Religion wichtiger als gemeinsame Sprache

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Zoki55, 29. Januar 2018.

  1. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied


    Wobei ich hier schon Unterschiede sehe. Der "europäische" Nationalismus hatte m.E. die Aufgabe, den Feudalismus (und damit letzendlich dessen überkommene mittel. Ständelehre) im Sinne von "Freiheit - Gleichheit" abzuschaffen. Der "hinduistische" Nationalismus hingegen stärkt die Ständelehre in Form des Kastensystems als Teil der ethnisch-nationalistischen Identität.

    Nebenbei:
    Wieso die Sikhs als Hindus reklamiert werden, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Die Sikhs sind monotheistisch und lehnen das Kastensystem ab.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Bei den Buddhisten ist das ebensowenig nachvollziehbar. Macht aber nichts, weil...
     
  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied


    Der Hindu-Nationalismus hat mit den Hindu-Religionen fast nicht zu tun. Er ist keine Religion, sondern echter Nationalismus.
    Ziel des Hindu-Nationalismus war die Abschaffung des Kasten-Systems. Außerdem sollte die Spaltung der indischen Bevölkerung in verschiedene Religionsgemeinschaften überwunden werden. Das Ziel war eine neue Hindu-Nation. Ein wichtiger Bezugspunkt war die fiktive Abstammung aller Inder von den Ariern.
    Christen und Muslimen sind die erklärten Feinde, weil für die Indien nicht das heilige Land ist. Die Sikhs galten für die Hindu-Nationalisten jedoch als Volks- oder Artgenossen. Die Folge waren ein Jahrzehnte langer Konflikt, indem sich die Sikhs gegen die Vereinnahmung durch den Hindu-Nationalismus wehrten. Es ging um die Anerkennung des Sikhismus als eigenständige Religion.

    Nationalismus funktioniert immer überall gleich. Es wird unterschieden zwischen drinnen und draußen.

    In Sri Lanka ist es die gleiche Geschichte. Die Singalesen erklärten die Tamilen zu Ausländern und identifizierten sie mit der britischen Kolonialmacht. Es folgte der Kampf der Tamilen um Gleichberechtigung oder Unabhängigkeit - meistens geht das fließend ineinander über.
    Dass die Singalesen Buddhisten sind und die Tamilen Hindus und Muslime war dabei ziemlich nebensächlich. Die marxisitsche Ideologie der tamilischen Rebellen konnte ihre religiöse Heterogenität der Tamilen ganz gut verbergen.
    Der Sprachenstreit auf Sri Lanka ist nur ein Symptom der Feindschaft. Man kann auch einen harten Sprachenstreit vom Zaun brechen, wenn sich die Sprache quasi identisch sind.

    Drinnen und draußen ist auch der springende Punkt bei der preußischen Katholikenfeindlichkeit. Während der preußisch-österreichischen Krieges richtete sich die sogenannte Katholikenhetze in Schlesien und Brandenburg. Man hielt sie für das, was später fünfte Kolonne genannt. Anfangs warf man ihnen vor sie seien die fünfte Kolonne der Habsburger, dann die der Polen - ganz egal erklärte Reichsfeind. Der Transmontan liebt nicht das deutsche Vaterland, sondern das ferne Land hinter den Bergen.

    Ob Religion wirkmächtiger als Sprache ist, lässt sich meiner Meinung nach nicht generalisieren. Spätestens seit der Hutu-Power in Ruanda, wissen wir doch, dass es solche Marker nicht notwendig sind, um die Feinde zu identifizieren.
    Man möge mir den Rückgriff auf den rechtskonservativen Amoralisten Carl Schmitt verzeihen. Nach Schmitt ist die Unterscheidung von Freund und Feind politisch sinnstiftend. Es geht um die Unterscheidung von Gut und Böse.
    Mehr muss man nicht können. Es gibt keinen Kampf der Kulturen - nicht wegen der Sprache und nicht wegen der Religion. Der stärkste Kleber ist und bleibt der Hass auf die Feinde und die Überzeugung von der eigenen Großartigkeit. Eine objektive Begründung sind nicht notwendig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Februar 2018
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  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  5. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das stimmt. Wenn man will, kann man jeden Nachbaren zum Feind erklären, ein Grund findet sich immer. Das funktioniert im kleinen wie im großen Maßstab.

    Die unterschiedlichen Religionen erleichtern die Feindbildung enorm, nicht umsonst gibt es den Spruch „Süß ist es, für Gott und Vaterland zu sterben.“
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Für die Begründer des jüdischen Nationalstaats und seine Siedler spielte die Religion eine zentrale Rolle. Und das ist bis heute im säkularen Israel so geblieben.

    Auch für die christlichen Reiche Spaniens im frühen Mittelalter (und auch später) spielte die katholische Religion eine wichtige Rolle zur Identifikation. Sie wurde instrumentalisiert, um sich gegenüber den maurischen Muslimen abzusetzen und Angriffskriege zu begründen. Phasen religiöser Toleranz ämderten daran wenig und noch im 16. Jh. wurden Juden und Muslime zu hunderttausenden aus Spanien vertrieben. Man sprach von der "Limpieza de sangre" ( „Reinheit des Blutes“).
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich ist noch das falsche Wort. Die Judenvertreibung 1492 und die Moriskenvertreibungen 1499, 1571 und 1609-13 sind Phänomene dieser Zeit, nicht der früheren Epochen.
     
  8. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Gerade die Verfolgung der sogenannten Morisken und Conversos im 16. Jahrhundert war lupenreiner Rassismus. Da ging es nur noch um die Reinheits des Blutes.

    Religion spielte in einigen Zionismen auch eine Rolle, aber es gab auch Zionismus ohne Religion.
    Das berühmteste Beispiel ist der israelische General und spätere Likud-Politiker Mosche Dajan. Er war Atheist und trotzdem ein glühender Vorkämpfer für die zionisitische Sache - ein ganz Leben für den Krieg. Als Verteidigungsminister Moshe Dajan 1967 im Sechstagekrieg Ostjerusalem und damit den Tempelberg eroberte, hat er nicht mitfühlen können, warum seine Soldaten an der Klagemauer beten. Nicht ganz zufällig ist Mosche Dajan hauptverantwortlich dafür, dass der Felsendom einer islamischen Stiftung übergeben und nicht einfach in Besitz genommen und zerstört wurde.
    Für die ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel spielt Religion tatsächlich die zentrale Rolle und lehnen sie den von Menschen gemachten Staat Israel auch ab, sondern warten auf den Messias.
     
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  9. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Die Mongolen sind ja ein gutes Beispiel^^
     
  10. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Allerdings waren die Mongolen zur Zeit von Dschningis Khan, Ögodai und Kublai Khan in ihrer Mehrheit noch keine Buddhisten. Mehrheits-Religion wurde der Buddhismus bei den Mongolen erst im 16. Jahrhundert.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Mongolen zeichneten sich durch religiöse Toleranz aus.
    In ihren Reichen gab es zahlreiche Glaubenbekenntnisse.
     
  12. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Was sie nicht unbedingt friedlicher machte.
     
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  13. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Da ich meinen Thread wiederbeleben will.

    Wie weit es geht, mit der kaum Wahrnehmung der orthodoxen nichtserbischen Völker im Serbien des 19. Jahrhundert. Dubravka Stojanovic eine Historikerin, die wenn man sie in Deutschland politisch Verorten würde in Fragen von Menschenrechte, Multikulturalismus und Nationalismus eine Hardcore Grüne alla Claudia Roth wäre und wirtschaftlich Neoliberaler als die FPD.

    Schon einmal in der Zeitung blic habe ich ihre Aussage gelesen und jetzt auf youtube in der Doku "kako je nastao mith o Velikoj Srbiji" (wie enstand der Mythos von Großserbien) hat die gute Frau gesagt "Serbien wollte sowohl groß als auch ethnisch rein sein, das geht nicht". Das geht nur mit Zentralserbien.

    Die Frau hat einfach die orthodoxen Rumänen/Wallachen und Bulgaren (vor allem am Land), die Aromunen Griechen und Armenier (vor allem Stadt) vergessen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Mai 2018
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Rationale Erklärungen, Aufzeigen von Widersprüchen etc. sind bei Xenophobie, Ethnozentrismus, Rassismus, Hass, "The other" eine verständliche Reaktion, aber gehen mE ins Leere.

    Die Forschung bezeichnet den Komplex auch gern mal als "Verhaltens-Immunsystem". Das trifft gut den Kern, insbesondere die Betonung des Systemischen, der Mechanismen.

    Auf den einzelnen herunter gebrochen, und durch psychologische Test untersucht, ist das "secure attachment", zugleich das Reduzieren der Gefühle eigener Verletzlichkeit (Verwundbarkeits-Reduktion), eine grundsätzliche (existentielle) menschliche Verhaltensweise. Dies erklärt ebenso Gruppenbildung wie intergroup-Konflikte, Bedrohungsängste durch Minderheiten etc. Umgekehrt sind positive Sicherheits-Erfahrungen fester Bestandteil des Arbeits-Gedächtnisses.

    Die "Skalierung" ebenso wie die Ausgrenzung bzw. Xenophobie wird dabei inmer ganz pragmatisch an die jeweiligen Bedingungen adaptiert. Das ist im Einzelnen nicht rational hinterfragbar, nur die Mechanik ist immer gleich.

    Oben ist das Beispiel Sri Lanka erwähnt: Untersuchungen zu Stereotypen zeigen zB, dass das angepasst-gefühlte "outnumbering" ein wesentlicher Faktor ist: Tamilen auf Sri Lanka sind outnumbered, Singhalesen in der Großregion ebenso. Diese Bedrohungsmechaniken funktionieren immer.

    Die Triebfeder der Ausgrenzung, Gewalt und des Hasses gegen "the other" ist dabei (nur) die Kehrseite des Dranges zur Anlehnung an die (für die eigene Sicherheits-"Anlehnung") identifizierte Gruppe/Gesellschaft. Im Ergebnis sind die -ismen" wiederum nicht nur in eine Tüte zu packen. So hat auch Hindu-Nationalismus (schon gerade über den Zeitverlauf) viele Facetten, die Aggression gegen Minderheiten ist nur eine, wenn auch wichtige.

    Mal dient also als Klebstoff (resp. "antidote", siehe unten) Religion, mal Sprache, mal Hautfarbe, oder was anderes Passendes.

    Das Ganze ist natürlich in erster Linie empirisch-statistisch relevant. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und Normen setzen wieder (dünne) Leitplanken für die Eskalation.

    dazu ganz nett:
    Schaller, Is Secure Attachment the Antidote to Everything that Ails Us?,
    Psychological Inquiry: An International Journal for the Advancement of Psychological Theory, 2007, S. 191ff.
     
  15. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Klar der Kleber kann unterschiedlich sein, aber im deutschsprachigen Raum scheint doch die Sprache als Zentral zu gelten, dass es häufig nicht so ist, zeigt ja Ex Jugoslawien sehr sehr deutlich.
     
  16. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    in Deutschland habens halt den 30jährigen Krieg gemacht
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Balkanese hat oben schon darauf hingewiesen, dass in Deutschland mit dem 30jährigen Krieg einer der folgenreichsten Kriege mit gewaltigen Menschenopfern ausbrach. Daran änderte die gemeinsame Sprache überhaupt nichts.

    Auch im ehemaligen Jugoslawien, war die Religion - Orthodoxe hier, Katholiken dort - ein trennender Faktor. Allerdings erwies sich der ausbrechende Nationalismus als weitaus übermächtiger.

    Ein ethnisch nahezu "reines" Serbien haben die dortigen Machthaber ja inzwischen erreicht. Die Idee eines "Großserbien" musste dafür begraben werden. Die Serben werden das überleben, vor allem wenn sie bald in die EU eingebunden sind.
     
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Du vergisst insbesondere die Vojvodina mit ihrem bunten Völkergemisch, aber auch die Albaner im Presevo-Tal, Rumänen im Osten etc.
     
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  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich sehe das etwas anders. Um es mal leicht vereinfacht im Vergleich zu sagen, die Wirklichkeit ist natürich immer viel komplexer:

    In Dtld. hat der Nationalismus die Konfessionsgrenzen überspielt. In Jugoslawien haben sich die Nationalismen trotz gemeinsamer Sprache anhand der Religions- und Konfessionsgrenzen definiert.​
     
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  20. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Woher hast du den Käse her selbst wenn wir alle Wallachen und Roma die sich bei der Volkszählung als Serben bezeichnen außer Acht lassen, stellen die Serben nur 83 % der Bevölkerung Serbiens.

    Der teilweise muslimische Sandschak.
     

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