Statistiken über Kriegsgefangene

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von Schwurbel, 2. April 2018.

  1. Schwurbel

    Schwurbel Neues Mitglied


    Hallo in die Runde,

    Ich schreibe aktuell an einem Roman, der in Europa zu Zeiten des 2. Weltkriegs spielt.

    Dafür bräuchte ich eine möglichst umfangreiche Aufstellung zu den Kriegsgefangenen der verschiedenen Kriegsparteien.
    Also nach dem Motto: Nation A hat X Soldaten von Nation B gefangen genommen und davon haben Z Soldaten die Gefangenschaft nicht überlebt. Bei den bekannten, großen Kriegsteilnehmern ist sowas ja relativ einfach herauszufinden. Aber ich habe zum Beispiel gerade große Probleme herauszufinden, was die polnischen Kriegsgefangenen in Deutschland oder die polnischen Kriegsgefangenen in der UdSSR angeht. Es wäre schön, wenn mir jemand weiterhelfen könnte. Die Quellen dürfen auch gerne fremdsprachig sein.

    Viele Grüße und vielen Dank im Voraus
    Schwurbel
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wozu brauchst Du eine Gesamtstatistik in einem Roman, der zur Zeit des Weltkrieges spielt?

    Unterschiedlich detaillierte Schätzungen lassen sich zu allen Varianten finden, so zB zu Polnischen Kriegsgefangenen in Deutschland aus dem Feldzug 1939. zB Rotes Kreuz:
    ICRC in WW II: Polish prisoners of war in Germany - ICRC
    Die Wehrmacht selbst gab Zahlen um die 430.000 heraus.
    Dass diese nach kurzer Zeit zurück geschickt wurden, ist eine Legende (s.o.). Fast alle wurden während des Krieges zur Zwangsarbeit gezogen, darüber weitere Verschleppungen aus Polen während des Krieges, so dass sich jede Statatik vermischt. Dass Schicksal dieser Zwangsarbeiter ist numerisch kaum aufklärbar, da von Standort, Arbeitseinsatz, Konzentrationslager etc. beeinflusst, und so kaum fassbar.
     
  3. Schwurbel

    Schwurbel Neues Mitglied


    Weil ich in diesem Roman versuche, mehrere Handlungsstränge und Personen verschiedenster Nationalitäten zu verknüpfen, um ein (halbwegs realistisches) europäisches Gesamtbild dieser Zeit abzubilden. Um es historisch möglichst korrekt zu halten, ist es in meinen Augen ratsam, sich an den verfügbaren Statistiken zu orientieren. Ein sowjetischer Soldat, der eventuell in Deutsche Kriegsgefangenschaft wanderte, hatte ja bekanntlich eine ganz andere Überlebenschance als z. B. ein Französischer oder Britischer.

    Dies erleichtert mir die Kreation von Szenarien, die eben so oder so ähnlich tatsächlich möglich gewesen wären. Vor allem will ich mich auch auf die kleinen Länder konzentrieren, die sonst in der Gesamtbetrachtung gerne hinten runterfahren, aber ebenfalls in den Krieg hineingezogen wurden, wie etwa Dänemark, die Slowakei, Norwegen, etc.

    Um diesem Anspruch auch gerecht zu werden, versuche ich so viele Zahlen aufzutreiben wie nur möglich. Der absolute Worst-Case, den es zu verhindern gilt, ist, dass später ein Däne oder Pole mein Buch genervt weglegt, weil ich aufgrund von falschen Annahmen ein unrealistisches Szenario kreierte.

    Danke vielmals für deinen Link, der hat mir schon weitergeholfen. Ich weiß natürlich, dass es sehr schwierig ist, solche Zahlen zu erheben und dass die Nazis gegen Kriegsende die sowieso schon spärlichen Unterlagen nach allen Möglichkeiten noch zu vernichten versuchten.

    Dennoch hilft mir jede halbwegs seriöse Schätzung schon enorm weiter.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann bleiben wir bei den möglichen Szenarien für polnische Kgf. im Deutschen Reich:

    ... in Masse zur Zwangsarbeit herangezogen. Deren Schicksale lagen im weiteren Kriegsverlauf in einer großen Spannbreite.

    Bei denen, die der Landwirtschaft zugeteilt wurden, könnte der Kriegsverlauf im Westen überdauert worden sein, etliche sicher bei Kriegsende als "displaced person" (DP), rückgewandert ins dann kommunistische Polen, oder gleich über den Atlantik. Gerade in den Ballungszentren gab es viele Opfer auch durch den Bombenkrieg (was aus Werksberichten hervorgeht). Andere sind wegen schlechter Behandlung und mangelhafter Ernährung in den industrie-nahen Arbeitslagern etwa der SS-Wirtschaftsbetriebe, aber auch den "normalen" Industriebetrieben mit zugeteilter Zwangsarbeiterschaft gestorben, zT noch in den Räumungen auch der Arbeitslager auf den s.g. Todesmärschen 1945 (siehe etwa rund um den Harz). In den Westgebieten gab es auch Erschießungen von kriegsgefangenen Zwangsarbeitern im Zuge der vorrückenden Front, etwa in Hessen.

    Viele Zwangsarbeiter gab es auch in den landwirtschaftlichen Betrieben im Osten (bei denen durch die Einziehungen in den Wehrdienst ebenfalls Arbeiter fehlten), aus den Westfeldzügen und dem Polenfeldzug. Hier gab es wieder andere Schicksale, zB durch die Kriegsereignisse mit der überrollenden Ostfront 1945.

    Schließlich sind auch jüdische Zwangsarbeiter als polnische Kriegsgefangene in die Vernichtungslager transportiert worden.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Durchaus unterschiedlich war im Deutschen Reich auch die Behandlung von Kriegsgefangenen aus (dem geschlagenen) Frankreich und die im Vergleich zu übrigen Nationen relativ bessere Behandlung von Briten und Amerikanern.

    Französische Kgf. wurden reichsweit (regional bis Ostpreußen) in erheblicher Zahl in Industrie und Landwirtschaft eingesetzt, die Rückführungsverhandlungen während des Krieges (auch mit dem Vichy-Regime) verliefen bruchstückhaft.

    Die ab Herbst 1943 zur Zwangsarbeit gezogenen italienischen Kgf. wurden häufig wie osteuropäische Kgf. behandelt, somit auf der schlechtesten Stufe. Beispiel ist hier der Arbeitseinsatz in Mittelwald-Dora bei Nordhausen, zum Stollenbau für den Vergeltungswaffen- und Flugzeugbau-Standort mit hohen Todesraten.
     
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  6. CaptainJack

    CaptainJack Mitglied

    Hallo,
    bei Statistiken kann ich nicht weiterhelfen, aber ich kenne da ein interessantes Einzelschicksal zu dem, was silesia schreibt:
    Ein französischer Kriegsgefangener, dessen Name mir leider nicht bekannt ist, wurde nach Kärnten auf die Alm geschickt und sollte dort in der Landwirtschaft und im Haus helfen. Meine Großmutter war dort im Rahmen der "Mutter-und-Kind-Verschickung". Sie war mit ihren kleinen Söhnen dorthin vor dem Bombardement Duisburgs in Sicherheit gebracht worden. Ich habe gelesen, dass es oft Spannungen zwischen den "Großstädtern" und der Landbevölkerung gab. Nicht so in diesem Fall. Die Integration war so gut, dass die Kontakte zu der Alm bis heute bestehen. In den 1980er Jahren führten sie sogar zu einer Heirat. Daher bin ich inzwischen mit den Besitzern der Alm weitläufig verwandt. Der Kriegsgefangene jedenfalls wurde meiner Großmutter als Hilfe zugeteilt und es erging ihm wohl sehr gut. Er saß immer mit der Familie und den Zugewiesenen am Tisch und bekam das gleiche zu essen. Er war sowas wie ein Knecht auf dem Hof. Meine Großmutter hat immer amüsiert davon gesprochen, dass er sie "Madame Tailleur" genannt hat, was die wörtliche Übersetzung ihres Familiennamens "Schneider" war. Wie gesagt - kein Beitrag zu Statistken, für den Roman aber vielleicht dennoch interessant.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    In meiner Heimat gab es ein größeres Kriegsgefangenenlager, aus dem sich schließlich nach dem Krieg ein neues Dorf entwickelte. Einer der zeitweiligen Gefangenen war Francois Mitterand. Vor allem sowjetische und polnische Kriegsgefangene sind an den unmenschlichen Haftbedingungen in hoher Zahl zugrunde gegangen. Andere hatten mehr Glück und wurden als Arbeitskräfte in bäuerlichen Familienbetriebe eingesetzt. Natürlich gab es auch Bauern, die versuchten, die Arbeitskräfte so billig wie möglich zu halten und das Maximum an Arbeitskraft herauszuholen, aber im Großen und Ganzen ging es den Gefangenen da weitaus besser, als im Lager. Viele der Polen und Russen kamen vom Land, hatten Vorkenntnisse und waren landwirtschaftliche Arbeit gewohnt. Es fehlte an Personal, die Gefangenen zu beaufsichtigen und es gab in einer agrarisch geprägten Gegend auch bis Kriegsende ausreichend Nahrungsmittel. Ein polnischer Kriegsgefangener wurde anscheinend für so zuverlässig gehalten, dass ihm Kinder, darunter mein Vater bedenkenlos (*1942) anvertraut wurden.
     
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  8. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hallo

    In der Schweiz wurden während des Zweiten Weltkrieges etwa über 100'000 fremde Soldaten interniert. Soldaten aus Frankreich, Italien, Polen, Sowjetunion, Deutschen Reich, Grossbritannien, Jugoslawen, USA und etwa dreissig weiteren Nationen. Zum Beispiel auch 500 Inder und etliche aus dem Senegal.
    Viele retteten sich als Armee-Einheit in die Schweiz, andere desertierten oder mussten Notlanden oder wurden im Schweizer Luftraum abgeschossen.

    Die meisten wurden in Internierungslagern untergebracht. Diese waren gleichmässig über ganze Schweiz verteilt. Viele Internierte arbeiteten im Strassenbau und der Landwirtschaft. Einzig die Amerikaner und Briten logierten mehrheitlich in Hotels.
    Die internierten Wehrmachts- und SS-Offiziere waren sehr unbeliebt. Deshalb arbeiteten sie nicht „draussen“, sondern erledigten Büroarbeiten für die Zentralstelle für Kriegsgefangenen des Roten Kreuzes.

    Gruss Pelzer
     
  9. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Die Unbeliebtheit war schweizweit? Oder wurden die Deutschen eher in der französischen Schweiz interniert?
     
  10. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    In Finhaut im französischsprachigen Wallis...

    Gruss Pelzer
     
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