Stunde Null

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von Gast, 10. Oktober 2006.



  1. Gast

    Gast Gast

    Warum spricht man eigentlich ab dem 9.5.1945 (Gesamtkapitulation Deutschlands) von der "Stund Null" in Deutschland? Das würde mich mal interessieren. Schonma danke!
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 11. Oktober 2006
  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Ganz einfach: Nach der Kapitulation hörten alle politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen Deutschlands auf zu existieren. Deshalb "Stunde Null" - auch wenn der Bruch nicht überall so scharf, wie manchmal angenommen wird.
     
  3. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Aus der englischen Wikipedia:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Stunde_Null

    Die dicken Heraushebungen sind übrigens von mir.
    Aus dem Textausschnitt siehst Du, dass nach Inkrafttreten der Kapitulation um Mitternacht schon die Nachkriegszeit anfängt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Oktober 2006
  4. reisensburg955

    reisensburg955 Neues Mitglied

    Die "Stunde Null" ist ein etwas merkwürdiger Begriff. Auf der eine Seite war für den Großteil der Bevölkerung der Krieg schon vor dem 8. Mai zu Ende. Auf der anderen Seite stellt die "Stunde Null" keinen totalen Bruch der deutschen Geschichte dar.

    Ich würde sogar noch etwas weiter gehen. Denn schlussendlich war es gar nicht möglich, alle/alles auszutauschen. Eine große Anzahl der Leute, die im Dritten Reich Positionen innehatten, haben später ähnlich hohe Stellungen besetzt. Die großen Industrieunternehmen wie Krupp oder Siemens sind mit neuen Maschinen, nachdem die alten zerstört oder demontiert worden waren, wieder große Firmen geworden.
    Während des Krieges mussten die Menschen hungern und hatten in den Städten durch Bombardierungen ihre Wohnung verloren. Dies besserte sich nach dem Krieg nicht schlagartig, noch bis 1949 gab es Lebensmittelmarken, die Reichsmark war nichts mehr wert. Dazu kam, dass für die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen ebenfalls eine Bleibe gefunden werden musste. Für die einfache Bevölkerung ging es fast so weiter wie zuvor. Sie mussten allerdings nun keine Bombardierungen der Alliierten oder Terrormaßnahmen der Staatsmacht befürchten.
     
  5. saxo

    saxo Gesperrt

    Für mich wäre als "Stunde" Null am ehesten die Zeit zwischen der Einnahme Berlins und der bedingungslosen Kapitulation nachvollziehbar. Also 5 Tage, in denen Deutschland praktisch nicht regiert wurde.
     
  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Interessant wäre m.M. nach erstmal zu klären, wen du mit " man " meinst.
    Der Ausdruck selbst ist doch die reine Geschichtsklitterung. Als ob man
    nach der Kathastrophe des WK II. alle pers.Verantwortlichkeit und Schuld quasi selbst amnestieren will.
    Das wurde in der restaurativen Adenauerrepublik z.B. von den eigentlich belasteten Juristen am besten vorgeführt . Eine späte Frucht der preußisch-hegelschen Staats-und Beamtenphilosophie , aus der man durchaus mit reiner Weste aus den Verstrickungen der Nazi-Zeit überdauern konnte und die Karriere durchaus nicht auf "Null" stellen mußte. Nur die lästigen Umstände wurden auf Null gestellt, die Opfer nicht nachgezählt...

    Die Verwendung des Ausdrucks " Stunde Null " gilt eigentlich heute als ahistorisch und verbirgt eher eine Absicht, denn eine Beschreibung .
     
  7. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Dieser Begriff ist aber in den Medien, besonders im Fernsehen, oft zu hören, wenn es um die Kapitulation Deutschlands geht und daher kommt sicher auch das "man".
    Und die Stunde "Null" markiert tatsächlich den Neubeginn, der natürlich erst nach der Gesamtkapitulation Deutschlands beginnen konnte, nicht aber nach der Kapitulation
    Berlins am 2. 5. 1945 ( oder vielleicht nach der Kapitulation der letzten Wehrmachtstruppen in Kurland und Böhmen am 10. 5. ´45? :D )
     
  8. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    Ja das Fernsehen und manche Medien.... Aber als Geburtstunde der Bundesrepublik taugt der Begriff m.M. überhaupt nicht. Wie gesagt, ich empfinde ihn als marginalierierend. Es gibt keinen Nullpunkt- es ist aber ein bequemer Ausdruck für Vieles und Viele ......:(
     
  9. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Ganz klar nein. Damit hat das nun wirklich nichts zu tun. 1945 war ja noch nicht mal klar, wie es genau weiter gehen würde. Daß es eine 40 Jahre andauernde Teilung Deutschlands geben würde mit einer mörderischen Mauer dazwischen, konnte noch niemand absehen, wird wohl auch kaum einen Deutschen in dieser Zeit wirklich interessiert haben, schätze ich, denn in der "Stunde Null" ging es einfach nur ums überleben, so wie in den letzten Kriegsjahren auch und in den Jahren danach. Insofern gebe ich dir recht. :)
     
  10. saxo

    saxo Gesperrt

    So hat es der Gast sicher nicht gemeint, und auch ich habe Probleme, Deinen Gedankengängen zu folgen. Für mich beschreibt Stunde Null genau das Gegenteil: Eine Distanzierung vom Faschismus und die Bereitschaft zum Neuanfang. Das betraf natürlich auch die, die Schuld auf sich geladen hatten. Aber kein Verbrecher wurde dadurch amnestiert (wäre ja auch schlimm). Die Mehrheit der Deutschen aber gehörte ja selbst zu den Opfern. Und die haben, je länger der Krieg dauerte, diese Stunde Null herbeigesehnt. Vielleicht ist Stunde Null dasselbe wie die Kapitulation. Nur daß sich das letztere auf die Vergangenheit bezieht, der Ausdruck Stunde Null aber auif das, was danach kommt.
     
  11. Mercy

    Mercy unvergessen

    Hannah Arendt läßt grüßen.

    Kurz vor Mitternacht griff Konrad Adenauer zum feierlichen Wort: "Es ist für uns Deutsche der erste frohe Tag seit dem Jahr 1933". Dieser frohe Tag war ein Sonntag, der 8. Mai 1949. Soeben hatte der Parlamentarische Rat das Grundgesetz angenommen.

    Süddeutsche Zeitung, 16.10.2006, S 8
     
  12. donna

    donna Neues Mitglied

    Die Mehrheit der Deutschen aber gehörte ja selbst zu den Opfern.
    Und auch zu den Tätern. Meiner Meinung nach waren die meisten Deutschen in das Unrechtssystem des Dritten Reiches verstrickt, sei es was die Diskriminierung und Verfolgung der Juden anbetrifft, sei es die Unterstützung der Kriegspläne (zumindest bis Stalinggrad) von Hitler.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  14. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Zur zeitlichen Präzision, mit der versucht wird die "Stunde null" zu fassen :
    Hat es juristisch in der Praxis einen scharfen Unterschied gemacht? Wurde z.B. jemand für eine Tat anders verurteilt, wenn die Tat unmittelbar nach der Stunde Null begangen wurde?
    Es müssten sich ja auch neue Tatbestände ergeben haben, wie Angriffe auf Besatzungstruppen, Sabotage o.ä., welche eben eine Stunde vorher noch "reguläre" Kampfhandlungen darstellten.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In der "Stunde Null" haben die meisten Deutschen andere Probleme gehabt wie weitere Kampfhandlungen zu begehen.

    Und waren eher auf Kooperation ausgerichtet. Interessant für diese Sicht die Briefe von Adenauer aus dieser Periode (Briefe über Deutschland 1945-1955)
     
  16. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Ja, es war schon etwas anders. Es herrschte in vielen Gegenden kurzfristig sowas wie eine Anarchie. Wobei es eher der Fall ist, dass nicht ermittelt wurde, also z.B. in häufig gar keine Mordprozesse eröffnet wurden.

    Was das zeitliche betrifft: Die "Stunde Null" wandert für mich eigentlich mit der Front nach Osten bzw. nach Westen (von der roten Armee ausgehend). Münklers Studie "Machtzerfall" über das Kriegsende in Friedberg/Oberhessen kann stellvertretend für viele Städte im Bereich der Westfront stehen, ganz typische Phänomene und Entwicklungen, wie sie sich innerhalb weniger Tage vor und nach Einnahme einer Stadt ereigneten. Aber obwohl die ersten deutschen Städte schon 1944 erobert wurden, würde ich im engeren Sinne zudem die "Stunde Null" als Phase zwischen März und Juni/Juli 1945 sehen. Also vom totalen Zusammenbruch zunächst der West- und dann der Ostfront bis zum Wiederaufbau zumindest der kommunalen amtlichen Strukturen.
     
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  17. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    @Ashigaru
    Es scheint also auch bei der Rechtsprechung keine scharfe Trennlinie gezogen worden zu sein, danke der Auskunft :)
    Hatte gedacht, evtl spielte es z.B. für ein Mitglied dieser "Werwolf"-Organisation mal eine Rolle, auch wenn die kaum in Erscheinung traten. In den sowjetisch besetzten Gebieten (oder auch den anderen) hätte das ja den Unterschied zwischen Lager und Galgen machen können.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. April 2017
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es wurde eine klare Linie verfolgt!

    Kapitel V des G-5- Handbuch (August 1944) trug die Überschrift "Legal". Es wurde u.a. die wichtigsten Unterschiede der Rechtssysteme (USA&GB vs 3. Reich) und die spezifische Form der Zerstörung des Rechtsstaats der Weimarer Republik durch den Nationalsozialismus im 3. Reich.

    Das für Deutschland vorgesehene "Law Applicable in Occupied Territory" sollte den Übergang und die Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit sicher stellen.

    Es sollten die Prinzipien der Verhältnismäßigkeit von Strafe, der Nachprüfbarkeit richterlicher Entscheidungen etc. wieder hergestellt werden, die gravierend durch die Jurisdikation im 3. Reich eingeschränkt war.

    Aus diesem Grund waren die Funktionen der Justizverwaltung und auch der Jurisdiaktion - vorübergehend - auf die Militärregierung übertragen worden.

    Die Rechtsgrundlage für dieses Vorgehen war das internationale Recht, bei dem die Regierungsgewalt in einem besetzten Land auf den Befehlshaber der Besatzungstruppen übergeht.

    Eine Praxis, die den deutschen Soldaten - aus der Perspektive der Besatzer - durchaus nicht fremd war.

    Die Direktive vom 7. Juli 1945 zielte darauf ab, möglichst schnell deutsche Gerichtsbarkeit wieder einzusetzen, allerdings sah man vor, dass in strittigen Fragen, die Gerichtsbarkeit der Militärregierung entscheidend sei.

    Die "Legal Officers" beaufsichtigten zunächst die relativ schnell wieder arbeitenden Amts- und Landgerichte und man wollte möglichst gering in die Arbeit der Gerichte intervenieren.

    (vgl. ausführlich: Gerhard: Soziologie der Stunde Null, S. 96ff)
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. April 2017

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