Offenbarung des Johannes

Dieses Thema im Forum "Das Christentum" wurde erstellt von Nergal, 13. Juni 2011.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Ich kenne nur die vom Verfasser des Johannesevangelium selbst geschaffene Illusion, Johannes Evangelista sei der Apostel, der Verfasser der Offenbarung wird doch eigentlich vom Apostel/Evangelisten durch den Namenszusatz von Patmos geschieden.
     
  2. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    , der aber in meiner Erinnerung beispielsweise von Benedikt XVI nicht widersprochen wird, muss das aber noch nachlesen.

    Besser ist es aber, wir vertiefen das nicht, weil wir dann wieder ins Theologische rutschen...
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Februar 2016
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Nun, selbst wenn er gewissermaßen ex cathedra geschwiegen hätte, wäre das für die historische Betrachtung sicher nicht bindend.:D

    Soweit man die Theologie beiseite lässt, herrscht wohl anders als vor hundert Jahren Einigkeit, dass die Autoren nicht identisch sind. Außerdem werden Meinungen vertreten, dass die Offenbarung auch von mehreren Autoren stammen könnte, oder - wenn schon von einem - aus Teilen unterschiedlicher Entstehungszeitpunkte zusammengesetzt worden ist. Schließlich ist zu beachten, dass uns bekanntlich der Originaltext fehlt, Überlieferungen überbrückt haben könnten, und schließlich einige textliche Unterschiede im Vergleich beim bekannten Schriftmaterial bestehen.

    Also Theologie beiseite: Nur eifrige Weltanschauungen - wie oben im thread bestens anschaulich - reduzieren den bunten Strauß von Möglichkeiten auf jeweils eine angeblich "richtige" Erklärung.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das Römische Reich war prinzipiell tolerant gegenüber Religionen und adaptierte fremde Kulte, sofern die Staatskulte von diesen respektiert wurden und solange sie nicht gegen das verstießen, was die Römer unter "öffentlicher Ordnung und innerer Sicherheit" verstanden. Kulte mit blutigen (Menschen)Opferriten wie der der Druiden wurden durchaus verboten und bekämpft.
    Ausweisungen von bestimmten Volks- und Berufsgruppen oder von Anhängern nicht anerkannter Kulte konnten durchaus auch Menschen treffen, die nicht Angehörige der Reichsaristokratie waren. Juden wurden schon vor dem Edikt des Claudius ausgewiesen oder vertrieben. Paulus wohnte, will man der ApG Glauben schenken, bei einem Ehepaar Aquila und Priscilla (?), die davon betroffen waren. Tiberius ließ Kleidung und Kultgeräte von Jüdischen und ägyptischen Kulten beschlagnahmen und zog Juden zur Armee ein, um sie in Gebieten mit unangenehmen Klima zu stationieren. Obwohl er selbst ein Faible für Astrologie und Thrasyllus hatte, ließ Astrologen aus der Stadt und Italien ausweisen Sueton, Claudius Kap 25, Suet, Tiberius Kap. 36) Auch Schauspieler, die das Pech hatten, das Missfallen eines Kaisers zu erregen, wurden gerne aus Italien ausgewiesen. Nero war dabei noch relativ generös, ein Atellanendarsteller, der pantomimisch auf die Vergiftung Claudius- die Atellana war eine Art S- der mit Gebärden auf die Vergiftung des Claudius Claudius und den arrangierten Bootsunfall der jüngeren Agrippinas anspielte, wurde nur mit Ausweisung aus Italien bestraft. Die Atellana war eine nach der Stadt Atella benannte Standup- Comedy mit festen Charakteren. Domitian und andere Herrscher ließen auch bestimmte Philosophen ausweisen.

    Wenn mit der Ankunft des Antichristen in der Apokalypse auf einen römischen Kaiser angespielt wird, ist eigentlich nur ein Bezug auf Nero einigermaßen plausibel. Dass einige von Domitian exekutierte Persönlichkeiten tatsächlich Christen waren oder mit dem Christentum sympathisierten, ist möglich, für eine organisierte vom Hof gesteuerte Christenverfolgung unter Domitian gibt es keine zuverlässigen Quellen und erst recht keine außerchristlichen, während die neronische Christenverfolgung von Sueton und Tacitus überliefert ist. Örtliche Statthalter besaßen wie die Pliniusbriefe zeigen, einen eine recht großen Ermessensspielraum besaßen, und lokale Verfolgungen geschahen auf ihre Iniative. Das konsequente Festhalten am Christentum im schlimmsten Fall zur Exekution führen konnte, obwohl sich Trajan dagegen aussprach, dass nach Christen gezielt gefahndet werden sollte (conquerendi non sunt) und anonyme Anzeigen verwarf. Diese widersprüchliche Rechtslage begünstigte einerseits die Ausbreitung des Christentums, konnte aber auch zum Martyrium führen.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Dass der Text aus Teilen unterschiedlicher Entstehungszeit zusammengesetzt wurde, erscheint, zumindest mir plausibel. Der Text ist vor dem historischen Hintergrund des jüdischen Krieges und der neronischen Christenverfolgung entstanden. Erstaunlich finde ich, dass der Verfasser der sich auf die Propheten beruft, gar nichts über die Zerstörung des Tempels sagt. Die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels war eine historische Zäsur, das Ereignis, nach dem sich die Wege von Judentum und Christentum endgültig trennten. In den synoptischen Evangelien, von denen das älteste, das Markusevangelium im Allgemeinen auf nach 70 n. Chr. datiert wird, sagt Jesus die Zerstörung des Tempels voraus. (Mt 24 1-2, Mk 13, 1-2, Lk 21, 5, 20-25. Johannes von Patmos hat wunderbare, geradezu an Hieronimos Bosch erinnernde Visionen, und spricht in Apk 11 davon, dass die heilige Stadt und damit kann nur Jerusalem gemeint sein, verwüstet wird, aber mit der Zerstörung des Tempels ist Fehlanzeige. Was soll Johannes da groß ausmessen, wenn da außer Ground Zero nichts mehr zum Vermessen ist?
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die meisten Diskussionsteilnehmer werden sich wohl mehr für diesen Reiter interessieren.
    Die gestellte Frage ließe sich in einem sehr kurzen Beitrag beantworten.
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nicht als Widerspruch, sondern als Ergänzung: Die sachlichen Gründe für diese Einigkeit sind schon seit allerfrühester Zeit bekannt, auch in theologischen Kreisen:

    "Dass das Johannesevangelium und die Apokalypse nicht denselben Verfasser haben können, hat schon im 3. Jahrhundert der alexandrinische Bischof Dionysius mit überzeugenden Gründen festgestellt, denen kaum etwas hinzuzufügen ist." (Klaus Wengst)

    Im Detail nachzulesen hier: https://www.unifr.ch/bkv/kapitel53-25.htm

    (Klang auch in dieser Diskussion schon an: http://www.geschichtsforum.de/f30/offenbarung-des-johannes-38682/index2.html#post635875[/QUOTE])


    Der Verfasser nennt sich selbst Johannes. Ich sehe keinen Grund, diesen Namen zu tabuisieren.

    (Zwar gab es schon vor Dionysius eine Art Verschwörungstheorie, die in der Offenbarung eine Fälschung des Kerinth sehen wollte. Die Unhaltbarkeit dieser These hat Dionysius aber ebenfalls gut erkannt.)
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Domitian

    Für Domitians Zeit eine klare Grenze oder gar einen "Widerspruch" zwischen "christlich" und "jüdisch" zu konstruieren, ist Nonsens.

    Und wo soll hier bitte das Argument sein?

    Cassius Dio konnte nicht ins späte 1. Jahrhundert zurückreisen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

    Vielmehr war er auf Quellen aus früherer Zeit angewiesen. Und wenn seine Quelle keine Information lieferte, ob die Jüdin Flavia Domitilla Christin war oder nicht, dann konnte Cassius Dio hier auch keine Unterscheidung vornehmen.In diesem Zusammenhang möchte ich auf die alte Diskussion http://www.geschichtsforum.de/f30/juden-bzw-christenverfolgung-unter-domitian-46561/ hinweisen. Im übrigen schließe ich mich Scorpio an:

    Schon klar, aber die christliche Tradition übernahm durchaus nicht 1:1 die vorgegebenen Charakterisierungen der Kaiser, sondern leistete sich ihre eigenen "Verzeichnungen"*. Da kommt Domitian verglichen mit anderen "Verfolgern" sogar noch gut weg, immerhin wird mehrfach betont, er habe die Verfolgung der Kirche eingestellt. Tertullian hast Du ja selber erwähnt; ähnliches berichtet die von Hegesipp/Eusebius überlieferte Legende.



    *
    Detlef Liebs formuliert das - etwas überspitzt - folgendermaßen:

    "Trajan war bei den Christen der dritte Verfolger. Der in Ethos und Praxis besondere Rechtlichkeit an den Tag legende Kaiser Mark Aurel zählte als der vierte, während der Nichtsnutz Commodus wegen seiner christlichen Konkubine gut davon kam. Septimius Severus, der erste Soldatenkaiser, aber für das Recht sehr engagiert, war der fünfte Verfolger, während sein Sohn und Nachfolger, der skrupellos mordende Caracalla, bei den Christen keine schlechte Presse hatte. Schlecht kamen vielmehr um den Fortbestand des Reichs so verdiente Kaiser wie Decius davon, der siebte Verfolger, Aurelian, der neunte, und zumal Diokletian, der zehnte. Der brutale Machtmensch Konstantin dagegen war und ist für die meisten Christen beinahe ein Heiliger."
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da passt der gute alte Marx wie die Faust auf's Auge: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein.":devil:
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das kann in Zweifel gezogen werden und wurde auch verschiedentlich in Zweifel gezogen.
    Der Text spricht ja auch nicht direkt von Verbannung. Textzusammenhang und Wortlaut zeigen aber zumindest, "dass Johannes sich nicht freiwillig nach Patmos begeben hat, sondern dass sein Aufenthalt dort gezwungenermaßen erfolgte und dass dieser unfreiwillige Ortswechsel durch seine Wirksamkeit als messiasgläubiger Prophet verursacht war." (Klaus Wengst)

    In Zweifel gezogen werden kann außerdem auch jede ex cathedra verkündete, aber durch nichts begründete These.
    Zum Beispiel ziehe ich die folgende These in Zweifel:



    Diese beiden Möglichkeiten werden durch den Text nicht gedeckt.

    Ich wüsste mindestens noch eine plausible, in der Literatur öfter vertretene Alternative* - blendest Du die mit Absicht aus?

    Jährlich?
    κυριακὴ ἡμέρα ist spätestens ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. die Bezeichnung für den Sonntag. Der findet bekanntlich einmal in der Woche und nicht nur einmal im Jahr statt.


    Nähere Informationen zum Sonntag siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonntag


    Jedenfalls ist "Tag des Herrn" seit der Mitte des 2. Jahrhunderts ein feststehender Begriff, "clearly and consistently used of Sunday" (Beale).
    Sollte die Offenbarung in einer Zeit entstanden sein, in der der wöchentliche "Tag des Herrn" noch nicht bekannt war, müsste sie konsequenterweise wohl eher relativ früh zu datieren sein. :D












    * Die These, Johannes sei wegen der Wagenrennen nach Patmos gereist, meine ich aber nicht...
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Februar 2016
  11. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Wir können den Verfasser selbstverständlich weiterhin Johannes nennen. Was ich vermeiden wollte, sind Drehwurmdiskussionen, sehe aber, dass der Verfasser der Apk nicht dazu einlädt. :fs:
     
  12. Caro91

    Caro91 Aktives Mitglied

    Meinst du die Vermessung in Kap 21? Das findet mW bereits nach dem Millennium des Friedens statt. Außerdem wird zu Beginn (21, 1f.) darauf hingewiesen, dass es sich um eine überirdische Stadt handelt: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen".

    Vielleicht hat die Stadt für Johannes nur teilweise etwas mit dem Jerusalem seiner Zeit zu tun? In V. 22 weist er ja sogar darauf hin, dass in der Stadt kein Tempel mehr ist. Das war für antike Verhältnisse sicher beinahe unvorstellbar, da es in den meisten Städten ja sehr viele Tempel gab und die Philosophen auch immer wieder darauf hinwiesen, dass jedes Volk seine Götter habe.

    Der Vergleich hinkt sicherlich, aber diese "Heilige Stadt" scheint mir fast etwas von einem Utopia zu haben. Vielleicht hätte da der Hinweis auf den realen Tempel aus Sicht des Johannes nicht mehr so gut gepasst? Der Tempel war ja im Diasporajudentum wohl auch nicht so zentral wie in Israel selbst.
     
  13. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, warum Scorpio nicht antwortet, aber er bezieht sich ausdrücklich auf Apk 11. Die Stelle lautet:

    Dann wurde mir ein Messstab gegeben, der aussah wie ein Stock, und mir wurde gesagt: Geh, miss den Tempel Gottes und den Altar und zähle alle, die dort anbeten! Den Hof, der außerhalb des Tempels liegt, lass aus und miss ihn nicht; denn er ist den Heiden überlassen. Sie werden die heilige Stadt zertreten, zweiundvierzig Monate lang.

    Die Stelle liest sich so, als würde der Jerusalemer Tempel noch existieren. Der äußere Vorhof und der Rest der heiligen Stadt werden den Heiden überlassen und zertreten. Bezüge zu den Ereignissen des Jüdischen Krieges sind zu erkennen, so hofften die Zeloten bis zuletzt, der Tempel würde durch Gottes Eingreifen verschont werden:
    https://de.wikisource.org/wiki/Juedischer_Krieg/Buch_V_10-13
    https://de.wikisource.org/wiki/Juedischer_Krieg/Buch_VI_4-10

    Die Textstelle, so verstehe ich Scorpio, muss auf eine Zeit zurückgehen, als der Jerusalemer Tempel noch existierte.
     
  14. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Eine Bezugnahme auf den historischen Zweiten Tempel ist hier unwahrscheinlich, da Johannes an keiner anderen Stelle ein Interesse an diesem Tempel oder am alten Jerusalem zu erkennen gibt. Die Passage dürfte anders zu deuten sein: Das Vermessen symbolisiert eine göttliche Garantie für das ewige Leben für "alle, die dort (= im Innern des Tempels) anbeten", d.h. für die - im Sinne von Johannes - wahrhaft Gläubigen. Das bedeutet nicht, dass sie vom physischen Tod verschont bleiben, den ihnen die Anhänger des Drachen und der beiden Tiere gewaltsam bereiten werden - dieser Tod ist ihnen vorherbestimmt (siehe folgendes Zitat) - , sondern es bedeutet, dass sie nach dem Endgericht mit Sicherheit in das Gottesreich eingehen werden.

    Offb 6
    11 Und ihnen wurde gegeben einem jeglichen ein weißes Kleid, und ward zu ihnen gesagt, daß sie ruhten noch eine kleine Zeit, bis dass vollends dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch sollten noch getötet werden gleich wie sie.

    Offb 11,1-2 übernimmt das Motiv des Messens, das dort ähnlich zu deuten ist, aus jüdischen Quellen:

    Ezechiel 40,3
    Und da er mich hingebracht hatte, siehe, da war ein Mann, des Ansehen war wie Erz; der hatte eine lange leinene Schnur und eine Messrute in seiner Hand und stand unter dem Tor.

    Sacharja 2
    1Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, ein Mann hatte eine Messschnur in der Hand. 2Und ich sprach: Wo gehst du hin? Er aber sprach zu mir: Daß ich Jerusalem messe und sehe, wie lang und weit es sein soll.

    Der "Hof außerhalb des Tempels" steht unter der Herrschaft der "Heiden" (im Originaltext: ἔθνεσιν "Nationen"), d.h. der Anhänger Satans und der zwei Tiere. Das "ist überlassen" (ἐδόθη) ist ein Offb-typisches Passivum Divinum und zeigt an, dass diese Handlung, das Überlassen des äußeren Hofes an die Ungläubigen, von ´Gott´ so gewollt ist. Diese Deutung des Passivs in biblischen Texten ist in der Exegese allgemein anerkannt. Andere Beispiele für das passivum divinum als Ausdruck göttlichen Willens:

    Der berühmte erste Reiter:

    Offb 6
    2 Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der daraufsaß, hatte einen Bogen; und ihm ward gegeben eine Krone, und er zog aus sieghaft, und dass er siegte.

    Der zweite Reiter:

    4 Und es ging heraus ein anderes Pferd, das war rot. Und dem, der daraufsaß, ward gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und daß sie sich untereinander erwürgten; und ward ihm ein großes Schwert gegeben.

    Das zweite Tier in Offb 13:

    5 Und es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ward ihm gegeben, dass es mit ihm währte zweiundvierzig Monate (= 1260 Tage, siehe unten) lang.

    Der Drache (Satan) in Offb 12:

    9 Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.

    Die genannten "1260 Tage" (3,5 Jahre = die Hälfte der Idealzahl 7) sind symbolisch und entsprechen der Zeitspanne, in welcher Satan auf der Erde Macht hat, bevor ihm Gott und Christus das Handwerk legen. Mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 79 hat das nichts zu tun. Die 1260 Tage werden auch in Offb 12 erwähnt:

    6 Und das Weib entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, dass sie daselbst ernährt würde tausend zweihundertundsechzig Tage.

    Auf die "zwei Zeugen" komme ich noch zurück.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2016
  15. Caro91

    Caro91 Aktives Mitglied

    Danke für die Hilfe!

    Die Kapitelangabe hatte ich überlesen und an die Vermessung durch den Engel am Ende des Buches gedacht. Wenn wir diese Stelle im Hinblick auf den realen Tempel deuten und gleichzeitig Chans Einwand aufnehmen, könnte das ein Hinweis auf eine längere Entstehungsgeschichte des Textes sein.

    Der Redaktor hätte dann ein älteres Fragment (und wohl weitere an anderen Stellen), das vielleicht in der Gemeinde als prophetisches Zeugnis bekannt war, in sein Werk eingefügt. Dieses zeugt - so die Deutung zutrifft - von der allmählichen Ablösung der Gemeinde des Johannes vom Tempel und eventuell auch von der jüdischen Glaubensgemeinschaft.

    Da das Fragment durchaus aus der Zeit des Jüdischen Krieges stammen könnte (aber dessen Ausgang noch nicht vollständig zu reflektieren scheint), wäre diese Ablösung wohl auf die Zeit um 70-100 zu datieren, gewiss im Rahmen eines längeren Prozesses.

    Etwa um diesen Zeitraum herum wird ja auch der Wegzug der Christengemeinde(n) vom Heiligen Land angesetzt, das entspräche sich also ganz gut.
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Eine Bezugnahme ist offensichtlich.

    Einem judenchristlichen Leser muss sich bei der Erwähnung der heiligen Stadt, die von den Heiden zertreten wird, die Erinnerung an die Zerstörung des Tempels aufgedrängt haben.

    Vgl. außerdem "... denn er ist den Heiden überlassen. Sie werden die heilige Stadt zertreten..." mit Lukas 21:
    Wenn ihr aber seht, dass Jerusalem von einem Heer eingeschlossen wird, dann könnt ihr daran erkennen, dass die Stadt bald verwüstet wird.

    ... Mit scharfem Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie in alle Länder verschleppen und Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden sich erfüllen.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich würde das etwas vorsichtiger sagen: das ist reichlich umstritten.

    Völlig klar ist, dass Chans theologische Deutung (mal wieder) völlig einseitig ist, und lediglich seiner Intention folgt, Spätdatierung (irgendwie) zu begründen. Da stört natürlich diese Passage, und sie wird daher mit Wiedergabe von Mindermeinungen ausgeblendet.

    Für 11:1 finden sich - neben Bezugnahme auf den historischen Zweiten Tempel - allerdings mindestens zwei weitere, ebenso vertretene Interpretationen:

    - Tempel als Metapher für die Kirche, wohl mit Bezug auf andere Textstelllen
    - Vorstellung eines himmlischen Tempels

    Näheres müsste ich nachschlagen, aber der Aspekt ist ohnehin Gegenstand theologischer Debatten.
     
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da möchte ich zwei Ebenen auseinanderhalten:

    - Das Bild von den Heiden, die "die heilige Stadt zertreten", muss bei einem judenchristlichen Leser bestimmte Erinnerungen wecken - auch Jahrzehnte nach der Zerstörung des Tempels. Und das musste auch einem judenchristlichen Autor bewusst sein.

    - Ob die Textstelle aus der Zeit 70 stammt, ist mit Recht umstritten. Von den Verfechtern einer Frühdatierung wird die Stelle als Argument herangezogen.

    Ich selber habe mich nicht für eine Frühdatierung ausgesprochen, sondern nur gesagt, dass ich Scorpios Beitrag so verstehe:
    Die Textstelle, so verstehe ich Scorpio, muss auf eine Zeit zurückgehen, als der Jerusalemer Tempel noch existierte.

     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das sehe ich ähnlich.

    Die Interpretation und die Datierungsdiskussion sollte man auseinander halten, auch wenn die Interpretationen natürlich als Argumente der Datierungsdiskussion aufgegriffen/benutzt werden.

    Das wird so sein.
    "This is clearly connected to the fact that both Babylon (in 587 BCE) and Rome (in 70 CE) were responsible for taking Jerusalem and destroying the temple. The latter fact (the destruction of the heart of the Jewish religion) is very likely the direct cause for this metaphor, 308 which also appears in other Jewish literature after the year 70. ... [citing: ... All roughly contemporary with Revelation: 4 Ezra 3.1-2, 28-31; 2 Bar. 10.1-3; 11.1; 67.7; Sib. Or. 5.143, 159]
    Heemstra, How Rome’s Administration of the Fiscus Judaicus Accelerated the Parting of the Ways between Judaism and Christianity.

    Eine andere Frage ist, ob mit Tempel hier tatsächlich der irdische 2. Tempel (oder ein neu zu errichtender 3.) angesprochen ist, oder man den beiden oben skizzierten Strömungen folgt, die das nur im übertragenen Sinn interpretieren. Wenn der Tempel und seine Zerstörung allerdings nicht interessierte, spricht das ebenfalls für eine Metapher. Die ähnlicbe Bedeutung von Gemeinschaft findet sich auch in den Qumran-Rollen.
    "The community's full understanding of itself as a substitute for the temple, as expressed in 1 QS VIII, 1 -16a and IX,3-11, came at a second stage in the development of the yahad, after the stage represented in V, 1-13aand V, 13b-20a."
    Hultgreen: From the Damascus Covenant to the Covenant of the Community.

    Datierung nach 70, trotzdem Interpretation im übertragenen Sinn können auch zusammenfallen.
    "The vision of the holy city and temple in Rev 11 can best be understood as a symbolic portrayal of the Christian community’s struggle with its social environment. Although some think the scene originally dealt with the Roman siege of Jerusalem, they recognize that the temple imagery has been transferred to the church as a worshiping community (Notes and Comment on Rev 11:1). Depicting Rome as “Babylon” does not require a post- date. By way of anal- ogy, some Dead Sea texts written before  equate Rome with Asshur, since it was an oppressive power (1 QM XIX, 4Q492  ). Yet the equating of Rome with Babylon did become common after , making it more likely that Revelation reflects the usage of this general period (4 Ezra, 2 Bar, 1 Pet,...)
    Koester, Revelation, auch zu den verschiedenen Interpretationen.

    Ob der Autor das Bild der Zerstörung bewusst ansprechen wollte, und mit dem Bild diese Erinnerung benutzt hat, oder - zeitgenössisch wie andere Beispiele - dem Tempel nur symbolische Bedeutung als Synonym der community/Kirche beimaß, und das nachträglich herein interpretiert werden konnte, ist mE nicht zu belegen.

    Siehe auch Green, MacDonald, World of the New Testament:
    "The NT does not disparage the temple, and Jewish Christians continued to use it and brought offerings (Matt. 5:23–24; Acts 2:46; 3:1; 5:42; 21:26). When it was destroyed, there was little consternation among Christians, because the temple had been largely appropriated into their theology as a spiritual dwelling place of God. On earth, this spiritual temple consisted of the body of God’s people (1 Cor. 3:16; 6:19; 2 Cor. 6:16; Eph. 2:21), while in heaven it represented the presence of God, into which Jesus had entered, and where Christian worship reaches God’s attention (Heb. 6:19; 8:2; 9:11, 24; 10:20)." (S. 206)
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2016
  20. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Zur Rezeptionsgeschichte der Johannesoffenbarung

    Wie kein anderer Text des NT beansprucht die Offb von sich aus Kanonizität. Dafür sprechen zwei Stellen:

    (1) Der sog. Makarismus in Offb 1,3:

    (2) und die Kanonisierungsformel in Offb 22,18f., angelehnt an die analogen deuteronomistischen Formeln Dtn 4,2 und 13,1, wodurch der Autor seinen Text auf die gleiche Ebene stellt wie das AT:

    Offb 22:

    Der Autor, der sich selbst vier Mal ´Johannes´ nennt, wurde nach unserem Kenntnisstand bis in das 3. Jahrhundert unumstritten mit dem Apostel Johannes identifiziert. Natürlich war noch Athanasius im 4. Jahrhundert davon nicht abgewichen, da zu seinen Kriterien für die Aufnahme in den Kanon u.a. und vor allem die Apostolität der Verfasser zählte. Bevor ich auf die Zweifler an der Identität von Apostel / Autor eingehe, kommen weiter unten einige Befürworter zu Wort (Justin, Irenäus, Kanon Muratori, Tertullian).

    Papias (um 140) scheint die Offb gekannt zu haben, was diverse Stellen in den Fragmenten nahe legen, wenn auch nicht beweisen. Dass sie ihm zugesagt hätte, ist auf jeden Fall anzunehmen, da er - gesichert - zu einem Chiliasmus neigte, der nicht nur mit der Offb konform geht, sondern direkt oder indirekt von dieser herzuleiten ist.

    Die Offb gilt nämlich als der textliche Initiator des kleinasiatischen Chiliasmus. Darunter ist die Überzeugung zu verstehen, dass mit der zweiten ´Ankunft Christi´ (Parusia) der Anbruch eines 1000jährigen Reichs verbunden sei, dessen Sinn darin besteht, Ungläubigen die Chance zur Hinwendung zum Christenglauben zu geben, bevor nach Ablauf der 1000 Jahre das Endgericht erfolgt. Der Chiliasmus scheint nach der Publikation der Offb in der Provinz Asia der dogmatische Mainstream gewesen zu sein - nicht nur Papias, auch Polycarp, Justin, Irenäus und natürlich Montanus wurden dort von ihm, insbesondere durch seine Gestalt in der Offb, geprägt. Den Chiliasmus hatten Judenchristen aus Palästina nach Kleinasien mitgebracht, die in der jüdischen Apokalyptik des 2. Jh. BCE verwurzelt waren. Die 1000-Zahl verdankt sich wahrscheinlich iranischen (zoroastrischen) Einflüssen.

    Justin, der vor seiner Niederlassung in Rom in Ephesus lebte, wo der Chiliasmus zu jener Zeit florierte, schreibt in seinem ´Dialog mit dem Juden Trypho´ 81,4:

    Irenäus schreibt in ´Contra Haereses´, 26,1:
    Im Kanon Muratori heißt es über die Offb:

    Der chiliastische Montanist Tertullian anerkennt die Autorität der Offb, die Autorschaft des Apostel Johannes voraussetzend, ebenfalls ohne Einschränkung:

    (Über die Auferstehung des Fleisches)

    Im weiteren Verlauf argumentiert er für die Auferstehung des Fleisches (im Unterschied zur paulinischen Aufstehung der Seele), deren Vorphase er sich so vorgestellt, dass die an eine Körperform gewöhnte Seele nach dem Tod ihres Körpers sehnsüchtig darauf wartet, am Tage der allgemeinen Auferstehung wieder mit ihrem Körper zusammenzugehen, der von ´Gott´ aus den zerfallenen Einzelteilen zusammengesetzt würde, und zwar inklusive Geschlechtsteile, die im Neuen Reich aber keine sexuelle Funktion mehr hätten.

    Im frühen 3. Jh. setzten - wie eingangs angedeutet - erste Zweifel an der Autorschaft des Apostels Johannes ein, die ein Presbyter namens Gaius in seinem ´Dialog mit Proclus´ zum Ausdruck brachte, von dem nur drei von Eusebius in der HE wiedergegebene Fragmente erhalten sind. Gaius zufolge war der Gnostiker Cerinth der wahre Autor der Offb. Diesem Gaius wird von nicht wenigen Fachleuten auch die Autorenschaft des Kanon Muratori zugeschrieben, siehe englisches Wiki ´Caius (presbyter)´:

    Bei dieser Zuschreibung sehe ich allerdings das Problem, dass Gaius sicher nicht den Text eines - in seinen Augen - häretischen Gnostikers in eine Kanonliste aufgenommen hätte. Bekanntlich enthält der Kanon Muratori aber die Offb. Ist der laut Eusebius von Gaius dem Cerinth zugeschriebene Text also vielleicht gar nicht identisch mit der Offb? Der Entdecker des Kanons, F.A. Muratori, hatte als erster diese Verfasserzuschreibung vorgenommen, die aber wegen vorgenanntem Widerspruch extrem unwahrscheinlich ist.

    Eine weitere Unstimmigkeit zeigt sich in Gaius´ Beschreibung des 1000jährigen Reiches:

    HE III 28:

    Darüber, dass sich diese Darstellung auf die uns bekannte Offb bezieht, besteht weitgehender Konsens, obwohl von einer Schilderung von "Leidenschaften und Vergnügungen" im Rahmen einer "freudigen Hochzeitsfeier" während des 1000jährigen Reiches im Offb-Text überhaupt keine Rede sein kann. Dort heißt es lapidar:

    Offb 20:
    Gaius scheint bei seiner Darstellung die in der Offb beklagten ´babylonischen´ Sitten (vor dem 1000jährigen Reich) und die ´Hochzeit´ des Lammes mit der himmlischen ´Braut´ Jerusalem (nach dem 1000jährigen Reich) miteinander zu vermengen und auf die Verhältnisse im 1000jährigen Reich zu projizieren, was eine chaotische Fehllesung wäre. Vielleicht hat Gaius die Ankündigung der Hochzeit in

    Offb 19:

    als Vollzug der Hochzeit vor dem anschließenden 1000jährigen Reich missinterpretiert. Sie wird in Kap. 21 aber erst nach Ablauf der 1000 Jahre und dem endgültigen Sieg über den ´Satan´ vollzogen:

    Offb 21:

    Ein kleiner Restzweifel an der Identität der Offb mit dem von Gaius angesprochenen Text ist also, meine ich, nicht auszuschließen.

    In der Mitte des 3. Jh. nimmt dessen ungeachtet der Patriarch von Alexandria, Dionysius, auf die Meinung von Gaius Bezug, zwar ohne ihr in der konkreten Zuschreibung, aber doch in der Grundannahme zuzustimmen, dass der Offb-Autor nicht mit Johannes dem Zebedaiden identisch ist. Er schreibt zunächst:

    HE VII, 25:

    Dionysius´ Begründung für seine Ablehnung der Identität von Apostel und Autor möchte ich hier ausführlich zitieren.

    Nachdem Dionysius auf Gaius´ Cerinth-Hypothese eingeht und bestätigt, dass für Cerinth - laut Gaius - das "Reich Christi"

    bestand, führt der Patriarch aus:

    Die hier demonstrierte und offensichtlich weitverbreitete Faszination (trotz oder gerade wegen Unverständnis) dürfte neben zwei anderen Faktoren (traditionelle Zuschreibung zum Apostel Johannes und selbstbehauptete Kanonizität) ganz entscheidend zur Akzeptanz des Buches beigetragen haben. Bei Dionysos fällt der Faktor ´apostolische Autorschaft´ allerdings weg, da er die traditionelle Identifizierung des Autors von JohEv und 1 Joh mit dem Autor der Offb bestreitet, womit er Eusebius in diesem Punkt stark beeinflusst.

    Dionysius schreibt:
    Nachdem Dionysios detailliert auf das JohEv und 1 Joh eingeht, die er - ganz konventionell - dem Apostel Johannes zuordnet, weist er auf die von jenen abweichenden Eigenarten der Offb hin:

     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juli 2016

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