Militärmacht zu Beginn des 1. Weltkrieges

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von T 34, 17. Oktober 2012.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Rurik, laß den Charakter mal beiseite. Zum einen ist so etwas klischee-durchtränkt (an der Marne ließ er in die deutschen Armeen hinein antreten), zum anderen hatte Joffre einen Stab, der Entscheidungen mit beeinflusst hat (-> Marne).

    Wenden wir uns besser dem "fog of war" zu.

    Joffre (mit seinem Stab) kommandierte gegen die kaiserlich deutsche, im Kern preußische "Militärmaschinerie". Sie wurde 1875/1905 für unbesiegbar gehalten, im August 1914 wird von ihm nun der Sieg verlangt. Lange hat er um den Plan gerungen, die Aufstellung vorsichtig gewählt. 20 Divisionen hält er in Reserve.

    Nun weiß er nicht: rollen da 2 Mio. Mann, 80+ Divisionen vom Rhein und durch Belgien auf ihn zu. Oder sind die deutschen Pläne doch in 1914 nochmal geändert worden, und die Musik spielt im Osten?

    Am 14.8.1914 verlangt die russische Seite den Antritt im Westen, zur Entlastung. Noch am 20./23.8.1914 stritt man im französischen Stab, ob durch Belgien auf den linken französischen Flügel nun 300.000 Mann der Kaiserlichen Armee marschieren, oder 1.300.000. Die Berichte werden immer dichter, die neue "Luftaufklärung", Meldungen über deutsche Kavallerie an der äußersten rechten Seite.
    (May, Ernest: Knowing One's Enemies - Intelligence Assessment before the Two World Wars).
    20 Divisionen hält er in Reserve, wohin damit? Zentrum, links, oder doch rechts?

    Was anderes soll er tun außer "tasten"? Da ist sonst nichts: es dient vielmehr zur Lokalisierung des deutschen Schwerpunktes. Und daraus ist auch nichts abzuleiten: an der Marne läßt er sich vom Stab überreden, erst die Lücke zwischen den deutschen Armee zu behaupten, trotz Umfassungs- und Vernichtungsgefahr für das BEF (der Verbündete wird ihm den Kopf abschlagen, wenn das schiefgeht), und dann mit den versammelten Reserven in die deutschen Armeen hineinzustoßen, auf die Aisne zu. Und er plaziert eine Armee in v.Klucks äußerster Flanke, ... dann doch zu wenig, um zum totalen Erfolg gegen zwei deutsche Armeen, rund ein Drittel der Kampfstärke zu kommen und sie zu zerschlagen!

    Aber: er wurde offensiv, auf Grundlage der Meinungsbildung, dass man den deutschen Schwerpunkt klar vor sich habe, ihn umfassen und zerschlagen könne. Joffre und sein Stab gehen aufs Ganze, wobei man wieder sagen könnte: was bleibt ihm übrig? Aber dieser "cult of offensive", die mutige Schwächung des rechten Flügels, das Hoffen auf Halten der Festungslinie von Verdun im Zentrum abwärts (Bedeutung von Festungen!), passiert aus der Ausgangslage heraus, einen extrem schwierigen Rückzug gerade hinter sich zu haben, bei dem mit Mühe die Auflösung der rückflutenden Verbände vermieden werden konnte. Dass die deutschen Verbände ähnliche Verluste erlitten hatten, kann er aufgrund seines eigenen Rückzuges kaum erahnt haben.


    Wenn Dir das alles nachvollziehbar erscheint, sollten wir ihn nicht in eine Schublade stecken, weil schon der Vorgänger seines Kontrahenten meinte: ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Oktober 2012
  2. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    „Joffre war kompetent und solide, aber eher einfallslos. Er fand keine Antworten auf die Probleme, welche durch den rasanten Wandel des Krieges aufgeworfen worden waren. Er war damit charakteristisch für die französische Führung.“ Aus Joffre von Arthur Conte, 1991

    Ich möchte ihm auf keinen Fall seinen Schneid absagen, aber ich weiß nicht, ob man den Charakter einfach so beiseitelassen darf. Sicher, sein Stab wirkte maßgeblich auf ihn ein, allerdings hatte er die Entscheidungen zu treffen und letztendlich trug er auch die Konsequenzen.
    Wenn jemand am Tasten ist, dann deutet dies auf Unsicherheit hin. Aus einer solchen unsicheren Situation heraus eine machtvolle Offensive zu starten, halte ich für nicht sehr aussichtsvoll. Und ich bin schon fast der Meinung, eine tatsächliche Offensive von französischer Seite war auch gar nicht wirklich vorgesehen. Es gab keine wirkliche Idee. Plan XVII war eine Art Alibi. Man wollte eher abwarten, welche Erfolge die russische Seite tätigt. Würde die beginnen, Berlin zu bedrohen, hätte man offensiv handeln können.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Eine neue Publikation zur Einschätzung der Russischen Armee durch die französische Aufklärung:

    Armes: French Intelligence on the Russian Army on the Eve of the First World War.
    in: Journal of Military History (Juli) 2018, Seiten 759-782.


    Der Aufsatz ist auch höchst aufschlussreich zum Verständnis von Joffres (Aufmarsch-!)Plan XVII, der alle Fälle des clashs an der Westfront abdecken sollte und im Kern keinen Kampagnen, sondern einen Mobilisierungs- und Aufmarschzonen-Plan zum Abfangen der erwarteten deutschen Westoffensive darstellte.

    Demnach wurde für den Kriegsfall 1914 ein nennenswerter russischer (Offensiv-)Beitrag (außer, dass von Beginn an einige deutsche Korps im Osten gebunden sein würden) erst nach frz. Siegen im Westen erwartet. Der russische Kriegsbeitrag war vor angenommenen französischen strategischen Siegen sozusagen nur für den "Spitzenausgleich" nützlich.

    Der Kern:

    "Die Gutachten des Ersten Büros und die Depeschen der Attachés nach Paris enthalten Angaben und ein klares Bild vom Zustand des französischen Militärbündnisses mit Russland im Jahre 1914. Entgegen der Übereinkunft zur Aufstellung eines gemeinsamen Kriegsplans und der Koordination von Kriegseinsätzen wurde dies nie diskutiert, geschweige denn ein vereinheitlichtes frz-russisches Kommando geschaffen. Die Ansicht (in der Literatur), dass die alliierte militärische Zusammenarbeit immer enger wurde in den Jahren kurz vor dem Krieg, wie in einer großen neuen Studie der internationalen Beziehungen während des Zeitraums so behauptet (Anm: Clarks Schlafwandler), wird durch die dokumentarischen Aufzeichnungen des französischen Generalstab widerlegt...

    Im Sommer 1914 hatten die Franzosen die Hoffnung auf eine russische Offensive über die Weichsel hinweg in Richtung Posen und Berlin aufgegeben, die sie über Jahre hinweg von St. Petersburg verlangt haben. Der französische Generalstab war (dagegen) schon lange Zeit davon überzeugt, dass ein russischer Vormarsch wesentlich später als die entscheidenden Schlachten (im Westen) stattfinden würde. Die Franzosen haben ihre Erwartungen soweit reduziert, um dann nur noch anzunehmen-- in einem heute üblichen französischen Satz - "le service minimum" - dass die Russen
    fünf oder sechs deutsche Korps im Osten binden könnten, die, wenn sie dagegen im Westen aufgestellt würden, das Kräftegleichgewicht an den französischen Grenzen auch nach der Mobilisierung (aller frz. Kräfte) entscheidend stören könnten.
    In seinen Analysen hat der französische Generalstab dazu tendiert, die Bedeutung dieses strategischen (russischen) Beitrags herunterzuspielen...

    Zusammenfassung:
    Untersucht werden die Berichte über die russische Armee durch die französischen Militärattachés in St. Petersburg an den Generalstab in Paris und die von den russischen Spezialisten des Ersten Büros (Alliierte Armeen), 1904-14. Zur russischen Armee entsandte Offiziere berichteten über die bemerkenswerten Fortschritte nach dem Krieg mit Japan. Der französische Geheimdienst wies darauf hin, dass eine russische Offensive gegen Deutschland erst nach den entscheidenden Kämpfen im Westen stattfinden und nur begrenzte deutsche Streitkräfte binden würde. Der russische Erfolg zu Beginn des Krieges und die daraus resultierende Verlegung der deutschen Truppen von der Westfront waren daher vom französischen Generalstab unerwartet.

    The assessments by the First Bureau and the attachés’ dispatches to Paris provide a clear picture of the state of the French military alliance with Russia in 1914. Despite the sense of the articles of the convention, the formulation of a joint war plan and the coordination of operations in war were never discussed, much less a unified Franco-Russian command. The view that allied military cooperation became ever closer in the years just before the war, as maintained in a major recent study of international relations during the period, is refuted by the documentary records of the French General Staff...

    By the summer of 1914, the French had abandoned hope of a Russian offensive beyond the Vistula in the direction of Posen and Berlin, which for years they had sought to obtain from St. Petersburg. The French General Staff had long been convinced a Russian advance would occur considerably later than the decisive battles in the west were expected to take place. The French were resigned to assume only— in a now-common French phrase—“le service minimum”—that the Russians would tie down five or six German corps in the east that, if employed in the west, could decisively disrupt the force balance on the French frontiers, even after the increase in the French period of conscription.
    In their analyses, however, the French General Staff tended to downplay the importance of this strategic contribution...

    Summary:
    This article examines the reports on the Russian army by the French military attachés in St. Petersburg to the General Staff in Paris and the intelligence estimates compiled by the Russia specialists of First Bureau (Allied Armies), 1904–14. Officers seconded to the Russian army reported on the remarkable progress made after the war with Japan.
    French intelligence indicated any Russian offensive against Germany would occur only after the decisive battles in the west and would only tie down limited German forces. The Russian success at the start of the war and resulting transfer of German forces from the Western Front therefore were unexpected by the French General Staff.


    (Übersetzung etwa deepL)
     

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