Marxistische Lehre

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Rachel, 14. Januar 2009.



  1. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @El Quijote

    Da hast Du recht, ich habe Stunden über Stunden mit exegetischen Studien über marxistische Arbeiten verbringen dürfen. :winke:
     
  2. Themistokles

    Themistokles Neues Mitglied

    Es spielt auch darauf an, dass Marx sich explizit als Nichtmarxist bezeichnet habe. (Marxismus – Wikipedia mit Fußnote zur Überlieferung, der Spruch ist inzwischen so bekannt, dass ihn Marx nicht einmal gesagt haben müsste und die Anspielung trotzdem irgendwie funktioniert)
    Ansonsten hilft El Quijotes Ansatz weiter. Marxismus ließe sich als dogmatische Interpretation marxscher Schriften deuten: alles da drin stimmt und enthalt alle Wahrheiten überhaupt. Wenn Du eine Antwort zu deiner Frage nicht findest, dann hast Du nicht richtig nachgeschaut.
    Sobald Marx sich also über eigene, ältere Arbeiten mehrfach kritisch geäußert hat, wäre er kein strenger Marxist mehr und so weit ich weiß, hat er tatsächlich viele Ansätze überdacht und geändert.
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Es gibt das recht bekannte Zitat von marx, der sagte, wenn das Marxismus sei, dann sei er kein Marxist.

    "kein Marxist" Marx - Google-Suche=

    In welchem Zusammenhang er das äußerste kann ich auch nicht mit Bestimmtheit sagen: Ich glaube mich aber zu erinnern, dass es primär um die Zwangsläufigkeit der Entwicklung zu Sozialismus und Kommunismus ging; eine im 19. Jh. populäre Form des Vulgärmarxismus apostrophierte diese (ich verbinde damit den Namen Kautskys, primär wegen der Lektüre Memoiren einer Sozialisten von Lily Braun – Wikipedia), und davon wollte Marx sich mit dem Spruch distanzieren.
     
  4. Krusk

    Krusk Neues Mitglied

    Schade, dass ich erst jetzt auf dieses Thema gestoßen bin. Hätte sonst gerne mitdiskutiert.
     
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es spricht nichts dagegen, das Thema wieder aufleben zu lassen und den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.
     
  6. romanus00I

    romanus00I Neues Mitglied

    Ist dieses Thema nicht insofern problematisch, als dass eine Diskussion über die Relevanz der marxschen Lehre in der Gesellschaft der letzten Jahre implizit auch ein Bezug auf die Tagespolitik ist?
     
  7. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Wo spielen die marxistischen Lehren noch aktuell eine Rolle? Und wer dies in die Gegenwart implizieren möchte, lebt wohl in der Vergangenheit.
     
  8. romanus00I

    romanus00I Neues Mitglied

    Also wenn Fragen nach der heutigen Gesellschaft, dem Staat, der Wirtschaft, möglichen Spannungen innerhalb der Gesellschaft usw. nicht tagespolitisch sind, was sind sie dann?
     
  9. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Was hat das aber mit marxistischen Lehren zu tun?
     
  10. romanus00I

    romanus00I Neues Mitglied

    Man könnte sie als Erklärungsmuster für verschiedenste Ereignisse, meist wirtschaftlicher Art, benutzen, genau wie man es mit anderen Theorien (z. B. der Neoklassischen Theorie oder dem Keynesianismus) tut.

    Wie gesagt: es heißt nicht, dass ich es tue, sondern nur, dass ich es kritisiere, wenn man in einem Geschichtsforum so auf das Zeitgeschehen bezogen diskutiert.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nun ja, es gibt halt solche und solche Marxisten, oder auch Neo-Marxisten. Ansonsten ist ein nicht unerheblicher Teil der Ideen des Marxismus durchaus in den Demokratien in Nord- und Mitteleuropa umgesetzt worden.

    Auch wenn diese Umsetzung der - sehr diffusen - marxistischen Ideen für eine eine "neue sozialistische" Gesellschaft durchaus einen "revisionistischen" Anstrich im Rahmen des "Wohlfahrtsstaates hatte, ist dennoch das durch die sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien, in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften - auch den christlichen - erreichte, m.E. durchaus ein erfolgreiches Projekt.

    Dabei gibt es durchaus unkonventionelle und ungewöhnliche Befürworter von Marx, wie beispielsweise T. Eagleton: Warum Marx recht hatte. Allerdings ist wohl auch Sperber (Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert) zuzustimmen, dass der Marxismus immer in seinem historischen Kontext zu beurteilen ist.

    Deshalb wissen wir absolut nicht, wie Marx oder Engels heute ihre damaligen Aussagen beurteilen würden. Und es ist mit Sicherheit Unsinn, die Äußerungen von damals als programmatische Ideen für heute verstehen zu wollen.

    Dennoch, gemessen an den pragmatischen Äußerungen von Marx zur Pariser Commune, können wir davon ausgehen, dass er heute den Grad der Verwirklichung von Demokratie als ein wichtiges Merkmal für einen zeitgemässen Marxismus definieren würde.
     
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Thane

    Da wäre ich mir nicht so sicher, inwieweit Marx eine gesellschaftliche Demokratisierung, nachdem sich das Proletariat als Klasse an sich, zur Klasse für sich konstituiert hätte, als Notwendiggeit goutiert hätte. :grübel:

    Allerdings meine ich, dass die marxistische Arbeitswert- und Mehrwerettheorie, sowie die Kategorie der "Entfremdung der Arbeit" auch heute noch viele Ansatzpunkte bietet.

    M.
     
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  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich ähnlich, auch dort, wo es um Verteilungsfragen, Konsens und Gerechtigkeit als Stabilitätsfragen, geht.

    Bzgl. der "Staatstheorie" im Sinne der superstructure einer Institutionenlehre, oder Staat im Rahmen eines "agent" sozialer Gruppen ("Klassen") haben sich die Ansichten in den letzten 15 Jahren eher buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt (Acemoglus Institutional Growth), weil hier die Beziehungen zwischen ökonomischen Verhältnissen und institutionellem Kontext (darunter fiele auch der "Staat") umgedreht worden sind.
    http://economics.mit.edu/files/8753
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Welches "Proletariat" und somit welche "Klasse"? Da dürfte kaum ein Ansatzpunkt für ein "kritisches" oder gar "revolutionäres" kollektives Bewußtsein mehr vorhanden sein.

    Da würde sich schon die Frage - auch für einen Marx - stellen, wie und ob überhaupt heute ein historisches Subjekt zu definieren wäre und ob überhaupt eine politische Zielvorgabe "ex cathedra" noch formulierbar wäre. Marx wäre vielleicht durch die Arbeiten zum "Diskurs" (Theorie des kommunikativen Handelns) von einem Habermas eines besseren belehrt worden.

    Und da das "Proletariat" aufgrund der Struktur der gesellschaftlichen Schichten in den westeuropäischen Ländern nicht mehr wie früher automatisch die Mehrheit der Gesellschaft gestellt hätte, eine wichtige Randbedingung für die Überlegungen von Marx, hätte er sich heute auch der Frage der Legitimierung von politischer Macht neu stellen müssen.

    Ansonsten ist Marx weiterhin, neben M. Weber und Durkheim, ein "Gründungsvater" der modernen Soziologie und manche Konstrukte behalten analytisch auch weiterhin durchaus ihren Stellenwert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. September 2014
  15. romanus00I

    romanus00I Neues Mitglied

    Dann sage ich auch mal etwas...

    Bei Marx definiert sich eine Klasse durch ihre Stellung im Produktionsprozess. Die Bougeoisie besitzt laut Marx die Produktionsmittel, das Proletariat lebt vom Verkauf seiner Arbeitskraft. Da auch in den letzten 50 Jahren die große Mehrheit der Menschen eben keine Produktionsmittel, welcher Art auch immer, besaßen, ist letztendlich davon auszugehen, dass Marx immer noch die Existenz eines Proletariats bejahen würde.
     
  16. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    :nono: ich kann es nicht nachvollziehen, daß heute immernoch diese Problematik des frühen Kapitalismus und der Gesellschaft der Mitte des 19.Jahrhunderts in das Gesellschaftsgefüge zum Ende des 20 Jahrhunderts übertragen wird!

    Das meine ich mich politischer Verantwortung und Gegenwart ... wer Alt denkt, kann auch nicht erwarten, daś die Entwicklung einer Gesellschaft sich mit dem Alten beschäftigt oder es annimmt ...

    Wo gibt es es innerhalb der letzten Jahren ein Proletariat! Das kennen nur die ewig Gestrigen!
     
  17. romanus00I

    romanus00I Neues Mitglied

    Wenn man eine marxistische Auslegung anwenden will, ist dies eine mögliche Interpretation.
     
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  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zur Zeit von Karl Marx zeigten sich die Schattenseiten der Industriellen Revolution am Elend der Arbeiterklasse. Sie erduldete unzumutbare Arbeitsbedingungen, menschenunwürdige Wohnverhältnisse, niedrige Löhne, schwere Frauen- und Kinderarbeit sowie nahezu uneingeschränkte Willkür des Arbitgebers. Hinzu kam die fehlende Absicherung bei Krankheit, Arbeitsunfällen, Invalidität und im Alter.

    Heute haben wir eine 35/40-Stunden-Woche, tariflich geregelte Löhne, lange Urlaubszeiten und eine Sozialgesetzgebung. Die "Arbeiter", die heute meist technische Angestellte sind, reisen im Urlaub nahch Teneriffa und Mallorca.

    Karl Marx hätte das zu seiner Zeit als "Arbeiterparadies" bezeichnet und seine Lehre vom Kapitalismus trifft auf die heutige Marktwirtschaft nur noch sehr bedingt zu. Erheblich trüber sieht es allerdings in anderen Weltgegenden besonders außerhalb Europas aus.
     
  19. Anthropos

    Anthropos Neues Mitglied

    Bedenke dass das 200 Jahre her ist. Wahrscheinlich wird in 200 Jahren von unseren Arbeitsbedingungen auch behauptet, dass sie unterirdisch waren.
     
  20. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich frage mich, ob man die Verarmung großer Teile der Bevölkerung als nicht einfach als "Ungleichgewicht" sehen sollte, das sich durch die große Veränderungen ergab und das vorübergehend zu extremen Situationen führte. Die Verelendung wäre dann nicht eine Folge des Kapitalismus, sondern eine Folge der raschen Einführung des Kapitalismus.
     

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