Sprachcodes von den Grimms bis Tarantino

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Dion, 6. Januar 2018.

  1. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied


    Ich wollte kein Plädoyer fürs Verschwindenlassen unliebsam gewordener Texte halten. Ein missliebig gewordenes Werk nicht mehr aufzulegen erscheint mir lediglich als das geringere Übel verglichen mit seinem Manipulieren. In letzterem Fall steht auf dem Buch immer noch der Name eines berühmten Autors (der als Verkaufsargument herhalten muss), aber drinnen nicht mehr, was er geschrieben hat. Das ist nicht nur respektlos gegenüber dem Autor, sondern auch der Kunde wird in die Irre geführt.

    Aber grundsätzlich bin ich auch dafür, Werke unverändert weiterzuveröffentlichen.
     
    Dion gefällt das.
  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Was Grimms Märchen angeht, gibt es da heute schon ein sprachliches Problem, dass die Verwendung von Nacherzählungen für die meisten Eltern bedingt. Teils sind sie sowieso derart, dass bei der Anwendung auf Kinder mit denselben noch darüber gesprochen werden muss, damit sie erfasst werden. Da besteht dann natürlich auch die Gefahr der zu weit gehenden Vereinfachung. Aber eine Verwechslungsgefahr mit dem Original sehe ich hier nicht, weil es eben weiterreichende Änderungen sind. Zudem lässt es sich kaum vermeiden. Cooper habe ich schon recht jung in einer originalgetreuen Übersetzung gelesen, weil mein Vater mir erklärt hatte, dass die mir bekannte Version eine vereinfachte Version für Kinder sei und ich neugierig war. Aber da war ich sicher die Ausnahme. Wenn der Lederstrumpf und Der letzte der Mohikaner als Geschichte nicht vergessen werden sollen, wird man nicht um Vereinfachungen herum kommen. Solche Vereinfachungen gibt es seit der Antike und in aller Regel werden sie nicht mit dem Original verwechselt.

    Schwieriger dürfte es sein, wenn die Bezeichnung Mirambos in Effie Briest als Bandit (und Sklavenhändler?) etwa durch Reichsgründer ersetzt würde, wenn also einfach nur einzelne Aussagen 'korrigiert' werden. Da er in der Tat mehr als ein Bandit und Sklavenhändler war, Fontane zudem als Journalist besser informiert war als der Durchschnitt, würde ein zukünftiger Historiker wohl reflexartig den Reichsgründer für die Originalformulierung halten. Damit wäre eine solche Änderung eine Geschichtsfälschung. Zeitgenössische Romane gelten ja als Zeugnis und Quelle für die Gesellschaften, die sie beschreiben.

    Wie ich schrieb: Das ist weitgehend nur eine Frage der Einordnung.

    Nun wissen wir über Fontane, dass er gerne das zeitgenössische 'Tagesgespräch' in dem zeitgenössischen Tenor in seine Romane aufnahm. Insofern gibt er Sprachregelungen oft nur wieder, die hier somit nicht Aussage des Romans sondern der Zeit sind, was ihn auch in Hinsicht auf die damaligen Sprachregelungen und -gewohnheiten zu einer interessanten Quelle macht. Denn fraglich ist ja auch immer inwieweit sich so etwas in der täglichen Sprache niederschlägt.

    Oder nehmen wir den Ekkehard Victor von Scheffels. An einigen Stellen des Romans greift er bestimmte Formulierungen ironisch auf. So konstatiert er zu Anfang, dass ein heller Tag im Mittelalter als ein finsteres und dunkles Zeitalter nicht so hell wie in der Gegenwart war. Es ist also festzustellen, dass nicht nur einem Autor die Problematik bewusst war und auch damit gespielt wurde.

    Im Übrigen ist die Klärung der Aussage eines Posts kein Smalltalk und zudem wichtig für das Klima im Forum.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich bin mir ziemlich sicher, dass Theodor Fontane Henry Morton Stanleys Bücher "Wie ich Livingston fand" und "Durch den dunklen Erdteil" gelesen hat. Mirambo war ein bekannter Warlord und Sklavenjäger, der ein relativ großes Gebiet in Ostafrika bis zum Oberlauf des Kongo beherrschte. Stanley war von seiner Herkunft Brite, der als John Rowlands geboren wurde. Er war aber als Jugendlicher aus einem Waisenhaus ausgerissen und als Schiffsjunge in die USA gekommen. Ein Mr. Stanley soll ihn nach seinen eigenen Angaben adoptiert haben, starb dann aber kurz vor dem Bürgerkrieg. Der unehelich geborene Rowlands nahm den Namen seines Gönners an und trat in die Armee der Konföderierten teil. Stanley, den die Eingeborenen wegen seiner Härte und Energie "Bula Matari" den Felsenbrecher nannten, ging später extrem brutal gegen Deserteure seiner Expeditionen vor, war aber selbst desertiert und hatte, um nicht in einem Gefangenenlager zu krepieren, die Fronten gewechselt und war in die Unionsarmee eingetreten.

    Als Kriegsberichterstatter im Sezessionskrieg nahm er an der Eroberung von Fort Fisher teil. Da seine Berichte gut geschrieben waren, wurde Gordon Benett jr. der Besitzer des Boulevardblatts New York Herald auf ihn aufmerksam. Stanley wurde Benetts "rasender Reporter". Er nahm an den Indianerkriegen teil und an der Einweihung des Suezkanals. Er begleitete die Armee General Wolseys im Feldzug gegen den "Kaiser" von Äthiopien Theodor und nahm an einer Strafexpedition gegen die Ashanti teil, wo er sich auch an den Kampfhandlungen beteiligte. Berühmt wurde Stanley, als er im Auftrag Gordon Benetts eine Expedition ausrüstete und den verschollenen Afrikaforscher David Livingston in Udjidji auffand, wobei er ihn höflich förmlich mit den Worten "Dr. Livingston I presume" (Dr. Livingston nehme ich an/wie ich vermute)begrüßte. Leider wollte Livingston Stanley nicht nach England begleiten und blieb in Afrika, wo er bald darauf verstarb. Stanley wurde der Queen Victoria vorgestellt, die ihn furchtbar fand, ihm aber eine goldene Tabakdose schenkte.
    Stanley nahm darauf Kontakt mit Lord Burnam, dem Chefredakteur des Daily Telegraph, auf. Er wollte die Forschungen Livingstons fortsetzen und herausfinden, was es mit dem Lualaba, einem größeren Fluss auf sich hatte. Keiner wusste damals, dass es sich um den Oberlauf des Kongo handelte. Da der Lualaba Hunderte von Kilometer immer nach Norden floss, nahm man an, dass es sich um einen Nebenfluss des Nils handelte. Stanley konnte Lord Burnam und Gordon Benett überreden, eine amerikanisch-britische Expedition auszurüsten und ihn mit dem Kommando betrauen. Er durchquerte Afrika von Sansibar bis zur Kongomündung an der Atlantikküste. Bei seinen Expeditionen verstarb fast die Hälfte seiner afrikanischen Träger und Askari und alle seiner weißen Begleiter. Nach dem Ende der Expedition nahm Leopold II. Kontakt mit Stanley auf, der ihn beauftragte, eine Kolonie in Zentralafrika für Leopold II. zu gründen. Mit Hilfe von Tibbu Tip dem größten Warlord, Elfenbein- und Sklavenjäger Ostafrikas gelang es Stanley, ein riesiges Gebiet, den "Kongofreistaat" zu unterwerfen. Diese Privatkolonie Leopolds wurde schließlich von den europäischen Mächten anerkannt, und Stanley nahm 1885 an der Kongokonferenz teil, der einzige Konferenzteilnehmer, der jemals in Afrika war. Nach Leopolds Tod wurde der Kongofreistaat Eigentum des belgischen Staates und wurde in die Kolonie Belgisch Kongo umgewandelt. Leopold II. hatte seine Kolonie immer wieder mit zinslosen Darlehen aus der Staatskasse finanziert, bis der Kautschukboom ihn Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der reichsten Männer der Welt machte. Dazu gelang es ihm, sich als Philanthrop und Vorkämpfer gegen die Sklaverei darzustellen. Erst in seinen letzten Lebensjahren geriet er in die Kritik.

    Von Mirambo hatte Stanley schon bei der Livingston-Expedition gehört, hatte es aber geschafft, diesem immer wieder auszuweichen. Bei der 2. Expedition war das nicht mehr möglich, und die beiden Männer trafen sich persönlich. Da Mirambos Freundschaft sehr nützlich für ihn war, schloss Stanley kurzerhand Blutsbrüderschaft mit diesem und schenkte ihm einen amerikanischen Revolver. Livingston, der Medizin und Theologie studiert hatte und sich mehr als Missionar, als Entdecker verstand, hätte sich wohl lieber erschießen lassen, als mit einem Typen wie Mirambo Freundschaft zu schließen, aber für Stanley heiligte der Zweck die Mittel. Livingston hatte im Gegensatz zu Stanley Afrika auch niemals mit generalstabsmäßiger Ausrüstung und Bewaffnung bereist, sondern nur von einigen Trägern, seiner Frau und einigen seiner Kinder begleitet. Livingston war sicher nicht frei von eurozentrischen Vorurteilen, mochte aber Afrika und seine Bewohner und war entsetzt von der Brutalität arabischer Sklavenhändler. Er glaubte, dass die europäische Kolonisation der einzige Weg war, die Sklaverei zu beenden und zu verhindern, dass ganze Gegenden ausbluteten. Stanleys Expeditionen waren dagegen immer bis an die Zähne bewaffnet, und wenn Anwohner zu hohen Wegzoll verlangten oder keine Lebensmittel verkaufen wollten, ließ Stanley schießen und ganze Dörfer dem Erdboden gleich machen. Bis zur Kongomündung hatte Stanleys Expedition 32 Kämpfe mit "Kannibalen" zu bestehen. Am Victoriasee, den Stanley professionell kartographierte, traf er Mtesa Kabaka den König von Uganda. Dieser hatte bereits die Afrikaforscher Speke und Grant beherbergt und war zum Islam konvertiert. Nach dem Kontakt zu Stanley ließ er sich taufen und wurde Christ. Für ihn hatte Stanley eigens ein 11. Gebot "Du- sollst- immer- deinem- König- gehorchen" erfunden. Trotz seiner Methoden gelang es Stanley lange, sich als Philanthrop und Missionar darzustellen. Erst um die Jahrhundertwende geriet er wegen der Kongogräuel in die Kritik. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Fontane, der Reiseberichte förmlich verschlang, Stanleys Berichte gelesen hat und aus diesen Mirambos Namen kannte.
     
  4. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Unabhängig davon, dass sich das etwas verschwörungstheoretisch anhört, finden sich heutzutage viele ältere Originaltexte im Internet. Sie können auf unterschiedlichsten Datenträgern technisch gespeichert werden oder, wenn sie gemeinfrei sind (70 Jahre nach Tod des Urhebers), frei verlegt und in Buchform unters Volk gebracht werden. Ein Verlust der Originalversion ist nicht zu befürchten und durch das Internet ist die Möglichkeit des Zugriffs in Ländern mit freiem Internet vermutlich einfacher als zu den besten Zeiten des Buchdruckes. Im Übrigen darf ein Werk in Deutschland nicht ohne Zustimmung des Urhebers oder seiner Erben geändert werden (solange das Urheberrecht gilt).
     
  5. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Du meinst, weil es Internet gibt, ist das Tun der Fälscher, die sich als Schützer der Jugend und/oder der Sprache ausgeben, als weniger schlimm zu bewerten und sollte daher ruhig toleriert werden?
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    "Fälscher" ist ein starkes Wort dafür, dass Texte ihrer Zeit angepasst werden. Die Anpassung kann, muss aber nicht verfälschend sein. 3/4 der Deutschen würden heute den Simplicissimus in der Originalfassung gar nicht mehr lesen können. Oder hat Raoul Schrott die Ilias verändert, als er sie extra derb ins Deutsche übersetzt hat? Eine Anpassung an die Zeit ist - wenn der Sinn nicht entstellt wird - letztlich nichts anderes als eine Übersetzung. Es sei denn, du nimmst die Position des ehemaligen Deutschlehrers meiner Mutter ein, der meinte man könne Mittelhochdeutsch nicht in Neuhochdeutsch übersetzen, weil ja beides dieselbe Sprache sei.
    Bevor man also beginnt pauschal zu moralisieren, sollte man sich den Einzelfall genau anschauen: Was wird wie und warum verändert? Redaktionelle Eingriffe sind nicht per se schlimm.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2018
    Scorpio gefällt das.
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Viele Autoren des 19. Jahrhunderts und einige ihrer Werke gerieten im Zuge der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in die Kritik, und es wurde der Vorwurf des Rassismus teilweise recht pauschal und undifferenziert erhoben. In diesem Zusammenhang muss ich an einen Roman denken, der im gleichen Jahr, 1852, erschien wie Herman Melvilles "Moby Dick", der aber eine sehr unterschiedliche Rezeption erlebte. Ich spreche von Harriet Beecher Stowes "Uncle Toms Cabin". Im Gegensatz zu Melvilles Roman wurde es ein Bestseller mit mehreren 100.000 verkauften Exemplaren allein in der ersten Auflage. Der Roman wurde fast so etwas wie die Bibel der Abolitionisten, und ein unverdächtiger Zeitgenosse, Leonid Tolstoi, verglich ihn tatsächlich mit dem Neuen Testament. Innerhalb von nicht mal 10 Jahren erschienen mehrere Dutzend Persiflagen und Anti-Uncle Tom-Romane. Eine Anekdote erzählt, dass Lincoln bei einer persönlichen Begegnung mit der Autorin gesagt haben soll: "So that´s the little woman who caused the Great War". Der Roman blieb auch nach dem Bürgerkrieg populär, und wegen der ziemlich laschen Urheberrechte in den USA wurden Theaterstücke aufgeführt, die den Inhalt sehr frei bearbeiteten und im Stile der Ministrel Shows inszenierten. Das waren Shows, in denen Afroamerikaner sehr klischeehaft von weißen Darstellern gespielt wurden. Eine typische Figur dieser Shows war "Jim Crow", nach dem die Rassengesetze volkstümlich genannt wurden, die Ende der "Reconstruction" in den Südstaaten erlassen wurden nach dem Grundsatz "seperate but equal" und die bis in die 1960er Jahre Bestand hatte, als sich die Bürgerrechtsbewegung formierte. Ein "Uncle Tom" wurde zu sein, wurde geradezu zum Schimpfwort für Afroamerikaner, die sich devot und unterwürfig gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft verhielten. Muhammed Ali beschimpfte seinen großen Konkurrenten "Smokin´Joe" Frazer nicht nur als Gorilla, sondern, beleidigender noch, als Uncle Tom. Becher Stowes Roman geriet zwar nicht in Vergessenheit, aber er wurde immer weniger gelesen. Als ich in Berkeley zwei Semester Amerikanische Literatur studierte, lasen wir Romane aus dem 19. Jahrhundert, u. a. "Uncle Tom´s Cabin". Es stellte sich heraus, dass die meisten Studenten den Roman kannten, nicht aber den Inhalt und sich die Figur des "Uncle Tom" als devoten, unterwürfigen Schwarzen vorstellten, was er nicht ist. Der lehnt zwar gewaltsamen Widerstand ab, kommt aber zuletzt ums Leben, weil er sich weigert zwei entlaufene Sklavinnen zu verraten. "Uncle Tom´s Cabin" erlebte Ende der 1980er, Mitte der 1990er Jahre eine bescheidene Renaissance, als Harriet Beecher-Stowes Aktivitäten als Feministin und Suffragistin bekannter wurden und ihre Engagement gegen das, was sie "Domestic Slavery nannte.

    Nach diesem Exkurs in die Literaturgeschichte aber zurück zu Sprachcodes, PC etc. Inhaltlich stimme ich ja vielem zu, was hier geschrieben wurde. Es lässt sich Diskriminierung nicht per Sprachcodes beseitigen, und wenn Comics, Zeichentrickfilme, Speisekarten und Kinderbücher Sprachregelungen zum Opfer fallen und der Vorwurf der Volksverhetzung laut wird oder Zensur eingefordert wird, ist das bedauerlich bis peinlich.

    Einiges, was hier geschrieben wurde/wird, hört sich aber in der Tat ziemlich verschwörungstheoretisch und auch sehr einseitig an. Da werden Äpfel mit Birnen und mittelalterliche Urkunden mit Kinderbüchern verglichen, da werden Interpolationen, Bearbeitungen, Fälschungen in einen Topf geworfen ist von Zensur, Bücherverbrennungen ja Gedankenpolizei die Rede, da wird suggeriert, dass PC-Apologeten, Gutmenschen, der CVJM, die katholische Kirche mit bilderstürmerischem Fanatismus Bibliotheken stürmen, um Weltliteratur zu zensieren und Weltliteratur wie D. H. Lawrence, Marquis de Sade, Sacher-Masoch,Astrid Lindgren, Günther Grass und die LTB zu zensieren, zu indizieren und zu verbrennen.

    Fakt ist aber, um im deutschsprachigen Raum einen leitenden Posten in einer Bibliothek oder einem Archiv zu besetzen, ist eine abgeschlossene akademische Ausbildung als Philologe Voraussetzung, für die gehobene Laufbahn eine Promotion zwar nicht Pflicht, aber meist die Regel. Es ist seit den 1960er Jahren nicht weniger, sondern mehr veröffentlicht worden, das Spektrum der Meinungen ist nicht schmaler, sondern breiter geworden. Es ist nicht eines der Werke der genannten Autoren zensiert, verfälscht oder vom Literaturmarkt verschwunden. Zynisch gesagt gibt es für ein Buch in der modernen Literaturszene eigentlich gar keine bessere Werbung, als wenn es auf einem Index landet, wenn sich die die Kirchen, irgendein Zentralrat oder sonst eine Organisation darüber beschwert.
    Urheberrechte von Autoren schützt die VG-Wort, und wenn man ein religionskritisches Werk veröffentlicht, das so niveauvoll ist, dass es in Bibliotheken landet, zahlt sie einem noch eine jährliche Tantieme. Wenn eine (religiöse)Organisation das moniert und das Buch indiziert, verbrennt oder sich sonst was damit abwischt, wird man das als freie Meinungsäußerung dulden, so wie die die Veröffentlichung aushalten müssen. Es gilt das Motto, dass eine vernichtende Kritik besser ist, als gar keine.
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Es ist doch wohl ein Unterschied, ob man einen mittelhochdeutschen Text ins Neuhochdeutsche übersetzt und eine frühneuhochdeutsche Schreibweise aktualisiert, oder ob man in einem Text Passagen ändert, weil man sie als anstößig empfindet. Mit Übersetzung hat das nichts zu tun. Sie werden nicht geändert, weil sie unverständlich sind (im Gegenteil, für den Geschmack der Verfälscher sind sie nur allzu verständlich), sondern weil sie nicht dem jeweils aktuellen Zeitgeist oder sittlichen Empfinden entsprechen.
     
    Armer Konrad und Dion gefällt das.
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Natürlich. Aber weder bei "Heine" (in Anführungszeichen, um ihn mit seinem Nickgeber nicht zu verwechseln) noch bei mir war von moralischen Empfindungen oder rigororsen Wertvorstellungen die Rede. Deshalb wiederhole ich was ich oben schrieb: Bevor man bei redaktionellen Eingriffen in einen Text über "Verfälschung" moralisiert, sollte man erst mal nach den Motiven, der Methode und der Textstelle fragen, die verändert wird. Wird der Inhalt vielleicht durch die Anpassung gerade erhalten? Wieso hält der Redakteur eine Veränderung für notwendig? Wie geht er dabei vor? Radikal? Behutsam?
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Völlig richtig. Um die Moraldebatte kurz auf den harten Boden der Realitäten aufschlagen zu lassen:

    Und diese Vorgehensweise steht bei Tom Sawyer, Grimms Märchen (und den Nigger-Verwendungen in Jackie Brown) in dem Spannungsverhältnis, dass die Auflagen (oder Filme, etc.) abverkauft werden. Das ist der Sinn und Zweck der Veranstaltung von Auflagen.

    Below the line von Urheberrechtsverhältnissen und Widersprüchen von Rechtsinhabern entscheidet derjenige diesen Teil, der das Geld für die Publikation in die Hand nimmt. Und anschließend derjenige, der das Geld für den Kauf in die Hand nimmt. Und sonst niemand, auch kein Museumsdirektor.

    Jede „weltanschauliche Empörung“ über diese Sache, die Investition des Verlegers oder den Kauf des Erwerbers, rutscht wieder in die Richtung von Moraldebatten und Weltanschauungen, Kulturwächtern und Puristen oberhalb der Kategorie von Fernsehaufsichtsräten von Palmolive-Werbungen.

    Daher:
    http://www.geschichtsforum.de/help/regeln/
     
  11. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das habe ich weder gesagt noch gemeint. Es ging explizit um Grimms Märchen, Pippi Langstrumpf, Mark Twains Tom Sawjer und nur zur Illustration auch um Shakespeare und die Bibel. Es ging um Eingriffe in diese Werke, die in verschiedenen Zeiten vorgenommen wurden – und jetzt auch wieder werden – mit der Begründung, man könne dies oder jenes nicht mehr sagen, weil sich inzwischen der Zeitgeist geändert habe.

    Gegen diese Anpassungen an den Zeitgeist zu sein ist übrigens kein moralisieren, sondern ein Akt der Fürsorge für Werke der Weltliteratur, die historisch bedeutend sind. Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang auf den Beitrag von @Ravenik hinzuweisen:
     
    Armer Konrad gefällt das.

Diese Seite empfehlen