Margarete von Anjou - Starke Königin an der Seite von schwachem König

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von Konradin, 9. Juni 2004.

  1. Konradin

    Konradin Gesperrt


    Margarete von Anjou (1430-1482) war 1445-1471 Königin von England und (nominell) Frankreich.
    Als Tochter des "guten Königs" Rene wurde sie in den Wirren des Hundertjähirgen Krieges geboren und mit 15 Jahren vom geistlosen englischen König Henry VI. zur Frau genommen; die Hochzeit löste Bestürzung im Volk aus.
    Doch war es maßgeblich sie, die die Lancaster-Partei anführte, v. a. nach 1453, als Henry VI. zeitwilig schwachsinnig wurde.
    Sie behauptete sich gegen den Usurpator Richard von York, der selbst nach der Krone griff, als ihr Heer 1460 bei Wakefield Richard schlug, der ermordet wurde, und rettete damit Henrys Herrschaft - zumindest kurzweilig.
    1461 schlug sie an der Spitze des Heeres den Grafen von Warwick, doch wurde sie von Richards Sohn Edward 1461 bei Towton geschlagen, und floh mit Henry VI. und dem Kronprinzen Edward nach Schottland; Edward von York wurde als Edward IV. (Gegen-)König.
    1464 wurde sie abermals bei Hexham geschlagen und war 1465-1470 inhaftiert.
    1470 ging Warwick auf ihre Seite über und mit seiner Hilfe konnte Edward IV. vertrieben werden und Henry VI. abermals die Herrschaft erlangen.
    Nach zwei neuen Niederlagen bei Barnet und Tewkesbury (wo der Kronprinz Edward, ihr Sohn, umkam), wurde Henry VI. gestürzt und im Tower ermordet; sie war bis 1475 wiederum in Haft, wo sie Louis XI. von Frankreich mit 50 000 Kronen freikaufte; anschließend ging sie nach Frankreich, wo sie verbittert 1482 starb.

    Margarete galt als stolz, leidenschaftlich, willensstark, gebildet und v. a. schön.
    Ihren Sohn, Prinz Edward von Wales (1453-1471), einen hochmütigen, dünkelhaften, gutausehenden, jedoch auch geistig und körperlich schwachen Jüngling, soll sie zu Haß und Rache erzogen haben.
    Mit ihm und Henry VI. starb das Haus Lancaster 1471 aus.

    Für mich ist sie eine der wenigen Frauen, die schon im Mittelalter politische Geltung erlangten. Ihr Beispiel ist aber auch traurig, da sie letztlich Gemahl, Sohn und Krone verlor.
    1453-1461 bzw. 1470-1471 war sie die eigentliche Regentin Englands, anstelle Henrys VI.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juni 2004
  2. Teja

    Teja Neues Mitglied

    Louis XI. von Frankreich mit 50 000 Kronen freikaufte; anschließend ging sie nach Frankreich, wo sie verbittert 1482 starb

    Warum hat Louis XI. sie freigekauft???? :confused:
     
  3. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied


    Zum einen war Marguerite d'Anjou eine Valois, also eine Prinzessin von Geblüt aus der Seitenlinie der Herzöge von Anjou. Sie also in der Gefangenschaft der Yorkisten zu belassen mit dem Risiko das sie dort einen unnatürlichen Tod anheimfallen könnte wäre für den französischen König also inakzeptabel.
    Zum anderen war sie 1476 neben ihrem Vetter Charles, Comté de Maine, Provence et Guise (+1481) die einzige noch lebende Angehörige der Valois-Anjou und besaß somit einen potenziellen Anspruch auf das Erbe ihres Vaters, dem Herzogtum Anjou.
    Anjou wurde zwar nach dem Tod des guten Königs René von Louis XI. eingezogen, nichts desto trotz könnte Marguerite ihren Anspruch immernoch weiterreichen. So war eine Bedingung für ihren Freikauf das sie auf alle Ansprüche die sie von Seiten ihres Vaters geerbt hatte zugunsten der Krone verzichten musste, dadurch gelangte das Anjou nicht nur de facto sondern auch de jure wieder in den Besitz der Krondomäne.
    Für Louis XI. also ein gutes Geschäft.

    Nur so um die Frage nicht noch weiterer zwei Jahre im Raum stehen zu lasen....;):fs:
     
  4. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Einige Punkte wären zu diskutieren:
    Ist es wirklich zutreffend, den englischen König Henry VI. als geistlos zu bezeichnen? Der Herr dürfte zwar zu geistiger Umnachtung geneigt haben (vielleicht durch eine erbliche Veranlagung bedingt, immerhin war er ein Enkel des französischen Königs Charles VI.), aber geistlos dürfte der letzte König aus dem Haus Lancaster nicht gewesen sein. Immerhin gilt Henry VI. als Gründer des "King's College" der Universität in Cambridge und des "King’s College of our Lady of Eton"

    Ob er tatsächlich ermordet wurde, ist übrigens auch kein gesichertes Faktum. Überliefert ist nur, dass er in einer Kapelle im Tower tot aufgefunden wurde. Ein natürlicher Tod wäre auch mit Blick auf sein damaliges Alter jedenfalls nicht gänzlich auszuschließen.

    Marguerite von Anjou war eine französische Prinzessin, die es offensichtlich nicht wirklich schaffte, als Königin von England dieses "Makel" vergessen zu machen. Mag sein, dass die Umstände ihrer Eheschließung im Zusammenhang dabei eine Rolle gespielt haben. Wie bereits eine andere französische Prinzessin Isabella von Frankreich (Ehefrau von König Edward II.) wurde sie als Wölfin von Frankreich bezeichnet.

    Nicht uninteressant ist auch ihre Darstellung in der Literatur. In der Shakespeare-Trilogie "Henry VI." ist sie wohl die weibliche Hauptfigur (jedenfalls in Teil 2 und Teil 3) und ihre Entwicklung von der jungen Prinzessin, die sich in den Grafen von Suffolk verliebt hat, und dessen Werkzeug ist, um Einfluss auf den König zu haben, zur politisch aktiven Frau, die nach seinem Tod um die Erbrechte ihres Sohnes kämpft recht bemerkenswert, und auch in "Richard III." hat sie einige recht interessante Auftritte. In "Anna von Geierstein" von Sir Walter Scott kommt sie dagegen sehr positiv weg und als Opernheldin einer Grande Opera (die es mit der Geschichte nicht allzu genau nimmt) von Giacomo Meyerbeer, ist sie als "Damsell in Distress" durchaus eine Lichtfigur.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Richtig. Religion, Bücher und Bildung waren die drei Hauptinteressen des Königs, der ein wichtiger Mäzen aber womöglich ein schlechter Politiker war.

    Wobei einiges für die Ermordung spricht. Etwa der Tod seines Sohnes und Erben auf dem Schlachtfeld, knapp zwei Wochen zuvor, oder dass man seinen Tod zwei Tage zurückverlegte, damit der Verdacht nicht auf Richard III., dem der Mord zu Gunsten seines Bruders zur Last gelegt wurde, fallen konnte, da dieser zwei Tage später nicht mehr in London war. Das sind natürlich alles nur Indizien. Wenn die Knochen nicht mehr erhalten sind - sind sie's? - dann lässt sich ein Mord aber eh nicht mehr nachweisen.
     
  6. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Allerdings hätten Edward IV. oder Richard III. auch jemanden mit dem Mord beauftragen können, keiner der beiden hätte sich also zur Tatzeit in London aufhalten müssen. (William Shakespeare war eben ein Dramatiker und kein Historiker, wenn in seinem Drama Henry VI. von Richard III. (mit indirekter Zustimmung seiner Brüder) in eigener Person umgebracht wird, so dürfte das dramaturgische Gründe haben.)

    Dass der Tod erst zwei Tage später bekannt gegeben wurde, muss kein Beweis sein, dass es Mord war. Vielleicht sollten so nur Gerüchte um einen Mord verhindert werden, die mit Blick auf den Todeszeitpunkt selbst bei einem natürlichen Tod zu erwarten waren.

    Mir ist nicht bekannt, ob die Knochen von Henry VI. jemals untersucht wurden bzw. ob sie überhaupt noch existieren.

    Letztlich ist auch die Frage, ob Henry VI. ermordet wurde oder nicht, gar nicht entscheidend. Im Internet jedenfalls wird der Mord auf den einschlägigen Websites als Faktum präsentiert.

    So weit ich es auf der mir bekannten Quellenlage beurteilen kann, dürfte ein Mord zwar möglich (oder vielleicht auch wahrscheinlich) sein, aber ein gesichertes Faktum ist er jedenfalls nicht.

    -------

    Nochmals zurück zu Margaret (Margareta, Marguerite) von Anjou, bei meiner Beschäftigung mit dem König / Kaiser Friedrich III. (HRR) ist sie mir neuerdings wieder einmal untergekommen. In der Dissertation von Antonia Zierl über Eleonore von Portugal (die allerdings aus dem Jahr 1966 ist und nie publiziert wurde) wird sie als eine jener Damen aufgelistet, die für Eheschließung mit dem Habsburger "im Gespräch" waren. Da sich diese Information auch in einigen neueren Fachbüchern findet, dürfte es sich wohl um ein Faktum handeln.
    Das gibt zumindest einen Hinweis auf den "Stellenwert", den Margarete bzw. ihre Familie vor ihrer Eheschließung mit Henry VI. am europäischen "Heiratsmarkt" hatte.

    Nicht uninteressant ist auch, dass die Verhandlungen zu jener Ehe mit Eleonore (Leonor) von Portugal, die Friedrich III. später tatsächlich heiratete, über einen
    Onkel der Braut geführt wurden, König Alfons (als König von Aragon: Alfons V., als König von Neapel / Sizilien: Alfons I.), jenem Herrn, der René von Anjou, Margaretes Vater, das Königreich Neapel "wegschnappte".

    Sicher nicht sehr zielführend, aber auch nicht uninteressant zu spekulieren, was gewesen wäre, wie es der "Königin der Roten Rose" / "Wölfin von Frankreich" als Kaiserin (HRR) und Landesfürstin mehrerer österreichischer Erblande ergangen wäre. Ob sie damit besser gefahren wäre.:confused:
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. August 2015

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