Merseburger Legion - 936

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von Dietric, 23. Juni 2016.



  1. Dietric

    Dietric Neues Mitglied

    Hallo,

    ich interessiere mich sehr für die Geschichte Merseburgs, da es meine Geburtstadt ist.
    Bei Widukind, Rerum gestarum Saxonicarum, kann man von einem 936 stattgefunden Ereignis lesen, in dem eine "Merseburger Legion" beteiligt war.
    Es fand ein Feldzug unter Führung Asig (Graf von Sachsen), gegen einen Aufstand böhmischer Fürsten statt.
    Im Verlauf des Aufstandes wurde nach anfänglichen Erfolgen, die Truppe vernichtend geschlagen, der Anführer fiel und die Merseburger Legion hörte auf zu existieren?
    Gibt es außer Widukind Quellen für dieses Ereignis oder gibt es gar archäologische Beweise und weiß man mehr über den genauen Ort der Niederlage?
    Nach meinen Recherchen müsste das Ganze in der Nähe von Meißen stattgefunden haben.
    Bitte schickt mir keine lateinischen Quellen, da ich der Sprache nicht mächtig bin.

    liebe Grüße, D.
     
  2. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Ich meine, daß diese Geschichte so nur bei Widukund steht. Asig war allerding kein Graf von Sachsen, eher ein Burggraf. Der ort der Schlacht ist unklar, das Elbtal aber durchaus nicht unwahrscheinlich.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dabei handelte es sich nicht um eine militärische Einheit im heutigen Sinne. Man kann vielleicht besser mit Merseburger Aufgebot übersetzen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Legion keine kleine Truppe bezeichnet. Wo und wenn der Begriff als Angabe der Stärke verstanden werden kann, ist zur damaligen Zeit von 1000 Mann als Größenordnung auszugehen.

    Es kann zwar sein, dass damit einfach das sich gewöhnlich zu Merseburg versammelnde Aufgebot gemeint ist, aber zu beweisen wird es nicht sein.

    (Legion bezeichnete in Rom ursprünglich das gesamte Aufgebot, später eine feste Einheit, deren Größe schwankte, so um 5000 Mann. In der Spätantike wurde die römische Armee, heute geht man von einer Entwicklung, nicht von ein oder mehreren Reformen aus, neu geordnet. Dabei spielte eine Rolle, dass nach und nach Vexillationen von den Legionen abgeteilt wurden. Diese, sowie die verkleinerten Legionen waren ca. 1000 Mann stark. Daher wird dann im Mittelalter Legion oft als Angabe einer Stärke von 1000 Mann benutzt. Allerdings kann es immer noch Aufgebot oder einfach eine nicht kleine Truppe bezeichnen. Das Mittellateinische Glossar gibt einfach Herrschar, Heerbann; Unmenge an.)
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Widukind, der auch meines Wissens die einzige Quelle ist, schreibt, dass sich die Merseburger Legion aus "latrones" (Räubern) zusammensetzte: König Heinrich habe, wenn sich ein überführter Dieb (fur) oder latro als kiegstauglich erwies, ihn verschont und in die Vorstadt von Merseburg versetzt, von wo aus sie Kriegsdienste leisten mussten und die Slawen mit Raubzügen heimsuchen sollten.
    Ich stimme Dir schon zu, dass "legio" nicht im Sinne der legio der Antike zu verstehen ist. Aber um ein gewöhnliches Aufgebot handelte es sich auch nicht. Immerhin bestand die Truppe aus überführten Straftätern, die speziell für Räubereien unter den Slawen und Kriegsdienste nach Merseburg abkommandiert und dort stationiert wurden.

    Was für eine Position der Anführer Asik hatte, lässt sich Widukind ebensowenig entnehmen wie der Ort der Schlacht. Ihm lässt sich nur entnehmen, dass Asik dem König auf seine Anforderung hin aus Sachsen geschickt wurde und die Schlacht in einem Krieg gegen den Böhmenherzog Boleslaw stattfand, ohne für die Lokalisierung den geringsten Anhaltspunkt zu bieten.
     
  5. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Interessant ist der Name Asig. Erste Träger dieses Namens stammen aus dem 9. Jahrhundert und es ist hier vor allem der Sohn Hiddis, der auch als Graf im Hessengau bezeugt ist. Nach ihm benannt ist die sogenannte Asig-Sippe. Sie waren verschwägert mit den Ekbertinern und der Hessi-Sippe und im 10 Jahrhundert erscheint der Name dann auch bei den Merseburger Grafen.
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, stimmt, jetzt habe ich erst gemerkt um welche Stelle es geht. Ich habe die Übersetzung von Wattenbach. Da ist die Rede von Schar und Heerrschar.
     
  7. Dietric

    Dietric Neues Mitglied

    Ist der Akt mit der Begnadigung von Dieben und Räubern im HRE zum Zweck der Erstellung einer Art Strafbataillion eigentlich eine nur für Merseburg, da Widukind, dokumentierbare Erscheinung oder wurde das auch anderenorts praktiziert?
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ravenik hatte schon darauf hingewiesen und ich lese den Text Widukinds genauso: Offenbar wurden gezielt Diebe, Räuber und Gewaltverbrecher zum Kriegsdienst begnadigt und in einem Suburbium (wörtl. Unterstadt, gemeint sind Stadtviertel) von Merseburg stationiert. Das waren also keine gebürtigen Merseburger sondern Leute, die aus dem Machtbereich Heinrichs und Ottos nach Merseburg (und wahrscheinlich auch in andere Städte im Grenzbereich) abkommandiert wurden. Für das Kaiserhaus, Bevölkerung und Verbrecher war das eine Win-Win-Win-Situation. Nach innen schuf man so sozialen Frieden, Straftäter wurden aus ihrer Umgebung entfernt, nach außen hatte man eine kampfkräftige und skrupellose Truppe (wobei das Mittelalter sowieso weniger Skrupel gehabt haben dürfte als unserereiner), die ihren verbrecherischen Neigungen jetzt ganz legal nachgehen konnte (was sicherlich auch dazu motivierte, sich am befohlenen Ort auch tatsächlich anzusiedeln) und die jenseits der "Grenze" (der Begriff ist problematisch, weil Grenzen eben nicht so fest definiert waren) mittels regelmäßiger Raubzüge Angst und Schrecken verbreitet haben wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2016
  9. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Genauer Vorstädte außerhalb der Burg bzw. Der Stadtmauern
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Richtig. Meist lagen sie zunächst extramuros.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe mir die Stelle gerade noch mal angesehen: Außer Waffen gab Heinrich ihnen auch Äcker: datis agris atque armis. Und Widukind beschönigt auch nicht den Auftrag: Rex quippe Henricus [...] iussit civibus quidem parcere, in barbaros autem in quantum auderent latronicia exercerent - König Heinrich befahl, ihre [Merseburgs] Bürger zu verschonen, bei den Barbaren aber, soviel sie wollten, den Raub auszuüben.

    Zur Ortsangabe finde ich nichts, nur, dass, wie schon herausgearbeitet wurde, Asic zunächst erfolgreich war, Boleslaw dann aber umkehrte und das sich aufgrund seines Sieges sicher wähnende sächsische Heer - Widukund sprich sogar von den unseren, er identifiziert sich also sogar ein Stück weit mit dieser aus Verbrechern zusammengestellten Truppe - das sich zerstreut hat um zu plündern, auf dem Rückweg angreift und besiegt.
     
  12. Dietric

    Dietric Neues Mitglied

    @El Quijote hat festgestellt, es entstand "win-win-Situation", so gesehen ein gut durchdachtes Modell.
    Aber doch auch ein Freibrief für jeden Räuber und Verbrecher - wenn du erwischt wirst, dann musst du halt in die Legion, bekommst aber Land und Waffen!
    Ich fürchte so einfach wird das nicht gewesen sein, die Pflicht war dann auch die Teilnahme an Feldzügen aller Art in einem Strafbataillon - sicher kein Vergnügen.

    Der Bericht von Widukind enthält uns einige wichtige Informationen vor, die es erschweren, das Ereignis historisch besser fassbar zu machen.
    Ich "spule" nochmal zurück:

    Auslöser war die Kriegserklärung von Boleslaw an einen nicht namentlich genannten, den Sachsen wohlgesonnenen Kleinkönig. Auch er Name des Köngigreichs wird uns nicht genannt.
    Jedenfalls bat der ominöse Kleinkönig um Unterstützung bei den Sachsen.
    Daraufhin kam es zur Aufstellung der Expeditionstruppen, bestehend aus einer Schar Merseburger, einem "starken Haufen" Hassegauer (et valida manu Hassiganorum) und dazu ein thüringisches Aufgebot (additurque ei exercitus Thuringorum).
    Diese Truppe wurde Asic / Asik unterstellt und los ging es.
    Dann teilt Boleslaw auch auf.(vorher wird nicht erwähnt, dass sich die sächsische Truppe geteilt hätte...) Vielleicht gab es aber auch keinen gemeinsamen "Startpunkt", sondern nur ein verabredetes Treffen. Offensichtlich war Asik mit den Merseburgern und den Hassegauern als Erster da, griff eine Streitmacht des Boleslaw an und besiegte sie. Dann kehrte er (Asik) zum Lager (dem Treffpunkt?) zurück (ad castra reversus est) ein Teil seiner Streitmacht plünderte jedoch die Gefallenen und die zum Lager zurückgekehrten besorgten Futter für die Pferde und erfrischten sich. Von dieser Trennung bekam Boleslaw Wind, griff das Lager des Asik an und vernichtete die Truppe. Hier schreibt Widukind plötzlich "das gesamte Heer". Obwohl die Thüringer nicht anwesend waren und die Merseburger wahrscheinlich ihrer Funktion folgend, plündernd in der Gegend herumzogen.
    Vernichtet wurden also aus meiner Sicht nur die Hassegauer mit dem Anführer.
    Dann zog Boleslaw gegen den Kleinkönig, machte seine Burg für immer wüst. Der Kleinkönig entkam jedoch, denn er blieb dem König weiterhin ein treuer und nützlicher Diener.
    Die Botschaft darüber ging an den König (Heinrich) und obwohl diesen das wenig beeindruckte, zog er plötzlich mit seinem gesamten! Heer in das Gebiet der "Barbaren" um das Treiben Boleslaws endgültig zu beenden.
    Was also leider weiterhin unklar ist: Ort der Schlacht, Name des Kleinkönigs, die verwüstete Burg und das weitere Schicksal der Merseburger Truppe. Sollte die Legion dennoch vernichtet wurden sein, was geschah mit dem verbliebenen Land, Güter und Gefolge - was dann sämtlich in Merseburg zurückblieb oder frei wurde. Warum wurde sie offensichtlich nicht wieder aufgestellt?

    viele Grüße, D.
     
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  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nicht ganz. Zumindest so wie Widukind es darstellt, wurde auch die Eignung des Verbrechers für diese Form der Strafe bzw. Begnadigung berücksichtigt.
    Es war sicherlich kein attraktives Modell für einen x-beliebigen Freien oder auch Unfreien, mal ein wenig Bambule zu machen, um dann in den Grenzmarken ein Stück Land zu erhalten.
     
  14. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Diese Merseburger Legion könnte eine Einrichtungen zum Schutz gegen die Ungarn gewesen sein, s. Widuking, Rer. Gest. Sax. II, Anm. 1, S.69.

    Der barbarische subregulus ist, wie schon beschrieben, unbekannt. Die Frage ist, wie man "sibi vicinum subregulum, eo quod paruisset imperiis saxonum" verstehen soll. Was war das für ein subregulus, der die Befehle der Sachsen erfüllte?
    Interessant ist, daß Wenzel nach manchen Berichten nicht 935 starb, sondern schon 929. Das hieße, Boleslav hatte bereits einige Jahre zeit, seine Herrschaft zu festigen. Handelt es sich also beim subregulus um einen Böhmen, der sich Boleslavs Herrschaft durch Unterwerfung unter die Sachsen bislang entziehen konnte oder um einen slawischen subregulus außerhalb Böhmens, der sich der Expansion Boleslavs widersetzte? Es wird wohl unbeantwortet bleiben.

    Die Burg Misnia wurde wohl im Zuge dieses Konfliktes zerstört und ist erst wieder 968 bezüglich der Einrichtung der Markgrafschaft Meißen unter Wigbert wieder erwähnt. Das würde zur Widukindstelle passen, wenn Heinrich auf der Burg Misnia einen subregulus eingesetzt hätte. Das ist aber nicht bekannt.
     
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  15. Dietric

    Dietric Neues Mitglied

    In den "böhmischen Annalen" gibt es wohl noch Hinweise. Und der Autor ist dann nicht Widukind! Ich hab leider noch keine mir verständliche Ausgabe gefunden.
     
  16. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Ja, bei Cosmas von Prag könnte was stehen. ich meine zu 936 hätte er aber nichts über besagten Kriegszug.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der ist allerdings erst 100 Jahre nach den hier besprochenen Ereignissen überhaupt geboren. Widukind war immerhin als Immedinger mit dem Königshaus eng verwandt und hatte so seine Quellen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2016
  18. Mirtos

    Mirtos Neues Mitglied

  19. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Es wird aber erwähnt, dass die Sachsen und die Thüringer getrennt marschierten: ... et quia Saxones seorsum et seorsum Thuringi irent contra se ... ("seorsum" bedeutet "abgesondert", also: "Boleslaw aber hörte vom sächsischen Heer, und weil die Sachsen abgesondert und die Thüringer abgesondert gegen ihn zögen, ...") Die Sachsen und die Thüringer hatten sich wohl erst gar nicht vereinigt, also mussten sie sich auch nicht teilen.

    Also eigentlich erwähnt Widukind zuerst, dass die Thüringer auf ihren Gegner trafen, und dann erst schreibt er vom Heer unter Asik. (Allerdings muss das wohl nicht wirklich zwingend bedeuten, dass die Thüringer zeitlich tatsächlich als erste dran waren.)

    Für diese Annahme sehe ich keinen Anhaltspunkt. Warum sollten die Hassegauer brav im Lager sitzen und (nur) die Merseburger umherschweifen? Wenn Widukind von der Vernichtung des "ganzen Heeres" schrieb, wird er wohl das ganze Heer unter Asik gemeint haben.
     

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