Spielfilme angesiedelt im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von Legat, 22. Juli 2009.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    "Die Wikinger – Angriff der Nordmänner" PL 2003 (Regie: Jerzy Hofmann)

    Entgegen dem deutschen Filmtitel hat der Film nicht viel mit Wikingern zu tun, vielmehr mit einem alten Märchen - "Stara baśń" der Anfang des poln. Filmtitels heißt auch Altes Märchen.

    Handlung: Polen in vorchristlicher Zeit. Fürst Popiel (überragend: Bohdan Stupka) wird von seiner Gemahlin, einer Sklavin (Małgorzata Foremniak), dazu gedrängt die Macht an sich zu reißen. Einer der Söhne seines Bruders für die er das Land bisher verwaltet hat, wird von ihm ermordet. Dem anderen schiebt er die Schuld unter und lässt ihn blenden. Nun ist er unangefochtener Fürst. Doch die Verwandtschaft weigert sich seinen Sohn als Erben anzuerkennen und so vergiftet der gewissenlose Popiel diese. Der Heerführer Piastun (Daniel Olbrychski) durchschaut rasch die Intrigen des Fürsten Popiel und wird schließlich verfolgt als er sich davon macht. Die Bauern sind ohnehin durch die Tyrannei Popiels aufgebracht und schwören ihm Rache. Ziemowit (Michał Żebrowski) rettet Piastun vor den Häschern des Fürsten. Aber er will nicht mit den Bauern kämpfen, da ihm diese nicht Dziwa (Marina Andrejewna Pupenina) zur Frau geben wollen, die entsprechend dem Gelöbnis ihres Vaters Priesterin im Heiligtum werden soll. Ziemowit hadert mit seinem Schicksal. Auch ein Versuch Dziwa zu entführen scheitert. Die Bauern indessen belagern nachdem sie die Ernte eingebracht und dem Fürsten Popiel ihre Abgaben geleistet haben, Popiels Burg. Popiel hat die Bauernsöhne, die er auf die Burg berufen hatte, ermorden lassen, was den Hass der Bauern steigerte. Doch Popiel schafft es nicht nur mit Heimtücke den wilden Angriff der Bauern, die auf den erfahrenen Feldherren Piastun nicht hören wollen, zurückzuschlagen, sondern holt auch Wikinger ins Land, welche die Bauern terrorisieren indem sie brandschatzend durchs Land ziehen. Kurz bevor es zu spät ist, begreifen die Bauern, dass sie sich Piastun unterstellen müssen, wenn sie irgendeine Chance gegen Popiel haben wollen. Dieser ist mittlerweile, da er ohnehin schon lange durch die Weissagung einer Hexe (Ewa Wiśniewska), in Unruhe ist, und angestachelt von seiner ehrgeizigen Frau zusehends dem Wahnsinn nahe. Nachdem die Wikinger auch die schöne Mila (Katarzyna Bujakiewicz) getötet haben, die sich unsterblich in ihn verliebt hatte und ihn durch einen Zauber für sich zu gewinnen suchte, beschließt Ziemowit endlich sich Piastun anzuschließen. In einer Schlacht werden die Wikinger geschlagen und ihr Jarl Sigvald (Dariusz Juzyszyn) stirbt in einem finalen Zweikampf, ähnlich einem Gottesgericht, von Ziemowits Hand. Erneut ziehen die Bauern vor Popiels Burg. Der Fürst hat von der Vernichtung der Wikinger erfahren und hofft sich erneut durch Fremde, diesmal Sachsen, zu retten. Doch Piastun belagert nun weitaus durchdachter die Burg und es gelingt ihm mit Hilfe der Tauben den hölzernen Teil der Burg in Brand zu stecken, wodurch sich Popiel mit seinen wenigen Getreuen in den steinernen Turm zurückziehen muss. Hier gehen die Vorräte zur Neige und in seiner Grausamkeit ermordet er die von den Seinen, die er meint nicht ernähren zu können. Schließlich haben die Mäuse seine Vorräte im Keller gefressen und Popiel durchschaut, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen kann, worauf er wahnsinnig die Götter verflucht, die ihm und seinem Anhang mit einem Blitzschlag den Garaus machen.

    Die Geschichte ist ganz offensichtlich ein Märchen und Jerzy Hofmann, der es offensichtlich liebt sich polnischen Nationalepen hinzugeben, kostet das Märchenhafte an der Geschichte in vollen Zügen aus. So ist Popiel, der legendäre Fürst, eine ganz dem Märchen verhaftete Figur, die irgendwo zwischen Richard III. und Macbeth zu stehen scheint.
    Ähnlich wie in "Mit Feuer und Schwert" setzt Hofmann wieder bei der Besetzung auf ein ganz klares Konzept. Die führenden Frauenrollen (Mila, Dziwa) werden mit regelrecht ätherischen Schönheiten besetzt, die dann auch nicht besonders schauspielern brauchen, während der Rest der weiblichen Charaktere entweder fiese oder hässliche Gestalten sind. Auf der anderen Seite hat er mit Bohdan Stupka wieder einen erstklassigen Schauspieler in eigentlich DER Hauptrolle des Films, der es schafft die Figur des zusehends wahnsinnigen, anfänglichen unsicheren Popiel voll auszufüllen. Man fühlte sich in seinem Mienenspiel ein bisschen an Eli Wallach oder Rod Steiger auf dem Höhepunkt ihres Schaffens erinnert. Großartig! Daniel Olbrychski darf natürlich in so einem Cast, als alter weiser Feldherr nicht fehlen. Die Rolle des Ziemowit erinnert an Olbrychskis Paraderolle in "Potop", nur hat gewissermaßen Michał Żebrowski als nächste Generation die Staffel übernommen. Tatsächlich bietet die Rolle viele Chancen, ist auch hier der Held ein zerrissener - er macht es mal selbst deutlich, wenn er sagt, dass er sich lächerlich macht in seiner Liebe, wenn er das Weib nicht bekommen kann, das ihn sogar fast tötet. Ein starker Krieger, aber doch ein schwacher Charakter. Leider ist der Film insgesamt zu kurz um die Stärke dieses Motivs mehr auszubauen.
    Die Ausstattung ist ein Mixed Bag. Kann sich nicht entscheiden zwischen Fantasy wie die komischen sinnlosen Kopfbedeckungen teilweise und historisch. Die Bauten sind teilweise fantastisch.
    Während Hofmann mal wieder regelrecht betörende Bilder gelingen, ist leider der Score regelrecht nervtötend. Das steigert sich noch zum Ende hin.
    Hofmann schafft es dennoch ähnlich wie in "Potop" und "Mit Feuer und Schwert" irgendwie sowas wie die Seele Polens freizulegen, all die Sagenwelt und das Mystische, das Kämpferische und Stolze. Die wackeren Kämpfer sind indes nicht unbedingt intelligent und auch die Besten brauchen eine Form der Reifung.

    Jerzy Hofmann zeigt wieder, dass er neben Polański und Wajda zu den bedeutendsten polnischen Regisseuren des 20./21. Jh. gehört und daher werden ihm wohl auch solche Nationalheiligtümer wie Stoffe von Kraszewski wie hier und Sienkiewicz anvertraut.

    Insgesamt trotz der nervigen Musik, doch sehr unterhaltsam als Mix aus Historischen- und Fantasyfilm. 8 von 10 Schwertern.
     
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  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Da ich mich gerade selbst zum Filmmusiker ausbilde (mit Musiksoftware und Orchestersamples), fühle ich mich gedrängt, den "Kollegen" in Schutz nehmen. Krzesimir Dębski, der Score-Composer des Streifens, ist einer der besten Jazzgeiger der Welt und hat viele sinfonische Werke komponiert. Ich empfinde seinen Sound zu "Die Wikinger" in den paar Szenen, die ich mir gerade auf Youtube (vollständige dt. synchr. Fassung) angesehen habe, keineswegs als störend oder aufdringlich. Der Score wurde 2004 für den "Polnischen Filmpreis" als beste Filmmusik nominiert, der Preis ging aber an Zygmunt Konieczny für seinen Score zu "Pornografia".

    Krzesimir Dębski – Wikipedia

    In zweien der besagten Szenen zeigte sich eine stereotype Unart, wie sie in vielen (pseud0)historischen Produktionen zu bemerken ist (z.B. in der amerikanischen "Spartacus"-Serie), nämlich dass immer generalisierend von "den Göttern" die Rede ist, wenn auf irgendwelche himmlischen Einflüsse verwiesen wird, in den "Wikingern" z.B. mit der Formulierung: "Das ist die Rache der Götter". Man will einem religionsgeschichtlich unkundigen Publikum eben keine individuellen Götternamen zumuten, die ihm unvertraut sind, sondern greift einfach zur Klischeeformel "die Götter". Realhistorische Personen haben sich sicher nie so verschwommen ausgedrückt, sondern immer den genauen Namen des Gottes oder der Göttin genannt, welche sie als Urheber des Unheils vermuteten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Februar 2019
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  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Es scheiden sich halt bisweilen die Geister. Manches Kostümbild kriegt auch ne Oscar-Nominierung, welches ich nicht so dolle finde wie bei "The Favourite" - manchmal m.E. auch, weil sonst keine Historienfilme in der Konkurrenz laufen und diese oft prädestiniert für diese Auszeichnung sind.
    Die Filmmusik hier fand ich halt recht anstrengend, z.B. bei der Szene mit der Zauberin, die die eine Schönheit mit Honig einschmiert als überdehnt und den Abspann auch irgendwie seicht. Würde man vielleicht bei eher westlichem Kino nicht so machen.

    Ich glaube Ennio Morricone sagte mal, als Filmmusiker solle man v.a. Komposition studieren. Da gebe ich ihm auch unbedingt recht.

    M.E. passt halt bisweilen auch eine Floskel wie "Die Rache der Götter", wo sich eben gleich mehrere oder die Mehrheit derselben gegen einen verschworen haben.
    Zumindest war hier die religiöse Komponente in "Stara baśń. Kiedy słońce było bogiem" irgendwie immerhin nachvollziehbar, da dort auch optisch die Natur und somit die Naturgottheiten allgegenwärtig waren. Ich hasse all diese InDoor-Filme, wo sich der Regisseur und die Kamera garnicht erst mit den Herausforderungen konfrontieren, welche Aufnahmen draußen mit sich bringen.
    Beeindruckend bei Hofmann sind da z.B. die Flussszenen. Braucht man erstmal nen Scout, der noch so schöne Flusspartien in Mitteleuropa (so in Polen gedreht) findet.

    Heißt das, dass Du Fachmann bist? Was meint das Lexikon des Films denn bei dem Streifen mit "unprofessionelle Montage"? Die Wikinger – Angriff der Nordmänner – Wikipedia Ich hab halt den Eindruck, dass die Handlung der Novelle, die als Vorlage diente, sehr vielschichtig ist und man irgendwie die zahlreichen Ebenen (Popiels Hof, Piastuns Schicksal, Ziemowits Liebe etc.) unter einen Hut bringen musste. Solche Raffungen finde ich bisweilen schlechter gelöst.

    Dankbarerweise wirkt sogar m.E. der Film sehr wie aus einem Guss, da auch Jerzy Hofmann am Drehbuch mitwirkte. Viele erfahrene Schauspieler monieren ja heutzutage den aufgeblähten Stab und die dadurch bisweilen konfusen Drehbücher, abgesehen dann noch von vielfacher Verwirrung am Set evtl. mit mehreren Regisseuren.
    Mir reicht es ja schon immer, wenn am Set Kamera und Produktionsleitung und Regie uneins sind. Wobei es auch befremdlich wirkt, wenn der Kameramann nur so ein ausführendes Subjekt ist, wenn er nicht gestalterisch mitwirkt.
     
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  4. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

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