Protestanten und Morisken (protestantische Fürstentümer als Zufluchtsort für verfolgte Morisken?)

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von El Quijote, 26. November 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    In seinem Buch Spanisch-islamische Urkunden aus der Zeit der Naṣriden und Moriscos (Bonn 1965) durckt Wilhelm Hoenerbach ein Schriftstück ab, welches bereits von G.S. Colin in der Zeitschrift Al-Andalus Bd. XI (1946) besprochen wurde: Un petit glossaire hispanique arabo-allemand du debut du XVIe siècle.

    Das Schriftstück, welches auf der Rückseite das Datum 25. šawwāl 906 (= 13. Mai 1501) trägt, besteht nur aus wenigen (nämlich fünf) Zeilen. In Hoenerbachs Dokumentensammlung ist es als Nr. 56 mit der ÜS Arabisch-deutsches Wörterverzeichnis gelistet. Der französisch veröffentlichende britische Arabist Colin versucht eine dialektale Einordnung der deutschen Worte, die vokalisiert sind, wobei das Problem ja ist, dass das Arabische nur drei Lang- und drei Kurzvokale kennt und daher die Wiedergabe von Vokalen (das Deutsche unterscheidet - auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind - 19 Vokale) in Worten anderer Sprachen eine Schwierigkeit darstellt. Colin also meint, der deutsche Gewährsmann habe Hochdeutsch des 15. Jhdts. gesprochen, in einer niederalemannischen Variante: "provenant du haut-allemand du XVe siècle et, très probablement d'un parler bas-alémanique (région de Strasbourg?)" (Colin zitiert nach Hoenerbach).
    Der arabische Text hat folgenden Duktus: In der Zunge/Sprache* der Deutschen [sagt man] für [arab. Terminius] [dt. Terminus] und für [arab. Terminus] [dt. Terminus] und für....
    Es kommen vor: Brot (porot/purūt), Fleisch (fleš/flāš), Haus (hus), Gatter/Gitter (un-ġ.trā), Fensterladen (un-ladha), Tür (un-tir), Steigbügel (e-štakraf/a-štakraf = Stehgreif), Sporen (e-špor/a-špur), Dolch (arab. Messer) (un-toliš/un-tuliš), Messer (um-masa) und Speer (u-spiyas)

    (Variante 1: Transkription Hoenerbach/Variante 2: Transkription El Quijote)

    Die doch sehr kurze Wortliste mit nur elf Termini auf fünf Zeilen ist beschränkt sich also auf Militaria, Speisen und Dinge rund ums Haus. Hoenerbach rekonstruiert aus den wenigen Worten einen deutschen Reiter als Gewährsmann des moriskischen Verfassers dieser Zeilen. Er schreibt:

    Die deutsche Sprachübung eines morisco aus der Zeit Karls V. überrascht jedoch eigentlich nicht. Infolge der habsburgischen Herrschaft in Spanien konnten die moriscos leicht auf deutsche Sachen - und entsprechende Wörter - aufmerksam werden. [...] Nach dem Aufkommen des Protestantismus haben die moriscos nachweisbar mit Deutschland sympathisiert; der religiöse Weg der sich ihnen bot, war aus gewissen inneren Übereinstimmungen, vor allem aus dem gemeinsamen Schicksal der Verfolgten heraus, der protestantische [....] Das protestantische Deutschland hat den vertriebenen moriscos als eines ihrer Ausweichziele vorgeschwebt.
    Ein kleiner Schönheitsfehler an dieser ganzen Deutung ist jedoch das Datum auf der Rückseite des Dokuments, 1501. Damals lebte noch Isabel die Katholische, die Herrschaft über Spanien lag also fest in der Hand der Reyes Católicos (nach ihrem Tod übernahmen ja der Habsburger Philipp der Schöne und seine Frau Johanna für zwei Jahre die Macht in Kastilien, bis Fernando nach Philipps plötzlichem Tod und dem offensichtlichen Wahnsinn seiner Tochter (Juana la Loca), die über Monate mit dem Leichnam ihres Mannes durchs Land zog, sich die Macht über den Erbteil seiner Frau wieder sichern konnte. Erst nach seinem Tod (1516) konnte sein (ungeliebter) Enkel Karl die Macht in Spanien übernehmen, erst nach Kaiser Maximilians Tods (1519) sind Reiter aus dem süddeutschen Raum in Karls Gefolge zu erwarten und erst nach 1517 (und wahrscheinlich aus moriskischer Sicht auch erst nach dem Reichstag von Worms, also 1521) sind eigentlich Kenntnisse der Reformation bei Morisken erwartbar.

    Die Wortliste kann freilich auch auf einem alten, Papier angelegt worden sein, so dass das Papier ursprünglich zu einem Dokument aus dem Jahr 1501 gehörte und dann tpq 1521 mit der Wortliste beschriftet wurde.

    Die Frage bleibt dann aber: Hatten die Morisken wirklich die protstantischen Fürstentümer als Ausweichziele im Auge, wie von Hoenerbach vorgeschlagen? Meist sind sie ja in die Gebiete des heutigen Marokko, Tunesien und Algerien gezogen, wo heute noch viele Altstädte "andalusische" Viertel haben.





    *Es gibt im Arabischen zwei Worte für Sprache, luġah und lißān**, letzteres bedeutet auch Zunge, dieses Wort wurde hier verwendet.
    **korrekte Umschrift lisān, aber wir Deutschen haben ja so ziemlich als einzige in Europa die dumme Angewohnheit -s- weich anstatt scharf zu lesen und aus -z- ein "ts" zu machen. Verdopplung hat wiederum Rückwirkung auf die Bedeutung im Arabischen, daher habe ich mich hier behelfsmäßig für -ß- entscheiden
     
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  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Auf den Nachweis bin ich gespannt. Gibt es eigentlich in dieser kurzen Notiz überhaupt irgendeinen Hinweis auf Protestantismus? Wie kommt Hoenerbach auf Karl V., wenn das Dokument weit vor Karls Regierungszeit erstellt wurde?

    Das ist natürlich möglich, aber welche Hinweise außer Hoenerbachs Interpretation gibt es denn, dass das Dokument tatsächlich nach dem Datum auf dem Papier erstellt wurde?

    Ich kann mir vorstellen, dass eine Zusammenarbeit von Morisken mit Protestanten ein Topos ist, ähnlich wie der Vorwurf einer Kooperation mit Korsaren und Osmanen und der der Hostienschändung oder des Kindsmordes. Man wollte sie zu Feinden Spaniens abstempeln.
    In dieser Diplomarbeit (S.91) wird erwähnt, dass etwa 50.000 der 275.000 aus Spanien vertriebenen Morisken nach Südfrankreich gingen, die anderen in den Maghreb. Allerdings bezieht sich das auf die Moriskenvertreibung ab 1609.

    Solang es keinen belastbaren Hinweis auf einen Morisken des 16. Jahrhunderts gibt, der ins protestantische Deutschland emigrierte oder dies zumindest in Erwägung zog, denke ich, dass der Islamwissenschaftler Hoenerbach mit dieser historischen Einschätzung daneben liegt.
     
  3. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied


    Gibt es nicht in Cervantes' Don Quijote die Figur des Ricote, eines Krämers aus Sancho Panzas Dorf, der im Zuge der Moriskenvertreibung nach Deutschland geflohen ist? Ein fiktiver Charakter, ja, und wohl als poitisches Statement Cervantes' zu lesen - aber war diese Idee vom beispielhaften deutschen Religionsfrieden originär von Cervantes erdacht oder zitiert er hier womöglich zeitgenössische Gedanken anderer?
     
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  4. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    @Alfirin Die konsequente Anwendung eines cuius regio, eius religio führte doch letzlich zur Verbannung der Juden und Morisken aus Spanien. Möglich, dass man diese Art von Religionsfrieden im Spanien Cervantes' als beispielhaft empfunden hat.
    Ricote trifft im Don Quijote auf deutsche Pilger (nach Santiago de Compostela?), das lässt nicht auf Protestanten schließen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. November 2017
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Allenfalls - mit aller Vorsicht - die Dialektologie. Wenn man nachweisen könnte, dass die im Arabischen notwendigerweise defektiv wiedergegebenen Worte einem deutschen Dialekt entstammten, aus einer frühzeitig protestantischen Region? Colin ordnet den Text ja als niederalemannisch ein, ich sehe da eher - bei aller Vorsicht - Merkmale, die nach Tirol, Kärnten oder Bayern verweisen, nämlich die plosive Lautung von Dolch (un-toliš/un-tuliš) und Brot (porot/purūt). Dabei ist zu beachten, dass das Standardarabische gar kein -p- kennt. Mit šaddah respektive tašdid jedoch werden auch in Aljamiadotexten (iberoromanische Texte des SpätMAs in arabischer Schrift) -b- zu -p- umgemodelt. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Verdopplungszeichen.

    Ja, das habe ich mich auch gefragt. Das das Datum auf der Rückseite aus einem anderen Kontext stammt und das Papier gewissermaßen recycelt wurde, ist eine Hilfshypothese von mir.

    Ich habe keine gefunden.
     
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  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hoenerbachs Belege für seine Hypothese sind recht dünn. Er schriebt z.B.:

    Bekannt ist das Beispiel eines morisco-Buchillustrators, der in seine Darstellung eines Perserheeres das Zelt Karls V. mit dem deutsche Reichsadler aufnimmt. [...] der sacco di Roma findet seinen Widerhall in der alguacía del Gran Turco: que derribés la casa de Pedro y Pablo. [...] vom Jahr 1479 haben wir aus Nürnberg eine Nachricht über den sog. morisco-Tanz: "item dem Gutpier ist vergonnt ein Morischkotanz"; Erasmus Grasser übernahm 1480 den Auftrag über "16 pilden maruskatantz" in München. "Wie beliebt der (morisco-)Tanz war und daß er als hoffähig galt, dafür mögen die schönen Reliefs am 'goldenen Dachel' in Innsbruck als Beweis gelten, die ja auf eine Anordnung Maximilians zurückzuführen sind" (Die Moriskoänzer in München, 6).
    Aber das ist alles nicht wirklich belegkräftig. Ich würde die Moriskendarstellungen im HRR eher als Frühform des "Orientalismus"/Exotismus betrachten, die Darstellung von Karls Zelt im Perserheer zeigt einfach, welche Vorstellung der Illustrator von einem Kaiser/Šāh hatte.
     
  7. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    Stimmt. Zudem verteidigt Ricote selbst (nach meiner vagen Erinnerung) sogar die Vertreibung als richtig und gottgefällig.
    War es nicht so, daß dies eben keine frommen Pilger im engeren Sinne waren, sondern vielmehr Gauner, die einen Gutteil der erbettelten Spenden außer Landes geschafft haben?
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Santigopilger waren häufig keine besonders frommen Geister, vor allem, nachdem man erkannt hatte, dass man der sozialen Hygiene einer Region etwas Gutes tun konnte, wenn man ihre aozialen Elemente auf Pilgerreise schickte. Im besten Falle war man sie für immer los, im schlechtesten waren wenigstens für einige Monate verschwunden. In der FNZ war daher Santiagopilger auch ein Euphemismus für Kriminelle.
     
  9. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wissen wir denn eigentlich, wieviele der in Spanien vertriebenen Morisken sich selbst als Moslems sahen? Es ist doch auch vorstellbar, dass im maurischen Spanien einige Juden zum Islam konvertierten und deren Nachfahren unter christlicher Herrschaft dann zwangsweise zum Katholizismus. Für die direkt vom Judentum zwangsbekehrten benutzte man doch anstatt des Begriffs "morisco" das Wort "converso", oder?
    Weiterhin kann es natürlich auch sein, dass sich nicht wenige Morisken selbst als Christen sahen. Aufgrund langer Diskriminierung durch die katholische Obrigkeit könnte natürlich der eine oder andere irgendwann Sympathie für die "neue Lehre aus Aleman" gefunden haben. Vorstellen kann ich es mir, belegen aber nicht.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die hatten keine Nürnberger Rassegesetze. Wer vom Judentum zum Islam konvertiert war, war zunächst einmal uninteressant, als 1492 die Juden aus Spanien vertrieben wurden, bzw. das Christentum annehmen mussten. Man hat die Conversos ja nicht verfolgt, weil sie Juden waren, sondern weil man sie verdächtigte, trotz Annahme des Christentums weiterhin insgeheim jüdische Riten zu praktizieren und nur oberflächlich Christen zu sein. Wer also zum Islam konvertiert wäre, wäre zunächst einmal nicht der Verfolgung ausgesetzt gewesen. Freilich hat bereits 1499 Jiménez de Cisneros, der Metropolit von Spanien, die Politik der sanften Konversion des Erzbischofes von Granada, Hernando de Talavera, beendet und auf Zwangsbekehrungen von Muslimen gesetzt, was zu ersten moriskischen Aufständen führte. Das war 17 Jahre vor Karls Amtsantritt und 18 Jahre vor dem Wittenberger Thesenanschlag.

    Was es gab, allerdings etliche Jahrzehnte später (1588 ff.) sind moriskische Fälschung christlicher und islamo-christlicher Dokumente. In Granada galten die bis ins 20. Jhdt. als echt, der Vatikan hat diese bereits im 17. Jhdt. (1682) als Fälschungen entlarvt. Bleibücher vom Sacromonte – Wikipedia

    Moriskische Dokumente aus der Zeit beginnen eigentlich fast immer mit der ḥamdala oder ähnlichen Glaubensformeln, bevor sie dann im jeweiligen iberoromanischen Idiom ihrer Zeit weitergehen. Hin und wieder findet man auch Schmähungen darin. Also du kannst davon ausgehen, dass die Morisken im Wesentlichen Muslime waren. Ob sie im Sinne einer islamischen Orthodoxie "gute" Muslime waren, ist dahingestellt.
    Sprachwissenschaftlich sind die Dokumente ganz interessant. Da wird z.B. der Begriff al-faqīh (الفقيه) im Aljamiadotext alfaki (الفكِ) geschrieben, oder die Stadt Calatayud (Qala'at Ayyub,
    قلعة أيوب) Kalatayud (کلتيد).
    Das zeigt natürlich, dass die Morisken bzw. Mudéjares sich nicht nur in der Alltagssprache des Arabischen kaum noch bedienten, sondern auch in der Phonetik des Arabischen überhaupt nicht mehr firm waren und eigentlich bedeutungsunterscheidende Phoneme nicht mehr zu unterscheiden wussten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. November 2017
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  11. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Genau denselben Vorwurf des "nur oberflächlichen Christentums" mussten sich doch auch die Morisken gefallen lassen.
    So war das von mir auch nicht gemeint, im Gegenteil, die Formel Moriske=Moslem (=maurische oder arabische Vorfahren) ziehe ich gerade in Zweifel. Wer als Westgote zum Islam konvertierte, dessen Nachfahren konnten genauso als Morisken angesehen werden, wie die Nachfahren von Mauren oder konvertierten Iberoromanen. Wenn ein Converso oder Morisk ein noch so gläubiger und praktizierender Katholik war, blieb der Vorwurf "dies sei nur aufgesetzt, um etwas zu verschleiern". Ein Parallele zum Hexenwahn kann ich eher sehen als zum Holocaust.
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, aber nicht zeitgleich.

    Natürlich. Aber die Frage ist doch, ob den Leuten im 16. Jhdt. klar war, dass auch Hispanoromanen und Goten zum Islam konvertiert waren? Gerade damals bezeichnete sich der Adel als Godos. Anders als im 12. und 13. Jahrhundert konnte kaum noch jemand Arabisch (nicht einmal viele der spanischen Muslime selbst, außer natürlich im Königreich Granada).

    Sehr häufig war das der Fall, ja.
     
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