Unsere Freunde, die Russen

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von balticbirdy, 7. Oktober 2008.



  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ich habe den Titel des Threads ganz bewusst an Repos "Amerikaner" angelehnt.

    Weil in der DDR die Freundschaft zur Sowjetunion geradezu Staatsdoktrin war. In einem Maße wie in keinem anderen Ostblockland. Das wurde schon in der Schule schon ab Klasse 1 den Kindern eingetrichtert. Einen sowjetischen Briefpartner zu haben, war mit Beginn des Russisch-Unterrichts (Klasse 5) schon fast Pflicht, die Adressen wurden vermittelt.

    Dennoch waren in der breiten Masse der Bevölkerung mehrere nicht konforme Grundstimmungen vorherrschend.
    1. Blanke Ablehnung vor allem bei den meisten Älteren, die die Befreiung persönlich erlebt hatten.
    2. Desinteresse, oft gerade weil die "Freundschaft" staatlich verordnet war - eine Art innere Opposition
    3. Mitleid angesichts der hier stationierten, von den Deutschen völlig isolierten Muschkoten.
    Weitere Aspekte?

    Ich persönlich habe eigentlich erst nach 1989, mit dem Wegfall des politischen Zwanges, großen Respekt und Sympathie für Russland und das russischen Volk erworben, ohne dass dem ein besonderes Ereignis zugrunde lag. Da war ich schon fast 30.

    Zum eigentlichen Anliegen: War diese Propagierung des "sozialistischen Brudervolks" unabhängig von der zunehmenden Westanbindung der alten BRD? Oder die Ursache dieser oder eine Folge davon?
    Dazu müsste man die zeitlichen Abläufe genau erörten, wobei die Stalinnote betr. eines vereinigten neutralen Deutschland eine Rolle spielen dürfte.

    Ich bin gespannt auf eure Meinungen und hoffe auf eine rege Diskussion.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2008
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  2. Tekker

    Tekker Gast

    Haben diese die "Befreiung" durch die Sowjetarmee als solche empfunden? Ich zweifle... :grübel:
     
  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das ist nun mal der auch in der Bundesrepublik gebräuchliche Terminus. Wie die Leute diese empfunden haben, ist eine andere Sache und nicht Gegenstand dieser Diskussion.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich erinnere mich an eine bemerkenswerte Rede, die Richard von Weizäcker am 8. Mai 1985 anlässlich des 40 Jährigen Endes des 2. weltkrieges gehalten hat und in der er zum Schluß kam, dass der 8. 5. 1945 tatsächlich ein Tag der Befreiung war. Die Amerikaner und Briten wurden vielerorts tatsächlich als Befreier begrüßt, und die amerikanischen G.Is waren in meiner Gegend recht beliebt, auch noch, als durch Vietnam und die 68er Bewegung die USA kritischer gesehen wurden.

    Ältere erinnerten sich wehmütig an Chewing gum und US- Zigaretten, und viele GIs denken gerne an "good old Germany" zurück. Sie erhielten Sold und zahlreiche Vergünstigungen für Benzin und Lebensmittel. Dann waren es gut genährte, junge Männer die allerlei zu verschenken hatten und als Exoten bewundert wurden. In den US- Kasinos machten viele Westdeutsche erste Erfahrungen mit Jazz und Rock ´n Roll. Viele von meinen Schulkameraden waren in den 80ern ganz scharf auf Militaria und eiserne Rationen, die während der Natomanöver von G.Is eingetauscht wurden, bzw. Geschenke waren. Irgendwie war das interessanter, als das Zeug aus Bundeswehrbeständen. "Ach geh, das sind ja bloß die deutschen Amis" sagte ein Jugendfreund von mir.

    Bei den Sowjets waren sicher auch die Plünderungen und massenhaften Vergewaltigungen eine schwere Hypothek, als dass man sie als "Befreier" wahrgenommen hätte.
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Fällt mir zuerst mal ein: Straße der DSF
    staunend bin ich einst vor diesem Kürzel gestanden.

    Der Terminus "Befreiung" ist mir für das Jahr 1945 eigentlich nicht geläufig. Die älteren, Frauen insbesondere, sprachen vom "Umsturz" oder "als die Franzosen kamen".
    Komischerweise ist mir von Männern in der Beziehung kein Begriff geläufig, ich denke die waren zu der Zeit eben woanders, kannten die Vorgänge auch nur aus Erzählungen.

    Mein Vater war anderthalb Jahre in russ. Gefangenschaft, sprach nur mit großer Achtung von den russ. Menschen, denen er nach eigener Aussage sein Überleben verdankte. (dass die Russen 45-46 selbst nichts zu "fressen" hatten, haben die Plennys gut mitbekommen) für das Sowjetsystem hatte er nur ein müdes Lächeln.
    Eine Einstellung die für die meisten Heimkehrer galt. (meiner Erfaahrung nach)

    Als Kind träumte ich mal, wie Russen auf Panjewagen durch unsere Straße fuhren und mit ihren MPis durch die Zäune schossen. Demnach wird die Angst allgemein und groß gewesen sein.

    Wenn diese pers. Stellungnahme gefragt sein sollte.
     
  6. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ich frage einmal aus ehrlichen Interesse: Was findest du denn seit 1989 an Russland konkret sympathisch? Un worauf bezieht sich dein Respekt genau?

    Die 1947 in London stattgefundene Außenminister-Konferenz stand bereits in Schatten des Gegensatzes der USA und der Sowjetunion. Zwischen diesen Ländern war zu jenen Zeitpunkt ganz offenkundig ein Konsens nicht mehr möglich, wie Einigungsversuche hinsichtlich gesamtdeutscher Verwaltungen, Reparationen oder der Kontrolle des Ruhrgebiets eindrucksvoll dokumentieren. Die Sowjetunion hatte beispielsweise auf weitere Entnahmen aus der Produktion im westlichen Deutschland bestanden, obwohl sie ihre Zusage von Lebensmittellieferungen aus den Osten Deutschlands nicht eingehalten hat.

    Bereits im Februar 1948 trafen sich die Außenminister der USA, Großbritannien und Frankreichs, um alleine über Deutschland zu beraten. Die UDSSR war nur sehr mäßig darüber amüsiert. Sie zog sich daruafhin aus dem Alliierten Kontrollrat zurück. Von diesem Zeitpunkt fuhr der Zug in Richtung einer doppelten Staatsgründung zweier Deutschlands.

    Der gesellschaftliche Umbau der Ostzone und ihre feste Verankerung bzw. zwangsweise Integration in den sowjetischen Machtbereich gingen sicher auch zu einen guten Teil auf die Bildung zweier sich zunehmend feindlich gegenüberstehenden Blöcke zurück.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ich habe mit ein paar US-Fallschirmjäger mal eine Nacht durchgesoffen, die waren frisch eingeflogen, für irgend eines dieser Manöver.
    Trinkfeste Burschen. Aber unter dem Dienstgrad Leutnant keine Ahnung, dass es die BRD als Westdeutschland und die DDR als Ostdeutschland gab.
    Der Leutnant und Zugführer hatte einen CIC-Leutnant als Aufpasser dabei. (Ich habe ihn im Suff zum Kommissar ernannt, den man "beim Hitler gleich erschossen hätte", hat ihn nicht arg gestört)
    Hat mir zu denken gegeben.
     
  8. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Sehr interessant - den gegensätzlicher hätten diese beiden Beispiele kaum ausfallen können.

    War das wirklich so?
    Dann wäre schon interessant zu erfahren, wieso gerade in der DDR besonderen Wert darauf gelegt wurde.

    Da muß man "Befreiung" wohl wirklich in Anführungszeichen setzen. Obwohl es natürlich genug Leute gab, die das schon damals so empfunden haben (alleine schon die KZ-Insassen) - aber die breite Mehrheit sah das wohl sehr anders.

    Desinteresse wäre ja noch gegangen, aber die staatliche Pflicht sorgte wohl kontraproduktiv für Antipathien.

    Ich kann mir da wenig Zusammenhang vorstellen.
    Höchstens indirekt, weil die Einbindung beider Landesteile in die jeweiligen Blöcke sie zu "Frontstaaten" machte und damit vielleicht ein besonderer Bedarf zur propagandistischen Stabilisierung gesehen wurde.

    Die dürfte doch für die internen Vorgänge in der DDR kaum eine Rolle gespielt haben.


    Ein anderer Aspekt:
    Es hat ja in der deutschen Geschichte diverse Phasen gegeben, wo es echte und weit verbreitete Rußland-Freundlichkeit gab.
    Zu denken wäre da insbesondere an die Zeit der Befreiungskriege.

    Das ist dann später wegen der deutchen Sympathie für die polnischen Freiheitskämpfer deutlich gebröckelt und beschränkte sich in der Folge mehr auf die Konservativen.
    Aber noch im ersten Weltkrieg gab es m. W. keinen besonderen Haß auf die Russen, jedenfalls nicht mehr als die generelle Abneigung auf alle Kriegsgegner.
     
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Der wurde mehr als "Betriebunfall" gesehen. Die zaristische Despotie interessierte nur Intellektuelle. Und was die Kosaken 1914 in Ostpreußen angestellten, betraf nur relativ wenige,

    Nach meiner persönliche Erfahrung ja. In der Ungarn, der CSSR und erst recht in Polen und Rumänien sah man das auch von offizieller Seite, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, etwas zurückhaltender. Der Ostblock war kein Monolith.

    Doch, hat sie. Vorher wurde nämlich offiziell noch die "Wiedervereinigung" propagiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2008
  10. floxx78

    floxx78 Neues Mitglied

    Nur kurz (ich weiß, der Zug ist schon längst weitergefahren):

    Weizsäcker merkte aber auch an, dass erst ein Lernprozess notwendig war, um zu dieser Einschätzung zu kommen:

    Deutscher Bundestag: Weizsäcker Rede zum 8.Mai 1985

    Im Übrigen eine der besten Reden, die je vor dem Bundestag gehalten wurden.
     
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  11. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Ein Bekannter (Schlesier) hat mal gesagt: "1945 haben uns die Polen befreit ... von allem was wir hatten."

    Ich denke, dass viele das auch auf die Russen anwenden können...
     
  12. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Ui! Na so krass war das bei mir in der Schule nicht, aber solche Kontakte waren auf jeden Fall auch bei uns gern gesehen - übrigens nicht nur in die SU, sondern bspw. auch in die Tschechei.

    Also ich denke, wenn man sich die Poltik in der SBZ anschaut, dann stellt man ganz leicht fest, daß Stalin von Anfang an vor hatte, dort ein ihm genehmes Regime zu errichten. Alle KPD-Mitglieder, die ab 1945 in der Partei das Sagen hatten, wurden frisch aus der SU eingeflogen (vermutlich nach erfolgreicher Gehirnwäsche - Entschuldigung! - die offizielle Bezeichnung lautete ja "Parteischulung"). Somit konnte es gar keinen anderen Kurs geben, als einen "sowjettreuen" Kurs. Alles andere hätte Stalin auch sofort unterbunden.
    Ich denke, die "Stalinnote" vom 10. März 1952 war ein Täuschungsmanöver. Vermutlich war es sogar ein Versuch, ganz Deutschland unter seine Kontrolle zu bringen. Die Politik Stalins in der SBZ läßt daran keinen Zweifel aufkommen:
    • 14. 7. 1945 Gründung des "antfaschistisch-demokratischen Blocks" in der SBZ, durch den die übrigen Pateien zu "Blockparteien" der KPD/SED degradiert wurden
    • 1946 Zwangsvereinigung von KPD und SPD
    • 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 Berliner Bockade
    • 7. 10. 1949 Gründung der "DDR"
    • 10. März 1952 "Stalinnote"
    • Juli 1952 Verwaltungsreform, durch die die 5 Länder der DDR in 14 Bezirke umgewandelt wurden (Ost-Berlin als 15. Bezirk kam erst später)
    usw. usf.


    Zur Anmerkung, die DDR-Führung wäre noch SU-verbundener gewesen, als die übrigen "Bruderländer" noch einmal nachgefragt:
    War das wirklich so?
    Und wenn ja, wie äußerte sich das?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2008
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  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  14. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Mein Vater sagte mal etwas ganz ähnliches:
    Der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung - von Hab und Gut.
     
  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Wie gesagt, mein ganz persönlicher Eindruck (s.o.). Rumänien z. B. galt als ausgesprochen unsicherer Kantonist mit eigenem Nationalismus. Einen gewissen Nationalstolz zeigten alle "Bruderländer". Nur die DDR nicht, aus naheliegenden Gründen. Weil die DDR wohl niemand als "Nation" empfand.
     
  16. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Meine ältere Verwandtschaft hat nie von sowjetischen Freunden gesprochen. Für sie waren es todbringende Tiefflieger, Vergewaltiger und Fremdlinge.
    Wer etwas älter als 25 ist und in der DDR groß geworden ist weiß, wie man das Wort "Freunde" in Bezug auf die besatzende Sowjetarmee gebrauchte und was es eigentlich ausdrückte. Es war die aufgezwungene "ewige und unverbrüchliche Freundschaft".
     
  17. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Meine schon. Aber das war, wie @Hurvi richtig bemerkte, sarkastisch gemeint - also "Freunde".
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Aus Gesprächen habe ich den Eindruck mitgenommen, dass es wohl bei "aufstrebenden" Akademikern vor 1989 häufig vorkam, vorzugsweise in der Sowjetunion einen Teil des Studiums zu verbringen. Da muss es einen regen Austausch gegeben haben.

    Die Äußerungen über die dortigen Verhältnisse aus der Zeit waren dann eher negativ, wobei ich aber nicht sagen kann, ob dass erst nachträglich so gesehen wurde.


    In den russischen Kontakten kommt regelmäßig eine ausgesprochen gute Meinung von "den" Deutschen herüber, teilweise beinahe so etwas wie Bewunderung, selbst bei denjenigen, die sehr jung die Kriegs- bzw. Nachkriegszeit erlebt haben.
     
  19. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Die Völkerfreundschaften/feindschaften kann man mE nur im Zusammenhang mit der jeweiligen Poltitik und vielleicht dem Zeitgeist (Sorry, mein Lieblingsgeist) betrachten.

    Auf der Ebene der persönlichen Erfahrungen wird es kompliziert.

    Dass die Deutschen am 8. Mai 45 froh waren, dass der Krieg vorbei war, kann man bestimmt so sagen, ob sie sich befreit oder besiegt fühlten und wenn besiegt, wie sie die Sieger , ob Amis, Russen, Franzosen oder Engländer einschätzten und wann, warum oder ob diese zu Freunden wurden, schwierig wenn wir von der persönlichen Ebene sprechen?

    Ein Teil meiner Verwandschaft wurde in Schlesien von den Russen "befreit" und lebte noch 1 Jahr unter russischer Besatzung. Ich habe keine Vergewaltungsgeschichten gehört, sondern differenzierte Erzählungen von russischen Soldaten, die sich unterschiedlich gut oder schlecht verhalten haben.
     
  20. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Mein Vater hat in den 60er Jahren in der SU studiert. Das war dann aber mehr schon eine Auszeichnung. Und er war kein "Arbeiterkind". Er und seine Komillitonen aus der DDR haben damals Kaffee, Kaviar und andere Sachen nach Hause geschleppt die es dort gar nicht oder nur auf Marken gab.
    Meine Großeltern waren auf die "Russen" nicht gut zu sprechen, hatten aber direkt nicht unter ihnen zu leiden, da nach dem Abzug der Amerikaner/Engländer ein russischer Offizier in ihrem Haus wohnte.

    Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Magdeburg, quasi umgeben von "Russenkasernen". Aus meiner Erinnerung kann ich nur sagen, das viele mit den "Russen" Geschäfte machten. Treibstoff, Ersatzteile usw. gegen Alkohol oder was auch immer die Herren Offiziere gerade brauchten und der DDR-Bürger hatte. Einige haben sich so auch mal am Wochenende ihr Haus von einem Zug Soldaten hochziehen lassen. Auf die Russen meckern taten in meiner Erinnerung, eigentlich nur die Förster wegen Wilderei und Müllentsorgung im Wald.

    Den Eindruck das die DDR der SU mehr "in den Hintern gekrochen ist" als die anderen "Bruderstaaten", hatte ich auch. Vieleicht ist das aber auch eine Folge des 17. Juni. Dem Regime muß eigentlich klar gewesen sein, das es ohne die russischen Truppen keine Chance hat auf die Dauer zu bestehen.
     
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