Napoleon - Kaiser von Gottes Gnaden?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Laura123, 22. Oktober 2016.



  1. Laura123

    Laura123 Neues Mitglied

    Hallo zusammen,

    ich verstehe eine Sache in Bezug auf Napoleon nicht: Wieso nennt er sich "Kaiser VON GOTTES GNADEN und auf Grund der Kostitution der Republik", wenn er doch insgesamt eine Politik gegen die Vormacht der Kirche betreibt, vgl. Säkularisation.
    Könnte man nicht sagen, er macht eine "kirchenfeindliche" Politik oder ist das zu weit gegriffen?

    Kann mir jemanden weiterhelfen, hab das Gefühl ich steh total auf dem Schlauch gerade :-/

    Danke schon mal an alle :)

    Gruß, Laura
     
  2. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Hier ist ein Spagat versucht worden: Einerseits wollte Napoleon sich in einer Reihe mit den anderen Monarchen seiner Zeit sehen - insofern musste das "Gottesgnadentum" schon bei seinem Titel verankert sein.
    Andererseits musste er auf die Errungenschaften und die Anhänger der französischen Revolution Rücksicht nehmen, daher die gleichzeitige Bezugnahme auf die Republik.
    Letztendlich hat er wohl beide Seiten eher vor den Kopf gestoßen, denn zufriedengestellt. Auch die Heirat mit einer österreichischen Erzherzogin brachte nicht unbedingt die Aufnahme in den Kreis der "Legitimen", er blieb der "Usurpator", insbesondere England verwehrte ihm Zeit seines Lebens seinen Kaisertitel. Noch heute scheinen sich Historiker ihn 2 Lager zu teilen - für die einen ist er der General Bonaparte, für die anderen der Kaiser.

    "Kirchenfeindlich" war die Revolution, insofern konnte und wollte Napoleon nicht alles rückgängig machen. Andererseits brauchte Napoleon den inneren Frieden in seinem Reich, insofern war ihm an einem Frieden zwischen Papst, Kirche und ihm gelegen. Deshalb gab es das Konkordat mit dem Papst, was (zumindest zeitweise) für einen Ausgleich der Interessen sorgte.

    Was den Verlust weltlicher Besitztümer und Ländereien anbelangt, war man sich aber in Europa weitgehend einig - auch im HRRDN sind die "Übertragungen" an weltliche Herrscher dankend angenommen worden.

    Gruss, muheijo
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich glaube nicht, dass man das auf die beiden Pole Revolution und Akzeptanz Napoleons im Kreis des europäischen Hochadels beschränken darf. Die Säkularisierung wurde nicht von ausgesprochenen Kirchenfeinden betrieben (die Sansculotten und Jakobiner knüpften im Terreur die Geistlichen einfach auf). Und Napoleon stand u.a. auch für die Überwindung des Terreur.
    Es war vielmehr eine Situation, dass die Kirche durch Schenkungen und Erwerbungen über die letzten 1000 Jahre soviel Eigentum erworben hatte, dass das ein schwelendes soziales Problem wurde (bzw. schon lange war, der Erfolg der Reformation in einigen Städten hängt z.B. mit der unterschiedlichen Besteuerung der Klöster (der Klerus war steuerbefreit) und der Handwerker zusammen), welches mit der aufgeklärten und bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr vereinbar war und die wirtschaftliche Entwicklung hemmte.
    Es war also vorwiegend ein drängendes wirtschafts- und sozialpolit. Problem, keine Ideologie, die hinter den meisten Säkularsierungsmaßnahmen steckte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Oktober 2016
  4. Laura123

    Laura123 Neues Mitglied

    Vielen Dank euch beiden für eure Antworten! Mir ist die Sache schon klarer, nun in Bezug auf die Reichstände und die Besteuerung habe ich noch offene Fragen.
    - War der Adel auch steuerbefreit?
    - Wurden die Steuerprivilegien des Klerus durch die Säkularisation beseitigt oder wie ist der Zusammenhang? Das ist mir nicht klar geworden?
    - Wann wurde in "Deutschland" eine gerechte Besteuerung erreicht?

    Vielen Dank schon mal im Voraus!
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bis zur Französischen Revolution natürlich. Gerade in Frankreich war das eines seiner letzten Privilegien.

    Ja.
    Unsere Kirchensteuer ist gewissermaßen eine Rekompensation für die Einbußen der Kirche durch die Säkularisierung.

    Das ist eine Frage, die man pauschal nicht beantworten kann. Mancher würde sagen, bisher noch nie. In Preußen versuchte man bereits unter der napoleonischen Besatzung (seit 1806) mit den Stein-Hardenberg'schen Reformen (1807) ein gerechteres Steuersystem einzuführen.
     
  6. Laura123

    Laura123 Neues Mitglied

    Vielen Dank lieber El Quijote, für deine Antwort und deine sehr verständlichen Erklärungen!! :D


    Zitat: Laura123 - War der Adel auch steuerbefreit?
    Zitat: El Quijote: Bis zur Französischen Revolution natürlich. Gerade in Frankreich war das eines seiner letzten Privilegien.

    -> Und im HRRdN, war es da auch so wie in Frankreich, dass Adel und Klerus von den Steuern befreit waren? Und wann büßten die Adeligen in "Deutschland" ihre Macht und Vorrechte ein?

    Ich glaube das ist meine letzte Frage! Vielen Dank für die erhellenden Kommentare :)
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Weitgehend. Es gab - zumindest theoretisch - eine Reichssteuer, welche die Stände an den Kaiser zu zahlen hatten.

    Zwischen 1848 und 1918.
     
  8. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Eher nicht: Der deutsche Staat ist den Kirchen (siehe Art. 137 WRV i.V.m. Art. 140 G) ›nur‹ gegen Entgelt behilflich bei der Einziehung der ›Vereinsbeiträge‹.

    Echten Kompensationscharakter haben die sogenannten »Staatsleistungen« gemäß Art. 138 WRV i.V.m. Art. 140 GG. Die verfassungsrechtliche Pflicht, diese Leistungen abzulösen, wird vom Reichs- bzw. Bundesgesetzgeber seit nunmehr 97 Jahren souverän ignoriert, so dass hier mittlerweile eine Über-Kompensation vorliegen könnte.
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nein, der Adel war nicht von der Steuer befreit, weder in Deutschland noch in Frankreich. DIE Steuer gab es sowieso nicht. Es gab ein (nicht anders als heute) unüberschaubares Feld von Steuern. Besonders scharf waren die Auseinandersetzungen, wenn die Herrscher die Steuern erhöhten bzw. die Einziehung der Steuern strenger bewachten, welche auch vom Adel bezahlt werden mussten. Besonders bei der Akzise, einer höchst einträglichen Verbrauchssteuer, befürworteten die Bürgerlichen nicht selten, auch wenn sie die Kaufleute bspw. auch stark betraf, dass durch deren Einziehung auch der Adel als bedeutender Konsument zur Kasse gebeten wurde. Da hier nach Deutschland gefragt wurde, wäre August der Starke ein gutes Beispiel, der immer wieder drohte, so ihm die Stände seines Kurfürstentums die finanzielle Unterstützung seiner Großmachtträume verweigerten, die Besteuerung des Adels zu intensivieren und zu überprüfen.
    Im Frankreich des Ancien Régime wurde auch der Versuch unter Louis XV einer allgemeinen Erfassung des Königreichs vom Adel blockiert, da diese die gerechtere Besteuerung auch des Adels begünstigt hätte. https://books.google.de/books?id=Az...AEIPTAD#v=onepage&q=Louis XV Kataster&f=false

    Napoléon steht m.E. für eine schrittweise Rückkehr in die Verhältnisse des Ancien Régime. War nicht Joséphine sogar ein Fan von Marie Antoinette? Nicht von ungefähr, richtete sich auch Napoléon in Versailles ein...
     
  10. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Das ist mir neu.
    Mal abgesehen davon, dass er wohl die meiste Zeit "auf Achse" war:
    Sein Lieblingsschloss war Fontainebleau, und ansonsten war doch Amtssitz in Paris, in den Tuilerien?

    Gruss, muheijo
     

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