Soziale und Nicht soziale Unternehmer (Industrialisierung)

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Linet, 10. Februar 2013.



  1. Liborius

    Liborius Neues Mitglied

    Glaubt man an den Propheten Adam Smith, sind Unternehmer sozial. Seine Botschaft kann man auf den Satz raffen: Denkt jeder an sich, dann ist an alle gedacht.
    Unsichtbare Hand ? Wikipedia
    Hängt man nicht dieser Konfession an, wird es schon schwieriger, einen sozialen Unternehmer zu finden, und man könnte mit Robert Bosch vielleicht einen relativ sozialen finden.
     
  2. Hans forscht

    Hans forscht Neues Mitglied

    Schade, dass ihr das Beispiel Schindler so abtut. Ich finde es ein gutes Beispiel, weil Schindler primär Unternehmer und auf Gewinn aus war. Sonst wäre er nie in die Lage gekommen, das Schicksal so vieler Menschen so stark beeinflussen zu können.

    Die Frage war ja auch nicht, wie sich jedermann verhält, sondern im speziellen wie sich Unternehmer verhalten, und ob alles asozial ist, was Unternehmer so tun, womöglich sein muss; oder ob es real auch sozial verantwortliche Unternehmer gibt. Am leichtesten ist das nun einmal an Extrembeispielen zu beschreiben.

    Dass wir heute die NS-Zeit aus allem anderen herausheben, ist nicht objektiv. Heute werden aus Europa jede Menge Flüchtlinge in den mitunter sicheren Tod abgeschoben und diejenigen, die ihnen helfen, im Zweifel noch als Menschenhändler diffamiert. Die Flüchtlinge selbst werden anstatt als Anspruchsteller, als Bewerber bezeichnet, was impliziert, dass der, an den die Bewerbung gerichtet ist, die freie Entscheidung hat ja oder nein zu sagen. Zugleich werden Menschen, die vor dem Hungertod fliehen, als Wirtschaftsfllüchtlinge beleidigt. Wenn heute jemand ohne erkennbaren wirtschaftlichen Eigennutzen Flüchtlingen hilft, nicht im Mittelmeer zu ertrinken, ist das dann auch so ein Sonderfall, der nicht zählt?

    Nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es Unternehmen, die sich knallhart geben und Unternehmen, die sich menschlich geben. Das ist eine Frage der tonangebenden Persönlichkeiten. Meistens geht es dabei unter dem Strich um so wenig Geld, dass die knallharten im Grunde genommen gegen ihre eigenen Interessen handeln; denn auch hier gilt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Totzdem handeln die netten aber nicht unbedingt aus eiskaltem Kalkül. Es kommt sie nur zum Glück nicht so teuer, dass sie deshalb pleite gehen würden.

    Insofern: Unternehmer sind auch Menschen.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    diesen Satz verstehe ich nicht, wirklich nicht - und deine Überlegungen zur heutigen Handhabung des Asylrechts erscheinen mir eher tagespolitisch als geschichtlich orientiert
     
  4. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Im Grundsatz dreht sich die Diskussion um die Frage, wie unternehmerische Entscheidungen zustande kommen. Ziel solcher unternehmerischen Entscheidungen ist immer Gewinnmaximierung. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Welche konkreten Maßnahmen ein Unternehmer einleitet, um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm überlassen. Innerhalb gewisser Grenzen, die Gesetze oder auch ungeschriebene Normen vorgeben. Unternehmerisches Handeln ist deshalb in den meisten Fällen nicht "moralisch" zu bewerten. So kann der eine Unternehmer zu dem Urteil gelangen, dass sein wirtschaftlicher Erfolg nur durch umfassenden Einsatz von Leiharbeitern zu erreichen ist, ein anderer kann zu dem Schluss kommen, dass er für wirtschaftlichen Erfolg eine motivierte und loyale Stammbelegschaft braucht. Beide Entscheidungen sind nicht durch den Wunsch motiviert, knallhart oder gutmenschlich zu sein. Sie sind zwei mögliche Mittel zum Zweck: Profit machen.

    Aus genau diesem Grund halte auch ich den Fall Schindler für ein schlechtes Beispiel. Schindler hat nämlich keine unternehmerische Entscheidung gefällt. Und seine "Kollegen", die den entgegengesetzten Weg gegangen sind, auch nicht. Sowohl Schindler als auch die Schinder waren damals in dem Dilemma, dass die geschriebenen Gesetze und die ungeschriebenen ethischen Normen in krassem Widerspruch zu einander standen. Sie hatten nicht darüber zu entscheiden, wie sie Profit machen sollen. Vielmehr ging es für sie um die Grundsatzentscheidung, ob sie an organisiertem Massenmord teilnehmen wollten oder nicht. Dass auch die Schinder wussten, dass ihr Verhalten zwar legal, aber keineswegs legitim war, lässt sich daran ablesen, dass sie ihre Stammbeschäftigten weiterhin "normal" behandelt haben und allein bezüglich der Zwangsarbeiter vom Instrumentarium des Projekts "Vernichtung durch Arbeit" Gebrauch gemacht haben.

    Was den Gestaltungsspielraum der heutigen Unternehmer angeht: Der wird überschätzt. Vielen von ihnen bleibt unter den gegenwärtig herrschenden Bedingungen gar nichts anderes übrig, als sich immer "weniger sozial" zu verhalten. Mir ist zum Beispiel der Fall eines Taxiunternehmers bekannt, der jeden Fahrer, der krank wurde, sofort gefeuert hat. Vor dem Arbeitsgericht hat er das damit begründet, dass der Konkurrenzkampf in seinem Gewerbe so hart sei, dass er sofort pleite gehen würde, wenn er seiner gesetzlichen Pflicht zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nachkommen müsste (dass der Richter dem Beklagten sein persönliches Bedauern ausgesprochen und trotzdem auf Einhaltung der Gesetze bestanden hat, sei nur am Rande erwähnt). Auch hier gilt: Der Taxiunternehmer kann nicht darüber befinden, ob die existierenden Rahmenbedingungen akzeptabel und "sozialverträglich" sind. Das wird irgendwann die Gesellschaft tun müssen. Um darüber weiter zu reden, müsste man allerdings eine politische Debatte führen, die hier nicht hingehört.

    MfG
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dann sollten wir aber sofort aufhören über Wirtschaftsordnungen hier zu sprechen. Nichts an einer Wirtschaftsordnung ist unpolitisch.

    Die zentralen Normen, denen eine Wirtschaft unterliegt sind fast alle politisch motiviert bzw. veranlaßt. Es gibt keine "neutrale" Wirtschaftsordnung, wie Silesia und Excideuil bereits anmerkten.

    Ein durchaus kompetentes, erfrischendes Buch, das sich nicht mit Einzelheiten aufhält und gerade deshalb Zusammenhänge erklärt. Und vor allem das Politische an der "neutralen" Wirtschaft deutlich macht.

    23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen - Ha-Joon Chang - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Februar 2013
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    gilt das sofortige aufhören auch dann, wenn wir über Wirtschaftsformen oder Unternehmen/Unternehmer der Vergangenheit reden? ;) Mir fällt da gerade Augsburg und die "Fuggerei" ein, gerne als die ersten Sozialwohnungen bezeichnet.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ne natürlich nicht, so war das nicht gemeint.

    Mein Statement bezog sich lediglich auf die Frage nach der kapitalistischen Ökonomie und nach der sozialistischen Planwirtschaft. Für diese beiden ist es m.E. einfach schwierig, eine saubere Abgrenzung der Aussagen über die Vergangenheit und die aktuelle Situation zu treffen.

    Mehr wollte ich eigentlich nicht sagen.
     
  8. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Statt "politisch" hätte ich "tagespolitisch" schreiben sollen. Das wäre präziser und offenbar weniger missverständlich gewesen. Zu Fragen der Wirtschaftsordnung fällt mir eine Menge ein, und durchaus nicht nur vergangenheitsbezogen. Aber das behalte ich lieber für mich, denn ich will ja nicht die Forenordnung stören oder mir gar einen Ordnungsruf einhandeln ;).

    MfG
     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Konsul Buddenbrook, der für ein "praktisches Christentum" eintritt, macht im Fall Toni/Grünlich einen Gewissenskonflikt durch, schließlich hatte er die Heirat propagiert und Toni vom Pastor öffentlich die Leviten lesen lassen, wenn Toni zu Grünlich stehen sollte, musste er den Schwiegersohn retten, was er als Unternehmer nicht will. Er eröffnet Toni, das Grünlich betrügerisch Bankrott macht, worauf die herausplatzt, dass sie ihn nie geliebt hat und Grünlich zum Teufel gehen soll.

    Grünlichs Kniefall und die Drohung mit Suizid, womit er den alten Buddenbrook schon einmal weichgeklopft hatte, verfangen daher nicht, und der Konsul gibt ihm den Rat, sich lieber an Gott, als an die Buddenbrooks zu wenden.
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    siehe Robert Bosch Stiftung ? Wikipedia
    Man kann auch Gates oder Konosuke Matsushita usw. nehmen.. vielleicht auch Ford
    .. und den Junkers sowieso.

    Inwieweit diese Differenzierung schon und auch im 19. Jhd. "wirkmächtig" war und in welcher Weise sie stattfand,
    ... tät mich interessieren.
     
  11. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    um nochmal darauf zurückzukommen:
    so lange Grünlich nach bestem Gewissen des Konsul Buddenbrook (der sich informiert hatte) als aufstrebender Geschäftsmann betrachtet werden musste, so lange war der Konsul auch für die Verehelichung seiner Tochter - erst als sich erwies, dass Grünlich ein Betrüger und Hochstapler war, entstand für den Konsul der Gewissenskomflikt, der daraus resultierte, dass er seine Tochter unfreiwillig bzw. ohne es zu wissen falsch beraten hatte; kurzum, so lange Grünlich anscheinend eine gute Partie war, gab es auch keinerlei Gewissenskonflikte :winke:
    interessant werden die Überlegungen des Kosuls, also des Vaters von Toni, erst abseits der geschäftlich-dynastischen Erwägungen: denn er zieht, anders als es in seiner Vorgängergeneration der Fall gewesen wäre, in Betracht, seinen Schwiegersohn finanziell zu stützen (auch wenn das seine Firma erheblich geschwächt hätte), wenn seine Tochter das hätte wollen - aber Toni will das nicht. (nun gut, Tonie hat zwei Gründe dafür: erstens hat sie Grünlich nicht geliebt, zweitens ist ihr bange, wenn die Firma Buddenbrook das Falliment der Firma Grünlich kaum stemmen kann - und letzteres, quasi die rein rechnerische unternehmerische Seite des Problems, hatte Papa Buddenbrook ihr auch deutlich mitgeteilt -- nun, da waren beide, ohne das jeweilige Gewissen zu sehr bemühen zu müssen, auf einer Wellenlänge)
    sehr schön beschrieben und erläutert ist das alles im "Buddenbrooks Handbuch"
     
  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    Soziale und nicht soziale Unternehmer (und Unternehmen).

    Ein Unternehmer befindet sich stets in Spannungsfeldern zwischen sozial und nicht sozial.
    Es gibt deren drei grundsätzliche:
    1. die Beziehung und das Verhalten gegenüber Mitarbeitern. Also das Verhalten in der Gruppe dessen zentrale Gestalt der Unternehmer ist.
    2. das Verhältnis zu externen Akteuren mit denen er sozial in Bezug auf die Geschäftstätigkeit interagiert. Das sind zunächst Geschäftspartner (Lieferanten und Kunden) aber auch Behörden oder u. U. die öffentliche Wahrnehmung.
    3. das Verhalten gegenüber jenen, die zwar von den Auswirkungen der Geschäftstätigkeit betroffen sind, jedoch keine beeinflussende Rückwirkung auf diese entfalten.


    Es ist auch stets zu fragen, inwiefern ein Unternehmer als solcher, d. h. in eigenverantwortlicher Rolle, überhaupt bei der Führung eines Unternehmens auftritt.
    Bei einer AG z.B. ist letzteres im Allgemeinen nicht gegeben,
    während bei einer GmbH oder OHG oder dergleichen Konstrukten, mit geschäftsführendem Gesellschafter, solches der Fall ist und ein erkennbarer Unternehmer auftritt.

    Ein Vostand einer AG indes ist auf Zeit gewählt und wird vom Aufsichtsrat als Repräsentant der Investoren ins Amt gesetzt.
    Er ist dabei sozusagen der befristet bestellte Hausmeier einer Interessensgruppe und kein Fürst.
    Diese Konstruktion beginnt (?) ihren Siegeszug mit der industriellen Revolution und repräsentiert heute überwiegend die großen Spieler auf dem Feld.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2013

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