Neubewertung der Appeasementpolitik Chamberlains?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von El Quijote, 4. November 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Traditionell versteht die Geschichtsschreibung das Münchener Abkommen so, dass Arturo Ui Neville Chamberlain über den Tisch gezogen hat. Der Romancier und Publizist Robert Harris (v.a. wegen Fatherland bekannt) legt nun ein neues Buch vor, in dem er die These vertritt, es sei umgekehrt gewesen. Chamberlain habe tatschlich Arturo Ui über den Tisch gezogen. Er legt diese These zwar als Roman vor (Munich, 9.2017/München 10.2017), aber wenn ich das richtig verstanden habe, will er die These als durch ernst zu nehmen verstanden wissen. Das Buch selber habe ich noch nicht gelesen (und auch mittelfristig nicht in Planung) dennoch kann man ja mal darüber diskutieren. Gibt es Momente, die für eine solche Neubewertung sprechen, dass die Appeasementpolitik eben doch kein Misserfolg und Memento der Schwäche war sondern erfolgreich?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Polarisierung zwischen Erfolg und Mißerfolg entspricht nicht den Zwängen der historischen Situation, wäre mein erster Einwand. Nun ausgerechnet Harris als Ausgangspunkt für eine Neubewertung zu wählen, finde ich persönlich problematisch, wäre mein zweiter Einwand.

    Stellt sich zunächst die Frage, bei Harris vor allem, was er mit der Publikation zu diesem Zeitpunkt eigentlich und aktuell sagen will. Etwa folgendes?: "Dass die Briten erfolgreich sich gegen die "Irren" vom Kontinent mit einer realistischen und pragmatischen Politik haben durchsetzen können. Und in der "Endabrechnung" ihre Sicht, sich als korrekt und angemessen herausstellte."

    Da wird dann ein "erfolgreicher" Chamberlain zum "Ahnen" für den "Brexit" und bestärkt good old Britain in der splendid isolation gegenüber dem Kontinent. Ich verstehe schon, dass man angesichts einer völlig verfehlten Politik, sich wenigstens eine historische Vergewisserung beschaffen möchte, dass man eigentlich doch alles richtig machen würde.

    Vor Jahren haben wir sehr ausführlich und sehr nahe an dem damals aktuellen Stand (Aster, Neville, Cienciala etc.) der historischen Aufarbeitung der Appeasementpolitk das Thema anhand von "München" und in der Folge anhand von "Polen 39" diskutiert. Die einzelnen Themen ließen sich leicht finden.

    Und sicherlich - so m.E. das Ergebnis - war Chamberlain nicht der "Guilty Man", sondern hat vor dem Hintergrund der Zwänge sich Zeit gekauft, um die notwendigen Rüstungsprogramme zu initiieren, die erst die Voraussetzung für die erfolgreiche "Battle of Britain" waren.

    Für mich persönlich war seine Strategie absolut pragmatisch und rational absolut nachvollziehbar.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. November 2017
    silesia und flavius-sterius gefällt das.
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Das ist komprimiert der Stand der jahrzehntelangen Debatte zum Appeasement.

    Ich schließe mich da ganz Thanepower an. Die kontrovers diskutierten strategischen Vorteile des Appeasement sollte man nun aber nicht „populär“ zuspitzen, indem Bilder des über-den-Tisch-ziehens umgekehrt werden.
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

  5. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Wird Daladiers Rolle eigentlich ähnlich beurteilt ?
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Versuch einer Antwort wurde hier gemacht:

    http://www.geschichtsforum.de/thema/frankreichs-weg-in-den-zweiten-weltkrieg.50401/

    Und noch kurz zu dem Beitrag in der Welt. Die entscheidende Frage zu München wird bei Harris und somit auch in dem Beitrag in der "Welt" übersehen. Und das ist die Rolle der UdSSR, die ganz wesentlich durch GB ausgegrenzt wurde, obwohl sie sich zu dem Zeitpunkt noch !!!!! zu einem kollektiven Sicherheitssystem bekannt hatte.

    Im Rahmen von "Was wäre wenn"-Szenarien stellt sich vor allem die Frage, was passiert wäre, wenn die Bereitschaft von Stalin getestet worden wäre, die Sicherheit der Tschechoslowakei militärisch mit zu garantieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. November 2017
  7. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

  8. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Das (Hör)Buch von Harris, "München", hab ich jetzt durch. Er beschreibt gleich zu Anfang, dass die Briten sich militärisch noch absolut nicht fähig sahen einen Krieg zu führen. So seien die MGs der Hurricane-Flugzeuge ab einer gewissen Flughöhe wegen Vereisung unbrauchbar gewesen etc.
    Weiterhin wird regelmäßig betont, dass der Erste Weltkrieg den Leuten noch in den Knochen saß und man davon ausging, dass der nächste Krieg viel schlimmer würde. Eine ebenso kuriose wie geheime deutsche Widerstandsgruppe kommt ebenfalls vor (welche gern die Hilfe der Briten hätte beim Versuch, ausgerechnet das Kaiserreich wiederzubeleben).
    Chamberlain wird als hartnäckiger Verhandlungspartner beschrieben, der Hitler sogar noch in einem geschickten Manöver gegen Ende eine gemeinsame Erklärung abringen kann. Eins von den Büchern wo ich gern mehr Faktenwissen (bzw Zeit) hätte ....

    Nachtrag: Die deutsche Widerstandsgruppe war die sog Septemberverschwörung, vertreten durch Eduard Brücklmeier.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Dezember 2017

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