Sviatoslav I. und sein gescheitertes Reich

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von Ashigaru, 21. August 2007.



  1. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    "Ich will nicht mehr in Kiew bleiben, sondern ziehe es vor in Pereslyavets an der Donau zu leben... Hier ist der Kern meiner Länder, wo alle Reichtümer zusammenkommen: seidene Kleider, goldene Geräte, Weine und verschiedene Früchte aus Byzanz; silberne Gegenstände und schnelle Pferde aus Böhmen und Ungarn; und wertvolle Felle, Bienenwachs, Honig und Sklaven aus den Rus."

    Diese Worte - den Traum eines Reiches - legt die erste russische Chronik dem Kiewer Prinzen Sviatoslav I. (942-972) in den Mund (Eintrag für das Jahr 969). Sviatoslav ist vielleicht eine der am meisten in Vergessenheit geratenenen Eroberergestalten der europäischen Geschichte.
    Unter seinen Vorgängern gewann das Reich der Rus langsam an Bedeutung und Einfluss - Grund war die wichtige Rolle als Handelspartner und Verbündeter der Byzantiner. Sein Vater Igor Rurikowitsch wagte 941 die offene Feindschaft mit Byzanz - in einer Seeschlacht auf dem Schwarzen Meer wurde seine Flotte zwar geschlagen, doch im Friedensvertrag von 945 wurde die Position des Kiewer Großfürsten eher gestärkt. Nun durften Rus nur mit Erlaubnis des Großfürsten Söldner in byzantinischen Diensten werden.
    Sviatoslav kam vermutlich mit 21 Jahren an die Macht; zuvor hatte seine Mutter Olga die Regentschaft übernommen. Anhand seiner Quellen und der Taten erscheint er als ruheloser Krieger, der sich wenig um die Administration scherte und auch an der Christianisierung - die seine Mutter begonnen hatte - keinerlei Interesse zeigte. Er selbst blieb Heide.
    Seine kurze Regentschaft war charakterisiert durch pausenlose Feldzüge. Die Erste Russische Chronik schildert sein persönlich anspruchsloses Leben wie folgt, vielleicht mit etwas Übertreibung:

    "Bei seinen Expeditionen führte er weder Wagen noch Kessel mit sich, und kochte kein Fleisch, sondern schnitt sich kleine Streifen von Pferdefleisch, Wild oder Rind, und aß sie, nachdem er sie auf den Kohlen geröstet hatte. Er hatte auch kein Zelt, sondern legte eine Pferdedecke unter sich und den Sattel unter seinen Kopf, und genauso machte es sein Gefolge."

    In den ersten Jahren seiner Herrschaft zerschlug er das östlich gelegene, im Niedergang befindliche Chasarenreich. Dies führte ihn bis ans kaspische Meer, wo er 969 die chasarische Hauptstadt Atil zerstörte.
    Doch bereits ein Jahr vorher kam es zu einem Ereignis, dass schicksalhaft für Sviatoslav werden sollte. Byzanz hatte dem von inneren Krisen geschüttelten Bulgarenreich einen Tribut verweigert; stattdessen bat Kaiser Nikephoros II. die Rus, eine Strafexpedition gegen die Bulgaren zu starten. Dies war eine verhängnisvolle Entscheidung. Zwar waren die byzantinischen Truppen in Syrien gebunden, so dass sie nicht selbst die Bulgaren bekämpfen konnte.
    Doch Sviatoslav, der 968 gleich die bulgarische Haupstadt Preslav/Pereslyavets eroberte, kehrte sofort, nachdem er die Chasaren endgültig geschlagen hatte, auf den Balkan zurück - hier, an der Donau, sollte nun sein Reich sein, so wie es im Eingangszitat geschildert wurde. Gleich den gesamten Kern seines Reiches in eine Region zu verlagern, in der mit den Bulgaren und Byzanz seit langem etablierte Reiche existierten, war ein kühner und radikaler Plan - der auch fast geglückt wäre.
    Denn Sviatoslav gelang es, den zweiten großen Schutzwall des Byzantinischen Reiches nach den Mauern von Konstantinopel zu durchbrechen: die Diplomatie - bei der es den Byzantinern zumeist gelungen war, ihre slawischen Nachbarn gegeneinander auszuspielen.
    Die Bulgaren, die Anstoss des neuen Krieges waren, besiegte er 969, und setzte sich selbst auf den Zarenthron, nachdem der betagte Peter I. gestorben war. Danach schmiedete er eine Allianz aus praktisch den gesamten nördlichen Nachbarn, um gegen das byzantinische Reich zu ziehen: sein Heer bestand aus drei Teilen: einem aus Russen und Bulgaren; einem aus Magyaren; einem dritten aus Petschenegen, die zuvor schon oft als Verbündete an seiner Seite standen.
    So zog er gegen Byzanz, wobei er zunächst Adrianopel belagerte; 100 Kilometer nördlich von Konstantinopel, bei Arcadiopolis, kam es 970 zum Treffen mit den Truppen des Feldherrn Bardas Skleros. Sviatoslav soll die dreifache Übermacht gegenüber dem 10000 Mann starken byzantinischen Heer gehabt haben. Warum er eine vernichtende Niederlage erlitt, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall musste er sich hinter das Haimos-Gebirge zurückziehen, wo seine Armee nur deshalb der Vernichtung entging, weil sich in Anatolien gleichzeitig eine Revolte ereignete. Skleros wurde abberufen, um diese niederzuschlagen.
    Im nächsten Jahr erlebte Sviatoslav die totale Niederlage gegenüber dem oströmischen Reich, dass die wichtigen Städte Durostorum und Preslav erobern konnte. Schimpflich musste er sich nach Kiew zurückziehen, von wo er ausgezogen war, um den Balkan zu erobern. Auf dem Weg dorthin durchkreuzte er das Gebiet der Petschenegen; diese waren längst von ihm
    abgefallen und hatten vom byzantinischen Kaiser den Auftrag erhalten, ihn zu töten. So kam es, und Sviatoslav erging es wie vielen unterlegenen Heerführern zu dieser Zeit im Osten: sein Schädel endete als Trinkgefäß des
    Petschenegen-Khans Kruja.
    Möglicherweise war Sviatoslavs' Großmachttraum, der nur drei Jahre lang währte, zu übermütig; möglicherweise hätte er aber auch für einen der großen Wendepunkte in der Geschichte Osteuropas sorgen können. So aber gerieten Svjatoslav und die Schlacht von Arcadiopolis weitgehend in Vergessenheit. Die Kiewer Rus sollten hingegen in der Folgezeit wieder ihre Rolle als Verbündete von Byzanz einnehmen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. August 2007
  2. timotheus

    timotheus Neues Mitglied

    Es gehört zwar nicht direkt zum Thema, aber als Off Topic Anmerkung zu folgendem Satz im Kontext:
    Derartige Berichte vom Ende besiegter Herrscher begegnen einem tatsächlich mehrfach, und zwar nicht nur in Bezug zur russischen Geschichte.
    Zunächst noch ein russisches Beispiel: 1238 unterlag Juri II., Großfürst von Wladimir-Susdal, mit seinem Heer den Mongolen unter Batu Khan, der sich daraufhin aus dem Schädel seines gefallenen Gegners eine Trinkschale fertigen läßt.
    Aber auch noch ein Beispiel aus der Völkerwanderungszeit: 567 besiegte Alboin, König der Langobarden, mit seinen Kriegern im Bündnis mit den Awaren die Gepiden unter Kunimund, den er schließlich selbst erschlug und aus dessen Schädel er ein Trinkgefäß fertigen ließ.

    Ich stelle mir bei solchen Überlieferungen immer wieder die Frage, ob dies tatsächliche Praxis war oder ob ein einmaliges Vorkommnis in mehrere Überlieferungen Einzug gehalten hat. Persönlich tendiere ich zwar dazu, von einer tatsächlichen Praxis auszugehen, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten zum Tragen kam, aber schlüssig beantworten kann ich es nicht...
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2007
  3. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Auch dem byzantinischen Kaiser Nikephoros I. soll es so ergangen sein, nach seiner Niederlage gegen den Bulgarenkhan Krum 811.
     
  4. Kiprian

    Kiprian Neues Mitglied



    Ich glaube hier geht es um Sklaven nicht um Slawen.

    Über die ethnische Herkunft von Swiatoslav gibt es verschiedene Theorien. Einige behaupten, dass Swiatoslav, obwohl er einen slawischen Namen trug, kein Slawe war sondern ein Variag (Wikinger), andere liefern Argumente, dass seine Mutter (eine Christin) eine Bulgarin war (Zu diesem Zeitpunkt waren die Bulgaren schon seit mehr als 100 Jahren Christen) und genau das war ein Grund für Swiatoslav einen „legitimen Anspruch auf den bulgarischen Zarenthron aufzuheben.



    Damit bin ich völlig einverstanden. Die Raubfeldzüge von Swiatoslav (ich würde seine Kriege nicht anders bezeichnen) haben nicht nur dem Bulgarenreich, sondern auch dem Kiever Russ selbst und paradoxer Weise auch Byzanz schwere Schäden zugefügt. Für einige Jahrhunderte wurden die Verteidigungsmöglichkeiten der großen Osteuropäischen Länder erheblich vermindert, was einfach ideal für die aus dem Osten neu gekommenen Reitervölker und Eroberer war.
    Viele werden mit mir nicht einverstanden sein, aber ich denke, dass gerade Swiatoslav die wirklich großen Perspektiven von dem Kiever Russ als Staat und sogar als Imperium verspielt hat und zwar wegen einfacher Habgier und Dummheit.



    Der Tot von Swiatoslav war konsequent. Ich glaube nicht, dass die Petchenegen Swiatoslav töteten, weil sie angeblich einen Auftrag von dem byzantinischen Kaiser erhalten hatten. Es war ein wirklich unwürdiges Ende. Als jeder Räuber haben sich Swiatoslav und seine am meisten aus Skandinavien gekommenen Söldner mit verschiedenen geraubten Gütern (Gold, Waffen, Kleider, Wein und sogar Bücher einfach alles was die Räuber sich ergattern konnten) aus Bulgarien und Byzanz überluden. Die Petschenegen konnten diesem Schatz nicht widerstehen. Sie haben Swiatoslav und seine Söldner neben einem Fluss in heutiger Südostukraine eingeschlossen und ohne große Mühe vernichtet.
     
  5. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Richtig, Schreibfehler.

    Mit Sicherheit. Sviatoslavs Vater hieß Igor, wird aber z.T. auch "Inger" genannt - ein nordischer Name.

    Das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich. Eine adlige Bulgarin wäre damals sicher nach der Geburt getauft worden. Nun ließ sich Olga aber 955 in Konstantinopel taufen, als sie bereits Regentin war.

    Ich denke schon, dass Sviatoslav - ungeachtet seiner Motive, die bestimmt auch räuberisch waren - ein guter Feldheer war. Mehrfach eroberten seine Armeen Festungen. Leider sagen die Quellen im übrigen nichts darüber aus, wie er Ungarn und Petschenegen an seine Seite gebracht hatte. Interessanterweise war 970 auch der letzte große Heerzug der gefürchteten Ungarn, die nach der Schlacht auf einen Westkurs umschwangen. Als größten leidtragenden dieses Krieges sehe ich die Bulgaren. Die Byzantiner profitierten im übrigen von deren Verlusten und konnten bis 1018 weite Gebiete des Balkans zurückerobern. Die Rus hatten immerhin unter Sviatoslav die weiten Gebiete des Chasarenreiches gewinnen können.

    Ich halte beides für möglich. Aus byzantinischer Sicht war Sviatoslav sicher ein gefährlicher Mann und hatte obendrein noch quasi Verrat begangen.
     
  6. Kiprian

    Kiprian Neues Mitglied

    Danke für Deine Antwort, Ashigaru.
    Ich habe eine Frage an Dich. Du schreibst:



    Hast Du mehr Information dafür oder Quellen? Mich interessiert, wann genau sind die Petschenegen von ihm abgefallen und das wichtigste - was war der Grund dafür.
    Ich danke Dir im voraus!
     
  7. Bolgarin

    Bolgarin Neues Mitglied

    genaue quellen kenne ich nicht, doch fuer voelker wie Petschenegen, Uzen, Kumanen war es typisch, dass sie nur dem interesse nachlaufen und das lager fuer einen augenblick auf den anderen wechseln koennen.
    bekannte hauptlinge dieser voelker brachen auch oft vertraege.
    ausserdem bin ich mir nicht so sicher ob die Petschenegen auch tatsaechlich Sviatoslav verbuendete waren. so viel ich mich erinnere war er von anfang an mit ihnen verfeindet.
    ausserdem trug er ueberhaupt keine schaetze mit sich. ihm entnahm man sogar die waffen.
    er wurde nach der belagerung von Plovdiv (Philipopolis) von den Romaoi, wo er sich mit Russen und zum dienst gezwungene Bulgaren verteidigte, letzten endes entwaffnet und... man lies ihn gehen. was ohne waffen durch die steppe reiner mord war.
    ich bin mir auch nicht sicher, ob er heide war, da er ja das bulgarische land waehrend einer pilgerfahrt gesehen haben soll.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Dezember 2007
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    [
    Dazu passt folgende Meldung (allerdings habe ich Probleme mit dem Namen des 1238 gefallenen Fürsten von Jaroslawl):


    Russian archaeological find solves 13th-century mystery


    This find is of major significance. The team of archaeologists led by Dr. Asya Engovatova has not only uncovered the seal itself, but many fragments of imported glassware vessels, and even the remains of a wooden building that would have been exceptionally large for the 12th and 13th centuries.

    The finds give archaeologists grounds to believe that near the Metropolitan Chambers—themselves dating from the 17th century—there must have stood the famous Prince's Court of Vsevolod Constantinovich, first Prince of Yaroslavl, who was slain in battle in 1238 in the legendary battle against Mongolian warlord Batu-Khan at the River Sit.


    die deutsche Wikipedia bietet:
    1257: Fürstentum Jaroslawl – Wikipedia

    Und Name/Datum wie im oben zuerst verlinkten Artikel:
    Principality of Yaroslavl - Wikipedia

    Edit: jetzt aber richtig,
    Fürstentum Wladimir-Susdal – Wikipedia
    Mongolische Invasion der Rus – Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2017

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