Nation kam vor dem Volk?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Idomenio, 13. September 2017.



  1. Idomenio

    Idomenio Neues Mitglied

    Existierten diejenigen Völker in Europa, die heute Nationalstaaten haben, in ihrer Eigenauffassung bereits vor diesen oder kam ihre Identität erst im Zug des Zeitalters des Nationalismus auf?

    Ich habe mal gelesen, vor der Revolution sahen sich nur wenige Menschen in Frankreich als Franzosen und nur 5% sprachen Hochfranzösisch. Erst die Revolution schuf ein Nationalbewusstsein, während der Staat die Sprache Französisch gezielt im ganzen Land durchsetzte. Auf der Apenninnen-Halbinsel war bei Gründung des Königreichs Italien niemand ein Italiener, sondern Florentiner, Veneter, Toskanier etc. Der König meinte "Jetzt, wo wir Italien erschaffen haben, müssen wir die Italiener erschaffen". Und der erste deutsche Kaiser, Wilhelm I., sah sich mehr als Preuße anstatt Deutscher.

    Vor der Französichen Revolution hießen manche Staaten schon so wie spätere Nationen und beanspruchten für sich ein grob ähnliches Territorium, wie die Niederlande und Portugal. Aber Nationalstaaten gab es noch keine, es gab keinen Zusammenhang zwischen den politischen Konstrukten denen die Menschen angehörten und ihren ethnischen, kulturellen und sprachlichen Zugehörigkeiten. Liegt es da nicht nahe, dass die Nationalstaaten, die sich aus diesen Feudal-/Dynastiestaaten entwickelten, gezielt nationale Identitäten erschaffen haben?
     
  2. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    ja
     
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  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es konnte deshalb zuvor keine Nationalstaaten geben, weil der Begriff 'Nation' erst in jener Zeit definiert wurde. Dabei zog man als Beispiele insbesondere Spanien, England und Frankreich heran. Vor der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ist es daher schwierig, von Nationen zu sprechen. Die Angleichung anderer Völker an den Nationenbegriff vollzog sich dann zu verschiedenen Zeiten. Als spätes Beispiel wird mitunter der Arabische Aufstand im 1. Weltkrieg genannt, ob das als Beispiel nun stimmig ist oder nicht.

    Davon ist die Nation als Staatsvolk zu unterscheiden. Während z.B. schon im Vormärz ein Selbstbewusstsein als Nation in Deutschland festzustellen ist, existiert ein Deutsches Staatsvolk erst ab der Reichsgründung 1871.

    Volk könnte man als unreflektierten Begriff der Alltagssprache nehmen. Damit sind die meisten Völker schon eher zu bezeichnen. Und wenn wir einen neutralen Begriff suchen, z.B. Ethnie, dann gab es immer Ethnien, die Frage ist dann aber nicht nur, welche Namen es jeweils gab, sondern auch, welcher Inhalt jeweils damit verbunden wurde.

    Denn die Rede von Nation ist immer und in jedem Fall mit dem Hintergrund des Nationalismus verbunden, das Staatsvolk mit der Rechtswissenschaft und wie die Andauernde Diskussion in der Ethnologie über ihren Forschungsgegenstand zeigt, kann der Begriff Ehnie mit mehreren Theoriegebäuden verbunden werden. Und hinter einem Begriff der Alltagssprache stecken sowieso unzählige Betrachtungsweisen.

    Der modernen Wissenschaft ist es hier noch nicht gelungen, eine Anschauungsweise zu entwickeln gegen die es keinen ernsten Einwand gibt. Da nun aber feststeht, dass verschiedene Gruppen von Menschen unterschieden werden können und -sowohl in der Fremdwahrnehmung als auch in der Eigenwahrnehmung- unterschieden werden, kann natürlich vermutet werden, dass es hier jenseits des ganz allgemeinen nicht möglich ist, einen allgemeingültigen Begriff zu finden.

    Die Vorstellung einer Deutschen Nation im 17. Jahrhundert ist Quatsch. Aber genauso sicher ist Quatsch, zu sagen, dass es damals keine Deutsche Ethnie gab. Richelieus entsprechende Ratschläge an seinen König belegen die Außenwahrnehmung und Gryphius kann für die Selbstwahrnehmung stehen. Aber hier ist Vorsicht geboten: Das Fürsbistum Paderborn würde gerne als Französische Kolonie, als Siedlungsgebiet von Karl dem Großen umgesiedelten Franzosen hingestellt, wodurch der französische König gut als Beschützer gewinnen ließ. Die Frage ist hier, welchen Stellenwert dies Bewusstsein hatte. Im Spanien der Zeit wäre eine solche Argumentation wohl kaum aufgekommen. Und dann ist noch die Frage, in welchen Bevölkerungsschichten welche Vorstellungen dazu herrschten.

    So schön man Rechtsradikale aller Länder damit ärgern kann, so falsch liegt dann auch der deutsche Bildungsbürger, wenn er verkündet, dass es vor Christian Wolff (Gryphius war Rektor des Gymnasiums auf das er ging.) kein deutsches Volk gab. Das sind ja nur Setzungen aufgrund bestimmter Philosophien. Insbesondere verändern sich auch Begrifflichkeiten der Alltagssprache. Von vielen wurde einst die Bundesrepublikdeutschland Sichtweise vom Volk als Schicksalsgemeinschaft übernommen, oft ergänzt durch die eigentlich ältere Rede von Mentalitäten, während später oft auf eine Gemeinschaft gleicher Sichtweisen ("Leitkultur") abgestellt wurde und heute oft von gleicher Lebensweise (USA!) die Rede ist. Schon in der Grabrede des Perikles nach dem ersten Kriegsjahr wurde die Lebensweise der Athener als Propaganda benutzt und vor fast so langer Zeit als ebensolche enthüllt. Wie hier leicht zu sehen ist, können auch in der Alltagssprache Prägungen durch Politiker und Philosophen eine Rolle spielen.

    Dementsprechend kann hier keine allgemeingültige Antwort gegeben werden.

    Ohne Zweifel gibt es auch heute Leute, die sich in erster Linie als Bayern oder Westfalen, Vennezianer oder Neapolitaner sehen und nur in zweiter Linie als Deutsche oder Italiener. So gesehen ist der Aufbau dieser Nationen nicht vollendet. Nur, daß das für uns keine Notwendigkeit ist, da wir das menschliche Zusammenleben heute meist ganz anders betrachten als es die Menschen noch um 1950 taten. Denn die Vorstellung, was die richtige Weltordnung ist, wandelt sich auch. Heute haben wir das Problem, dass Theorien verschiedener Zeiten nebeneinander stehen oder sogar miteinander verbunden werden ("Identitätere Bewegung"). Und auch so etwas gab es in vergangenen Zeiten, wenn auch nicht so extrem. Als man die Vorstellung von Nationen hatte, mussten eben Nationen her. Und das musste dann auch nicht mit der Realität übereinstimmen. So ähnlich wie in Deutschland heute die Kurden ganz offiziell als Bestandteil verschiedener Staatsvölker gesehen werden.

    Wenn ich also z.B. von dem Serbischen Volk im 19. Jahrhundert rede, muss ich erstmal sagen, was ich meine. Ob Serben oder Ukrainer oder Deutsche zu einem bestimmten Zeitpunkt als Volk betrachtet werden, hängt dann von der eigenen Betrachtungsweise ab und hat recht wenig mit der historischen Realität zu tun, weil meine Ansicht dazu anachronistisch ist. Es muss also gleichzeitig nach den Ansichten der Zeit und dem Zustand der Zeit gefragt werden.

    Natürlich kann es interessant sein, wie die Vergangenheit nach heutigen Begriffen einzuordnen ist. Nur ist das für die Vergangenheit uninteressant, anachronistisch eben. Und das gilt auch für die Nationenbildung von den Spaniern der frühen Neuzeit bis hin zur Übernahme von kolonialen Einteilungen durch einige der eingeteilten Völker noch im 20. Jahrhundert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2017
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die akademische Sicht auf die Frage nach der „Deutschen Nation“ als Spezialfall des Nationalismus ist durch eine Vielzahl an Studien definiert, mit Widersprüchen bereits innerhalb der Mehrheitsmeinung und Minderheitssichten (vgl. zur Übersicht Schieder, Smith, Wehler, Weichlein etc.)

    Vorausgeschickt werden sollten jedoch zwei Aspekte. Das „Nationbuildung“ ist sehr eng mit dem Narrativ eines „Gründungsmythos“ verbunden. Wie man auch im Forum noch deutlich bei der emotionalen Diskussion um die „Varusschlacht“ sehen kann (vgl. Münkler etc.)

    Das deutsche „Nationbuildung“ ist eng mit dem Narrativ einer „Klein-Deutschen“ preußischen Geschichtsschreibung verbunden, in der die Bedeutung von Österreich-Ungarn als relevant für die Entwicklung des HRR vernachlässigt wird.

    Die Diskussion um das „Nationbuildung“ vor allem von den Vertretern eines frühen Prozesses als Elitendiskurs thematisiert wird, bei dem die „Eigenbezeichnung“ in den Vordergrund gerückt wird (vgl. Geary). Dabei werden die wandelbaren symbolischen (Konnotation) Aufladungen von Begriffen nicht ausreichend reflektiert und vor allem wird die Frage nicht beantwortet, wie identitätsstiftende Prozesse im Sinne eines „Nationalbewußsein“ in der Breite des Volkes hätten verankert werden sollen (vgl. Giesen, Niethammer u. a. wie K.W. Deutsch etc)

    Ansonsten gibt es einen Konsens in der Mehrheitsmeinung der Historiker, historischen Soziologen oder Politologen, die davon ausgehen, dass mit der Französischen Revolution der zentrale historische Akteur (Agent) das „Volk“ im Zuge der Ereignisse sich „selber“ geschaffen hat (vgl. Anderson, Giddens, Gellner etc.)

    Dabei wird die Konstruktion der "Nation" als ein Prozess angesehen, der als Diskurs der Eliten abläuft, bei dem die Elemente der "Nation" als Narrativ konsensual oder auch konfliktorientiert definiert werden. In diesem Sinne ist - Anderson und Gellner folgend - die "Nation" das Ergebnis eines kulturellen Prozesses, bei dem schöpferisch etwas durch Teile einer Gesellschaft als Narrativ definiert wird.

    Eine Nation ist - kurz gefaßt - somit das Konstrukt aus "imagined communities" (Anderson) mit erfundenen "invented traditions" (Hobsbawn)

    In diesem Prozess wird zusätzlich definiert, was zum "Nationalstaat" gehört, also was "in" ist und was nicht dazu gehört, also "out" ist. Und als Ergebnis nicht selten die spezifische Form der Militanz von Nationalstaaten zu erkennen ist, das nicht genuiner Bestandteil der Definition von Nationalstaat ist. Ein Prozess für den man gerade wieder Anschauungsmaterial erhält.

    In der Folge wird durch eine spezifische offizielle "Erinnerungskultur" diese Vorstellung als kollektive Identität in den Vorstellungen und Weltsichten des Volkes verankert. Dort trifft es natürlich auf andere Weltbilder, die die Wirksamkeit des Narrativs der "Nation" relativieren.

    Wie beispielsweise der Internationalismus der sozialistischen Arbeiterparteien im ideologischen Sinne quer zum offiziellen Nationalismus des Staates stand. Wie beispielsweise im Kaiserreich nach 1871 oder in Frankreich nach 1871.

    Dieser politische Prozesse der Verlagerung der Legitimation einer gottgegebenen zur Legitimation durch das Volk im Zuge der Französischen Revolution kann für Europa als die eigentliche Initialzündungen des „Nationalismus“ angesehen werden (vgl. Bell). Und ist eigebettet in den europäischen Narrativ einer „Moderne“, die zusätzlich durch politische und industrielle Revolutionen definiert ist und in der Ära des „Imperialismus“ vor dem WW1 seinen Höhepunkt erreichte. (vgl. Breuilly etc.)

    Ansonsten ist im GF ausführlich bereits über das Thema diskutiert worden und der Hinweis auf die entsprechende (nur als kleiner Auszug) Literatur kann als Einstieg angesehen werden.


    Anderson, Benedict R. O'G (2006): Imagined communities. Reflections on the origin and spread of nationalism. Rev. ed. London, New York: Verso.

    Bell, David Avrom (2003): The cult of the nation in France. Inventing nationalism, 1680-1800. 1st Harvard University Press pbk. ed. Cambridge, Mass: Harvard University Press.

    Berding, Helmut (Hg.) (1994): Nationales Bewußtsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 2.. Frankfurt am Main: Suhrkamp

    Breuilly, John; Müller, Johannes (1999): Nationalismus und moderner Staat. Deutschland und Europa. Köln: S-H Verlag

    Dörner, Andreas (1996): Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Herrmann-Mythos: zur Entstehung des Nationalbwußtseins der Deutschen. Reinbek bei Hamburg: rowohlt.

    Echternkamp, Jörg; Müller, Sven Oliver (Hg.) (2002): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg and Krisen, 1760-1960. München: R. Oldenbourg (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 56).

    Geary, Patrick J. (2002): The myth of nations. The Medieval origins of Europe. Princeton, N.J.: Princeton University Press.

    Gellner, Ernest (1983): Nations and nationalism. Ithaca: Cornell University Press (New perspectives on the past).

    Giddens, Anthony (1987): The nation-state and violence. Volume two of a comtemporary critique of Historical Materialism. Berkeley: Los Angeles: University of California Press.

    Giesen, Bernhard (Hg.) (1991): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp

    Hobsbawm, E. J. (2012): Nations and Nationalism since 1780. Programme, Myth, Reality. 2nd ed. New York: Cambridge University Press

    Jansen, Christian; Borggräfe, Henning (2007): Nation - Nationalität - Nationalismus. Frankfurt, New York: Campus

    Longerich, Peter (Hrsg) (1990): "Was ist des Deutschen Vaterland?". Dokumente zur Frage der deutschen Einheit 1800 -1990. 1990. Aufl. München, Zürich: Piper

    Münkler, Herfried (2008): Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin: rowohlt.

    Niethammer, Lutz (2000): Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Orig.-ausg. Reinbek bei Hamburg: rowohlt

    Özkırımlı, Umut (2010): Theories of nationalism. A critical introduction. 2nd ed. Basingstoke, Hampshire [England], New York: Palgrave Macmillan.

    Planert, Ute (2002): Wann beginnt der moderne deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale Sattelzeit. In: Jörg Echternkamp und Sven Oliver Müller (Hg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg and Krisen, 1760-1960. München: R. Oldenbourg (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 56), S. 25–60.

    Schieder, Theodor (1991): Nationalismus und Nationalstaat. Studien zum nationalen Problem im modernen Europa. Dann, Otto; Wehler, Hans-Ulrich. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

    Schubert, Klaus (2004): Nation und Modernität als Mythen. Eine Studie zur politischen Identität der Franzosen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

    Schulze, Hagen (1999): Staat und Nation in der europäischen Geschichte. München: C.H. Beck (Beck'sche Reihe).

    Smith, Anthony D. (1986): The ethnic origins of nations. Oxford: Blackwell.

    Smith, Anthony D. (1995): Nations and nationalism in a global era. Cambridge, UK: Polity Press.

    Smith, Anthony Douglas (2000): Nationalism and modernism. A critical survey of recent theories of nations and nationalism. London, New York: Routledge.

    Wehler, Hans Ulrich (2001): Nationalismus. Geschichte - Formen - Folgen. Originalausg. München: C.H. Beck

    Weichlein, Siegfried (2012): Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa. 2. durchges. und bibliogr. aktualisierte Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges (

    Wiegrefe, Klaus; Pieper, Dietmar (Hg.) (2008): Die Erfindung der Deutschen. Wie wir wurden, was wir sind. Hamburg: Spiegel Buchverlag
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. September 2017

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