Unsere Freunde, die Russen

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von balticbirdy, 7. Oktober 2008.



  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Noch ein Nachtrag aus den DDR-Besuchen in den 70ern bei der Verwandtschaft aus der Erinnerung, soweit ich das mitbekommen habe:

    Beides. In Magdeburg, nahe Rödelstraße beim Großvater, befanden sich Kasernen. Der war wohl überzeugter Wechsel-Kommunist, wohl auch irgendwie ein ehemals hohes, aber inzwischen pensioniertes Tier, aber gar nicht gut auf die stationierten Truppen zu sprechen. Der Rest hatte eher Mitleid mit den hermetisch abgeschlossenen Soldaten.

    @ sascha: das Studium in der SU wurde mir auch unisono als Auszeichnung dargestellt.
     
  2. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Du hast mir gerade meine Tastatur versaut. Ich hatte einen schluck Tee im Mund, als ich diesen Satz las.
    Aber macht nur weiter. Ist nett mit anzulesen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Oktober 2008
  3. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Jetzt erzähle ich mal aus meiner Sicht.
    Oma und Opa haben auch geschimpft und ich bin nicht mal nur zu Besuch in den osten gekommen.

    5 km weiter war ein sowjetischer Militärübungsplatz, den schon Kaiser Willhelm eingeweiht hat.

    Wie alle mussten wir ab der 5. Klasse russisch lernen. Das war gar nicht so einfach, weil ja auch die Schrift anders ist. Unser Russischlehrer hat uns dann brieffreundschaften vermittelt. Meine hiess Natascha aus Taschkent.
    Ich schrieb deutsch, sie russisch. Übersetzen musste immer der Lehrer. Sie schickte mir russisch Konfekt und sie bettelte nach Kaugummi.

    In unserm Dorf gab es eine Kneipe. Bis Anfang der 70er konnten die Muschkoten, wie wir die einfachen Soldaten nannten noch raus. Gab es da Ärger, rief der Wirt die Kommandantur an und die armen Kerle wurden wie Vieh verprügelt und dann abgeführt.
    Dann war das vorbei. Es durften nur noch Offiziere raus.
    1976 durfte ich ja schon in die Kneipe gehen. da hat ein Offizier meine Armbanduhr gefallen, die ich mir für mein Jugendweihegeld für 400 mark gekauft hatte. Ich war auch klamm, also hatt er mir 100 Mark dafür gegeben. dann, oh gott, musste ich mit ihm trinken. So besoffen war ich noch nie. Das waren sehr spendable und hoch angesehene Leute die da kamen. 2 Jahre später, als ich mein erstes Haus baute, wusste ich warum.

    Die konnten besorgen.
    Dimitri, hast du Zement? Nu, wieviel brauchst du? 10 Sack.
    Nix Sack. die haben mir nachts einen ganzen Kamas voll vor die Haustür gekippt. 200 Mark
    Das war mit allem so. brauchtest du billig Kohlen, kamen die nachts an. Immer nachts. Die haben das ja auch geklaut.

    Einmal, wir haben ein Dränagerohr auf unserer Wiese verlegt, sagt mein Vater guck mal. ich gucke, da kamen 2 Muschkoten mit einer selbstgebauten Trage an. darauf hatten sie ein Fass Benzin. Wie die das über den zaun bekommen haben, ist mir heute noch ein Rätsel.
    Wir haben sie dann für 20 mark von ihrer Last befreit.

    Das waren nur einige Beispiele.
    Ja, für mich waren die Russen Freunde.
     
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  4. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Vielleicht weiß das im Osten jeder, ich muß aber dumm fragen, wo haben die das geklaut und fiel das nicht auf?
     
  5. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Wenn der Offizier, der für Kohlen verantwortlich war, befohlen hat,der LKW wird noch beladen und bleibt stehen und der Offizier, der für Fahrer und LKW zuständig war, befohlen hat, Nachteinsatz. Wem soll das auffallen?
    Da war so eine Unordnung, da würde jeder Bundeswehroffizier einen Herzanfall bekommen
     
  6. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Eines muss ich noch loswerden.
    Wir sind ja immer als Jungs ins Russenmagazin gefahren zum einkaufen.
    War zwar verboten, aber alle aus der Umgebung haben da gekauft. die hatten ja Apfelsinen und mehr.

    Ich war 15 und traf da ein Mädchen. Ich bin dann nur noch wegen ihr dahin gefahren. Nach vier Wochen war sie weg. ich habe sie nie mehr gesehen. Solche Kontakte wurden unterbunden.
     
  7. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Eine eigene Versorgung für die englischen Truppen gab es bei uns auch, die NAAFI-Shops, ich weiß noch, wo dieser Laden war, heute ist da ein Lidl drin. Es gab auch eigene Wohnblocks und Siedlungen für Offiziere und so.
    Inzwischen sind die meist an Immobiliengesellschaften oder andere Nachnutzer verkauft worden, wie ja auch viele Kasernen umgenutzt wurden, waren z.T. Top-Lagen darunter.
    Was in den NAAFI-Shops anderes verkauft wurde, hat uns aber nicht interessiert, ich vermute mal bacon, baked beans und andere Sachen, die die Engländer von zu Hause gewohnt waren.
    Es gab auch deutsch-britische Clubs und auch sonst keine Berührungsängste, d.h. in der Disko hat man sich getroffen, ich kann mich nicht an irgendeine Sondereinschätzung weder positiv noch negativ erinnern.
     
  8. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Das tut mir leid für deine erste große Liebe.
    Alle sowjetischen Armeeangehörigen und deren Familienangehörige waren Geheimnisträger. Die Sowjetarmee hatte großes Interesse einerseits die Militärgeheimnisse nicht der DDR zu verscherbeln und andererseits auch die internen unmenschlichen und für DDR-Verhältnisse katastrophalen Bedingungen beim "großen Freund und Bruder" offenzulegen.
     
  9. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    So richtig logisch ist das aber nicht, auf der einen Seite die große deutsch-sowjetische Freundschaft mit "nahegelegten" Brieffreundschaften, Studienaufenthalten usw. und dann solche Schranken, wenn sich die Menschen wirklich näher kamen.
    Im täglichen Leben muß es doch noch weitere intensivere Beziehungen gegeben haben, nicht nur bei @flo.
    Ich habe jedenfalls eine Arbeitskollegin, die aus Dresden kommt aber ursprünglich Russin ist aber einen Dresdner geheiratet hat, also so ganz hat das mit der Geheimhaltung nicht immer funktioniert.
     
  10. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Ich habe mal eine Doku gesehen. Wann und wo weiss ich nicht mehr.
    Da hat eine Frau erzählt, ihre Mutter saß in Sachsenhausen.
    Also nach dem Krieg.
    Sie und ihr sowjetischer "Betreuer" hatten sich verliebt und sie bekam ein Kind, also die, die das erzählte. Der Russe wurde verhaftet und wurde nie mehr gesehen. Das Kind wuchs in einem heim auf. Die mutter durfte sie auch nicht sehen.
    Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Wir haben die Gnade heute zu leben, wo das alles vorbei ist.
     
  11. florian17160

    florian17160 unvergessen

    In den äusserst seltensten Fällen gab es sowas.
    Als ich an der Druschbatrasse war, war es auch verboten mit den Einheimischen Kontakt zu haben.
    Ich kenne aber zwei oder drei Paare, die gesagt haben, Liebe kennt keine Grenzen. Die haben sich durchgesetzt und geheiratet.

    Überleg mal, wir waren da in keinem militärischem Gebiet und trotzdem war es uns verboten mit den Dorfmädchen zu tanzen.
    Lach, hat sich aber keiner dran gehalten.

    Verbotene Früchte schmecken süss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2008
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  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Franzosen hatten auch ihre eigenen Läden, Zoll- und Steuerfrei da haben aber die Deutschen aufgepasst, dass nicht zu viel lief.
    Aber ne Schachtel kippen für 30 Pfennige war schon gut, und Männerware Gauloises, Gitanes da wurde es einem nach 20 Stück echt schlecht.

    Ich habe mal so 1971 in den Seealpen einen älteren Franzosen getroffen, der nicht mehr weiter konnte, (2.500 m und pralle Sonne Südfrankreichs ist auch hart) wir haben ihn dann mit runter genommen, haben uns im Tal noch lange unterhalten, deutsch/englisch/französisch "that´s like holidays for them" meinte er zum Dienst der franz. Soldaten in Deutschland.
     
  13. Themistokles

    Themistokles Neues Mitglied

    Hatten nicht auch andere Staaten ähnliche Situationen? In den 50ern hat es doch noch in mindestens 2 weiteren Ländern gekracht. Bin mir aber nicht sicher in welchen. Ich glaube Ungarn und Polen.


    Zumindestt in den 50ern und 60ern war jegliches Studium als Auszeichnung propagiert.
     
  14. floxx78

    floxx78 Neues Mitglied

  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Kurz nach dem Krieg, als der Wiederaufbau begann, war die Begeisterung für etwas Neues, Besseres wohl noch real. Meine Mutter erzählte mir von ihrer Teilnahme am Fackelzug der FDJ 1949 am Brandenburger Tor (Ähnlichkeiten zu 1933 !) anlässlich der Staatsgründung der DDR.
    "Bonn, Bonn, Bonn am Rhein - als Hauptstadt bist du viel zu klein !"
    Die Euphorie gab sich dann, als man erkannte dass man nur ein Rädchen im Machtgefüge der Blöcke war und die Läden leer blieben.

    Meine Mutter berichtete immer positiv über die Russen (11 bei Kriegsende in Berlin), obwohl ihre ältere Schwester (meine Tante also) auch vergewaltigt wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2008
  16. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Da habe ich gar nicht dran gedacht, die NAAFI-Läden müssen auch andere Preise gehabt haben wegen Steuer/Zoll usw, die soldiers werden auch nicht so viel verdient haben, da mussten die Lebenshaltungskosten passen.
    Das war in den 70ern und Britain hat mW eine Berufsarmee, da sind bestimmt viele zur Army gegangen, um ein sicheres Einkommen zu haben. Aber ob das Urlaub für die war, ist eine gute Frage. Mir fallen spontan in dieser Phase des kalten Krieges keine heißen Kampfplätze ein, außer Vietnam natürlich für die Amis, Falkland war doch später. Und bei den Russen gab es einige bewaffnete Konflikte.
    Aber wurden da die kalten Krieger eingesetzt, die in Deutschland die Grenze bewachten?
    Wenn ich über diese Zeit nachdenke, erscheint es mir bemerkenswert, wieviel Krieger und Material durch den kalten Krieg in Deutschland für Nato und Ostblock "unnütz rumstanden" und Geld kostete, irgendwie konnten wir uns das scheinbar damals leisten, in Westdeutschland hat ja deshalb niemand gelitten, oder?
     
  17. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Das ist eigentlich recht normal, wenn eine Armee Truppen im Ausland stationiert hat. Ist viel praktischer, wenn die Soldaten sich nicht mit den jeweils sehr unterschiedlichen Gegebenheiten der Länder beschäftigen müssen, und die gewohnten Sachen ohne Sprachschwierigkeiten kaufen können.

    Ich habe darüber keine Informationen - aber es würde mich sehr wundern, wenn die Bundeswehr so etwas für die Jungs in Afghanistan nicht anbieten würde (natürlich nur provisorisch, nicht als fertigen Supermarkt). Die werden ihren privaten Bedarf doch nicht im Basaar von Kabul kaufen.

    Und natürlich sind solche Läden für die "Eingeborenen" normalerweise nicht zugänglich - unabhängig davon, ob das Angebot dort für sie überhaupt interessant ist.



    Ein Onkel aus Kanada besuchte vor 30 Jahren das erste Mal Deutschland.
    Einige Jahre später kam er wieder - und beschenkte die ganze Verwandschaft mit diesen typischen deppen Schirmkappen in grellbunt (die waren damals in Deutschland noch überhaupt nicht üblich).
    Wir haben uns natürlich pflichtgemäß gefreut und nachgefragt, wie er denn jetzt ausgerechnet darauf gekommen wäre.
    Meinte er, ihm wäre beim ersten Besuch aufgefallen, daß in Deutschland kein Mensch diese Mützen trägt. Und dann hätte er herausgefunden, daß es die nur im PX-Shop der US-Army gab. Und da hatten Deutsche keinen Zutritt.

    Also ein klarer Fall von Diskriminierung, böse GIs enthalten den armen besetzen Deutschen die lebensnotwendigen Textilien vor. Er hat erst später mitbekommen, daß man mit so einer Kappe eher als Lachnummer gilt und die Nachfrage deswegen so gering war ...
     
  18. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es gab in der DDR an den Standorten die sogenannten "Russenmagazine". Dort gab es wirklich begehrte Waren zu kaufen, z.B. Russenpralinen oder Filzstifte. Mit Kaviar konnte man sich bis zum Erbrechen eindecken. Ich rede von den 1960ern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2008
  19. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ich war in den achtzigern in der DDR, genauer in Schwerin und Rostock, gewesen. Was mir unangenehm aufgefallen war, waren Offiziere der Roten Armee. So standen meine Frau und ich in einer Schlage vor einem Buchgeschäft, man durfte das geschäft nur mit einen Körbchen des Geschäfts betreten, und dann kamen just Offiziere der Roten Armee, die einfach ohne sich in die Schlange einzureihen, in das Geschäft gingen. Und niemand hat gemurrt. Wir haben nur noch gestaunt. Gehörten die Offiziere der Roten Armee einer besonderen "Klasse" an?
     
  20. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Natürlich hatten die anderen ähnliche Probleme. Aber die waren ja nicht geteilt. Möglicherweise waren aber die DDR-Machthaber auch paranoider was das eigene Volk anging (siehe auch Stasi-Überwachung).
    Vieleicht können ja auch unsere polnischen und anderen Forumsmitglieder sagen wie das bei ihnen mit der Freundschaft zur SU war.
     

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