Minoische Kultur

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Mirtos, 5. November 2012.

  1. Mirtos

    Mirtos Mitglied


    Hallo, hat jemand ne Ahnung, weshalb die Minoer um 2000 vor Christus plötzlich einen großen Sprung in der Kultur gemacht haben und zur führenden Handelsmacht im Mittelmeer für mehrere Jahrhunderte aufgestiegen ist?:grübel:
     
  2. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Die minoische Kultur ist keine isolierte Entwicklung, sondern gehört in einen Kulturraum, der sich vielleicht als Ausläufer vorderasiatischer Entwicklung betrachten läßt; in der Ägäis selbst war auch die Nachbarkultur der Kykladen bedeutsam. Es lassen sich auch wirtschaftliche Gründe anführen (vgl. etwa Minoische Kultur ? Wikipedia). Ich stelle mir auch vor, daß esdurchaus enge dynastische Beziehungen bspw. zu phoinikischen Stadtstaaten gab.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Es lässt sich nicht genau sagen, warum manche Völker plötzlich aus der Vorgeschichte heraustreten, und sich in relativ kurzer Zeit zu einer Hochkultur entwickeln. Diesen subjektiven Eindruck haben wir auch beim Erscheinen der ägyptischen oder sumerischen Hochkultur. Subjektiv deshalb, weil diese und andere Kulturen in Wahrheit nicht "plötzlich" ins Licht der Geschichte treten, sondern einen durchaus langen Vorlauf haben, in dem sich feine gesellschaftliche, kulturelle und soziale Strukturen herausbilden.

    So setzt auf Kreta die Frühminoische Kultur (FM 1; Vorpalastzeit) bereits 3300 v. Chr ein und geht erst etwa um 2000 v. Chr. in die mittelminoische Altpalastzeit über. In der noch schriftlosen tausendjährigen Vorpalastzeit verdichtet sich die Bevölkerung Kretas, die Landwirtschaft nimmt einen Aufschwung, die Keramikproduktion differenziert sich, die Metallverarbeitung beginnt und es bildet sich eine gesellschaftliche Elite, was u.a. anhand der Tholos-Gräber - der Kuppel-Gräber - sowie anderer Grabtypen und deren Beigaben erkennbar ist.

    Wenn also etwa seit 2000 v. Chr. auf Kreta die ersten Paläste entstehen, hat die minoische Kultur bereits einen Voralauf von etwa 1000 Jahren hinter sich, in der sich ihre sozio-kulturellen Strukturen entwickeln konnten.

    Nicht übersehen darf man, dass auch Kulturströme aus benachbarten Ländern des östlichen Mittelmeers den Kretern Anregungen vermittelten. Solche Einwirkungen kamen bsonders aus Ägypten, Phönizien und Babylonien, zu denen rege Handelsverbindungen bestanden, die sich nach dem kulturellen Aufschwung der Minoer noch intensivierten.
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Derart weitreichende dynastische Verbindungen sind freilich hochspekulativ. Man sollte vorsichtig sein mit der Rückprojektion von Gepflogenheiten späterer Jahrtausende. (Zumal auch in späterer Zeit keineswegs kreuz und quer geheiratet wurde, sondern vorwiegend innerhalb desselben Kulturkreises, aber nur selten z. B. zwischen den christlichen und den islamischen Mittelmeeranrainern. Wer weiß also, ob es nicht auch zwischen den Minoern und anderen Kulturen Barrieren gab, die sie nicht überwinden wollten.) Die große Zeit der Phönizier begann außerdem ohnehin erst zu einer Zeit, als sich die der Minoer schon wieder ihrem Ende näherte.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Von welchen "dynastischen Verbindungen" sprichst du? :grübel:

    Hier war lediglich die Rede von einer allmählichen inneren Stabilisierung der kretischen Gesellschaft und der Herausbildung sozio-kultureller Strukturen.
     
  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Von denen:
    Oder habe ich in Muspillis Beitrag etwas falsch verstanden?
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Sorry, ein Missverständnis meinerseits! :sorry:

    Sicher hast du recht: Ein derartiges dynastisches Geflecht ist schlecht vorstellbar.
     
  8. Mirtos

    Mirtos Mitglied

    Also ähnlich den andern gleichzeitig blühenden Kulturen, ich nehm mal die Indus Kultur hinzu, hat sich langsam entwickelt und auf einmal gabs ne Struktur. Paläste, Strassen, Kanalisation wurde gegenseitig vermittelt? Aber auf einer Insel und dann gleich so hoch? Mit Schrift und super begehrter Keramik ?:scheinheilig:
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Hochkulturen haben sich überall allmählich entwickelt. Der Eindruck der "Plötzlichkeit" täuscht, da wir den langen Vorlauf übersehen, der im stillen ablief, da es in dieser Phase noch keine spektakulären Tempel, Paläste u.ä. gab.

    Auch die Indus-Kultur ist nicht vom Himmel gefallen, aber leider wissen wir sehr wenig über sie, da die archäologische Ausbeute unbefriedigend ist.
     
  10. Mirtos

    Mirtos Mitglied

    Naja, ist doch ziemlich ähnlich, die Schrift konnte bisher nicht identifiziert werden und die Prachtbauten waren plötzlich da, oder hab ich was mißverstanden?
    Ich finde immer noch die Lage der Entstehung der Minoischen Kultur befremdent. Die anderen östlichen Mittelmeer-Inseln hatten doch die selbe Chance (z. B. Rhodos und Zypern). :S
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn Menschen nach einer Anlaufzeit von vielen Jahrhunderten einen "Palast" bauen, ist das kein plötzlicher Vorgang. Davon abgesehen waren die minoischen Paläste keine keine imposante Herrschaftsarchitektur, sondern organische Gebilde mit zahlreichen Innenhöfen und wabenartigen Raumstrukturen.

    Von "Prachtbauten" kann also keine Rede sein, jedenfalls nicht, wenn man ägyptische Tempel, Pyramiden und Götterbilder oder babylonische Zikkurat bzw. Stufentempel zum Vergleich nimmt.
     
  12. Mirtos

    Mirtos Mitglied

    Warum denn nicht?? Die Regierungsformen sind doch unbekannt.
     
  13. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Kreta liegt ziemlich genial am Schnittpunkt zwischen der Kykladenkultur ? Wikipedia und den südöstlichen Mittelmeeranrainern.
    Auf den Kykladen entwickelte sich der Bootsbau ab ca. 3000 BC genau wie auf Kreta. In der Ägäis kann man zwischen bestimmten Inseln incl. Kreta auf Sicht/nach Landmarken fahren. Abhängig von Winden, Strömungen und Jahreszeit gab es dort eingefahrene Routen.
    Auf den nördlicheren Kykladen stagnierte die Entwicklung, auf Kreta ging es weiter, besonders seit die Minoer begannen, mithilfe von Segelschiffen größere Strecken zurückzulegen. Zu der Zeit kommt dann der Einfluß und die Beziehungen zur Levante, Ägypten und zur anatolischen Westküste hinzu. Aber auch zu Zypern, das eine wichtige Handelsdrehscheibe und Kupferexporteur war. Also so einmalig und erstaunlich ist die kretische Entwicklung nicht.

    Edit: Einige küstennahe Paläste dienten auch als Lager und Handwerkerzentrum.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es wäre mir neu, dass eine Kultur vor den Römern eine städtisch Kanalisation kannte (vielleicht die Perser, das will ich nicht ausschließen). Und was Straßen angeht, so waren auch die vorhellenistischen Straßen keine Kommunikationswege sondern gehörten meist - als Prozessionswege - zu Kultstätten. Es gab zwar in verschiedenen Kulturen durchaus eine geregelte Anlage von Wohnbauten innerhalb der Ortschaften, aber Straßen, im Sinne von einem befestigten und gepflasterten Untergrund gab es erst in der klassischen Zeit (Perser, ab dem Hellenismus auch Griechen und bald Römer).
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    In der Induskultur gab es tatsächlich schon ein Kanalsystem zur Abwasserentsorgung.
     
  16. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    So "zurückgeblieben" war Zypern nicht, es wies auch eine blühende Zivilisation auf. Allerdings ging es dort vermutlich nicht so friedlich wie anscheinend auf Kreta zu, da Festungsanlagen und befestigte Siedlungen errichtet wurden. Die mutmaßlichen inneren Beunruhigungen mögen die Entwicklung etwas gebremst haben. Außerdem wurde die Insel von den Hethitern bedroht. Aber (immer vorausgesetzt, das aus den Quellen bekannte Alasija ist, wie allgemein angenommen wird, mit Zypern oder einem Teil von Zypern identisch) der Herrscher von Alasija war ein wichtiger Mann, der in regem Kontakt mit dem Pharao und dem König von Ugarit stand und ihnen gegenüber selbstbewusst auftreten konnte. Allerdings wurde Alasija vorübergehend von den Hethitern unterworfen und tributpflichtig gemacht. Doch trotz dieser Probleme war die Insel dicht bevölkert und lebte gut vom Kupferexport und als Handelsumschlagplatz, es gab auch eine eigene Schrift.
     
  17. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Zugegeben spekulativ, aber unvorstellbar?
    Den Verweis auf die Ausschließlichkeit aufgrund religiöser Kulturkreise, die monotheistisch geprägt sind, erscheint mir fehlgehend. Ich kenne mich damit auch nicht recht aus, halte das - sofern es sich um eine Tatsache handeln sollte, aber eher für die Ausnahme.
    Die einwendende Frage, ob es ggf. zwischen Minoern und anderen Kulturen Barrieren gegeben haben könnte, halte ich im übrigen für genauso spekulativ.
    Vor allem aber halte ich die Annahme dynastischer Verbindungen aus den Hochkulturen des Alten Orient auch keine Rückprojektionen, sondern für höchst plausibel Wolfgang Röttig hat vor einigen Jahrzehnten dazu übrigens einmal Informationen zusammengetragen: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/...1055/pdf/Roellig_Politische_Heiraten_1974.pdf
    Freiheraus zugegeben beweist das die von mir salopp lancierte Annahme möglicher dynastischer Verbindungen noch lange nicht, aber warum sollte gerade Kreta eine Ausnahme bilden, zudem kulturelle Beziehungen meines Wissensstandes gemäß nicht von der Hand zu weisen sind: "Kretische Beziehungen dieser Frühphoinizier ergeben sich nicht nur aus archäologischen Funden Altsyriens, sondern auch aus den Keilschrifttexten von Ugarit (Ras Schamra), und aus den Archiven des Palastes von Mari (Tell Hariri) aus dem 18. Jh. v. Chr." (Joseph Wiesner, Die Kunst Altsyriens. J. Thimme et al. (Hg.), Frühe Randkulturen des Mittelmeerraumes. Baden-Baden: Holle, 1968, S.145)
     
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Natürlich ist sie das.
    Mir ging es auch nicht um religiöse Unterschiede, sondern generell um kulturelle Differenzen oder auch um Überlegenheitsgefühle. Das Beispiel mit Christentum und Islam war vielleicht schlecht gewählt, aber, um andere Beispiele heranzuziehen, auch die römischen Kaiser heirateten keine Partherprinzessinnen (sondern vornehme Römerinnen), und die europäischen Monarchenfamilien der Neuzeit heirateten zwar untereinander, aber keine osmanischen Sultanstöchter oder Mogulprinzessinnen aus Indien. Dynastische Heiraten finden meist innerhalb desselben Kulturkreises statt, wobei auch chauvinistische Erwägungen eine Rolle spielen können. Wir wissen aber rein gar nichts über die Denkweise der minoischen Herrscher, ob sie sich irgendwie als überlegen betrachteten, ob sie unter sich bleiben wollten und andere als "anders" ablehnten oder ob sie den Herrschern der Levantestaaten und Festlandgriechenlands offen gegenüberstanden.
    Ich sage damit nicht, dass es keine dynastischen Beziehungen gab, natürlich wären sie möglich, sondern nur, dass wir sie nicht leichtfertig annehmen sollten, bloß weil wir sie aus anderen Zeiten und anderen Umständen der Geschichte kennen. Wir wissen es einfach nicht.
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich wissen wir nicht, ob ein Pharao oder ein phönizischer Stadtfürst eine adlige Kreterin zur Frau nahm. Besonders bei den Pharaonen gab es Verbindungen mit auswärtigen großen Herrscherhäusern, jedoch ist unklar, ob eine derartige beherrschende Dynastie überhaupt auf Kreta bestand.

    Angesichts fehlender Herrscherbilder und Herrschaftszeichen ist die Forschung eher geneigt, mehrere kleine Stadtfürsten anzunehmen, die in Phaistos, Zakros, Knossos und anderswo regierten und nur über begrenzte Macht verfügten. Es ist zudem wahrscheinlich, dass diese "Fürsten" lediglich primi inter pares waren, also nur eingeschränkte Vollmachten im Rahmen einer Adelsherrschaft hatten. Für eine politisch motivierte Heiratsverbindung mit vorderasiatischen Dynastien wären solche minoischen Prinzessinnen nicht ranggleich gewesen.
     
  20. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das klingt zwar durchaus plausibel, aber ich bin trotzdem skeptisch wegen des anscheinenden weitgehenden Fehlens von Befestigungen und der generell vergleichsweise wenigen Hinweise auf ein Kriegswesen (wenngleich es durchaus Funde und Abbildungen von Waffen gibt). Natürlich ist es möglich, dass die verschiedenen Stadtfürsten tatsächlich über Jahrhunderte hinweg in Harmonie miteinander lebten, aber übermäßig wahrscheinlich ist es wohl nicht. Eher spricht das dafür, dass es doch einen zentralen Herrscher gab und sich die Insel auf ihre Flotte zur Abwehr einer Invasion von außen verließ, sodass Festungen auf der Insel überflüssig waren.
     

Diese Seite empfehlen