Untergang der Zünfte

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Harlequin, 23. Juni 2015.



  1. Harlequin

    Harlequin Neues Mitglied

    Hallo,

    Ich beschäftige mich gerade mit dem Untergang der Zünfte für ein Referat. Arnd Kluge schreibt im Buch "Die Zünfte", dass sich das Zunftwesen im Großen und Ganzen mit den Manufakturen arrangieren konnte. (Ausnahmen speziell im Textilbereich bestätigen selbstverständlich die Regel)

    Problematisch hingegen waren für die Zünfte in Fabriken hergestellte Produkte. Diese hätten, im Gegensatz zu Manufakturprodukten, direkt mit den Erzeugnissen von Handwerkern konkurriert.

    Mir stellt sich nun folgende Frage (die leider im Buch nicht beantwortet wird):
    Warum stellen Fabriken sukzessive Erzeugnisse her, welche Manufakturen vorher nicht produzierten?
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Die Zünfte degenerierten zum Beginn der Neuzeit, spätestens aber im 16. Jhd zu Interessenvertretungsorganisationen der wohlhabenden Meister und der Meistersöhne. Vor allem im Textilgewerbe waren die Zünfte überbesetzt, und viele Gesellen hatten niemals die Chance, Meister zu werden. Der völlige Niedergang der Zünfte hing einerseits mit der Mechanisierung und arbeitsteiligen Spezialisierung im Zuge der Industriellen Revolution zusammen, zum anderen aber auch mit Verwerfungen durch politische Änderungen. Bis ins 18. Jhd kontrollierten die Zunftoberen in den oberdeutschen Textilmetropolen die Zahl der Textilien, die ein Meister im Monat herstellen durfte und die Qualität des Verarbeitungsprozesses. Viele Manufakturbetriebe arbeiteten mit Gefangenen oder Insassen und In- sassinnen von Arbeitshäusern die kein Handwerk gelern hatten und nur einen Arbeitsschritt übernahmen. Allerdings gab es noch keine Gewerbefreiheit und es konnten Erzeugnisse aus Manufakturen aus verschiedenen Gründen nicht mit "zünftig" hergestellten Produkten konkurrieren, und es verfügten Vertreter der Zünfte über Einfluss, sich Konkurrenten fernzuhalten. Mit der Einführung der gewerbefreiheit konnte prinzipiell jeder, der das Geld hatte, eine Spinnerei gründen, ohne das Weberhandwerk erlernt zu haben, und durch die Erfindung der "Spinning Jenny" und anderer Spinnereimaschinen konnte ein Fabrikant mit billigen, ungelernten Arbeitskräften mehr Textilien herstellen, die qualitativ genauso gut oder besser waren, als Produikte, die ein Loden- oder Leineweber herstellen konnte. Mit der Erfindung der Cottongin, einer Baumwollentkernungsmaschine, die ein Yankee, Eli Whitney, erfunden hatte, waren Baumwollgewebe erschwinglicher geworden. Kattun und Cord wurden für Dienstbotenkleidung verwendet, und in manchen gegenden Sachsens fertigten Weberfamilien Arbeitskleidung für Sklaven in Brasilien und den USA- ein frühes Beispiel von Globalisierung
     
  3. Monika

    Monika Gesperrt

    Da denke ich auch an Napoleon mit seinem Code Civil, in dem er auch die Abschaffung des
    Zunftzwangs abgeschafft hat. Das wurde auch zu der Zeit in anderen europäischen Ländern übernommen. Ich weis aber nicht, ob dies der Ursprung war??
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Gründe für den Niedergang der Zünfte, vor allem im Textilgewerbe, seit in der frühen Neuzeit sind vielschichtig. Überbesetzung des Handwerks, neue Produktions- und Wirtschaftsformen (Stichwort Frühkapitalismus), Gewerbefreiheit spielten dabei eine Rolle, stellt sich aber die Frage nach dem Ursprung, der der zünftigen Produktionsweise den Garaus machte, so ist die Antwort: Die industrielle Revolution, die sich im ausgehenden 18. Jhd von GB auf den Kontinent verbreitete. Mit Maschinen ließ sich die Produktivität enorm steigern. Die von James Hargrave, einem Weber erfundene Spinning Jenny wurde noch mit Muskelkraft angetrieben, und der Verarbeitungsprozess verlangte vom Spinner ein hohes Maß an Geschicklichkeit. Trotzdem ließ sich mit dieser noch recht einfachen Maschine die Produktivität um das 4-6 Fache steigern. Eli Whitneys Cottongin (Gin, oder Jenny bürgerte sich als Verballhornung von "engine" ein, mit Wacholderschnaps oder weiblichen Vornamen hatte das nichts zu tun) steigerte die Produktivität eines Sklaven um das 50Fache. Je mehr Maschinen perfektioniert wurden, umso leichter ließen sich Produkte herstellen, die qualitativ "zünftig hergestellten" ebenbürtig waren, die aber in nur einem Arbeitsschritt und viel kürzerer Zeit hergestellt werden konnten. In der frühen Neuzeit waren viele Zünfte, vor allem in der Textilbranche zu Interessenvertretungen der reichen Meister und Meistersöhne verkommen, aber noch immer brauchte man die Zünfte, denn die sorgten dafür, dass Tuche nach gewissen Mindestanforderungen an Qualität hergestellt wurden und dass jeder Meister nur eine bestimmte Menge an Tuchen herstellen durfte und damit ein gewisses Preisniveau gehalten wurde, das jeder Handwerker sein Auskommen hatte (oder besser gesagt haben sollte). Mit maschineller Massenproduktion waren die Zünfte im Grunde überflüssig geworden. Wozu sollte noch ein Lodenweber engagiert werden, wenn ungelernte Arbeitskräfte in weniger Zeit mit Maschinen das gleiche Produkt in Massenfabrikation herstellen konnten? Wer die Produktionsmittel (= Maschinen besaß und die Produktivkräfte=Arbeiter) kontrollierte, kontrollierte damit die Quellen des Wohlstands (naturelle Rohstoffe und brauchte keine zünftigen Handwerker mehr, sondern ungelernte (billige) Arbeitskräfte, denen man nur soviel Lohn zahlen brauchte, dass sie lange genug am Leben blieben.
     
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich denke ein wichtiger Punkt für den Untergang der Zünfte war die von Scorpio bereits genannte Gewerbefreiheit. Sie trat in Preußen im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen 1810 inkraft.

    Das Textilgewerbe ist sicherlich ein Paradebeispiel für die Industrialisierung. Aber ich weiß nicht, ob es auch ein gutes Beispiel für den Untergang der Zünfte ist. Das Verlagswesen war in dieser Branche bereits vor der Industrialisierung und der Gewerbefreiheit verbreitet. Zünfte bestimmten Preise und Produktion in einem Ort. In einem überortlichen Verlagssystem kam diese Rolle eher dem Verleger zu. Der Webermeister wurde früh zum Lohnempfänger.

    OT: Zum Thema "Die Weber" fällt mir Gerhart Hauptmanns Drama ein.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich muss in diesem Zusammenhang an diese Karikatur aus dem Kladderadatsch denken:





    und an Heinrich Heines Weberlied

    Im düstern Auge keine Träne,
    Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne.
    Deutschland wir weben dein Leichentuch;
    Wir weben hinein den dreifachen Fluch.


    Ein Fluch dem Gotte zu dem wir gebeten,
    In Winters Kälte und Hungers Nöten.
    Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
    Er hat uns geäfft gefoppt und genarrt.

    Wir weben...., wir weben...

    Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
    Den unser Elend nicht konnte erweichen.
    Der den letzten Groschen von uns erpresst
    Und uns wie Hunde erschießen lässt.

    Wir weben..., wir weben...

    Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
    Wo nur gedeihen Schmach und Schande.
    Wo jede Blume früh geknickt,
    Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt.

    Wir weben....wir weben...

    Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
    Wir weben emsig Tag und Nacht.
    Altdeutschland wir weben dein Leichentuch,
    Wir weben hinein den dreifachen Fluch.

    Wir weben....
     

    Anhänge:

  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Das sagte ich ja auch in meinem Beitrag, dass die Zünfte bereits im 16. und 17. Jhd zu Interessenvertretungen der wohlhabenden Meister verkamen. Wolle außerhalb der Stadtgrenzen bei Schäfern zu kaufen, war vielerorts von der Zunft verboten oder die armen Meister hatten nicht genug Geld dazu und mussten sich von Kaufleuten das Geld/die Wolle leihen. Andererseits durfte ein Meister nur eine bestimmte Menge an Tuch im Monat weben. In Nördlingen und anderen oberdeutschen Städten waren Lodenweber gezwungen, die Zunftmarken zu fälschen und mehr Tuche zu weben, als die Zunftordnung erlaubte, um diese dann heimlich ellenweise außerhalb der Stadt zu verkaufen.

    Trotzdem blieb die Zunft ein elementares Identifikationsmodell für die Handwerker, mochte ein armer Meister auch die Zunftoberen verfluchen. Soziale Kontakte wurden anlässlich von Veranstaltungen geschlossen, die die Zünfte veranstalteten, der Beruf wurde vom Vater auf den Sohn weitergegeben, es gab einen über Generationen tradierten Kulturcode, und auf seinen Meister- oder Gesellenbrief, auf sein erlerntes Handwerk, auf alte Traditionen war man stolz, und jeder Stand hatte seinen Ehrencodex, selbst die Bettler und Gauner. es war allerdings eine abgestufte, trennende Ehre. Sie gab Menschen Sicherheit, weil sie jedem seinen Wert, seine "Ehre" bescheinigte. Das sorgte für Stabilität, aber auch für gesellschaftliche Verkrustungen, Dünkel und Leid. Friedrich Hebbel, der durch die Lektüre von Hegel geschult ein feines Gespür für Zeitströmungen hatte, greift in seinem Drama Maria Magdalena den Umbruch der alten Welt.

    Der Schreinermeister Anton hält an seiner Handwerkerehre fest. Im Wirtshaus lässt er den Gerichtsdiener Adam kalt abfahren und verweigert ihm Gruß und Gesellschaft, als dieser sich an seinen Tisch setzen will:

    "Leute im roten Rock mussten ehemals draußen vor dem Fenster bleiben und bescheiden den Hut abziehen, wenn der Wirt ihnen den Trunk reichte. wenn sie aber ein Gelüst zeigten, mit jemandem anzustoßen, so warteten sie, bis der Gevatter Fallmeister (Der Scharfrichter) vörüber kam."

    Der Gerichtsdiener Adam rächt sich darauf später, indem er den zu Unrecht eines Diebstahls beschuldigtem Sohn des Meisters die Straße auf und ab führt und damit entehrt, womit er auch dem Vater die öffentliche und private soziale Lebensgrundlage zerstört.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Magdalena
     
  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich denke auch im Mittelalter konnten wohlhabende Meister innerhalb einer Zunft ihre Interessen oft besser durchsetzen als bspw. ein Geselle.
    Ich weiß nicht, ob die Weberzunft ein gutes Beispiel für den Niedergang der Zünfte ist, weil im Tuchgewerbe früh (über-)regionaler Handel eine Rolle spielte. Verlage als direkte Konkurrenten zur lokalen Zunft spielten dort eine größere Rolle als z.B. für die Bäcker-, Metzger- oder Tischlerzunft. Sowohl Zünfte als auch Verlage nahmen Einfluss auf Produktion und Preisbildung einer Ware. Das machte sie zu Konkurrenten, beim Tuch stärker - beim Brot wohl kaum. Zünfte waren lokal in einer Stadt organisiert; Verlage (über-)regional. Der starke Einfluss des Verlagswesens, lässt das Tuchgewerbe für mich als ein atypisches Beispiel für den Niedergang der Zünfte erscheinen.

    Maria Magdalena habe ich damals in der Schule gelesen. Wenn ich das reclam-Heft nicht wieder finde, muss ich wohl zur Stadtbücherei - ich würde es ganz gern mal wieder lesen...:winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. November 2015
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Es ist sicher richtig, dass auch im Mittelalter die Zünfte eher die Interessen der (wohlhabenden) Meister vertreten haben, als die von Gesellen und Lehrlingen. Im Spätmittelalter gingen aber in vielen Städten noch die Mehrheit der Ratsherren und Bürgermeister aus den Reihen der Zünfte und Gilden hervor, mancherorts durften Adelige keine Ämter bekleiden und die Zünfte bzw ihre gewählten Vertreter hatten eine weit größere Einflussmöglichkeit auf politische Entscheidungsprozesse.

    Wichtiger noch ist festzuhalten, dass die Gewerbe noch nicht so überbesetzt waren wie es spätestens im 16. und 17. Jahrhundert der Fall war, als die Mehrzahl der Gesellen fast gar keine Chance mehr hatten, jemals Meister zu werden.


    Ich gebe gerne zu, dass ich auch in diesem Fall in erster Linie von der Textilbranche spreche. Metzger, Bäcker, Schuhmacher oder Büchsenmacher, die in ihrem Gewerbe nicht die enorme Konkurrenz hatten wie die Tuch- und Leineweber und von den enormen sozialen, politischen und demographischen Verwerfungen weniger hart getroffen wurden, konnten noch lange "zünftig" weiter wirtschaften wie es ihre Väter und Großväter getan hatten.

    Die Veränderungen und Verwerfungen, die zum Niedergang der Zünfte/Gilden führten wirkten sich besonders stark auf das Textilgewerbe aus. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang 1. die frühkapitalistische Wirtschaftsform, 2. eine demographische Revolution (die Bevölkerung wuchs trotz verheerender Pestepidemien und Kriegen stark an, es gab mehr Menschen, während die Zahl der Handwerksbetriebe gleich blieb oder sich verringerte, 3. sind zu nennen die sozialen und politischen Veränderungen die mit der Französischen- und der Industriellen Revolution verbunden waren.

    Auch wenn man sich hüten sollte, die Auswirkungen dieser demographischen, sozialen und politischen Faktoren 1:1 auf andere Gewerbe zu übertragen, so sind sie doch im Textilgewerbe am auffälligsten und last but not least am besten wissenschaftlich erforscht.
     
  10. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Es ist wahrscheinlich die Frage, ob das Tuchgewerbe eher eine Außenseiter oder Vorreiterrolle beim Niedergang der Zünfte spielt. Was das" frühkapitalistische" 15./16 Jh angeht, tendiere ich eher zu ersterem. Denn vieles, was sich in dieser Zeit beim Tuch vollzog, lässt sich nicht
    Allerdings stimme ich darin überein, dass die Industrialisierungen im 18./19 Jh. im Textilgewerbe (spinning jenny, etc...) wegweisend, also eher Vorreiterrolle, für andere Branchen waren.

    ....und damit wirft sich bei mir die Frage auf, ob man im 15./16. Jh überhaupt schon ansetzen kann bei dem Niedergang der Zünfte. Vielleicht sollte man viel später bei den ersten Industrialisierungen und der bereits erwähnten Gewerbefreiheit anfangen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2015
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Gewerbefreiheit war aber eher der Exitus der Zünfte, ein Niedergang lässt sich aber schon im 16. spätestens aber im 17. Jahrhundert feststellen. Das mag je nach Region und je nach Gewerbe unterschiedlich gewesen sein. Einige von ihnen boomten im 16. und 17. Jahrhundert noch einmal wie die Brillen- und Büchsenmacher, und auch die Metzger machten im 16. Jahrhundert noch gute Geschäfte, aber der politische Einfluss der Zünfte innerhalb der frühneuzeitlichen Städte ging doch deutlich zurück, und innovative technische Impulse gingen kaum noch von ihnen aus oder wurden sogar blockiert. Die Zunftoberen waren oft extrem konservativ, und viele Gewerbe, nicht bloß in der Textilbranche, waren überbesetzt. Ich weiß, es nervt, wenn ich schon wieder vom Tuchgewerbe anfange, aber dort waren in den oberdeutschen Städten noch im 17. Jahrhundert Kardiereisen zur Bearbeitung von Loden verboten und es wurden noch immer Tuche mit der Kardendistel bearbeitet, um sie aufzurauhen und ihnen eine flanellartige Oberfläche zu geben.
     
  12. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Nein Scorpio, es nervt nicht, wenn du wieder die Textilbranche nennst. Danke für das Beispiel.
    Ich gebe dir recht, dass Zünfte konservativ und wenig innovativ in der frühen Neuzeit waren. Aber ich weiß nicht, ob es ein Zeichen von Niedergang ist, wenn man es "als Konservativer" über lange Zeit schafft, den status quo zumindest annähernd zu halten.
    (Stadt-)Politisch verloren die Zünfte wahrscheinlich an Macht ab dem Ende des Mittelalters, wirtschaftlich hielt sich ihr Einfluss oft bis zur Gewerbefreiheit (Zunftzwang).

    OT(weil wahrscheinlich tagesaktuell): Ich sehe die Zünfte nicht nur negativ, sondern auch als Entwicklungshelfer von heutigen Berufsverbänden, Handwerkskammern und Gewerkschaften.
     
  13. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Ich würde den Niedergang der Innovationskraft der Zünfte erst im 17. Jahrhundert ansetzen oder allerhöchsten wirklich erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Immerhin hat Peter Henlein - als Schlossermeister war er natürlich Zunfmitglied - noch im 16. Jahrhundert die Taschenuhr erfunden.
     

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