Spätmittelalter = Krisenzeit?

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Jasminovic, 4. November 2015.

  1. Jasminovic

    Jasminovic Neues Mitglied


    Hallo zusammen, ich setze mich gerade mit der Frage auseinander, ob das Spätmittelalter eine Krisenzeit war, hauptsächlich natürlich der Pest wegen, war diese denn eine Krise, nach den Krisentheorien?
    Natürlich darf man die anderen Ereignisse nicht außer Acht lassen, Agrardepression, kleine Eiszeit, kirchliche Schisma, Judenpogrom ...
    Danke schon mal für eure Beiträge :)
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nach den wirtschaftstheoretischen Krisentheorien nicht. Welche genau meinst du?
     
  3. Jasminovic

    Jasminovic Neues Mitglied


    Die Krisentheorien von Karl W. Deutsch und Vierhaus
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ob nun Deutsch oder Vierhaus die besten Adressen sind für "Krisentheorien" würde ich bezweifeln, trotz meiner "persönlichen" Symphatie und Verehrung für Deutsch.

    Hilfreicher für ein Verständnis von Krisen erscheint mir die struktur-funktionalistische Theorie eines T. Parsons, die auch seine Wirkungen auf die "kybernistische Theorie der Politik" von Deutsch hatte.

    Sofern man die historischen Ereignisse vor dem Hintergrund des AGIL-Schemas interpretiert erhält man ein Verständnis, vor welchen Herausforderungen die damalige Gesellschaft und die politischen Eliten standen. Und ein großer Teil der Ereignisse kann sinnvoll vor diesem Raster interpretiert werden.

    Und in dem Maße wie die entsprechenden Institutionen nicht mehr auf die Herausforderungen reagieren können verschärft sich der Bedarf nach Problemlösung und wird als zunehmende Krise wahrgenommen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Soziologische_Systemtheorie

    Und diese Disparität zwischen Problemlösungskompetenz der Eliten und dem Anwachsen der als Krise empfundenen Ereignisse ist in der Regel der Ansatzpunkt für die Erklärung von Aufständen, Revolten oder Revolutionen. Wie sie beispielsweise bei Gurr oder Opp ausformuliert sind.

    Für Parsons würde zudem sprechen, dass seine Sicht auf "Systeme" in der Theorie von Habermas zur "Theorie des kommunikativen Handels" integriert wurde und somit weiterhin aktuell und kompatibel ist zu neueren theoretischen Ansätzen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. November 2015
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Au Backe!", werter Rotbewerter, diese theoretisch ausgesprochen elaborierte Sichtweise - oder wahlweise auch als "verbale Unverschämtheit" zu verstehen - zu meinem Beitrag in #4 konnte ich keinem "Krisentheoretiker" zuordnen. Insofern ist die Rotbewertung wohl korrekt, da sie meine eigene Inkompetenz schlaglichtartig verdeutlicht, da ich nicht auf der Höhe der Zeit bzw. des Verständnisses von "Krisentheorien" zu sein scheine.

    Wäre hilfreich an Deiner überragenden Sicht auf Krisentheoretiker und ihrer Anwendung auf das Mittelalter partizipieren zu können.

    Ansonsten: Es war nach der Einordnung der historischen Entwicklung im Mittelalter vor dem Hintergrund von so verschiedenen Sozialwissenschaftler wie Deutsch, der eher Politologe war und Vierhaus, der Historiker war.

    Und deswegen ein kurzer Hinweis noch zu Parsons:

    So formulierte Lepsius in seiner Trauerrede zu Parsons: "Newton once said we all are standing on the shoulders of giants. We will be standing on the shoulders of Talcott Parsons." (Schluchter: Verhalten, Handeln und System. S. 171).

    Und ich empfinde eine gewisse Zufriedenheit, derartige inkompetente "Rotbewerter" dort nicht vorzufinden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. November 2015
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Newton hat das gesagt? Da hat der gute Newton aber geklaut. Nämlich von Bernhard von Chartres bzw. Johannes von Salisbury. Letzterer schreibt über ersteren:
    Dicebat Bernardus Carnotensis nos esse quasi nanos gigantum umeris insidentes, ut possimus plura eis et remotiora videre, non utique proprii visus acumine, aut eminentia corporis, sed quia in altum subvehimur et extollimur magnitudine gigantea.
    Übersetzung:
    Es sagte Bernhard von Chartres, wir seien wie auf den Schultern von Riesen sitzende Zwergem dass wir mehr und entfernters als sie sehen können, nicht jedenfalls, wegen unserer eigenen Sehschärfe (visus acumine) oder des Hervorragens unserer Körper sondern weil die riesenhafte Großartigkeit uns in die Höhe hebt (subvehimur/extollimur bedeuten hier in etwa dasselbe).
    Mein mittelalterliches Lieblingszitat, wegendessen ich hier OT eingreifen musste. :eek:fftopic::sorry::red:
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. November 2015
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die computergestützte Inhaltsanalyse ist eine Möglichkeit, quantitative Forschungsdaten für die empirische Historiographie nutzbar zu machen.

    In Anlehnung an den "General Inquirer" von Stone hat Weber britische Thronreden von 1689 bis 1972 analysiert und damit die merkantilistische und die kapitalistische Periode der Entwicklung von GB abgedeckt.

    Er wollte der Frage nachgehen, ob sich ein Muster finden ließe, das der von Parsons behaupteten Abfolge gesellschaftlicher und politischer Problemlösung entsprechen würde.

    Und im Ergebnis lassen sich grundsätzlich die Problemdimensionen von Parsons als Agendasetting für die britische Politik erkennen.

    Das bedeutet im Umkehrschluss, dass das AGIL-Schema als heuristischer Bezugsrahmen zur Erklärung von krisenhaften Entwicklungen im Mittelalter durchaus ein sinnvoller theoretischer Bezugsrahmen sein kann. Sicherlich hilfreicher wie die Arbeiten von Deutsch zu diesem Thema (vgl. den Aufsatz von Deutsch S. 90 ff)

    https://books.google.de/books?id=8l2iBgAAQBAJ&pg=PA7&lpg=PA7&dq=karl+w+deutsch,+krisentheorie&source=bl&ots=X3ZsAsmIhd&sig=cbZTey3OM5lgnfyapsjpW1r6xT0&hl=de&sa=X&ved=0CEsQ6AEwBmoVChMI2NPO0fb4yAIVgYosCh1O_AKJ#v=onepage&q=karl%20w%20deutsch%2C%20krisentheorie&f=false

    Weber, Robert Philip: The Long-Term Dynamics of Societal Problem-Solving: A Content-Analysis of British Speeches from the Throne, 1689-1972. in: European Journal of Political Research, Vol. 10, 1982, No. 4, pp. 387-406.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. November 2015
  8. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Eine kleine Bitte - vielleicht könntest Du kurz angeben, welche Zeit für dich das Spätmittelalter umfasst?
    Außerdem wäre es auch eine geographische Eingrenzung günstig. Geht es dir um das "europäische" Spätmittelalter oder um bestimmte "europäische" bzw. "außereuroäische" Regionen?
     

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