Literatur zur Lineartaktik im 18. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Pausanias, 23. September 2017.

  1. Pausanias

    Pausanias Neues Mitglied


    Guten Abend,
    Kennt jemand gute Literatur, die sich mit der Lineartaktik beschäftigt? Ich habe vor kurzem "Friedrich der Große und seine Armee" von Christopher Duffy gelesen, der da auch etwas auf die Taktik eingeht, das Deployieren der Bataillone etc.
    Wie dann aber so ein Gefecht in Praxis aussah, kann ich mir aber nicht so ganz vorstellen: Also zum Beispiel wie lange dauerte ein Feuergefecht, wann griff man mit dem Bayonett an etc.
    Kennt da jemand vielleicht gute Bücher?
     
  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Georg Ortenburg - Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Kabinettskriege

    Da wird das alles recht anschaulich erklärt. bekommt man antiquarisch.
     
    Pausanias gefällt das.
  3. Pausanias

    Pausanias Neues Mitglied


    Danke für die schnelle Antwort! Das gibt es bei uns sogar in der Landesbibliothek, werde ich mir dann demnächst mal ausleihen
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich bin krank und kann die genauen Angaben jetzt nicht nachschlagen, aber viele zeitgenössische Quellen sind online verfügbar. Für Vieles von Friedrich selbst braucht es natürlich Französischkentnisse. Dienstvorschriften und die Anweisungen an seine Generäle (die erbeutet wurden und zeitnah in deutscher Übersetzung erschienen) sind auf deutsch zu finden. (Des Königs von Preußen Majestät Unterricht von der Kriegs-Kunst an seine Generals, übersetzt durch Georg Rudolf Färch, Frankfurt und Leipzig 1761.) Ein Teil ist abgedruckt in Dorn, Engelmann, Die Schlachten Friedrichs des Grossen, Augsburg 1997, aus dessen Schlachtbeschreibungen, Karten und Zeitangaben auch einige Schlüsse gezogen werden können.

    Ortenburg ist aber zu empfehlen, die Hinweise auf die Vorschriften haben den Nachteil, dass die Praxis abweichen konnte. Das Vorrücken der Infanterie bei Mollwitz wurde als 'wie auf dem Exerzierplatz' beschrieben, was nahelegt, dass das bei Weitem nicht immer so war.

    Sonst kann man feststellen, dass die preussischen Bataillone im Vorgehen Feuern sollten, also stehenbleiben, feuern, Nachladen und dann den Rest der Linie wieder einholen, weshalb die Linie in einem langsameren Schritt vorging. Den Abschluss eines jeden Angriffs sollte, so der Feind nicht geflohen war, der Bajonettangriff bilden. Friedrich hielt nicht viel davon, sich angreifen zu lassen. Allerdings sollen die Soldaten durchaus selbstständig zum Bajonettangriff übergegangen sein, wenn der Feuerkampf bei schrumpfender Entfernung zu viele Opfer forderte. Dazu kommt die zeitgenössische Vorstellung eines regelmäßigen, gleichsam mathematischen Vorgehens, was die Wahrnehmung der Quellenautoren sicher beeinflusste, was sich wiederum auf alle heutigen Beschreibungen auswirkt. Während also Vorschriften recht leicht darzustellen sind, ja die Dauer eines Angriffs sogar ungefähr danach berechnet werden kann, ist es bei der Darstellung der Realität nicht ganz so einfach, zumal es Beispiele gibt, dass ausdrücklich erwähnt wird, dass bei den Preußen auch im Kampf größere Disziplin bei der Einhaltung der Vorschriften herrschte, als Anderswo.

    Ich will sagen, dass selbst die beste Darstellung in diesen Fragen auf einer Einschätzung des Autors beruht.
     
    Pausanias und Bdaian gefällt das.
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich finde Ortenburg auch ganz gut.

    Sehr anschaulich finde ich die Grafiken im Obscure-Battles-Blog.
    Siehe hier unter "Firepower" (ziemlich weit unten): Obscure Battles: Fontenoy 1745
    Der Vergleich der britischen und französischen Feuervarianten wird hier deutlich unter "Platoon Fire vs Fire by Ranks": Obscure Battles: Blenheim 1704

    So eine Gegenüberstellung ist in Büchern schwer herauszulesen. Manchen Autor interessiert es auch nicht, die wirklich Ursachen des Missverhältnisses der Verluste von Briten und Franzosen bspw. herauszuarbeiten, auch wenn man ohne dies die Ursachen des Verlaufes vieler Schlachten einfach nicht verstehen kann.

    Ich denke, dass man bei Mollwitz den großen Gegensatz zwischen Österreichern und Preußen beachten muss und das Terrain.
    1. Die Österreicher sollen in großem Umfang ihre Infanterie, die auch numerisch massiv unterlegen war, aus Rekruten zusammengesetzt haben. Obwohl selbst im taktisch (siehe oben) altmodischen Frankreich Jahre zuvor bereits der eiserne Ladestock eingeführt worden ist, sollen noch viele Österreicher hölzerne Ladestöcke gehabt haben. Das machte in der Kombination mit unerfahrenen Soldaten das Treffen noch ungleicher. In Relation dazu musste so ziemlich jede Armee lehrbuchmäßiger bekämpft haben (in anderen Fällen wurde für gewöhnlich die Professionalität des österr. Militärs vor allem gegenüber den Franzosen unterstrichen).
    2. Das Gelände, wo sich der Kampf der Infanterie abspielte, war im Großen und Ganzen ideal, derweil die Kavallerie zumindest auf dem linken preußischen Flügel, wo sie dann erfolgreich kämpfte, mit Geländehindernissen kämpfen musste.
     
    Scorpio, Pausanias und Riothamus gefällt das.
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, Mollwitz hatte Besonderheiten. Die Preußen dort waren ja in aller Regel auch keine Veteranen.

    Was ich betonen wollte, war, dass es von österreichischen Offizieren als Besonderheit vermerkt wurde, dass die Preußen wie auf dem Kasernenhof vorgingen, was somit keine Regelmäßigkeit darstellte und auch an der Unerfahrenheit der Preußen gelegen haben kann. Der Drill hatte ja auch den Zweck, dass das Eingeübte unter Kampfbedingungen dann auch abgespult wurde.
     
    Pausanias und Brissotin gefällt das.
  7. Pausanias

    Pausanias Neues Mitglied

    Ich habe mir gerade den Ortenburg geholt, und muss sagen, dass er das Thema sehr anschaulich darstellt, insbesondere die viele Grafiken sind klasse.
    Zu Mollwitz schreibt Ortenburg, dass die Preußen ab 300 Metern mit Pelotonfeuer begonnen haben. Aber ist das nicht eine viel zu große Distanz? Man liest ja häufig, dass die ideale Schussweite bei 100 Metern bzw. Yards oder noch darunter lag. Zudem ist auf dem Schlachtfeld die Sicht doch auch massiv durch den Pulverqualm eingeschränkt. Also hat man dann überhaupt was getroffen?
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Experimente zur Effizienz wurden in Preußen erst nach der Niederlage 1806 durchgeführt. Und sind das 300 Meter oder 300 Schritt? (1 Schritt sind ungefähr 75 cm.)

    Ein Scheunentor hätten sie nicht getroffen, aber das Ziel war ja größer und auch die anhaltende Gefahr tat seine Wirkung.
     
  9. Pausanias

    Pausanias Neues Mitglied

    Bei Ortenburg findet sich eine Statistik, nach der die Trefferquote auf 300 Meter (Bei Testbedingungen) bei 20% lag. Gut, selbst wenn es in der Praxis wesentlich weniger war, wird es dann wohl doch noch einigermaßen Effekt gehabt haben. Wenn man bedenkt, wie viele Kugeln heutzutage pro Treffer abgefeuert werden ( US forced to import bullets from Israel as troops use 250,000 for ), war die Muskete doch gar nicht so ineffektiv. Klar, der Vergleich hinkt, da heute Kriegsführung sich ziemlich stark unterscheidet, aber interessant ist es schon.
     
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Das wird auf die Versuche 1806 zurückgehen. Das waren ja noch die alten Waffen. Ich schaue mal, irgendwo habe ich die Zahlen.

    Bei der langsamen Feuerrate war die Trefferquote schon interessant, zumal das auf zwei Meter hohe Ziele mit der Länge der Front einer Einheit getestet wurde, also auch ganz klare Fahrkarten als Treffer erfasst wurden.
     

Diese Seite empfehlen