Luftkrieg: Atombombenabwurf auf Hiroshima - warum dort?

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von naty, 6. Juni 2010.

  1. hatl

    hatl Premiummitglied


    Warum ausgerechnet Hiroshima?

    Ein sonniger Tag im August.
    Nur ein einziger Bomber hoch am Himmel. Gefahr sieht anders aus in diesen Tagen.
    Danach ein Blitz und die Stadt ist weg und die Bewohner zum guten Teil augenblicklich verbrannt und erschlagen.

    Das war in gewisser Weise auch ein grausiger Test. Denn diese besondere Bauart (Guntype) erbrachte den ersten Nachweis ihrer Funktionsfähigkeit tatsächlich über Hiroshima. (Die Bauart der Nagasakibombe erfuhr den ersten Test (Trinity) drei Wochen vorher)

    Also das ist wirklich nagelneu und hat sehr viel gekostet.
    Leo Szilard, der den Einsatz der Atombombe gegen Japan ablehnt, erinnert ein Gespräch mit dem Rüstungsminister Byrnes zu diesem Thema im Vorfeld der Entscheidung:
    „Er [Byrnes] sagte wir hätten zwei Milliarden Dollar für die Entwicklung der Bombe ausgegeben, und der Kongress würde wissen wollen was wir dafür erhalten hätten.
    Er sagte: „Wie können Sie den Kongress dazu bringen künftig angemessene Mittel für die Nuklear-Forschung breitzustellen, wenn sie keine Ergebnisse für bereits ausgegebenes Geld vorweisen?““
    LeMay, Chef der strategischen Luftstreitkräfte, bleibt derweilen auch aktiv und weist auf diesen Umstand hin: Mit dem 1. Januar 1946 wird die strategische Bombardierung Japans voraussichtlich abgeschlossen sein. D.h. es wird keine brauchbaren Ziele mehr geben. „.. so availability for future targets will be a problem.“
    LeMay hat 3 Ziele reserviert (Kyoto, Hiroshima, Niigata).
    Es sind drei kleinere Großstädte. Welche es treffen soll, so denn die Atombombe endlich verwirklicht werden kann, was ja zunächst ungewiss bleibt, unterliegt kurzfristiger Entscheidung; insbesondere nach Lage Wetterverhältnisse. [1]

    Warum diese Städte? (Nagasaki ist erstmal nicht dabei.)
    Nun, das Wesen der neuen Waffe scheint solche Ziele zu bevorzugen:.
    Die Zielkommission von Los Alamos spricht im Mai 1945, es ist noch keine funktionsfähige Atombombe vorhanden, folgende Empfehlung für den Einsatz aus:
    „ At the Target Committee Meeting at Los Alamos in May 1945, it was recommended that “pure military” targets not be considered: “It was agreed that for the initial use of the weapon any small and strictly military objective should be located in a much larger area subject to blast damage” — that is, a city, an urban area — “in order to avoid undue risks of the weapon being lost due to bad placing of the bomb.”11
    [2]
    Ein militärisches Ziel also, sinnvoller Weise, mindestens nahe dem Zentrum einer großflächig vorhandener zivilen Umgebung sein müsse.

    (Denn die Zielgenauigkeit ist damals schnell überfordert und man geht leicht das Risiko ein, die teuerste jemals gebaute Waffe verpuffen zu lassen.)
    Wie Truman, der ja erst am 12-13. April von der Existenz der neuen Möglichkeit erfahren durfte, in diesem Geflecht agierte und sich justierte, wird von Wellerstein untersucht.

    Am 6. August 1945 wird Hiroshima verbrannt und weggeblasen. Trumans Presseerkläurung wird irreführend die Zerstörung eines militärischen Zentrums hervorheben.

    Es wird die Frage bleiben: Warum ausgerechnet Hiroshima?

    [1] Richard Rhodes – The Making Of The Atomic Bomb – S. 638- 639.
    (Übersetzungen durch mich)
    [2] http://blog.nuclearsecrecy.com/2018/01/19/purely-military-target/
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Februar 2018
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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  3. hatl

    hatl Premiummitglied


    Warum ausgerechnet Hiroshima?

    Ich versuche mal den speziellen Teil der Story einzufangen.

    Die Bombe nähert sich der Vollendung, und natürlich können die Physiker, die gerade im Begriff sind das schaurigste aller Wunder zu vollbringen, auch abschätzen welche Umgebungsbedingungen hierfür vorteilhaft sind.
    Militärs und Physiker treffen sich bei Oppenheimer am 10. und 11. Mai 1945 und entwerfen eine Liste von Zielen. Dies als eingesetztes Komitee zur Zielbestimmung für die neue Waffe.
    Ein Memorandum darüber wird für Groves erstellt, dem militärischen Partner Oppenheimers.
    https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB162/6.pdf

    Oppenheimer präsentiert als Gastgeber die Tagesordnung der zu diskutierenden Ziele.

    Der erste Punkt der Agenda behandelt detailliert die optimale Detonationshöhe und deren erforderliche Genauigkeit für optimale Zerstörungsentfaltung.
    Oppenheimer hat sein Rechengenie von Neumann dabei, und zieht temporär, für die zunächst stattfindenden Diskussion der physikalischen Zerstörungsentfaltung, zwei weitere Topphysiker hinzu. „Dr. Bethe and Dr. Brode“ 1)
    Und es geht auch um allgemeine technische Planung, wie Wetter und Zielerkennung, wo und wie Start und Landung des Trägerflugzeugs erfolgen sollen, und welche Flugmanöver erforderlich seien, usw.. und auch um die erforderliche Flexibilität der Planung angesichts eines sich wandelnden Felds der kriegerischen Auseinandersetzung.

    Es werden auch psychologische Effekte besprochen 2). Also welche Art der Anwendung den größten Schaden beim Kampfeswillen des Gegners auslösen würde.
    Im Vorfeld des Meetings der Zielkommission wurden verschiedene Schauplätze künftiger Zerstörungen genauer untersucht und bewertet.
    Diese sind dieser Reihenfolge so benannt:
    „Kyoto“ eingestuft als „AA Target“, ebenso wie „Hiroshima“, ..
    dann „Yokohama“ und „Kokura Arsenal“ „A Target“,
    „Niigata“ „B Target“
    Und zu guter Letzt wird auch noch die Möglichkeit des Abwurf der Atombombe auf den Palast des Tennos erwähnt, und hier schrecken die Verfasser des Memorandum ausdrücklich vor einer Empfehlung zurück, denn spätestens jetzt geht das Spiel sehr ins Politische.

    Schauen wir uns die zwei Favoriten (AA Target) an:

    Psychologisch ist Kyoto der Knaller. Die alte Kaiserstadt ist von hoher Symbolwirkung.
    Aber das Ziel ist ausgedehnt, und neben einem Eisenbahnknotenpunkt würde man verehrte Kulturschätze vernichten, mitsamt einer großen Anzahl von unbewaffneten Zivilisten, ohne die Stadt selber auszuradieren.
    Doch, so der Bericht, könne dies durchaus vorteilhaft sein. Und diese Einlassung ist eigentlich schon lesenswert widersinnig und geradezu grotesk: 'Vom Standpunkt der Psychologie besteht ein Vorteil Kyotos darin, dass es ein intellektuelles Zentrum Japans darstellt und die Bewohner [daher] eine größere Neigung haben die Wirksamkeit einer solchen Waffe zu verstehen' (PDF-Seite 4 – Übersetzung durch mich).

    Die Empfehlung Hiroshima, das andere AA Target, ist dagegen ohne Zweifel fundiert beschrieben:

    Umgebende Berge die wahrscheinlich die Druckwelle beachtlich bündeln werden, und man könne die Stadt, (im Gegensatz zu Kyoto) mit diesem Schlag weitgehend zerstören.

    Zudem sei Hiroshima militärisch relativ bedeutsamer.

    Die Zieldiskussion wird sich anschließend polarisieren zwischen Kyoto und Hiroshima.
    ..und zwischen Politik und dem militärtechnischen Komplex.
    Hiroshima wird verbrennen und gewesen sein am falschen Ort zur falschen Zeit.
    ---

    Anmerkungen:
    1) wenn mich nicht alles täuscht sind das Hans Bethe und Robert Brode. - Physiker
    Weitere Teilnehmer:
    Robert R. Wilson, -.Physiker
    Thomas Farrell und Colonel Seeman, - Militärs mit ziviler technischer Ausbildung.
    Captain Parsons https://www.atomicheritage.org/profile/william-deak-parsons
    ist gelernter Militär und zuständig für die Gestaltung der Bombe im Sinne einer militärischen Verwendbarkeit.
    Dr. Stearns, Physiker..
    Man kann sich das ja mal reinziehen und ich will dabei auch mal das Hohelied auf Wikipedia singen.
    Also das sind Physiker und Militärtechniker. Die verfassen den Zielreport gerichtet an Groves, der die Schnittstelle zur Politik darstellt: Byrnes, Stimson, Truman,

    2) das ist ja vielleicht auch eine besondere Groteske dieses Bühnenstücks wenn man die Zusammensetzung der Protagonisten betrachtet.
     

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