Polen im Zweiten Weltkrieg/Besatzung und Verwaltung

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von naty, 11. Juni 2010.

  1. naty

    naty Neues Mitglied


    Hallo zusammen,

    ich bereite mich, wie ihr sicher gemerkt habt =), auf eine Prüfung vor. Bei diesem Quellentext über *Polen im Zweiten Weltkrieg* komm ich nicht ganz nach:

    Hilter formulierte im Oktober:

    Die Durchführung (der Verwaltung) bedingt einen harten Volkstumskampf, der keine gesetzlichen Bindungen gestattet was ist hier die bedeutung?

    Der Generalgouverneur soll der polnischen Nation nur geringe Lebensmöglichkeiten geben und die Grundlage für die militärische Sicherheit erhalten.. Die Führung des Gebietes muss es uns ermöglichen auch das Reichsgebiet von Juden und Polacken zu reinigen. heisst dies: Es ging Hilter gar nicht um Polen, sondern um einen "Lebensraum" im Osten zu schaffen und dort die Juden zu vernichten? Danzig war eine Grundlage dazu?

    Danke für eure Hilfe..

    LG



     
  2. Galadriel

    Galadriel Neues Mitglied

    Natürlich ging es Hitler in erster Linie darum, "Lebensraum im Osten" für Reichsdeutsche und Volksdeutsche aus Südosteuropa (z.B. Rumänien, Bessarabien), aber auch z.B. Südtirol zu schaffen (Stichwort "Heim ins Reich"). Dazu sollten die "minderwertigen Rassen" (Juden und Polen) zunächst nach Osten verdrängt und durch harte Arbeit und geringe Lebensmittel-zuteilungen dezimiert werden. Als dann aber der Feldzug gegen Rußland nicht wie geplant verlief und die Front zurücklief, fiel ihnen nichts Besseres ein, als die totale Vernichtung dieser Gruppen zu organisieren. D.h. die Vernichtungslager waren eine unmittelbare Folge des Kriegsverlaufs. Daß Polen als Nachschubs- und Versorgungsgebiet für die im Osten stehenden Truppen "funktionieren" (Nahrungsmittelproduktion und Transport) mußte, leuchtet unmittelbar ein.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. August 2010
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    @galadriel

    Nein, Deine Darstellung ist absolut nicht korrekt. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht begann unmittelbar hinter den Spitzen bereits die Umsetzung der ethnischen Säuberungen bzw. die Umsetzung des Generlaplans Ost und nicht erst nach den militärischen Niederlagen.

    Dieses Vorgehen wurde bereits während des Einmarsches nach Polen genutzt.

    Im Gegenteil, die Härte des Widerstands der Roten Armee nahm in dem Maße zu, wie die Greueltaten der Einsatzverbände und der schlechten Behandlung von Kriegsgefangenen bekannt wurden.

    Am besten mal den Link unten lesen.

    Generalplan Ost ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Juni 2010
  4. Some-one

    Some-one Neues Mitglied

    teile da thanepowers Auffassung.

    Also es gab eine Progression der Vernichtungsmethoden. So sollten Anfangs sog. "Judenreservate" im Osten (Polen) angelegt werden, um Juden über Generationen zu vernichten (das knüpft an die Frage von Naty an.). Der weitere Osten, also hinter Polen, sollte Agrarwirtschaftlich genutz werden ("Plünderung der Kornfelder"). Später wurden Juden dann in den Vernichtungslagern systematisch ermordet werden, da die Nazis in ihrer völligen Überschätzung dachten, sie würden den Krieg gewinnen und könnten dann noch das aus ihrer Sicht "Problem der Judenfrage" im Kriegsgetümmel "erledigen". Direkt hat das nichts mit dem Kriegsverlauf zutun.
    Was du vielleicht meinst sind die Todesmärsche, die stattfanden nachdem Lager, auf Grund des russischen Vorstoßes geräumt werden mussten.

    Alles was du brauchst steht in Peter Longerichs Artikel "Die vier Eskalationsstufen der Politik der Vernichtung".
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zum Kontext:

    zu 1.: Hintergrund ist im Oktober 1939 das Vorgehen im besetzten Gebiet, über das zunächst die Wehrmacht die Kontrolle hatte. Verwaltung und Einsatzgruppen gingen mit großer Brutalität und tausendfachen Opfern gegen die Zivilbevölkerung vor, was Widerstand in der Generalität (insbes. hier der General Blaskowitz, der die militärische Kontrolle verantwortete und wegen der Vorgänge eine Denkschrift nach Berlin sandte (-> Böhler, Broszat). Hingewiesen wurde auf völkerrechtswidrige/kriegsrechtswidrige Verstöße. Aus der Antwort ist klar ersichtlich, dass man sich nicht an Regeln zu halten gedachte. Blaskowitz wurde im Oktober 1939 abgelöst, der Militärbesatzung in Polen durch eine "zivile" Verwaltung abgelöst.

    zu 2.: die frühen Planungen sahen massenhafte Abschiebungen ins GG Polen, dem nach Annexionen verbliebenen Kerngebiet, vor. Die Transporte rollten im Herbst/Winter 1939/40 an. Außerdem gab es die Abschiebungen der Polen im Reichsgebiet (evt. auch einige Hunderttausend), sowie aus dem neu annektierten Reichsgebiet ("Warthegau" etc.) als "Ostverschiebung" der Bevölkerung ins "Generalgouvernment Polen"
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Es ging um die Lebensraumgewinnung im Osten, dass ist richtig. In dieser Vorstellung hatten slawische Völker (zB Polen) nur einen Platz als versklavte Diener der "arischen Herrenmenschen", die Juden gar keinen.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hierzu noch als Beispiel der Ermittlungen vom Oktober 1939 die Vernehmung von Sanitätspersonal, dass Ermordungen von Frauen und Kindern durch Einsatzgruppen beobachtet hatte (Quelle T78 Roll 624):
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2014
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ergänzung, eine anonyme Meldung "nach oben" zu den Zuständen im Land:
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 16. Oktober 2014
  9. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Wer hat denn die Vernehmungen durchgeführt?

    Was heißt denn eigentlich Quelle "T78 Roll 624"? Das sind vermutlich mikroverfilmte Unterlagen.

    Gibt es aus den Unterlagen der Einsatzgruppen Hinweise darauf, wer bzw. welche Bevölkerungstgruppe aus welchem Grunde exekutiert wurde. Die Tatsache, dass die Exekutionen auf dem jüdischen Friedhof in Schwetz und dass Frauen und Kinder unter den Betroffenen waren, scheint nahezulegen, dass Opfer vor allem Juden waren. Nach New monument in ?wiecie - Virtual Shtetl sind nach dem Krieg in Świecie (polnischer Name von Schwetz/Westpreußen) ca. zwanzig Polen exhumiert worden.



    P. S. die letzte Seite im Anhang verweist auf mindestens eine Folgeseite. Hast Du die evtl. auch noch im Zugriff?

    Hier ist bei der ersten Seite noch ein Hinweise auf eine Folgeseite. Hast Du die auch noch?
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    T78 und die Roll-Angabe verweisen auf die NARA-Systematik. Die zitierten Dokumente stammen aus den OKH-Akten.
    http://www.archives.gov/research/

    Ich schaue morgen mal die übrigen Fragen nach.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Beisitzer der Vernehmung stehen auf der #745.

    Die eine Folgeseite ("Zustände im Land") habe ich oben noch eingefügt.

    Hier die 3 Folgeseiten (Vernehmung) aus dem ersten Anhang:
     

    Anhänge:

  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Zunächst einmal Dank an Silesia für das tiefe Schürfen in Archiven!:winke:

    Es gibt von General Blaskowitz ein (oder zwei?) Denkschriften, auf die Silesia auch schon oben hingewiesen hat:

    Ich habe leider diese Denkschrift(en) nicht online finden können. Hat jemand diese im Zugriff?
     
  13. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Wie kann man direkt hinter der Wehrmacht mit der Umsetzung des Generalplan Osts beginnen, wenn ein solcher gar nicht existierte, schon gar nicht 1939? Was geplant war, war die Eliminierung der polnischen Intelligenz und die Germanisierung der neu gegründeten Reichsgaue Wartheland und Westpreußen.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Neben den Querverweisen im Nürnberger Prozess (III/16, XII/329,331, XXI/23), Haldertagebuch etc. ist der zweite Vermerk erfasst in IMT Fall 12, Dokument NO-3011. Außerdem bei Jacobsen, Dokumente zum 2. Weltkrieg 1939-45.

    siehe hier: Himmlers Rede 13.3.1940 als Reaktion
    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1970_1_4_mueller.pdf
    sowie Krausnick in VfZ 2/1963, siehe hier:
    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1963_2_4_krausnick.pdf

    Bei den Formalien wie Daten der Planung muss man sich nicht aufhalten.

    Materiell etwas anderes als Eliminierung und Germanisierung (->) beinhaltet auch der Generalplan Ost nicht. Der Kern des Generalplans Ost (nämlich seine Ziele und Absichten) ist - wie im Wiki-Artikel zitiert - schon in Hitlers Geheimerlass vom 7.10.1939 angelegt. Dort heißt es nämlich:

    "In den besetzten ehemals polnischen Gebieten führt der Verwaltungschef Ober-Ost die dem Reichsführer-SS übertragenen Aufgaben* nach dessen allgemeinen Anordnungen aus. Der Verwaltungschef Ober-Ost und die nachgeordneten Verwaltungschefs der Militärbezirke tragen für die Durchführung die Verantwortung."

    * Klartext: Eliminierung und Germanisierung, und die angesprochene "Umsiedlungsplanung"

    Zur "diletantischen" Umsiedlungsplanung 1939 (Blaksowitz) hier eine Seite aus dem 1. Lagebericht von Blaskowitz, oben von Kraushaar und Müller als "verschollen" gekennzeichnet, versandt an OKH am 27.11.1939, vom 26.11.1939 (nicht 26.10.1939). Das fiel nämlich schon Blaskowitz auf.
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 7. November 2014
  15. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

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