Untertanenmentalität im Kaiserreich

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von lene, 31. Januar 2011.

  1. lene

    lene Neues Mitglied


    Hey ihr Lieben,
    ich muss für den Geschichtsunterricht ein Referat halten über den Zusammenhang von Untertanenmentalität im Kaiserreich und den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.
    Über die politischen und gesellschaftlichen verhältnisse habe ich schon relativ viel gefunden und das ist mir soweit alles klar aber ich finde einfach nichts wirkliches zur Untertanenmentalität. Hat jemand villt. einen Tipp wo etwas darüber steht oder allgemein was es ist.

    Schon mal vielen Dank:)
     
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Untertanenmentalität?

    "Sehr hochverehrte, über die Maßen verehrte Landesmutter, Fürstin und Herrin,

    ich erlaube mir Ihrer Hochwohlgeboren, folgendes Anliegen nahezubringen.

    Mein Sohn ist nunmehr in der Obersekunda, des nach Ihrer Hochwohlgeboren benannten Gymnasiums und bereitet sich auf den vaterländischen Dienst in dem Regiment unseres Hochwohlgeborenen Fürsten und Herren vor.

    Bereits im zarten Alter von 10 Jahren durfte mein Sohn bei Ihnen Pagendienst leisten,

    Euer Hofmarschallamt bezeugt unseren Adelsstand.

    Ich verbleibe in tiefster Verneigung und in der Versicherung Ihrer Gnade und sehe dem Eintritt meines Sohnes in das ruhmreiche Regiment xxx, welches Ihr Hochwohlgeborener Gemahl als Chef vorsteht, mit freudiger Erwartung entgegen



    ...."

    Wenn Dir das nicht ausreicht, lies von Heinrich Mann, "Der Untertan", ;)


    M.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  4. Cliomara

    Cliomara Aktives Mitglied

    Ich glaube nicht, dass man der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich generell Untertanenmenatlität unterstellen kann.

    Es gibt in satirischen Blättern eine harsche Kritik am Renommiergehabe von Verbindungsstudenten oder an der Titelgläubigkeit mancher Deutscher. Es gibt auch unter Konservativen - im preußischen Landtag - deutliche Worte der Kritik an die Adresse des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg, dem man unterstellt, er mache der Sozialdemokratie zu viele Zugeständnisse.

    Tatsache ist aber auch, dass das politische System des Kaiserreiches bis in den Ersten Weltkrieg hinein im Bürgertum und auch in Teilen der Arbeiterschaft - die ja nicht nur sozialdemokratisch orientiert war - auf Zustimmung stieß. Es gab eine funktionierende Verwaltung, einen für damalige Verhältnisse hochwertigen Sozialstaat und ein gutes Bildungssystem. Im kaiserlichen Deutschland konnten Bücher erscheinen, in denen über eine mögliche Geisteskrankheit des Kaisers spekuliert wurde.

    Für eine Untertanenmentalität spricht sicher die hohe Wertschätzung des Militärs. Militärische Umgangsformen hielten teilweise Einzug in das Zivilleben.

    Diederich Heßling ist sicher ein Idealtypus des wilhelminischen Untertan; ein Idealtypus im Sinne von Max Weber. Aber er ist in meinen Augen nicht repräsentativ.
     
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  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Das würde ja bedeuten, dass Heinrich Manns Satire ("Der Untertan") quasi aus der Luft gegriffen wäre - und daran habe ich Zweifel. Einen "Idealtypus" satirischer Provenienz kann man nicht ohne Bezug zur Realität konstruieren, denn sonst wäre er ja nicht typisch.
     
  6. Arne

    Arne Premiummitglied

    Satire überzeichnet die Realität. Natürlich war der Untertanengeist da, nur Thomas Mann hat ihn literarisch überhöht. Man sollte auch beachten, daß die ersten Episoden vor 1914 im Simpliciccimus erschienen. Darüber sollten die Leute erst lachen und dann iüber den wahren Kern ins Grübeln kommen.

    Auch wenn das hinkt, aber in die heutige Zeit übertragen, handelte es sich im Prinzip um Beiträge von Dieter Nuhr in der TITANIC. Leser erkannten in der ätzenden Parodie die menschlichen Schwächen und was falsch läuft in der Gesellschaft.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Man darf sich nicht zu sehr wundern, wenn man einmal die Erziehung der Kinder betrachtet.

    "Der Wille des Kindes muß gebrochen werden, das heißt es muß lernen, nicht sich selbst, sondern einem anderen zu folgen." (1)

    Das Kind sollte zur "Artigkeit" erzogen werden. Die gewünschten Tugenden waren: Fleiß, Korrektheit,
    Pflichterfüllung, Zufriedenheit ("Sei treu im Kleinen / arbeite gern / liebe die Deinen / und Gott, deinen Herrn.");
    Gehorsam, Widerspruchslosigkeit ("Ein gutes Kind gehorcht geschwindt."); Bescheidenheit, Dankbarkeit (" Sei
    die Gabe noch so klein, dankbar mußt du immer sein."); Demut ("Wo ich bin, und was ich tu, sieht mir Gott,
    mein Vater, zu."); Ordnungsliebe, Ökonomie der Zeiteinteilung ( "Halte Ordnung, liebe sie; sie erspart dir Zeit
    und Müh."). (2)

    (1) Schmidt, K.A. (Hrsg): Enzyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, Bd.10, Gotha 2. Aufl. 1887, S.670.
    (2) Berg, Christa: Familie, Kindheit Jugend, in: Dies. (Hrsg): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd.IV, 1870-1918, München 1991, S.112.




     
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das hat - soweit ich das hier übersehen - auch niemand behauptet.


    P.S. Die Behauptung genereller Untertanenmentalität wäre wegen der bekannt harten Konfliktlagen im Kaiserreich auch höchst merkwürdig, bzw. die Ängste bestimmter gesellschaftlicher Gruppen selbst in Fragen des Militarismus wären ansonsten nur pathologisch-phobische Reaktionen.

    Wenn schon: ... dann könnte man die Untertanenmentalität gruppen- (bzw.klassen-) bezogen als vorherrschende Einstellung hinterfragen. ;)
     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ludwig Quiddes Caligula- eine Studie zu Cäsarismus und Byzantinismus handelt zwar vom gleichnamigen römischen Kaiser, im Nachwort der 2. Auflage aus den 20er Jahren berichtet der Historiker und Friedensnobelpreisträger Quidde über die jahrelange Jagd der Staatsanwälte auf ihn, die ihm ein unbedingt ein Majestätsbeleidigungsverfahren anhängen wollten und das schließlich auch schafften, worauf Quidde, der keine Professur mehr bekam 3 Monate in Stadelheim absitzen musste. Quidde geht auch auf Parallelen zwischen Caligula und Wilhelm II. ein, wobei er dessen nassforsche Art und seine Kraftmeierei vor allem auch auf eine ehrgeizige Hofkamarilla und die Bereitschaft der gesellschaftlichen Eliten, autoritäre Strukturen zu unterstützen und sich ihnen zu unterwerfen.

    Kurt Tucholsky machte Thomas Mann das Kompliment in seinen Buddenbrooks ein überaus authentisches Bild des preußischen Schulsystems zu zeichnen. Thomas und Christian Buddenbrook waren noch von humorvollen Pädagogen wie einem freundlichen tabakschnupfenden Direktor, Marcellus stengel und Pastor hirte unterrichtet worden, während Hanno Buddenbrook und sein einziger Freund,Kai Graf Mölln unter dem Regiment eines "gottgleichen Direktors" leiden. Joachim Ringelnatz, der wegen seines Äußeren gehänselt wurde, beschrieb seine Lehrer als "Respekt fordernde Dunkelmänner".
     
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  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Keine Ahnung, ob es da entsprechende Untersuchungen gibt. Über die zweifellos vorhandene "Obrigkeitshörigkeit" habe ich mir aber schon meine Gedanken gemacht.

    Zwei Beispiele aus der zeitgenössischen Literatur:

    Ludwig Thoma (der mit den Filser-Briefen) schreibt, dass es sich die Eliten nicht zuletzt deshalb die fehlende politische Mitbestimmung gefallen ließen, weil über Jahrzehnte eine unerhörte kontinuierliche Steigerung des Wohlstandes da war.

    Fallada, "Eiserner Gustav" die Droschkenpferde des Romanhelden werden 1914 vom Militär beschlagnahmt. Die Entschädigung ist "nicht zu viel und nicht zu wenig", er philosophiert über den korrekten preußischen Staat, über den korrekten preußischen Beamten.

    Insbesondere das letztere ist ein Punkt den man recht hoch ansetzen muss. Jahrhunderte lang war der Deutsche, insbesondere in den Kleinstaaten von der Obrigkeit drangsaliert und "verarscht" worden, dass es eine Art war.

    Deshalb meine These:
    Die korrekte Administration im 2. Kaiserreich, war da vielfach eine ganz neue, überaus positive Erfahrung.
    Die in der 2., 3. Generation natürlich noch viel wirksamer war.
    Und letztlich zu der genannten "Obrigkeitshörigkeit" führte.
     
  11. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Hallo Repo,

    wichtiges und interessantes Thema , das hier angestoßen hat.
    Darüber sollten wir exakter sprechen. Man kommt zu leicht ins Schwadronieren, denn woran soll man seine Thesen fest machen?

    Führt steigender Wohlstand nicht dazu, dass die, denen es wirtschaftlich gut geht, mehr Macht wollen? Politisch mitbestimmen möchten?
    Steigender Wohlstand führt zu mehr Bildung. Und da, wo man sich mit Geld einkaufen muss (ich denke nicht nur an Einheiratungen in Adelskreise - auch an Militärkarrieren), ist das auch möglich. Dazu kommt, dass in bürgerlichen Berufen, die vorher eher verachtet waren (Ärzte-Knochenbrecher) ansehnliche Erfolge gefeiert wurden.

    Danke für den Literaturtipp. Den Eisernen Gustav muss ich lesen

    Von "Dem Deutschen" kannst du in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Es gab zu der Zeit, die du erwähnst, keine einheutliche deutsche Identität.
    Der Ausdruck "verarscht" trifft es sicher.

    Es gibt ein interessantes Buch aus dem Akademieverlag:

    "Vom Rittergut zum Großgrundbesitz."

    Eine Fülle von Statistiken.
    Wilhelm Zwo hat mit Adelsprädikaten um sich geworfen.
    Man müsste überlegen warum es diesen Anstieg von Adligen plötzlich gab.
    Wollte sich Wilhelm II. Ansehen erkaufen?
    Waren die Bürgerlichen (ein Teil von ihnen) so reich und bedeutend geworden, dass er ihren Aufstieg nicht aufhalten konnte?
    Waren Ordens- und Titelverleihungen Momente, in denen er seine eigene Macht genossen hat?
    War das Ganze eine peinliche Kratzfußgeschichte? Nach oben buckeln, nach unten treten?

    Ich habe gelesen, dass auch Krupp ein Adelstitel agetragen worden ist. Der hätte aber dankend abgelehnt. Wußte nicht, was er damit sollte.

    Ich glaube, dass bei diesen Aufstiegsgeschichten meistens die Söhne die Gewinnen sind. Es vergingen sicher ein paar Jahre, bevor der neuerworbene Reichtum zu gesellschaftlichen Höhenflügen geführt hat.

    Grüße
    Arti
     
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  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    interessant,
    Thoma saß wegen dem gleichen Delikt, in Stuttgart.

    Über den Lausbubengeschichten und den Filser-Briefen vergisst man gern, dass Thoma in erster Linie politischer Journalist war.
    Von dem her hat seine Meinungsäußerung über die "fehlende Mitbestimmung" im Kaiserreich durchaus relevanz.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2011
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wirtschaftlich und kulturell hatte das Bürgertum den Adel schon lange überflügelt, dennoch ahmten viele Vertreter des Großbürgertums aristokratischen Lebensstil nach, und es zählte die Erreichung des Reserveoffiziersstatus meist mehr, als selbst ein akademischer Titel.
     
  14. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Der Mensch fing ja auch bekanntlich beim Leutnant an, nicht bei irgend einem albernen akademischen Grad... :pfeif:
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wird vielfach behauptet.
    Andererseits war einer mit Abitur "Satisfaktionsfähig".
     
  16. Artefakt

    Artefakt Mitglied


    Das stimmt so nicht. Satisfaktionsfähig waren die Jungs, wenn sie Mitglied in einer schlagenden Verbindung waren. Darum hatten diese Verbindungen so einen Zulauf. Ein bürgerlicher Knabe konnte so eine gesellschaftliche Stufe hinaufklettern.

    Grüße
    Arti
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das glaube ich jetzt anders zu wissen.
     
  18. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das hätte ja bedeutet, ein Primaner mit frischem Abschluss und Chlorophyll hinter den Ohren hätte einen im Feld ergrauten General, dem schon der Kalk aus den Reithosen rieselte fordern können. Hast du denn Beispiele, dass sich (bürgerliche) Zivilisten und (adlige) Offiziere duellierten? Ich denke, wenigstens Reserveoffizier musste man schon sein - was die Studenten auf dem Paukboden trieben, ist eine andere Geschichte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Februar 2011
  19. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ich habe jetzt mal ein wenig gestöbert und @Repo hat offenbar Recht. Solche Auseinandersetzungen wie oben als fiktives Beispiel genannt, werden die Ehrengerichte im Regelfall verhindert haben.
    Hätte man nicht theoretisch sogar den Kaiser fordern können?
    Ein populäres Opfer beim Hochadel:
    Karl Borwin zu Mecklenburg ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Februar 2011
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Der auch:
    die Todesursache in wiki ist falsch. War ein Duell.

    Nachdem das nach König Wilhelm der letzte evangelische mit Thronansprüchen war, hatte das dynastische Folgen. Der nächste König wäre katholisch gewesen.:rofl:
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Februar 2011
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