Reaktionen der islamischen Gesellschaften auf die Pest

Dieses Thema im Forum "Der Islam und die Welt der Araber" wurde erstellt von Simon, 26. Dezember 2012.

  1. Simon

    Simon Neues Mitglied


    Hallo.

    Da die große Pestwelle 1347-1353 auch Auswirkungen auf den islamisch-(arabischen) Raum hatte, frage ich mich, welche Reaktionen es dort seitens der Religion auf die Pest gab.
    Sah man die Pest, ähnlich wie das christliche Europa, als Strafe Gottes und damit als Anlass zu stärkrer Frömmigkeit? Löste es Nahzeiterwartungen der Apokalypse oder Attaken gegen Minderheiten/Juden aus? Oder war man viel stärker an die Pest gewöhnt und behandelte sie daher viel stärker als Krankheit und nicht als gott-/teufelgegebene übernatürliche Geiselung der Menschen? Die Medizin war in der islamischen Welt deutlich entwickelter.
     
  2. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Das ist eine interessante Frage.Für das Mittelalter hab ich keine Antwort,aber zur Zeit der Österreicher,war die Militärgrenze auch die Pestgrenze.Folglich hatte man also die Pest nicht im Griff.

    Militärgrenze ? Wikipedia
     
  3. Simon

    Simon Neues Mitglied


    Auf Wikipedias Karte für die große Pestwelle mitte des 14.Jhs zeigt sich durchaus eine Verbreitung der Pest im maurischen Spanien, in Nordafrika und der heutigen Türkei. Der Islam muss also auf jedenfall zu dieser Zeit mit der Pest in Kontakt geraten sein. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man die Krankheit medizinisch deutlich besser unter kontrolle hatte, und die Bedrohung dadurch als viel weniger "übernatürlich/irdisch" und damit zwangsläufig göttlich/teuflisch wahrgenommen wurde. Sind aber nur vermutungen, die ich gerne untersuchen würde. Mir fehlt aber leider ein guter Ansatzpunkt dazu!
     
  4. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur als Hypothese: Muslime sind, aus welcher theologischen Begründung auch immer, sehr viel fatalistischer als Christen, was sich in der Redewendung in šāʾa llāh (entspricht in etwa unserer Redewendung "so Gott will") ausdrückt. D. h. nicht, dass sie nichts gegen die Pest unternommen hätten, aber wahrscheinlich, dass sie sie weniger als Strafe Gottes wahrnahmen, als das vielleicht Christen taten. Die
    Redewendung in šāʾa llāh ist im Übrigen als eine der wenigen nicht konkretumbezogene arabische Entlehnungen ins Spanische übergegangen: ojala, 'hoffentlich'.
     
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Das ist aber kein nur muslimisches Phänomen den Spruch "ako bog da" (wenn es Gott will/es gibt) höre ich fast täglich auch von Leuten die nichts mit Religionen zu tun haben.
     
  7. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Nun,der ehrenwerte Ibn Hatima,seines Zeichen,Wissenschaftler und Arzt hat sich schon eine Menge Fragen gestellt;wissenschaftliche wie woher kommt die Krankheit-Sternenkonstellation,Wind usw.Theologische,wie was will Gott uns mit der Krankheit mitteilen?

    Sehr Kismetgläubig war der nicht,obwohl im Koran steht das der Mensch alle Krankheiten aushalten muss.

    Die Hauptpestwelle hat er überlebt,ein späteres Aufflackern der Seuche nicht.

    Auf mich macht er einen ziemlich modernen Eindruck.
     
  8. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Das Buch ist in zehn Fragen eingeteilt

    La grande peste en Espagne musulmane au XIVe siècle - A?mad bin ?Al? bin Mu?ammad Ibn ??tima [Ab? ?a?far Ibn ??tima al-An??r?] - Institut français du Proche-Orient


    1.Wissen von der Pest

    2.Ursachen der Seuche

    3.Warum sind nicht alle betroffen?

    4.Wie verbreitet sich die Seuche?

    5.Schutz vor der Seuche

    6.Heilmethoden

    7.Was sagt uns Mohammed über die Pest?

    8.Bedeutung des Hadith,der das Betretten und Verlassen eines von der Pest ergriffenen Landes verbietet.

    9.Was bedeuten die Worte von Mohammed-kein Aberglaube-keine Ansteckung.Hadithen zu diesen Worten.

    10.Lösen des Wiederspruches zwischen Hadith 9 und 10.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Dezember 2012
  9. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Muslime und Krankheiten (Pest)

    Hallo

    Ich galube das die Muslime, in medizinischer Hinsicht, heir viel weiter waren, als im Westen. Auch wennd er Fatalismus, den @EL Qijote schon ausführte, im Islam wohl verbreiterer war, als im Westen, nichts destrotrotz glabue ich, das die Muslime die Krankheit als soclhe erkannt und bekämpft haben.
    Ich wäre auch lieber in die Hände von muslimischen Ärzten, dieser Zeit, als in die Hände der mittelalterlichen Quacksalber gefallen.

    mfg
    schwedenmann
     
  10. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Wer sagt den das sich Krankheit und Strafe Gottes im Denken des Mittelalters ausschließen. Panikaktionen treten auch heute im "aufgeklärten Westen" ja immer wieder auf, ohne Grund.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zwischen Fatalismus und dem Versuch auf Krankheiten oder Katastrophen adäquat zu reagieren besteht kein unbedingter Widerspruch. So Gott will, geschehe es, wie es geschehe, aber was ich dran drehen kann, daran drehe ich.

    Den Spruch hört man auch im Deutschen, teilweise unabhängig vom persönlichen Glauben des Individuums, welches ihn benutzt. Aber das arabische in šāʾa llāh ist doch irgendwie mehr. Das belegt schon der Umstand, dass es eigentlich über das arabische und islamische hinaus als arabischer Spruch bekannt ist, obwohl er theologisch keine Bedeutung hat, also anders als die šahāda. Ich kenne Araber, die an jede Planung, sei es eine Verabredung für den kommenden Tag, sei es etwas in weiter Zukunft liegendes, ihr in šāʾa llāh anhängen. Ich kann mir dagegen keine deutsche Unterhaltung vorstellen á la: "Treffen wir uns morgen auf einen Kaffee?" - "Ja, so gegen 15:30 im Wirtshaus im Spessart, so Gott will." Da würde man wohl eher irritiert schauen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Verabredung am folgenden Tag auch eingehalten wird als eher hoch, bzw. dass sie nicht eingehalten wird als eher niedrig wahrgenommen wird.
     
  12. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Ich hab das ganze Buch in der franz.Übersetzung gelesen.Ist die Mühe wert und menschlich sehr ergreifend.Den Herd der Seuche indentifiziert er richtig in China.Er stellt fest das die Seuche Muselmanen und Christen wie auch Heiden gleichermassen trift.Also nix mit weiterentwickelter muslimischer Medezin.

    Es kommt zu komplizierten theologischen Diskussionen-einerseits das traditionnelle Wissen der Araber das Krankheiten ansteckend sind-anderseits die Worte des Propheten das ohne Allahs Wille nichts geschehen kann.Er allein ist Ursache und Wirkung.Die franz.Übersetzung fasst das mit dem Begriff Agent zusammen.

    Das Tragische ist das er obwohl er das traditionnelle Wissen um ansteckende Krankheiten kennt,seine Stadt nicht verlässt und schlussendlich der zweiten Pestwelle zum Opfer fällt.

    Die weniger Glaubensstarken die geflohen sind und sich irgendwo im Gebirge versteckt haben,werden überlebt haben.
     
  13. Simon

    Simon Neues Mitglied

    @Isleifson:
    Vielen Dank für den Hinweis auf das Buch und auch die Zusammenfassung. Ist wirklich interessant.
    Sowohl der Qur'an als auch etliche Hadith postulieren ja die totale Determiniertheit des "Schicksals" und aller menschlicher Handlung durch Allah. Gleichzeitig ist der Mensch dennoch verantwortlich für seine Taten und wird gerichtet werden. In diesem Kontext ist die Interpretation der Krankheit als göttliche Strafe naheliegend.

    Ohne mich wirklich auszukennen: Es wird oftmals behauptet, dass es im arabisch-islamischen Raum die deutlich entwickeltere Medizin gab. Dennoch scheint die Krankheit, wie Isleifson sagt, im maurischen Spanien reiligionsübergreifend jeden getroffen zu haben. Dennoch wäre interessant, wie islamische "Ärzte" die Krankheit beschrieben, bewerteten und behandelten.

    in Meier, Mischa: Die Pest. Geschichte eines Menschheitstraumas, Stuttgart 2005. gibt es einen vielversprechenden Aufsatz von Peter Jankrifi zur Pest in der mittelalterlichen islamischen Welt. Komme leider erst in 1-2 Wochen an das Buch, aber ich hoffe dass ich anschließend mehr dazu sagen kann
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn der Mensch gerichtet wird, so ist wohl eher die Hölle als eine irdische Strafe gemeint.

    Zwischen einer weiter entwickelten Medizin, etwa im Bereich der Wundversorgung oder der Augenheilkunde und dem Problem, genauso hilf- und ratlos wie andere vor einer Epi- oder Pandemie zu stehen, bestehen keine Widersprüche.

    Jankrift ist auf jeden Fall einer der fähigsten Mediävisten in der transkulturellen historischen Komparatistik mit Schwerpunkt Islam und Europa, der mir einfällt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Januar 2013
  15. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Das sehe ich auch so.Unser Freund verfügte ja über das Wissen der griechischen Ärzte.Er wusste sogar das tote Ratten im Getreide ein sehr schlechtes Vorzeichen sind.Er wusste das das Verlassen der Stadt das einzig Richtige ist.Er tat es aber nicht.Er diskutierte sogar mit christlichen Händlern.Er analysierte die Hadhiten,bis er tod war.
     
  16. Haralambos

    Haralambos Gesperrt

    In welcher Stadt hat er damals gelebt?
     
  17. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auf die Frage hin, wie islamische Gesellschaften auf die Pest reagiert haben: In Kairo hat man wohl mit einer erhöhten Frömmigkeit reagiert, jedenfalls sind die Bewohner der Stadt während einer Pestwelle aus der Stadt zum Gebet in die Wüste gezogen.

    Ansonsten war die Reaktion eher pragmatisch (und hier auch fast gegenteilig zu der Annahme einer erhöhten Frömmigkeit), denn das Totengebet wurde über die in Oratorien gesammelten Pestleichen in cummulo gesprochen und nicht, wie üblich, für jeden einzeln. Der mamlukische Staat versuchte zudem bei den Pestwellen 1430 und 1460, sich der Habseeligkeiten der Verstorben zu bemächtigen und etablierte eine Behörde, welche die Toten zählte (allerdings nicht alle Toten sondern vor allem die der besitzenden Schichten), das "Erbbüro".
     
    balkanese gefällt das.

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