Materie, Geist und Wissenschaftsansatz

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Entdeckungen (15. - 18. Jhd.)" wurde erstellt von VeryCurious, 26. August 2012.

  1. VeryCurious

    VeryCurious Neues Mitglied


    Ich geb mal verkürzt wieder, was mich beschäftigt:
    • a) Im Mittelalter gab es einen Überhang des Geistigen (Religion) im Vergleich zum Materiellen (Eigentum, Essen, Geld)
    • b) In unserer Zeit ist es umgekehrt. Das Geistige steht gegenüber dem Materiellen im Hintertreffen.
    • c) Den Übergang (aus a nach b) kann man in das 15. und 16. Jahrhundert legen. Es ging einher mit revolutionären Entwicklungen (Buchdruck, Intensivierung Geldwirtschaft, Eroberung ferner Länder und Kontinente, moderne Wissenschaft)
    Meine Fragen:
    • 1.) Ist irgendetwas faul, an diesen Betrachtungsweise a) und b)?
    • 2.) Stimmt c)?
    • 3.) Was passierte noch in c)? Wurden dort - im Zuge der Aufklärung - nicht auch die Grundlagen unseres wissenschaftlichen Denkens und Forschens gelegt? Und basieren diese nicht besonders auf dem (physikalisch)materiellen Ansatz, dass alles (mathematisch) messbar, (be)greibar und überprüfbar sein muss?
    • 4.) Wenn 3.) mit ja beantwortet werden kann, kann man dieses materiell-orientierte Fundament dafür verantwortlich machen, dass es zum Überhang Materie vs. Geist in unseren (westlichen) Gesellschaften gekommen ist? Schließlich machen technologische und wirtschaftliche Entwicklungen sehr viel Gebrauch von den wissenschaftlichen Errungenschaften. Es bestimmt unser Alltagsleben sowie die politischen/gesellschaftlichen Entwicklungen.
    Wie gesagt, der Übergang vom 15. (Ende des Mittelalters) zum 16. (Beginn der Neuzeit) Jahrhundert interessiert mich ungemein. Ich vermeine, Parallen zu unserer Zeit zu entdecken, z.B. mediale Revolution durch Buchdruck und Informationstechnik.
    Diesen Weg würde ich gerne weiter verfolgen.

    Da ich nicht nur historisch, sondern auch wissenschaftlich (Physik) interessiert bin, beschäftigt mich zudem die Frage, ob die Wissenschaft in der damaligen Zeit nicht einen zu harten Schnitt gemacht hat, und das - durchaus positive - geistige Gut (aus dem Mittelalter) aus dem wissenschaftlichen Ansatz herausgenommen hat.

    So, dabei belasse ich es erst einmal.
    Freue mich über jegliche Reaktionen.

    Klaus
     
  2. Dido

    Dido Neues Mitglied

    Also ich will mal eine Antwort versuchen, weil ich das Thema auch interessant finde, auch wenn ich die Parallelen zur heutigen Zeit eher im Kalten Krieg und nicht in so frühen Epochen suchen würde (hoffentlich habe ich Unrecht)

    Also....
    ich rolle das ganze mal von hinten auf:
    zu 4. ich glaube nicht, dass die materielle Orientierung zu einem Verdrängen der Religion geführt hat.
    Zum Einen gaukelt einem die Wissenschaft vor, wir könnten den Tod eines Tages besiegen, und darauf hoffen auch Menschen, die sich heutzutage schon künstlich jung halten. Aber diese machen sich dann keine Gedanken um die Religion, das liegt wohl eher an der Überheblichkeit der Menschen und der Lebenseinstellung in unserer Gesellschaft. Außerdem jetten die Menschen von a nach b ohne innezuhalten, und wenn man mal ruhige Sekunden hat plärrt irgendwo Musik oder der Fernseher, so dass das Nachdenken irgendwie verdrängt wird, damit eben auch die Religionen. Auf gut deutsch: wir haben zuviel Ablenkung für unseren Geist!

    zu 3.
    sehe ich nicht so, nicht alles was erforscht wird ist auch begreifbar. Gerade nicht in der Physik, sieh dir nurma die Streiterein um Higgs / Gottesteilchen an. Übrigens sagt selbst Lesch, dass nicht alles begreifbar ist. Auch in Zeiten des internet darfst du nicht davon ausgehen, dass jeder alles verstehen kann, so gesehen ist der Ansatz wohl falsch...
    Den Ansatz der Wissenschaft in der Aufklärung zu suchen ist mir zu begrenzt.
    Ich denke du musst die Summe der Ereignisse bis heute nehmen, dann hast du die Grundlage der heutigen Wissenschaft. Soll heißen: man kann die Entwicklung der Wissenschaft nicht an einem einzigen Punkt festmachen, denn Entwicklung ist ein Prozess aus Versuch und Irrtum....

    2. und 1.

    Ich glaube auch hier kannst du wieder nicht pauschalisieren. Richtig ist wohl dass die Aufklärung und Renaissance den Menschen veränderte.
    Aber du kannst nicht davon ausgehen, dass früher die Religion vorherrschte. Das kommt einem nur so vor, weil die Kirche damals noch mehr Macht hatte als heute. Aber umgekehrt war den Menschen schon das materielle wichtiger, sie suchten eben nur einen Trost um das irdische Leben zu ertragen.
    Umgekehrt kannst du heute nicht sagen, dass die Religion ins Hintertreffen gerät.
    Das ist eine individuelle Sache, außerdem von Ort zu Ort verschieden (es gibt durchaus noch Länder in denen die Religion das tägliche Leben bestimmt). Abgesehen davon haben gewisse Glaubensgemeinschaften Hochkonjunktur, ich denke es verschiebt sich nur alles weg vom Konventionellen Glauben. Warum sind Meditationstechniken und Ähnliches auf dem Vormarsch? Der Mensch sucht durchaus die Verbindung mit Gott, nur auf anderem Wege. Außerdem ist das eine so persönliche Sache, dass kaum darüber geredet wird, ganz zu schweigen davon, wenn man Mitglied einer ungewöhnlichen Glaubensgemeinschaft ist. Ich bekomme zur Zeit ständig Werbung von diversen Glaubensvereinigungen, das könnte natürlich auch am Kalenderjahr 2012 und dem Hype um den Mayakalender liegen.
     
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  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Ein Teil dieser Überlegungen wird im Rahmen der postmodernen Ansätze in den unterschiedlichen Fachdisziplinen diskutiert.

    Postmoderne ? Wikipedia

    Zwei m.E. wichtige und interessante Vertreter sind Gehlen und Anders.
    Arnold Gehlen ? Wikipedia

    Günther Anders ? Wikipedia

    Sein wohl wichtigstes zu dem Thema ist die "Antiquiertheit....".

    Die Antiquiertheit des Menschen 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten ... - Günther Anders - Google Books
     
  4. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Ich würde sagen, daß die Frage für einen so großen Jahrhundertebogen zu allgemein formuliert ist. Betrachtet man alleine die Philosophiegeschichte, so läßt sich die Frage jedenfalls selbst relativieren. Auch läßt sie sich, wie du selbst auch feststellst, nicht wirklich ohne soziale Veränderungen klären.
    Was den Materie-Geist Dualismus alleine betrifft, ließe sich vielleicht ein Schwanken zwischen den Polen feststellen, aber auch die Definitionen über einen so langen Zeitraum veränderten sich.

    Natürlich wurde irgendwann genau dieser Ansatz besonders favorisiert; aber das geschah erst ziemlich konsequent im 19. Jh., würde ich sagen (ich denke z. B. an die Zusammenhänge mit dem sog. Materialismusstreit); in Reaktion auf den Vulgärmaterialismus versuchte man demgegenüber im Zuge der Wertdiskussion im Neukatianismus aber auch eine Kulturphilsophie zu begründen. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich eigentlich auch wieder im 20. Jh.: Denken läßt sich bspw. an den Behaviorismus, der im Zuge der kognitiven Wende relativiert wurde; seit wenigen Jahrzehnten wird auch wieder vermehrt über das Geistige philosophiert. Ein ähnliches Schwanken müßte sich auch für das 17. und 18. Jh. finden lassen: Rehabilitierung des Geistigen durch Kant z. B.

    Ich würde gerne auf so allerleit noch eingehen, habe dafür aber z. Zt. leider keine Zeit, werde die Diskussion aber weiter verfolgen.
     

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