Verantwortlichkeit/ Neuzeitliches Problem

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Punkratz, 25. Februar 2012.

  1. Kassia

    Kassia Neues Mitglied


    @ Melchior: Wenn die Anzeige einer Hexe ein gutes Werk sein soll, wie wirkt sich das dann aus, wenn die Angeklagte sämtliche Torturen übersteht und somit als unschuldig gilt?
    Einen Unschuldigen ans Messer liefern zu wollen, zählt das dann doppelt schlimm? Scheint mir in der Tat etwas sehr vereinfacht deine Darstellung.

    Und wo du das Reinigende des Feuers ansprichst: Mit dem Feuer vom Leben zum Tod wurde man auch für andere Delikte bestraft, z.B. Falschmünzerei (Carolina), eben solche, die ein schweres Verbrechen gegen die Allgemeinheit waren.

    Neben dem Purgatorium braucht es noch eine dämonologische Grundausstattung. Gab es die in der Ostkirche? Hexen gab es dort nicht.
    Und wieso gibt es Hexenkinder heute (wieder) in Afrikanischn Ländern, obwohl die Missionare damals solchen Vorstellungen entgegengetreten sind?

    Für 10 Seiten zu viel zu bedenken, aber so als Ausblick und weitere Fragestellung... fürs nächste mal....

    Kassia
     
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    @Kassia

    Eines vorweg, Du hast recht, meine Darstellung weiter oben ist stark verkürzt und didaktisch auf den Threadersteller ausgerichtet.

    Das "Gute Werk" bestand in der Anzeige, die Schuldfeststellung war Sache der Obrigkeit, welcher auch immer. ("Sünder zurechtweisen", "Irrende lehren" usw.).

    Die "Reinigende Kraft des Feuers" bezog sich nicht auf die Hinrichtungsart, überführte Hexen wurden auch ertränkt, erhängt etc., sondern auf das Purgatorium.

    Eine ausgefeilte Dämonologie war dann m.E. eine Folge.

    M. :winke:
     
  3. Punkratz

    Punkratz Neues Mitglied


    @Melchior:
    Deine Fragen kann ich verstehen.
    Und auch beantworten. Aber gibt es Literatur darüber?
    Ich muss mich ja auf irgendwas beziehen und nicht nur auf meine eigene Meinung.

    Aber ich stelle gerade fest dass es absolut krass ist wie viele Themen in die Hexenverfolgung mit reinziehen. Indem ich Frage diskutiere warum die Kirche nicht beendend eingegriffen hat, komme ich an Themen wie Erbsünde, Fegefeuer, Ablass nicht herum. Mir fällt es nur schwer den Kreis zu schließen. :(
     
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  4. Dog Soup

    Dog Soup Neues Mitglied

    Wenn es um Hexenverfolgung in der Neuzeit geht, und du erstmal als Einstieg auf zehn Seiten Historisches mit Theologischem verknüpfen willst, wäre es vielleicht gut, sich an einem konkreten Beispiel entlangzuhangeln statt an einer abstrakten Fragestellung.

    Die Hexenprozesse von Salem sind wohl das berühmteste Beispiel neuzeitlicher Hexenverfolgung. Interessant wird das Ganze vor allem durch die Rolle Cotton Mathers, einem der wichtigsten frühamerikanischen Prediger, der in die Sache tief verwickelt war (hier ein paar Primärquellen). In Deutschland wäre der Fall der Katharina Kepler zu nennen, der, glaube ich, auch schon irgendwo weiter oben angesprochen worden war.

    Ich nenne diese berühmten Fälle, weil das Quellenmaterial da gut ist. Denn so beginnen eigentlich gute geschichtliche Hausarbeiten: ein bisschen vorbereiten und Interessen sondieren, was du ja bereits getan hast - dann PRIMÄRquellen lesen - über irgendwas darin stolpern - daraus eine Fragestellung basteln und mit dieser Fragestellung im Kopf an die Sekundärliteratur herangehen.

    Gerade für eine Arbeit von zehn Seiten, die knapp und knackig werden soll, ist das meiner Ansicht nach die beste Methode.
     
  5. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Dog Soup, ich glaube, dass es dem Themenersteller eher um die europäische Hexenverfolgung von 1450 bis 1750 geht (?).
     
  6. Der Korinther

    Der Korinther Aktives Mitglied

    Im Referat sollte die Hexenverfolgung im Allgemeinen behandelt werden. Dabei kann der "übliche" räumliche und zeitliche Rahmen auch verlassen werden. Es ist also durchaus sinnvoll auch die Hexenverfolgung in den USA zu erwähnen. Auch die derzeitig stattfindende Verfolgung angeblicher Hexen in Afrika sollte nicht unerwähnt bleiben.
    Dadurch würde den Zuhörern auch klar werden, dass Hexenverfolgung nicht nur ein Problem der europäischen Vergangenheit war.
     
  7. Dog Soup

    Dog Soup Neues Mitglied

    Ja, deswegen hatte ich ja extra nochmal das Beispiel von Katharina Kepler hinzugefügt.

    Ich sehe deinen Einwand betreffs der Salem Witch Trials, aber die sind nun mal grundsätzlich die bekanntesten neuzeitlichen Hexenprozesse und sie sind, wie gesagt, extrem gut belegt. Deswegen habe ich sie erwähnt. Der Korinther hat auch - sehr wichtig - bereits darauf hingewiesen, dass ein wesentliches Merkmal von Hexenprozessen gerade ihre erstaunliche Transnationalität ist. Das ist in den europäischen Ländern ja untereinander nicht anders, und schwappt in diesem Fall eben auch über den Atlantik (salopp ausgedrückt).

    Grundsätzlich ging es mir aber gar nicht in erster Linie um die konkreten Beispiele, die ich genannt hatte. Ich wollte mit den Links zu den Salem Witch Trials vornehmlich zeigen, was für Arten von Primärquellen so bei dem grundsätzlichen Thema zB möglich sind. Es ging mir in meinem Posting nämlich tatsächlich vor allem darum, einen grundsätzlichen methodischen Tipp zu geben: Wie kann man an ein so ausuferndes Thema herangehen, wenn man nur zehn Seiten hat und aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive schreiben will? Darüber stand in dem Thread hier bisher einfach noch nicht viel; ich hatte aber den Eindruck, das sei eins der Probleme, das Punkratz hier angesprochen hatte.

    Daher die Form meines Postings. Ich hatte jetzt nicht vor, das Thema von Europa weg zu wechseln. ;)
     
  8. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Punkratz

    Ersteinmal ein didaktischer Tip. Du mußt aufpassen, daß die Facharbeit nicht "ausufert". Die von Dir genannten Begriffe wie "Erbsünde", "Fegefeuer" und "Ablass" solltest Du nur kursorisch und kurz behandeln, dann die Geschichte der Hexenverfolgung.

    Meine Gliederung sähe in etwa so aus:

    1. Einleitung: "Hexenverfolgung ein Phänomen der Frühen Neuzeit".
    Hier dann auch die Abgrenzung zur Inquisition. (ca. 1 Seite)
    2. Mögliche soziologischen Ursachen der Hexenverfolgung.
    Schon weiter oben angesprochen, z.B. Modernisierungsängste, Pest etc. (ca. 1 Seite)
    3. Theologische Begründungsansätze, hast Du schon angesprochen. (ca. 1 Seite)
    4. Historischer Ablauf der Hexenverfolgung, da hast Du schon viele Links. (ca. 5 Seiten)
    5. Individualisierung, da hat Dir mein Mitdiskutant Dog Soup Ansatzpunkte schon gegeben (ca. 2 Seiten).

    M. :winke:
     
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  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich denke, die Halsgerichtsordnungen an sich (Maximilianischen von 1499, Bamberger 1507, CCC 1532) haben einen wesentlichen Anteil am Aufkommen der Hexenprozesse. Durch sie wurde die Hexerei ein Straftatbestand, den man Schwarz auf Weiß nachlesen konnte. Auch war der Richter jetzt, wenn ihm eine Person als Hexe durch mindestens zwei gut beleumundete Zeugen angezeigt wurde, von Amts wegen gezwungen, mittels des Inquisitionsprozesses gegen die besagte Person vorzugehen. Es wurde durch die Halsgerichtsordnungen sozusagen ein "Mechanismus" geschaffen, da in ihnen die Hexerei oder besser der Schadenszauber als Straftat definiert wurde.
     
  10. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Also ein Beispiel kenne ich, wo "die" Kirche erfolgreich interveniert hat!
    In Schwäbisch Hall nämlich hat der Stadtprediger (also das war der oberste Pfarrer für das Gebiet dieser freien Reichsstadt und er wurde jeweils als Nachfolger des dortigen Reformators Johannes Brenz gesehen) Jakob Gräter im Jahr 1589 in einer Predigt die Hexenprozesse als "Affen - und Teufelswerk" verurteilt. Denn wo Hexerei im Spiel sei wären Sterbliche nicht in der Lage die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden. Also sprich, man solle auf Gottes Gericht vertrauen und sich nicht der Gefahr aussetzen sich an Unschuldigen zu versündigen.
    Es gab dort nur einen einzigen Hexenprozess im Jahr 1572, der endete für die Angeklagte zwar tödlich, aber immerhin war sie das einzige Opfer, alle anderen Anklagen wurden vom Rat einfach abgelehnt.
     
  11. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Die Tendenz, die christliche Westkirche und das "Mittelalter" von den Hexenverfolgungen freizusprechen, geht mir etwas zu weit, auch wenn ich es im Ansatz verstehe. Hexerei war schon im römischen Reich strafbar und bereits Augustinus hat im 5. Jhd. die Zauberwirkerei mit der Gottlosigkeit und letztlich dem Teufel verbunden, weil ohne seine Hilfe Menschen keine naturgesetzlich unmöglichen Zauberdinge wirken könnten. Die Kirche hat diese Linie zunächst nicht weitergeführt, aber ab dem 13. Jhd. wird die Spur wieder aufgenommen. Durch das Mittelalter hindurch kam es übrigens immer wieder zu Hexenverfolgungen kleinen, lokalen Ausmaßes, wobei meist der Schadenszauber im Mittelpunkt stand, nicht der Teufelspakt. Oft waren nur Einzelpersonen Opfer der Verfolgung, es gab keine groß angelegten Verfolgungswellen. Wer die Verfolgungen veranlaßte, bleibt oft unklar.

    Die sozusagen moderne Hexenverfolgung mit Hinwendung mehr zum Teufelspakt wurde meiner Ansicht nach von kirchlichen Inquisitoren, die im westlichen Alpenraum wirkten, in der ersten Hälfte des 15. Jhd. erfunden, ist also durchaus noch ein mittelalterliches Phänomen. In der Neuzeit wurden die Verfolgungen mehr von weltlichen Stellen durchgeführt, wobei auffällt, daß die prozentual größten Verfolgungen im Reich oft in geistlichen Landesherrschaften stattfanden.

    Zu bedenken ist eben bei allen Hexenverfolgungen, daß es sehr starke regionale und nationale Unterschiede gab. "Hexenverfolgung in der Neuzeit in Europa" ist insofern mißverständlich, weil es eben nicht überall in Europa Verfolgungen gab. Manchmal wurden begonnene Verfolgungen auch abgewürgt, wie von der spanischen Inquisition in den 1530er Jahren; danach gab es keine Hexenprozesse mehr in Spanien, man tötete lieber Juden, Abweichler, verkappte Moslems, "Sodomiten" und dergleichen. Die eigentlich päpstliche Inquisition kümmerte sich auch kaum um Hexen, im 17. Jhd. war man sogar entsetzt über das Treiben einiger kirchlicher und weltlicher Landesherrschaften im Reich.

    Im Ganzen ein sehr buntes Thema, das sich schmissigen und einfachen Thesen verweigert.
     
  12. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Das wurde aber von der Obrigkeit, die seit dem Hochmittelalter immer weiter zum Tragen kam, eher bekämpft. Und ohne die Unterstützung des immer mal wieder aufkochenden Aberglaubens durch Adel und Geistlichkeit konnte eine regelrechte Verfolgung, die es vom 15. Jahrhundert an gab, gar nicht zustande kommen. Ein interessanter Fall ist eine Hexenverfolgung seitens des Pöbels im 11. Jahrhundert; zwei alte Frauen waren von Bauern der "Zauberei" bezichtigt und verbrannt worden. Die im Dorfe ansässigen Mönche zum Tatzeitpunkt anderweitig beschäftigt, hielten dem Mob daraufhin eine demütigende Strafpredigt, verschafften den Frauen ein ehrenhaftes Begräbnis und erklärten sie zu Märtyrern...

    Das stimmt wohl, allerdings ist der Höhepunkt der Hexenhysterie von 1550-1650 anzusetzen, womit sie unleugbar vor allem als Phänomen des Konfessions-Zeitalters bzw. des Barocks anzusehen ist. Auch waren die Befürworter und Durchführenden nicht unbedingt reaktionär oder ähnliches; unter ihnen waren solche verehrten Lichtgestalten und Erneuerer wie z. B. Martin Luther.

    Ich sehe den Hauptgrund für die extreme Eskalation von Hexenverfolgungen in der frühen Neuzeit (man mag meine Meinung zerfetzen) vor allem in dem Versuch der zunehmend zurückgedrängten Kirchen durch die Duldung der vom Volk gewünschten Hexenverfolgungen wieder näher an den Menschen zu erscheinen. Dabei wurde die Massenhysterie durch die aktive Bejahung der Hexenexistenz durch die Geistlichkeit ab dem Spätmittelalter zusätzlich befeuert.
     
  13. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Na ja, aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass man bei den meisten geschichtlich weniger gebildeten Menschen bei einem Gespräch über das Thema erstmal mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen muss, die Hexenverfolgung wäre ausschließlich und exzessiv ein Phänomen des Mittelalters gewesen. Ich sehe da allgemein keine "Tendenz" zum Freispruch des Mittelalters, wo doch die meisten entweder die romantische Vorstellung von der heilen Ritterzeit oder, weit häufiger, das Bild vom "Finsteren Mittelalter", in dem nichts gut und alles schlecht war, im Kopf haben.
     
  14. Punkratz

    Punkratz Neues Mitglied

    Ich möcht mich hier nochmal für eure Hilfe bedanken :)
    Hausarbeit ist fertig geschrieben, wandert Montag in den Druck und dann kann ich Ende September mit einer Rückmeldung rechnen:)
    Vielen Dank! :)
    Ganz besonders auch nochmal an Melchior für das Korrektur lesen:)

    Lg,
    Punky
     

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