Sieyes Flugschrift: Was ist der Dritte Stand ?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von froncy, 2. September 2012.

  1. froncy

    froncy Neues Mitglied


    Warum konnte Sieyes mit seiner politischen Flugschrift eine solch außerordentliche Wirkung erzielen ?
    Lag es nur daran, dass sich einer der privilegierten Stände für den Dritten Stand einsetzte ?

    Vielen Dank schon mal im Vorraus :rofl:
     
  2. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Nein, da spielten auch andere Faktoren eine Rolle!

    Frag Dich mal, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das Werk eines Autors einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht und inwiefern diese Bedingungen auf Sieyes zutreffen.
     
  3. froncy

    froncy Neues Mitglied


    Vielleicht lag es daran dass Sieyes Werk erstmals formulierte was zuvor niemand zu sagen wagte, weshalb es anfangs auch anonym veröffentlicht wurde.
    Daher könnte es vielleicht für so einen großen Aufruhr gesorgt haben, weil sich die Frage stellte wer es wagte solch provokanten Forderungen und Thesen aufzustellen.... ?
     
  4. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Sieyes hatte ja schon vorher publiziert. Aber Du könntest Recht haben in der Vermutung, dass er derjenige war, der die kritischen Stimmen als erster prägnant und einfach verständlich auf den Punkt gebracht hat. Relativ schnell wurde die Schrift dann auch unter seinem Namen veröffentlicht (im Mai, Erstveröffentlichung war im Januar).

    Und Sieyes war ja auch nicht irgendwer:
    Emmanuel Joseph Sieyès ? Wikipedia
     
  5. excideuil

    excideuil unvergessen

    Der Erfolg einer politischen Schrift ist schon sehr von der gesellschaftlichen Situation abhängig.

    Zunächst ein paar Worte zu Entstehung und Bedeutung:
    "Ende 1788 verfasste Abbé Sieyès ein neues Werk, "Was ist der Dritte Stand?" (Qu'est-ce que le tiers-état"); er führte darin die Gedanken seines "Versuchs über die Privilegien" weiter. Auch für diesen Text gilt das Motto, das er seiner ersten Schrift, die er im Sommer 1788 verfasst hatte, voranstellte; Sieyès hatte die Möglichkeiten der Generalstände erörtert, die 1789 zusammentreten sollten, und seinen Überlegungen den Leitspruch vorangestellt: "Man kann, ja man muss seine Wünsche auf die Stufe seiner Rechte heben; die Pläne aber muss man sich nach seinen Mitteln richten." Sieyès veröffentlichte diese dritte Streitschrift in den ersten in den ersten Januartagen 1789. Sie enthält das bündigste und zündenste Revolutionsprogramm und darf heute den Rang einer Grundschrift der parlamentarischen Demokratie liberalen Gepräges beanspruchen. Der Traktat wurde in dreißigtausend Exemplaren verbreitet, er hat dem Bürgertum Frankreichs 1789 wie keine andere der kaum zu zählenden Programmschriften zum Bewußtsein seiner selbst verholfen, die Revolution unmittelbar vorbereitet, ihre Richtung bestimmt und sie von Grund auf gerechtfertigt."

    Der Begriff Generalstände ist damit gefallen und damit die gesellschaftliche Situation. Die Krise des Ancien Régime veranlasste König Ludwig XVI. genau diese Generalstände einzuberufen. Am 24 Januar 1789 wurde dazu die Wahlordnung erlassen. Mit ihrer Hilfe sollten die Vertreter der drei Stände (Klerus, Adel, Dritter Stand) bestimmt werden. Darüber hinaus sollten jedem Vertreter sogenannte "Beschwerdehefte" (cahier de doléances) mitgegeben werden: "Seine Majestät wünscht, dass jeder in den entferntesten Gebieten seines Königreiches und in den unbekanntesten Hütten versichert sei, dass er seine Wünsche und Forderungen direkt bis zu ihr tragen könne."
    Gesellschaftlicher Zündstoff war also genug vorhanden.

    Dazu Sieyès Schrift:
    "Wer wagte es also zu sagen, dass der Dritte Stand nicht alles in sich besitzt, was nötig ist, um eine vollständige Nation zu bilden? Er ist der starke und kraftvolle Mann, der an einem Arm noch angekettet ist. Wenn man den privilegierten Stand wegnähme, wäre die Nation nicht etwas mehr. Also was ist der Dritte Stand? Alles, aber ein gefesseltes und unterdrücktes Alles. Was wäre er ohne den privilegierten Stand? Alles, aber ein freies und blühendes Alles. Nichts kann ohne ihn gehen; alles ginge unendlich besser ohne die anderen." (aus dem 1. Kapitel)

    Sieyès analysiert nicht nur, er sieht den kommenden Konflikt in den Generalständen voraus und präsentiert die Lösung:
    "Wenn er den ersten Weg beschreitet, muss sich der Dritte Stand gesondert versammeln; er darf nicht mit dem Adel und der Geistlichkeit zusammenarbeiten, er darf nicht gemeinsam mit ihnen abstimmen, weder in Ständen noch nach Köpfen. Ich bitte zu beachten, welch gewaltiger Unterschied zwischen der Versammlung des Dritten Standes und den Versammlungen der beiden anderen Stände besteht. Ersterer vertritt 25 Millionen Menschen und berät die Interessen der Nation. Die beiden letzteren haben, sollten sie zusammentreten, nur die Vollmacht von ungefähr 200000 Einzelpersonen und denken nur an ihre Vorrechte. Man wird sagen, der Dritte Stand allein könne keine Generalstände bilden. Nun, um so besser, dann wird er eben eine Nationalversammlung bilden!" (aus dem 6. Kapitel)
    (Vergl. Diwald, Hellmut (Hrsg.) Die Großen Ereignisse, Coron, Lachen, 1990, Bd. 5, Seiten 53-73)

    Die Geschichte belegt die Bildung der Nationalversammlung am 15. Juni 1789, die Nagelprobe mit der Krone am 19. Juni und den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789.

    Grüße
    excideuil
     

Diese Seite empfehlen