Verhältnis von Krieg/Frieden im Zeitraum ca. 1870-1914

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von speedyjoe, 21. Juni 2014.

  1. speedyjoe

    speedyjoe Neues Mitglied


    Hallo

    Ich möchte mich in einer MA-Arbeit mit dem Pazifismus vor dem 1. WK befassen. Der Anstoss dazu kam vom Kapitel Pazifismus und Militarismus in Kontinent der Gewalt von James Sheehan. In diesem Kapitel hat er sich eben mit diesen beiden Strömungen auseinandergesetzt und dargelegt, wo die eine Seite sich für den nächsten grossen Krieg vorbereitete, während die Pazifisten (in dieser Zeit die "Nebenströmung") eben sich gegen Kriege aussprachen. Unter ihnen gab es natürlich verschiedene Positionen, die den Krieg ablehnten (Christen, Sozialisten und Humanisten).

    Das Interesse weckte hier die Erwähnung von Bloch und Angell, die man als Pazifizisten bezeichnen kann. Bloch hatte in seinem Monsterwerk "Der Krieg" erkannt, welche wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auf die eigene Gesellschaft die modernen Waffentechniken haben werden und ein Grossteil traf dann tatsächlich auch ein. Diese Voraussagen fand ich irgendwie noch bemerkenswert. Angel, ein Vertreter des Freihandels, betrachtete die Sinnlosigkeit des Krieges unter ökonomischen Aspekten. Durch die Globalisierung entstand ein Netzwerk kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Interaktion. Kriege treffen daher sowohl Sieger als auch Besiegte. So sind z.B. Reparationsforderungen wertlos, weil damit potentielle Handelspartner geschwächt werden. Unter den Pazifisten waren sie damals stark umstritten, da sie den Krieg nicht ganz ablehnten, sondern ihn unter realistischen/pragmatischen Gesichtspunkten betrachteten. Im dt. Sprachraum war eines der wichtigsten Bücher für den Frieden "Die Waffen nieder" von Suttner, dass sich aber aus moralischen Gründen gegen den Krieg aussprach.

    Ausgehend davon, und weil laut Sheehan, die Historiker den Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben, wollte ich zu diesem Thema eine Arbeit schreiben. Zur Organisation der Friedensbewegungen gibt es bereits Bücher. Allgemein kann man sagen, dass die ersten Friedensbewegungen aus dem Angelsäschsischen Raum stammen, während Deutschland ein Spätzünder war und in diesem Land auch am Schwächsten waren. (Interessant ist, dass viele Bücher zur dt. Bewegung in den 80er erschienen) Zudem waren die Beziehungen zu den französischen Bewegung wegen Elsass-Lothringen angespannt.

    Inspiriert durch Blochs und Angels Aussagen habe ich mir überlegt, das Verhältnis zwischen Krieg/Frieden bei den Pazifisten anzuschauen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass ich hier bereits in einer Sackgasse gelandet bin, denn innerhalb der dt. Friedensbewegunginnerhalb sind durch die Ziele der Bewegung die Leitplanken ja bereits gesetzt. Die Betrachtung der Diskussion innerhalb der Friedensbewegung verspricht wenig Erkenntnise, da die Zeitschriften dazu nicht viel hergeben (exemplarisch habe ich eine Blick auf die Monatsschrift "Die Waffen nieder" geworfen). Zudem verspreche ich mir auch wenig Gewinn bei der Diskussion zwischen Militaristen und Pazifisten. Es ist irgendwie verhext. So fände ich zwar das Betrachten des Verhältnisses von Krieg und Frieden im Zeitraum ca. 1870-1914 eigentlich sehr spannend (gerade Ideen wie die von Bloch oder Angel), aber irgendwie muss ich doch feststellen, dass die Leitplanken entweder bereits gesetzt sind oder das Ergebnis absehbar sind. Da ich einerseits sehr gerne etwas darüber machen würde, aber andererseits irgendwie kein freies Feld sehe und gedanklich in einer Schlaufe hänge, habe ich mich gefragt, ob ihr vllt mögliche Ideen habt, wie ich dennoch zu einem freien Feld kommen könnte, dass ich beackern kann.

    Gruss, speedyjoe
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2014
  2. speedyjoe

    speedyjoe Neues Mitglied

    Ich kann meinen Post leider nicht mehr editieren, deshalb ein Doppelpost um es vllt etwas zu präzisieren.

    Die Sackgasse umfasst mehrere Punkte. Innerhalb der dt. Friedensbewegung ist das meines Erachtens bereits erforscht. Ursprünglich als unpolitische Bewegung in den 90er gegründet, musste sie sich zunehmend mit politischen Themen auseinandersetzen, wie z.B. der Flottenrüstung. Aus der Kontroverse zwischen Militaristen und Pazifisten erwarte ich auch deshalb wenig, weil ich das Gefühl habe, dass das Ergebnis ohnehin feststeht. In diesem Zusammenhang wird immer wieder Hans Delbrück zitiert. Und mit Angell hat sich bereits jmd. befasst. Das Problem ist deshalb, dass ich zwar die Überlegungen über Krieg und Frieden beibehalten möchte, aber aktuell sehe ich keinen Ausweg aus dem erforschten Gebiet.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Es gab vor dem WW1 vor allem in den sozialistischen Parteien keine Begeisterung für einen Krieg. Quantitativ bildeten sie das eigentlich größte Reservoir an Gegnerscahft gegen den Krieg.

    Dieses kann man sehr gut beipielsweise für das DR und vor allem auch für Frankreich deutlich aufzeigen.

    Es wäre beispilsweise nicht möglich gewesen, die französischen "Arbeiter / Sozialisten" für einen Angriffskrieg auf das DR zu mobilisieren.

    Ähnliches gilt für die deutsche Sozialdemokratie.

    Nur dadurch, dass das DR die Bedrohung durch das für die Sozialdemokratie wichtige Feindbild, russischer Despotismus, inszenieren konnte, war sie bereit für den "Burgfrieden" und bereit in den Krieg zu ziehen.

    Dass sie dann vor allem gegen französische Arbeiter/Sozialisten in den Krieg ziehen mussten, ist dann einer der verstörendsten Aspekte der "internationalen Solidarität" der erweiterten Friedensbewegung, aus dem bürgerlichen und dem sozialistischen Umfeld, der Periode vor dem 1. Weltkireg.

    In ähnlicher Weise konnten die französischen Sozialisten nur für den Krieg gewonnen werden durch die Vorstellung, gegen den preußischen Militarismus zu kämpfen. Ohne den Angriff auf Frankreich hätte Frnakreich von sich aus nicht kämpfen können und wollen. Der Angriff einigte Fronten in Frankreich, die noch im Mai 1914 als nicht konsensfähig angesehen werden mußten.

    In diesem Sinne wurden die bürgerlichen und linken Teile der Friedensbewegung durch die Möglichkeit der jeweiligen Regierungen neutralisiert, Patriotismus gezielt zu stimulieren.
     
  4. speedyjoe

    speedyjoe Neues Mitglied

    der burgfrieden wurde ja auch dadurch geschaffen, da jede seite dachte, dass sie sich verteidigt. die friedensbewegungen konnten die julikrise auch nicht durchblicken. gehalten hat der burgfrieden aber nicht, sondern es ist zur spaltung gekommen.

    ich habe gedacht, ob vllt noch jmd. inhatliche kontroversen kennt, die man noch genauer analyisieren könnte. denn aus meiner sicht, ist das scheinbar schon abgegrast, scheinbar. aber vllt habe ich ja was übersehen.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Doch sie haben den Weg in den Abgrund durchaus verstanden. Wie eigentlich alle in Europa gewußt haben, dass es in den Abgrund ging. Nur die Vorteile, die man sich versprach waren unterschiedlich. Es war eher für die Einen der Wunsch, den "gordischen Knoten" der politischen Verkrustung zu duchschlagen und die Anderen versprachen sich eine Restaurierung ihrer antiquierten monarchischen Vorrechte.

    So weist Hewitson darauf hin, dass die Opposition durch die SPD am 28 und 29 Juli 1914 ihren Höhepunkt erreicht hatte und mehr als 750.000 Menschen an Demonstrationen gegen den Krieg teilgenommen haben.

    Diese Anzahl lag deutlich über der Anzahl, die an nationalistischen Demonstrationen teilgenommen haben.

    Und der "Vorwärts", immerhin die zentrale Zeitung der SPD stellt als Stimmung am 1. August fest, dass die "Hurra-Stimmung" einer eher gedrückten Stimmung gewichen ist.

    Dass dann ca. 2 Millionen Parteigänger der SPD dennoch in den Krieg gezogen sind, ist nicht selbstverständlich und zeigt die komplizierte Beziehung zwischen "Klassenbewußsein" und "Nationalbewußtsein".

    Ich würde erst einmal zu Sheehan weitere Literatur heranziehen, um ein Urteil zu fällen, ob das Thema "abgegrast" ist.

    Germany and the Causes of the First World War - Mark Hewitson - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Juni 2014
  6. speedyjoe

    speedyjoe Neues Mitglied

    ich denke, dass dieses gebiet eher abgegrast ist. zumal die friedensbewegungen bereits erforscht wurden. ich merke, dass ich das ganze falsch aufgezogen habe. (lautes denken ist gar nicht so unnützlich) ich denke, dass ich an diese frage anders herangehen muss und z.b. die rezeptionsgeschichte von wichtigen "pazifistischen" schriften ein fruchtbares feld sein könnte. so heisst es z.b., dass blochs werk der krieg international rezipiert wurde, aber bisher sich keiner dessen angenommen hatte. könnte durchaus interessant sein, da es von verschieden kreisen rezipiert wurde und dann natürlich auch die frage, ob es nach dem krieg gelesen wurde, wo man zähneknirschend zugeben muss, dass er recht hatte. überhaupt ist mir aufgefallen, dass es fast keine literatur über ihn gibt (könnte auch an sprachlichen barrieren liegen, er war pole).
    könnte es natürlich auch so machen, dass ich mir die rezeptionsgeschichte mehrerer schriften anschaue, die sich gegen den grossen krieg aussprechen. müsste dann aber a) diese vergessenen ideen gegen den grossen krieg finden und b) der korpus an schriften darf nicht willkürlich sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2014

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