12. Februar 2015.

  1. Dion

    Dion Aktives Mitglied


    Dennoch muss man feststellen, dass „erfolgreiche“ Gesellschaften auf individuellen Rangfolgen aufgebaut sind – obwohl sie Nachteile bei der Zusammenarbeit haben. Offenbar haben die durch Wettbewerb selektierten Individuen andere Qualitäten – sind vielleicht intelligenter und können dadurch schnellere und bessere Entscheidungen für die Gruppe treffen –, die die o.g. Nachteile mehr als ausgleichen.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Bevölkerung des Neolithikums war eine egalitäre Gesellschaft. Im Raum der alteuropäischen Donauzivilisation oder bei den Trichterbecherleuten in Nord- und Mitteleuropa finden sich weder Kriegergräber noch hervorgehobene Gebäude, die auf einen Häuptling oder Clan-Chef hindeuten. Es gab also eine "Herrschaftslosigkeit", geprägt von weit auseinanderliegenden kleinen Siedlungen mit vielleicht einem Dorfvorsteher (oder einer Dorfvorstherein?) an der Spitze.

    Dennoch waren die neolithischen Gesellschaften unerhört erfolgreich und haben Europa kultiviert und zum Teil neu besiedelt. Es muss also nicht unbedingt eine hierarchische Gesellschaft sein, die sich erfolgreich durchsetzt.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied


    Für zwingend halte ich diesen Schluss nicht gerade.

    Wenn man weder Kriegergräber noch hervorgehobene Gebäude, die auf einen Häuptling oder Clan-Chef hindeuten, findet, bedeutet das zunächst einmal nur, dass keine errichtet wurden (oder man sie nicht gefunden hat). Das könnte aber auch daran liegen, dass es zwar Häuptlinge gab, diese sich aber nicht entsprechend verwirklichten.
    (Auch heutige Spitzenpolitiker in unseren Breiten lassen sich normalerweise keine Pyramiden bauen und keine Waffen oder Herrschaftssymbole ins Grab mitgeben.)
     
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  4. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Es ist halt die Frage, was man unter "erfolgreich" versteht. Extrem hierarchische Gesellschaften wie Diktaturen und absolute Monarchien würde ich nicht als "erfolgreich" verstehen. Als besonders intelligent würde ich deren "Führer" auch nicht ansehen, eher als besonders machtbesessen, skrupellos und korrupt. Einzelne können Fehler machen, die fatal sein können. Durch Zusammenabeit kann jeder seine Fähigkeiten im Sinne der Gemeinschaft einbringen.
     
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  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Staat Ludwigs IV. gilt allgemein als eine erfolgreich absolute Monarchie.

    Auch die stalinistische Sowjetunion war erfolgreich und katapultierte das Land in wenigen Jahrzehnten an die industrielle Weltspitze. Allerdings zu Lasten der Bevölkerung, die schweres erdulden musste.

    Bezieht man die Bedrückung der Bevölkerung ein, relativieren sich "erfolgreiche" Staaten.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    open access in der Nature, Publikation zum Massengrab von Halberstadt:
    Early Neolithic executions indicated by clustered cranial trauma in the mass grave of Halberstadt

    Eine Reihe von Verletzungen wird als Exekutionen interpretiert, offenbar an nicht lokal ansässigen Menschen.

    Abstract: ~ deepL

    In der späteren Phase des mitteleuropäischen Frühneolithikums kam es zu einem Anstieg der kollektiven tödlichen Gewalt auf ein bis dahin nicht dokumentiertes Niveau.

    Dies wird durch wiederholte Massaker an besiedelten Gemeinden der Linearbandkeramik (ca. 5600-4900 cal v. Chr.), der ersten vollen Bauernkultur in diesem Gebiet, belegt. Skelettüberreste von mehreren Dutzend Opfern dieses prähistorischen Krieges sind von verschiedenen Orten in Deutschland und Österreich bekannt. Hier zeigen wir, dass das Massengrab von Halberstadt, einer neuen Massenvernichtungsstätte aus der gleichen Zeit, weitere und bisher unbekannte Facetten der frühneolithischen kollektiven tödlichen Gewalt offenbart.

    Eine hochselektierte, fast ausschließlich erwachsene männliche und nicht-lokale Bevölkerung wurde durch gezielte Schläge auf den Hinterkopf getötet, was auf eine Praxis der systematischen Ausführung unter weitgehend kontrollierten Bedingungen mit anschließender sorgloser Entsorgung der Körper hinweist. Diese Entdeckung erweitert das aktuelle Wissen über kriegsbedingtes Gewaltverhalten im frühneolithischen Mitteleuropa erheblich.


    The later phase of the Central European Early Neolithic witnessed a rise in collective lethal violence to a level undocumented up to this date. This is evidenced by repeated massacres of settled communities of the Linearbandkeramik (ca. 5600–4900 cal BC), the first full farming culture in this area. Skeletal remains of several dozen victims of this prehistoric warfare are known from different sites in Germany and Austria. Here we show that the mass grave of Halberstadt, Germany, a new mass fatality site from the same period, reveals further and so far unknown facets of Early Neolithic collective lethal violence. A highly selected, almost exclusively adult male and non-local population sample was killed by targeted blows to the back of the head, indicating a practice of systematic execution under largely controlled conditions followed by careless disposal of the bodies. This discovery significantly increases current knowledge about warfare-related violent behaviour in Early Neolithic Central Europe.
     
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  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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