Rituelle Begrägbniszeremonie für den Aiglon (Napoleons Sohn)

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von JBWorks, 31. Oktober 2017.

  1. JBWorks

    JBWorks Neues Mitglied


    Hallo an alle,

    Ich habe soeben das Buch "Napoleons Sohn - Biographie eines ungelebten Lebens" von Günter Müchler gelesen und habe mich darüber gewundert, dass dem "Aiglon" nach seinem Tod am 22. Juli 1832 das berühmte Habsburgerzeremoniell zuteil geworden sein soll. Müchler beschreibt den Werdegang der Zeremonie (auf Seite 314) recht genau mit den Worten:

    "Wer begehrt Einlass?", fragt hinter der Pforte einer der Kapuziner-Brüder,
    "Ich bin der Herzog von Reichstadt, aus dem Stamme der Habsburger", antwortet der Graf.
    "Ich kenne ihn nicht."
    Wieder klopft der Graf.
    "Wer begehrt Einlass?"
    "Ich bin der Enkel seiner Majestät des Kaisers von Österreich."
    "Ich kenne ihn nicht."
    Czernin klopft zum dritten Mal.
    "Wer begehrt Einlass?"
    "Ich bin Franz, ein sterblicher und sündiger Mensch."
    "So komme herein!"

    Da ich im Buch leider jegliche Quellenangabe zu diesen Zeilen vermisse und ich mich ganz genau erinnere, dass die Kapuzinermönche anlässlich der Bestattungen von Zita von Bourbon-Parma geäußert hatten, dass dieses Ritual in der Form nie stattgefunden hätte und eben zum ersten Mal im Jahre 1989 angewandt worden sei, wollte ich bei euch nachfragen, ob zufällig jemand etwas näheres darüber in Erfahrung bringen kann?

    Liebe Grüße, Joël
     
    muheijo gefällt das.
  2. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Wohl zum letzten Mal wurde die Klopfzermonie beim Tod von Otto von Habsburg am 16.7.2011 zelebriert.

    In diesem Moment scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – auch wenn die Klopfzeremonie, die den Zugang zum Himmelstor eröffnen soll, jüngeren Datums ist. Sie wurde 1989 beim Begräbnis der Kaiserin Zita zum ersten Mal praktiziert. ….


    Der Wortlaut der Anklopfzeremonie bei Otto von Habsburg

    Zeremonienmeister klopft dreimal.

    Pater: "Wer begehrt Einlass?"

    Zeremonienmeister: "Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien,
    Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren, Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara,
    gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca, Fürst von Trient und Brixen, Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien, Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc., Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark,
    Großwojwode der Wojwodschaft Serbien. etc. etc.“

    Pater: "Wir kennen ihn nicht!"

    Zeremonienmeister klopft dreimal.

    Pater:"Wer begehrt Einlass?"

    Zeremonienmeister: "Dr. Otto von Habsburg, Präsident und Ehrenpräsident der Paneuropa-Union,
    Mitglied und Alterspräsident des Europäischen Parlamentes, Ehrendoktor zahlreicher Universitäten und Ehrenbürger vieler Gemeinden in Mitteleuropa, Mitglied ehrwürdiger Akademien und Institute, Träger hoher und höchster staatlicher und kirchlicher Auszeichnungen, Orden und Ehrungen, die ihm verliehen wurden in Anerkennung seines jahrzehntelangen Kampfes für die Freiheit der Völker, für Recht und Gerechtigkeit."

    Pater: "Wir kennen ihn nicht!"

    Zeremonienmeister klopft dreimal.

    Pater: "Wer begehrt Einlass?"

    Zeremonienmeister: "Otto – ein sterblicher, sündiger Mensch!"

    Pater: "So komme er herein!“

    Man kann sich das auch auf Youtube anschauen.
    Kapuzinerpater Anton empfiehlt, das Ganze nicht so ernst zu nehmen: „Der Österreicher ist anfällig für das monarchistisch Angehauchte, aber er hält keine lange Trauer aus. Auch bei der Kaiserin Zita war sie nach dem Begräbnis zu Ende“, sagt er lächelnd....
     
  3. JBWorks

    JBWorks Neues Mitglied


    @Gangflow Vielen Dank für die Antwort, ich sehe, du hast einige Zeilen aus der Augsburger Allgemeinen zitiert (Link: Das Klopfen fand Gehör )

    Der Artikel beruft sich ja auf die Aussagen der Kapuzinermönche. Grundsätzlich dürfte man ja annehmen, dass es die Kapuziner wohl am Besten wissen müssten. Jedoch hat Günter Müchler die Zeremonie in Wortlaut beschrieben - 157 Jahre zuvor, leider aber ohne Quellenangabe.

    Warum ich die Frage stelle:
    Das Buch ist sehr gut geschrieben und habe auch davor schon eines seiner Bücher, "Napoleon's 100 Tage", gelesen. Man sollte auf jeden Fall davon ausgehen, dass der genau Autor weiß, was er da geschrieben hat. Jedoch haben mich manche Dinge stutzig gemacht und ich möchte der Glaubwürdigkeit halber dieses Detail klären. Unter anderem wird mehrfach von der k.u.k.-Monarchie geschrieben, obwohl die Handlungen lange vor dem Ausgleich von 1867 stattfinden und ich bin auch der Ansicht, dass der Autor (zu)viel seiner subjektiven Meinung gegenüber mancher historischen Persönlichkeit durchblicken läßt. Obwohl ich ihm wohl persönlich oftmals zustimme, soll es dafür keinen Platz in einer solchen Arbeit geben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Oktober 2017
  4. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Die sehr ausführliche französische Version enthält keinen Bericht über diese Klopfzermonie. Sicher hat sich Günter Müchler hier eine künstlerische Freiheit erlaubt.

    Napoléon II — Wikipédia

    "Metternich soll seine Genesung behindert haben, indem er sich weigerte, ihn zu seiner Mutter zu lassen."

    "Am 15. April hielten ihn die Ärzte für verloren, was Napoleon II. zu bitterer Erkenntnis veranlasste: "Meine Geburt und mein Tod, hier ist meine ganze Geschichte. Zwischen meiner Wiege und meinem Grab befindet sich nur eine große Null. Seine Mutter, vorgewarnt, sah ihn in Wien erst am Sonntag, den 24. Juni, als er bereits im Sterben lag. Er starb am 22. Juli 1832 an Tuberkulose und erstickte dabei in seinen Händen eine Drossel, die er gezähmt hatte."

    "Napoleon II. starb ledig und ohne Nachkommenschaft. Nach der Autopsie wurde das Herz in eine Kanopenvase gelegt, die in der Krypta der Augustiner aufbewahrt wird (die Herzen aller Habsburger werden dort seit 1864 aufbewahrt), die Eingeweide in einer silbernen Urne verschlossen, die in einer Metallbox für die Krypta der Kathedrale von Saint-Étienne verschlossen ist. Dann wurde der Herzog von Reichstadt in seiner weißen Oberstuniform des Infanterieregiments Nassau in einem Sarg aus rotem Samt auf einem mit schwarzem Tuch bezogenen Tisch im Vieux-Laque-Zimmer für die Öffentlichkeit aufgebahrt.
    Der Leichnam wurde später nachts auf einer von zwei Pferden gezogenen Bahre transportiert und von reitenden Offizieren vom Wasa-Regiment zur Kapelle der Hofburg gebracht, wo eine Wache aufzog. Vor dem Katafalk wurden seine Waffen, sowie die Urne mit dem Herzen und den Eingeweiden präsentiert. Offiziere der Garde bildeten den Ehrenposten. Trotz der späten Stunde defilierte eine große Menschenmenge an dem Sarg vorbei.
    Am 27. Juli 1832, nach dem für einen Erzherzog vorgesehenen Ahnenzeremoniell, wurde Napoleon II., auf dem rot-goldenen Katafalk des Erzherzogs, von der Hofburg durch den Michaelerplatz und die Augustinerstraße bis zum Neuermarkt gebracht, und am 27. Juli 1832 in die Krypta der Kapuziner, die Kaisergruft, hinabgelassen."


    Hier ist von einem Ahnenzermoniell die Rede. Aber vorgenommen auf der Hofburg.
     
  5. JBWorks

    JBWorks Neues Mitglied

    Ich denke auch, dass es sich wohl einfach um eine künstlerische Freiheit handelt.
    Vielen Dank für die Infos, es war sehr interessant.
     

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