Römische Signaltürme und Hellwege

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von LEG XVII, 10. Februar 2014.

  1. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied


    Heute Abend habe ich mal wieder eine gute Geschichte :)

    Ich habe mich schon immer gefragt, was eigentlich ein Hellweg ist, und warum es die meisten Hellwege in der oder rund um die westfälische Bucht gibt, also in dem Teil von Magna Germania, der am längsten zur selbigen römischen Provinz gehörte, weil vom Rhein (Neuss, Xanten) aus die Erschließung Germaniens begann. Die Eigenschaft 'hell' (licht, frei von Bewuchs) oder die Verwendung zum Salztransport (Hal) haben Hellwege ja mit allen anderen alten Handelsstraßen gemeinsam, das kann also nicht die Bedeutung von hell sein. Höllenweg halte ich jetzt auch eher für unwahrscheinlich.

    Ich selbst hatte auch gedacht, dass ein Hellweg ein Hügelweg ist (s. Kirchhellen oder engl. 'hill'), und damit eigentlich auch Altstraße bedeutet. Aber was sind dann die ganzen Hellberge, wie der folgende an der Kreuzung von Haarweg und Frankfurter Weg:

    TIM-online MiniMap

    Hügelberg macht ja keinen Sinn. Des Weiteren verläuft z.B. der westfälische Hellweg im Gegensatz zu den meisten anderen Altstraßen auch gar nicht über Hügelketten.

    Also muss die Häufung der Hellwege in Westfalen, dem Kernland der römischen Provinz Magna Germania, etwas mit der Erklärung des Namens zu tun haben. Durch die Sparrenberger Egge weiß man, dass die Römer Wach- bzw. Signaltürme in Westfalen errichtet haben, da ein einzelner Turm keinen Sinn macht demnach Signalturmketten, so wie 100 Jahre später auch am Limes. Die zwischen den Türmen übermittelten Signale waren sowohl optischer Art (Licht von Fackeln) als auch akkustischer Art (Signalhörner). Letztere hatten den Vorteil auch bei Blendung durch Sonnenlicht oder bei Nebel zu funktionieren, die Störanfälligkeit war also geringer als bei den optischen Signalen.
    Jetzt könnte man sagen "Ahh, durch das Licht der Fackeln war es also ganz schön hell entlang der Signalturmkettenwege." Das war es nachts sicherlich auch, nur hat dass dann kaum jemand gemerkt, weil die meisten Menschen sich tagsüber auf diesen Wegen bewegten. Und tagsüber war es entlang der Signaltumrkettenwege vor allen Dingen eines: es war laut. Damit die Übermittlung der akkustischen Signale auch über größere Entfernungen funtionierte, müssen die Signalhörner einen unglaublichen Lärm gemacht haben. Und wenn man sich jetzt mal die ursprüngliche bedeutung von 'hell' anschaut, nämlich

    http://www.duden.de/rechtschreibung/hell:

    mittelhochdeutsch hel = glänzend; tönend, althochdeutsch -hel (in Zusammensetzungen) = tönend, verwandt mit ↑Hall, ursprünglich nur auf akustische Sinneseindrücke bezogen


    könnte man 'hell' demnach mit 'tönend' gleichsetzen, und der Kreis zwischen der Signaltumkette und dem Hellweg wäre geschlossen. Auch von den Hellbergen entlang der Hellwege hätte es dann ganz schön gehallt.


    Mit den Römern verschwand auch der Lärm, die Eigenschaft als Fernstraßen behielten die Hellwege aber, weswegen später, als die eigentliche Bedeutung von Hellweg nicht mehr bekannt war, auch andere Fern(handels)straßen als Hellwege bezeichnet wurden.
     
  2. Mummius Picius

    Mummius Picius Premiummitglied

    Nicht uninteressant, aber Signalhörner haben je nach Witterung nd Windrichtung dieselben Probleme wie Signalfeuer, wenn nicht größere.
     
  3. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied


    Richtig. Daher hat das Signalisierungskonzept dann vernünftigerweise wohl auch auf einem Mix von optischen und akkustischen Signalen beruht.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Leg XVII, deine Hypothese krankt daran, dass sie Geschichte wieder einmal auf einen eng umgrenzten Zeitraum reduziert. Bei dir hat immer alles in Westfalen seinen Ursprung in der kurzen römischen Besatzungszeit. Belege? Nullae.
     
  5. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Wobei man allerdings auch sagen muss, dass in den kurzen 2 Jahrzehnten der Okkupationszeit in Germanien mindestens genau so viel Geschichte passiert ist wie in den nächsten 200 Jahren danach. Und wenn man mal davon ausgeht, dass die Römer nicht 2 Jahrzehnte lang an der Lippe auf- und abmarschiert sind, sondern dass sie auch irgendwo hin marschiert sind, kommt man doch auf einige wie ich meine zumindest interessante Ansätze.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn du dich auf die dokumentierte Geschichte beschränkst, möglich. Aber Geschichte ist eben mehr als nur das, was dokumentiert wurde.
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Interessante Idee mit der Signalhornkette. M. W. ist aber der Hellweg erst ab Karl dem Großen (800 n. Chr.) historisch belegt. Laut dem Wiki-Artikel geht man von einem Alter von 5.000 Jahren aus. Wie und womit diese Altersangabe belegt wird (ich vermute, dass man anhand von Funden diese datieren konnte), konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden. Es gab auch schon vor Karl dem Großen Fernhandel, und die römischen und germanischen Händler haben sich schon damals nicht mit Machete in der Hand durch den germanischen Amazonas durchgekämpft.

    Zum Namen Hellweg bietet die Wiki drei verschiedene Deutungen an:
    1. "heller" Weg im eigentlichen Sinne, also breit und kein Bewuchs
    2. von keltischen Wort für Salz, also für das Handelsgut, das über die Salzstraße gehandelt wurde, analog zur Bernsteinstraße bzw. Seidenstraße
    3. von der germanischen Todesgöttin Hel, von deren Name auch der Name Hölle abgeleitet wurde, gewissermaßen ein Highway zur Hell*:devil::devil::devil:

    *angesichts ungezählter Stunden in unzähligen Staus auf dem Hellweg, aka A430, aka B1, akaA40, aka Ruhrschnellweg, aka Ruhrschleichweg zwischen Dortmund und Duisburg ist das meine präferierte Deutung:D
     
  8. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Nicht automatisch. Das ist ein falscher Eindruck, der davon herrührt, das viel mehr antike Texte über die augusteischen Germanenkriege über geblieben sind als über spätere Ereignisse. Und das Arminius ab der Neuzeit zum Nationalhelden wurde, und die Varusschlacht häufig doch mehr oder weniger als ein Gründungsereignis der deutschen Geschichte betrachtet wird (ob das richtig ist, steht auf einem anderen Papier).
    Sicher ist die Varusschlacht auch im römisch-germanischen Kontext eine der bedeutendsten Niederlagen der Römer gewesen, aber, dass bis 200 Jahre später nicht "genausoviel Geschichte passiert", können wir nicht wissen.
     
  9. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Ist natürlich ein wenig überspitzt ausgedrückt. Sicher ist aber, dass nach der Okkupationszeit keine überlegene Supermacht mehr in Germanien einmarschiert ist, und wir einen vergleichbaren Kulturschock ausschließen können. Wie zum Beispiel verursacht durch die Erkenntnis, dass es möglich ist, eine zig oder hunderte Kilometer lange Straße zu bauen, und entlang dieser Straße dann auch noch Nachrichten zu signalisieren.
     
  10. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    ja, Moment, ich bezweifele, dass der Hellweg von den Römern "gebaut" worden ist. Eine ausgebaute Römerstraße wie in anderen Teilen des Reichs dürfte für den Bereich zwischen Main, Rhein und Elbe nicht anzunehmen sein.

    Es kann sein, dass der Hellweg schon zur Römerzeit benutzt wurde, muß aber nicht:confused:.
     
  11. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Also, wenn ich mich an das erinnere, was wir damals in der Schule gelernt haben, so war die Gegend zwischen Duisburg und Dortmund und weiter Richtung Soest schon in der Bronzezeit (um 1.000 ante) relativ dicht besiedelt, wie sich aus zahlreichen intensiven Siedlungsspuren ergibt.

    Dass der Hellweg tatsächlich als Weg benutzt wurde von Händlern ist zumindest für die spätantike Zeit durch den Dortmunder Goldschatz belegt, der 1907 gefunden wurde und mehr als 400 römische Goldmünzen umfasst.

    Von den Römern als Militärstraße ist er wohl eher nicht benutzt worden, dafür gibt es keine Anhaltspunkte und die römische Hauptverbindung entlang der Lippe lag zu nahe als dass sich hier eine zweite West-Ost-Verbindung gelohnt hätte.
     
  12. Mummius Picius

    Mummius Picius Premiummitglied

    In England hat man vor ein paar Monaten entdeckt, dass eine Römerstrasse einen keltischen Ursprung hatte. Es ist auch durchaus nicht so, dass mit den Legionären gleich Straßenbauer mitzogen, welche für gleichzeitige Infrastruktur sorgten.
    Das Ruhrgebiet wäre sicher eine archäologisch interessante Gegend, wäre dort nicht so eine flächendeckende Bebauung und Landschaftsveränderung; ich weiß nicht ob man nun dankbar sein kann für die vielen möglichen Thesen oder verärgert über die geringe Chance stichhaltiger Beweise. Ein schönes Anbaugebiet, ähnlich dem Schlachtfeld der Clades Variana, für deutschen Gram und Hader.
     
  13. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Na, ja, die Legionäre waren ja selber Straßenbauer. Die Römer legten ihren, bzw. den Marschweg, der von Castra Vetera ins innere Germaniens ausging, entlang der Lippe an. Dies ist mehrfach bezeugt. Also kann schon mal 'der' Hellweg nicht auf Deine Theorie zurückgeführt werden, da der Zusammenhang widerlegt ist, auch wenn er mitunter sicher benutzt wurde, war er eben keine strategische Achse. Die legt man nicht im Abstand von nur wenigen Kilometern an.

    Und die große Zahl der 'einfachen' Hellwege widersprechen auch einem Ursprung in der Strategie der Römer. Signalwege mussten, um effektiv zu sein, einfach gehalten werden. Ein "unkaputtbares" Netzwerk ist erst eine Erfindung des 20.Jahrhunderts. Allein in der Umgebung der von LEG XVII angegebenen Kreuzung von Haarstrang und Frankfurter Weg gibt es 5, bzw. 6 Hellwege: Haarstrang, Frankfurter Weg, Hellweg, der Hellweg von Paderborn über die beiden Lippeübergänge bei Schloss Neuhaus und Boke durch das Münsterland und eine abweichende Strecke des Hellwegs nach Osten.

    Hellweg war eine Bezeichnung für eine in bestimmter Breite offen zu haltende Straße. An manchen Straßen blieb der Name hängen. Willst Du an der Theorie festhalten, würde ich darauf rekurrieren, dass die Germanen sich das Schlagen solcher Schneisen bei den Römern abgeschaut haben. Doch da 'der' Hellweg in seinem Verlauf noch in historischen Zeiten schwankte, gibt es auch hier ein Gegenbeispiel. Allerdings hat man ja gerade in Bezug auf diesen Hellweg eine abweichende Etymologie angenommen. Die Erklärung mit der Hel wurde hierfür in Anspruch genommen und Salzquellen gibt es entlang des Weges auch genug.
     
  14. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Bei den Römern abgeschaut?

    Weiß ich nicht so recht.

    Der berühmte "Hellweg vor dem Sandforte" war doch sicherlich weit vor den Römern bekannt.
    Oder ist das nur Definitionssache?

    Kompliziertes aber interessantes Thema.
     
  15. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Abgeschaut würde ich nicht sagen, es war eher so eine Art Resteverwertung.

    War er m. E. auch. Die Frage ist nur, ob diese antike Straße auf Grund einer Fehlinterpretation des Wortes 'Hellweg' als Fernstraße dann irgendwann im Mittelalter auch die Bezeichnung Hellweg erhalten hat.

    Vielleicht war aber der Hellweg vor dem Santforde tatsächlich auch ein Signalweg, etwa um eine Verbindung von Nijmegen/Xanten in die norddeutsche Tiefebene herzustellen.
     
  16. ErnstK

    ErnstK Mitglied

    In einen Link in Wikipedia fand ich zufällig eine Deutung für Hellweg:
    http://www.gwup.org/component/content/article/107-sonstige-themen/756-heilige-linien-in-der-landschaft-und-ihre-bedeutung
    Von Ulrich Magin (Skeptiker 4/2002)
    …..Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens…..
    Unter der Überschrift „Leichenweg" führt das „Handwörterbuch" aus: „Bis in neuere Zeit gilt vielfach die Vorschrift, dass man die Leiche auf einem bestimmten Weg (Leichenweg, Totenweg, Notweg, Kirchweg, Hellweg) zu Grabe bringen muss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2014
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  17. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob das heutige Westfalen am längsten zur römischen Provinz Magna Germania gehörte. Die römische Siedlung in Waldgirmes kann man als Gegenbeispiel anführen. Das Römerlager Limburg ? Wikipedia lässt darauf schließen, dass eine Versorgung dieser Siedlung vom Westen über Koblenz die Lahn aufwärts erfolgte. Gleichzeitig bestand mit der -später so genannten - Elisabethenstraße ? Wikipedia über Friedberg nach Mainz eine Verbindung nach Süden.

    Für das Jahr 15 n. Chr. wird angenommen, dass Germanicus gegen die Chatten durch diese Gegend und weiter über die Eder und Fulda zur Oberweser zog.
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c5/Germania_15_Germanico_jpg.jpg

    Gerade in sumpfigen Ebenen ist es sinnvoll, Wege künstlich zu erhöhen, gewissermassen ein Damm als "künstlicher Hill".

    "die Hohe Straße, eine alte römische Militärstraße von Dieburg, Hauptort der Civitas Auderiensium, zum einen nach dem Kastell Stockstadt und vorher teilend zum Kastell Obernburg über Radheim in west-östlicher Richtung. Die Straße ist wohl so benannt, weil sie bis heute bis zu 1,5 m über dem oft sumpfigen Niveau der Gersprenzauen liegt(...)"
    Hohe Straße ? Wikipedia
     
  18. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Interessant finde ich den Hinweis auf sg. Signaltürme.
    Die Sparrenberger Egge ist bekannt und auch hier erwähnt worden.

    Allerdings sind mir persönlich keine ähnlichen Hinweise bekannt.
    Das muß aber nichts heissen. Natürlich können andere Türme ihrer Entdeckung harren. Aber Fakt ist, dass doch für die Okkupationszeit die Sparrenberger Egge der einzige Fund hinsichtlich solcher Türme ist. Oder?

    Da stellt sich die Frage, ob dies wirklich ein Signalturm ist.
    Oder war es ein strategisch wichtiger Punkt, der schlicht zur Überwachung eines wichtigen strategischen Geländeabschnitts diente?
    Aufgrund der Fundsituation scheint mir dies deutlich wahrscheinlicher.
     
  19. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Da ist was dran. Aber andererseits unterscheidet sich eine Hochstraße (Altstraße, Highway) von der Wortbildung her schon von einer Hügelstraße. Und wie sind dann die anderen Flurnamen auf Hell- oder Höll- zu erklären? Oftmals gibt es dort, wo man den Flurnamen Hellberg findet, überhaupt keinen Berg oder auch nur Hügel, wo irgendwie lichter Bewuchs gewesen sein könnte. Und sowohl Hill als auch Berg sind Wörte germanischen Ursprungs, die Tautologie Hügelberg kann man da denke ich ausschließen.

    Im Folgenden habe ich mal eine Aneinanderreihung von Orten beginnend mit Hell- oder Höll- aufgezeichnet:

    https://maps.google.de/maps/ms?msid...=0&ll=51.711714,8.76297&spn=0.456092,1.124725

    Okay, eine Interpolation mit einem 'Turmberg' ist dabei, aber da auf Signalhügeln auch Signaltürme standen, hab ich das mal durchgehen lassen.

    Die meisten dieser Orte liegen heute auf Ackerland, wenn da vor 2000 Jahren also tatsächlich mal Hügel von Signaltürmen waren, ist das heute alles beigeflügt. Nur der Helleberg neben dem Käseberg (evt. Caes-Berg?, s. den Germanen-Römer-Namen Thread) und das Helleholz liegen in Waldgebieten, dort werde ich ich mal umsehen, ob da noch markante Hügel zu finden sind.
     

    Anhänge:

  20. LEG XVII

    LEG XVII Aktives Mitglied

    Was aber hätten die Römer mit Informationen anfangen sollen, die mittels eines isolierten Beobachtungsturms gewonnen wurden? Wenn an der Sparrenberger Egge z. B. festgestellt worden wäre, dass die Cherusker aufständisch sind, hätten die Cherusker diese Information auch gleich selbst überbringen können, wenn sie bei den Lagern an der Lippe aufgetaucht wären.
    Spaß beiseite, ein isolierter Beobachtungsturm macht denke ich keinen Sinn, und das Know How für die Installation von Signalketten war bei den Römern vorhanden, die Limestürme standen auch mit den Kastellen im Limeshinterland in Verbindung:

    Gaulskopf (Taunus) ? Wikipedia
     

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