Luther ein Antisemit?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von Zweterpegat, 27. April 2011.

  1. Zweterpegat

    Zweterpegat Neues Mitglied


    Die Frage ist aus reinem Interesse gestellt:
    Es ist ja weitgehend bekannt das es im Mittelalter Judenfeindlichkeit gab, aber habe davon gehört, dass Marthin Luther antisemitische Schriften zur Zeit der Reformation verfasst hat. Meine Frage: Stimmt das? Weiß jemand von euch darüber etwas?
     
  2. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

  3. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2011
  4. Ghosty

    Ghosty Neues Mitglied

    Martin Luther antisemitischer Einfluss

    Ich hatte da mal eine persönliche Frage zu Martin Luther. Ich weiß bereits, dass er antisemitische Schriften verfasste, die gegen die damalige jüdische Bevölkerung gerichtet war. Meine Frage war nun, welche Auswirkungen es auf die DAMALIGE Geselschaft hatte. Ich habe bereits viel darüber gelesen, dass im 3. Reich seine Schriften oft zitiert wurden. Jedoch lässt sich kaum etwas darüber finden, welchen Einfluss diese auf die damalige Gesellschaft hatte?
     
  5. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

  6. Ghosty

    Ghosty Neues Mitglied

    Danke erstmal für die Antwort. Mich würde es noch interessieren, inwiefern die Juden den Fürsten nützten. Ich weiß bisher nur, dass die Juden damals doch eher negativ gesehn wurden. Inwiefern war das jetzt bei den protestantischen Fürsten etc. anders? Und gab es noch andere, wie etwa Kurfürst Johann Friedrich die auf Luthers Schriften hin etwas gegen die Juden unternahmen?
     
  7. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

    Nützlich waren sie z.B so
    Hoffaktor ? Wikipedia
    Und ob die Fürsten katholisch oder protestantisch waren, machte da keinen Unterschied.
     
  8. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Ich kenne mich mit M. Luther nicht so aus, aber dachte und schrieb der "teutsche Mönch" Luther denn tatsächlich antisemitisch oder doch eher antijudaistisch?
    In Spanien soll es ja vor Luther schon Tendenzen gegeben haben, die Juden nicht als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft abzulehnen, sondern sinngemäß als Träger eines andersartigen Blutes zu hassen (unabhängig vom Glaubensbekenntnis). Aber hat auch Luther einen getauften und Christus bekennenden (ehemaligen) Juden weiterhin als Juden und als Gefahr verstanden oder hat er einen solchen als Christen aufgefasst. Weiß das jemand? Interessiert mich.
     
  9. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

    Was Luther angeht, hast gemäß der heute üblichen Unterscheidung durchaus recht. Luther störte nicht die Abstammung der Juden, sondern, dass sie sich nicht zum "rechten Glauben" bekehren lassen wollten.

    In Spanien lassen sich zwar am Übergang von Mittelalter zu Neuzeit erste Elemente von nicht mehr nur religiös begründetem Judenhass registrieren. Aber im Kern war das Problem der Conversos, dass ihnen die Konversion nicht geglaubt wurde. Sie hatten also immer noch nicht das "falsche Blut", sondern (angeblich oder tatsächlich) immer noch den "falschen Glauben".
     
  10. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    @ Liborius:
    Danke. Sehr aufschlussreich für mich.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Bereits mittelalterliche Fürsten und Herrscher stellten Juden als Kammerknechte unter ihren Schutz und duldeten ihre Ansiedlung, ließen sich diesen Schutz aber teuer bezahlen, weshalb "Schutzjuden" häufig als Ausbeutungsobjekte behandelt wurden. Die Mitgliedschaft in Gilden oder Zünften blieb Juden versagt, und ihnen standen nur wenige Gewerbe offen. Wirklich lukrativ war eigentlich nur der Juwelen- und Münzhandel, über den es einzelnen Hoffaktoren wie Mayer Amschel Rothschild gelang, Kontakt zu vermögenden Fürsten wie Wilhelm IX. Landgraf und später Kurfürst von Hessen herzustellen. Der alte Rothschild hatte diesen Kontakt der numismatischen Leidenschaft des Fürsten für seltene Münzen zu verdanken. Wie das Beispiel des Joseph Süß- Oppenheimer zeigte, der nach dem Tod Alexander von Württemberg einem Justizmord zum Opfer fiel, war die Zusammenarbeit mit Fürsten nicht ohne Risiken. lDennoch spielten Juden im Wirtschaftsleben des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle, denn Christen war es verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Bei dem geringen Bargeldumlauf vor allem auf dem Land hätte z. B. der Viehhandel ohne jüdische Kreditgeber gar nicht funktioniert, und bei vielen Krediten handelte es sich um geringe Beträge mit extrem langen Laufzeiten, doch zu den Vorurteilen und Vorwürfen gegen Juden wurde immer wieder, auch von Luther der Vorwurf des Wuchers laut. Luther war recht radikal in seinen Ansichten und propagierte in seinem Pamphlet "Wider die Juden und ihre Lügen", u.a. ihre Enteignung, die Zerstörung der Synagogen und die Einziehung der heiligen Schriften.
     
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hierzu ergänzend die fürstlich gesteuerten Ansiedlungen von Juden im oberschwäbischen Neckarraum, eine Maßnahme, mit welcher sich der verschuldete Hochadel noch eine Weile über Wasser zu halten versuchte (vgl. Prof. Quarthal) - die heutigen jüdischen Friedhöfe amoberen Neckar, z.B. in Haigerloch, sind beredtes Zeugnis.

    aber mir drängt sich ein anderer Gedanke auf: ist antisemitisch für antijudaische Publikationen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit eine angemessene Wortwahl?
     
  13. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Dabei muss man sich nicht allein auf jüdische conversos eingrenzen.
    Die im Verlauf der reconquista zum Christum übergetretenen Muslime
    wurden gleichermaßen verdächtigt , bespitzelt und der Inquisition
    angezeigt .
    Offenbar bestand im damaligen Spanien eine besonders fanatische
    Glaubenspraxis , welche wohl auch von der Furcht vor einer Rückkehr
    der moslemischen Herrschaft gegründet war.
     
  14. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Lies dir einfach mal ein paar Auszüge Luthers Werken durch. Eine andere Wortwahl wäre wohl nur verharmlosend. Immerhin wirft er den Juden nicht nur eine quasi parasitäre Lebensweise als Wucherer und Ausbeuter vor, nein sie seien das Unglück der Welt und eine Art Pestilenz, er fordert die Verbrennung ihrer Schrift und Synagogen, ihre Enteignung und Vertreibung sowie die Heranziehung zur Zwangsarbeit.
     
  15. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

    Weshalb heutzutage zwischen Antijudaimus und Antisemitismus unterschieden wird, haben wir ja schon mal diskutiert. Das hat mit den Gründen für die Antihaltung zu tun. Die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Juden (bzw. die, die als solche galten) Ablehnung, Hass bis hin zu Pogromen mit zahlreichen Toten waren nicht so unbedingt unterschiedlich. Antijudaismus war nicht a priori gemäßigter oder harmloser.
    http://www.geschichtsforum.de/f29/vom-antijudaismus-zum-antisemitismus-38918/
     
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ich kenne einiges von Luther, der gerne eine deftige Sprache einsetzte ("wider die räuberischen und mörderischen Rotten", womit diesmal die aufständischen Bauern gemeint sind) -- nein, ich kann mich im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs und der darin nicht ausblendbaren Konnotationen nicht so recht damit anfreunden, Luther als antisemitisch und womöglich in Folge davon als Antisemiten zu sehen.

    (un poco scherzando)...möglicherweise sieht das die katholische Kirche ähnlich, denn warum lässt sie sich sonst das Totschlagargument "sehet, euer reformatorischer Ketzer ist ein Antisemit, ein Prae-Goebbels geradezu" entgehen? ;)
     
  17. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Liborius hat das ja schon ziemlich gut gesagt. Die Bezeichnung "Antijudaismus" soll und will als Pendant zum Begriff "Antisemitismus" nicht verniedlichend wirken; und Antijudaismus ist nach heutigem Empfinden gewiss auch kein Kavaliersdelikt.

    Es ist auf einer gewissen Ebene der Beurteilung völlig egal, ob man einen Juden wegen seiner Religionszugehörigkeit an den Galgen wünscht, oder ob man ihn wegen seiner vermeintlichen "Rassenzugehörigkeit" ebendahin wünscht. Beides darf und soll uns heute gleichermaßen abschrecken. Trotzdem muss der Historiker bei Luther (und auch sonst) zwischen Antijudaismus und Antisemitismus unterscheiden, um korrekt zu sein. Denn es besteht schon ein qualitativer Unterschied zwischen diesen beiden "Verbrechen". Einen Menschen wegen seines Blutes/ seiner Rasse/ seiner Gene abzulehnen (wie im Antisemitismus), heißt diesen Menschen von seiner Zeugung an bis zu seinem Tod hin bedingungslos und ohne Gnade abzulehnen. Einen Menschen wegen seiner Religionszugehörigkeit und den daraus vermeintlich resultierenden typischen, schädlichen Machenschaften abzulehnen (wie im Antijudaismus), heißt eigentlich, die Religion und die damit vermeintlich verbundenen Machenschaften dieses Menschen abzulehnen, nicht aber den Menschen selbst abzulehnen. Denn sobald dieser Mensch Christ wird, hat er seinen Makel vollends verloren. Für den Antisemiten ist und bleibt der Jude ein Jude und verabscheuenswürdig, ganz egal wie er denkt, glaubt und handelt. Der Jude hat keine Chance, anders zu werden bzw. anders beurteilt zu werden. Für den Antijudaisten ist der Jude nur solange Jude und verabschäuenswürdig, wie er jüdischen Glaubens ist. Antijudaismus ist zwar immer noch schlimm genug, aber trotzdem basiert er doch auf einem ganz anderen Menschenbild als bei den Antisemiten. Hier (unter den Antijudaisten): Jeder Mensch wird errettet, wenn er an Christus glaubt; dort (unter den Antisemiten): Gewisse Menschen sind und bleiben für immer Abschaum.
    Zwischen beidem besteht schon ein tiefer Unterschied im Menschenbild, finde ich.
     
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  18. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    genau darauf wollte ich hinaus, und in diesem Sinne finde ich den Titel dieses Fadens etwas unglücklich bzw. irreführend formuliert.
     
  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ich finde die Äußerungen zum Bauernkrieg auch kaum weniger ekelhaft.

    Das Problem bei Luthers politschen Äußerungen über die Jahre ziemlich schwankend sind. Er wechselt scheinbar spontan zwischen populistischen Jähzorn und diplomatischer Vernunft. Einen konsistenten Entwurf einer neuen Ordnung liefert er nicht und das ist vielleicht auch das Geheimnis seines Erfolges.
    So ist es auch bei seinen judenfeindlichen Äußerungen. Mal fordert er lauthals die physische Vernichtung, mal plant er die Bekehrung der Juden.

    Bedeutsam finde ich noch, dass die judenfeindlichen Äußerungen über das Maß der religiösen Feindschaft hinausgehen. Dass er das Judentum als eine Art Teufelskult bezeichnet, kann ja noch als Exegese des Johannes-Evangeliums durchgehen, in seinem Reden wider die faulen Wucherer, die das Volk ausbeuten und eine geheime Herrschaft ausüben, hat er aber dieses Maß eines religiös begründeten Antijudaismus überschritten und arbeitet mit verschwörungstheoretischen Motiven, ohne natürlich am Ende ein geschlossenes Weltbild zu präsentieren.

    Zu beachten ist natürlich, dass die Juden nur eines von vielen Feindbildern Luthers sind, neben Türken und Juden reihen sich Katholiken und Täufer in den Kreis der schädlichen Teufelsjünger ein.
    Ob dies nun immer mit seiner theologischen Lehre übereinstimmt, ist die andere Frage. Da Luther ja den freien Willen leugnet, gibt es für den von Teufel gerittenen Menschen eben keine Hoffnung, höchstens Gott selbst kann den Abschaum noch retten. Dem Christenmenschen bleibt daher nur noch die Möglichkeit sie alle totzuschlagen, die sich hartnäckig der wahren Lehre entziehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. März 2013
  20. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Hi,
    hat Luther den wirklich den freien Willen geleugnet?? Mir ist eine ausgeprägte Prädestinationslehre nur von Calvin und Konsorten bekannt.
     

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