Völkermord Herero - Problemfrage stellen

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Shrederman, 18. Dezember 2012.

  1. apohlma

    apohlma Neues Mitglied


    Hey!

    Was sich wirklich einfacher diskutieren lässt, als ein möglicher Vergleich zum Holocaust, vor dem ich auf Grund seiner Komplexität nur warnen kann, ist die Frage, inwiefen Deutschland den Hereo und Nama Entschädigungen zahlen sollte. Eine wirklich aktuelle und kontroverse Frage, die u.a. in der letzten Spiegelausgabe aufgenommen wurde.
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Zwei Bitten

    Erste Bitte
    Ich hatte diesen Passus zuerst überlesen, aber er scheint mir wichtig: Den "Kolonisten" vor Ort werden hier die "Kolonialräsonierenden" daheim gegenübergestellt.

    Kannst Du (mit oder ohne Kundrus) ungefähr angeben, woraus sich die zweite Gruppe parteipolitisch oder ökonomisch oder sonstwie zusammensetzte und wie sie publizistisch tätig wurde?

    Zweite Bitte

    In dem Thread "Wer sich an den Kolonialismus erinnerte, hat ihn verklärt" - Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte geht es, wie schon so oft, um die Bewertung der Massaker in Südwest. Gleich zu Beginn lässt sich der Historiker Zimmerer wie folgt ein:
    Es gibt Befehle, Schriftwechsel, Berichte, Soldatenmemoiren. In Peter Moors Fahrt nach Südwest, einem damals sehr populären Jugendbuch, wurde argumentiert, die "Schwarzen" – hätten, wie es hieß, – "kein Lebensrecht" [Zitat!] mehr, weil sie keine zivilisatorischen Leistungen vollbracht hätten.
    Das Jugendbuch wird hier als fünfte Quellen-Kategorie angeführt. Der Sinn des Zitats, wenn ich ihn richtig verstehe, besteht darin, zu zeigen, dass zu jener Zeit bereits eine Art von "eliminatorischer Rassismus" in Deutschland existierte, und sei es "nur" (oder "sogar"?) in Jugendbüchern.

    Ich kenne das Buch. Sein Volltext kann im Gutenberg-Projekt nachgelesen werden: Peter Moors Fahrt nach Südwest von Gustav Frenssen - Text im Projekt Gutenberg. Allerdings kann ich das Zitat – die "Schwarzen ...(hätten) kein Lebensrecht" – darin nicht auffinden.

    Wer kann mir das Zitat nachweisen? (Gern auch einer anderen Ausgabe des Buches.)
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Zimmerers Aussage wird sich auf das Ende des 16. Kapitels (S. 99/100) beziehen, die "gerechtfertigte Vernichtung", das Resümmieren über die vielen toten Herero und Nama, die eigenen Opfern, die zivilisatorische Überlegenheit, etc.:

    Hier der Text:

    "Ich knurrte ein wenig; ich dachte, der Schuß könnte feindliche Haufen, die etwa noch zurückgeblieben waren, auf uns aufmerksam machen; der Oberleutnant aber meinte, mir wäre nicht recht, daß er den Schwarzen erschossen hatte, und sagte in seiner gelehrten, bedächtigen Weise: »Sicher ist sicher. Der kann kein Gewehr mehr gegen uns heben und keine Kinder mehr zeugen, die gegen uns kämpfen; der Streit um Südafrika, ob es den Germanen gehören soll oder den Schwarzen, wird noch hart werden.«

    Der Schutztruppler lehnte sich in schweren Brustschmerzen an sein Pferd und erzählte mit seiner gequälten Stimme: »Als wir einmal da im Süden mit unserm Hauptmann am Feuer saßen, da sagte er, zwei Millionen Deutsche würden hier wohnen; ihre Kinder, sagte er, würden sicher durchs Land reiten und ihre Gespielen besuchen und würden unterwegs ihre Pferde an den alten Wasserstellen tränken und an vielen neuen, welche überall gegraben würden. Aber ich werde nichts davon sehn, krank bin ich, schrecklich krank. Habt ihr nicht einen einzigen Tropfen Wasser?«

    Er hielt sich am Sattel seines Pferdes und sah mit stieren Augen über die Steppe, über welcher die Sterne erschienen. Der Oberleutnant redete ihm zu und setzte es durch, daß er sich hinlegte, und deckte den Mantel über ihn. Er selbst stand mit der Uhr in der Hand neben seinem Pferd und hob die Uhr im Takt, um sich wach zu halten. So standen wir beide eine gute Weile. Darauf sagte er: »Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie die zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben.« Dann kam er auf die Heimat zu sprechen und sagte dies und das und meinte: »Was wir vorgestern vorm Gottesdienst gesungen haben: ›Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten,‹ das verstehe ich so: Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind. Das will aber nicht viel sagen gegenüber diesem schwarzen Volk; sondern wir müssen sorgen, daß wir vor allen Völkern der Erde die Besseren und Wacheren werden. Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit.«

    Der Schutztruppler war eingeschlafen; der Oberleutnant stand aufrecht, zuweilen ein wenig schwankend, die Uhr in der Hand. Ich stand neben meinem Pferd, halb wachend, halb schlafend. Der Mond ging auf; die Nacht wurde kalt und windig. Nach einer Weile sagte der Oberleutnant: »Aber der Missionar hat doch recht, daß er sagt, daß alle Menschen Brüder sind.« Ich sagte: »Dann haben wir also unsern Bruder getötet;« und sah nach dem dunkeln Körper, der lang im Grase lag.

    Er sah auf und sagte mit seiner heisern, schmerzenden Stimme: »Wir müssen noch lange hart sein und töten; aber wir müssen uns dabei, als einzelne Menschen und als Volk, um hohe Gedanken und edle Taten bemühen, damit wir zu der zukünftigen, brüderlichen Menschheit unser Teil beitragen.« Er stand und sah in Gedanken über die weite, mondbeschienene Steppe und wieder auf den stillen, toten Körper.

    Ich hatte während des Feldzugs oft gedacht: ›Was für ein Jammer! All die armen Kranken und all die Gefallenen! Die Sache ist das gute Blut nicht wert!‹ Aber nun hörte ich ein großes Lied, das klang über ganz Südafrika und über die ganze Welt und gab mir einen Verstand von der Sache."


    Die Botschaft ist hier:
    Völkischer Darwinismus. Den "Edlen" und "zivilisatorisch Höherstehenden" gehört die Welt, auch ihre Opfer sind für die "zukünftige Brüderlichkeit" gerechtfertigt, wenn "die Erde den Besseren und Wacheren gehört".
    Diese "brüderliche Phase" werden die "Schwarzen" eben nicht erleben, wenn sie sich nicht vorher den "Edlen" unterordnen. Da sie das nicht tun, muss man in diesem Weltbild eben auch Brüder töten.

    Zimmerers Verständnis steht da auch nicht allein bzw. isoliert oder als besonders bemerkenswert unter Historikern.

    Wie hier zusammengefasst:

    "Similar historical distortions characterised another hugely popular book from the inter-war period. Gustav Frenssen’s Peter Moor’s Fahrt nach Südwest (Peter Moor’s Adventures in South-West Africa) was a simplistic dramatised account of the Herero-Nama genocides, based closely on interviews with veterans of the German Schutztruppe. The novel gripped its (mainly young) readers with tales of danger and heroism. Repeatedly, over the course of the story, Frenssen justified the destruction of the Herero and Nama by allowing his characters to regurgitate the traditional racist caricatures found in the German press during the genocides. Peter Moor, the central character, discovers the Herero to be untrustworthy and primitive. He dismisses them as barbaric peoples, doomed to a just and inevitable extinction. Frenssen’s novel was the best-selling children’s book in Germany until 1945."

    Peter Moor, der zentrale Charakter des Buches, kommt zu der Erfahrung, dass die Hereros unzuverlässig und primitiv sind. Er lehnt das Volk als barbarische Leute ab, die bestimmt sind für eine gerechte und unausweichlich-zwangläufige Auslöschung bzw. Vernichtung/Ausrottung.

    Es ist auch relativ egal, ob man diese Passagen ähnlich versteht oder im Wege der Ausdeutung und dann "separiert" noch als harmlos hinstellen will. Berücksichtigt man den Kontext dieser Denke, sind die hier vertretenen "Weltanschauungen" eben massenhaft zu finden. In den 20 Jahren vor dem Krieg ist das exterministische, rassisch-völkischen Denken bei dieser "Landnahme" weit vertreten (nicht nur in Bezug auf deutschen Kolonialismus, sondern den gesamten).
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Vielen Dank Silesia.

    Erstaunt hat mich folgende Zitierung durch Dich: "Frenssen’s novel was the best-selling children’s book in Germany until 1945."
    Kannst Du noch die Quelle nachreichen?

    Interessant in dem Zusammenhang ist vielleicht eine Masterarbeit über Kolonialromane dieser Zeit: http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/tl_kolonialromane.pdf

    Oder auch nur Affen:
    " ".. Und dann, nach einigen Tagen, fahren wir zur Küste und dann geht es in die
    Heimat. Was werden wir alles erzählen aus diesem Affenland!“ "
    Seite 64 http://www.gerhard-rohlfs.de/Grinhalt/peter_moors_fahrt_nach_suedwest.pdf
    "Da sprang ich wieder auf und lief drei, vier Sätze zu meinen Kameraden zurück, anderen, die nun gebückt vorgingen, wandte mich wieder um und kniete wieder unter ihnen und schoß; und sah nicht weit von mir eine schwarze, halbnackte Gestalt, wie einen Affen, mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum klettern, und zielte nach ihm, und schrie auf vor Freude, als er am Stamm herunterfiel."
    Seite 86
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juli 2016
    1 Person gefällt das.
  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Vielen Dank! Demnach ist das wörtliche Zitat (" ") in dem Artikel keines.:mad:,

    Danke auch für die Erläuterung, die ich um zwei Aspekte ergänze:

    1. Differenzierung

    Der Oberleutnant, also der geistig Überlegene und Führende, sagt: »Wir müssen noch lange hart sein und töten; aber wir müssen uns dabei, als einzelne Menschen und als Volk, um hohe Gedanken und edle Taten bemühen [1], damit wir zu der zukünftigen, brüderlichen Menschheit unser Teil beitragen.«
    Dein Kommentar: "Diese 'brüderliche Phase' werden die 'Schwarzen' eben nicht erleben, wenn sie sich nicht vorher den 'Edlen' unterordnen." Anders gesagt: Sie könnten überleben, wenn sie sich unterordnen. (So wie die Sachsen unter den Franken überlebt haben, die Bulgaren unter den Türken usw.).

    Der einfache Soldat Moor "lehnt das Volk als barbarische Leute ab, die bestimmt sind für eine gerechte und unausweichlich-zwangläufige Auslöschung bzw. Vernichtung/Ausrottung". Fürs "Unterordnen" bleibt offensichtlich gar kein Raum mehr (so wie es dem Großteil der deutschen Juden nichts geholfen hat, dass sie sich Hitler untergeordnet haben), und eine "brüderliche Phase" ist schon gar nicht vorgesehen.

    Beide Auffassungen kann man im konkreten Fall vielleicht nur analytisch trennen.

    2. "Das ist Gottes Gerechtigkeit"

    Das war ein Teil der preußisch-deutschen Staatsdoktrin und stand seit 1847 in der Variante "Gott mit uns" auf den Koppelschlössern der Soldaten.

    Die Stellungnahme der beiden christlichen Kirchen – wichtigste außerstaatliche Bestimmungsmächte gerade auch im Hinblick auf die (fast ausnahmslos christliche) Jugend – zu den Ereignissen in Südwest bleibt in diesem Thread (auch in allen anderen?) seltsam unterbelichtet. Einigermaßen vertraut bin ich nur mit der Situation in China: Dort gab es kirchlicherseits auch unterschiedliche Ansätze zur Behandlung der chinesischen "Brüder" – jedenfalls aber fern von jedem Gedanken an "Auslöschung".

    Kann dazu jemand etwas sagen?

    Das findet man z.B. bestätigt durch eine gekürzte englische Ausgabe des Buches, die 1914 in USA erschien. Frenssen wird in der Einführung mit Paul Raabe und Gottfried Keller verglichen, und der Völkermord war halt die übliche Strafexpedition.

    PS: Dank auch an Hatl.

    [1] Dazu assoziiere ich: Man muss dabei "anständig" bleiben - aber damit täte ich dem Oberleutnant vielleicht unrecht..
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juli 2016
  6. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Ich habe den zweiten Teil der zitierten Passage nochmals etwas überarbeitet:

    "Im Verlauf der Geschichte rechtfertigt Frenssen die Vernichtung der Herero und Nama wiederholt, indem er seinen handelnden Personen erlaubt, die traditionellen, rassistischen Karikaturen wiederzukäuen, die während der Genozide in der deutschen Presse anzutreffen waren. Peter Moor, die zentrale Figur, erkennt, daß die Herero unzuverlässig und primitiv sind. Er lehnt sie als barbarische Völkerschaft ab, die einem gerechten und unausweichlichen Aussterben geweiht sind. Frenssens Roman war bis 1945 das am meisten verkaufte Kinderbuch in Deutschland."

    Dies sind doch nun in der Tat Einstellungen, die bestimmten Menschen(gruppen) ein Existenzrecht absprechen und im Gegenteil bei diesen für recht banale Vergehen die Todesstrafe als einzig angemessen betrachten.

    Was wird gegen die Herero angeführt? Sie sind unzuverlässig und außerdem sollen sie 'primitiv' und 'barbarisch' sein. Wenn Unzuverlässigkeit ein legitimes Kriterium zur Anwendung der Todesstrafe darstellen soll, wird es auf diesem Planeten recht schnell angenehm leer werden, allerdings überall... Bei den Attributen 'primitiv' und 'barbarisch' handelt es sich mehr oder weniger um Werturteile, die praktisch vorausgesetzt werden: sie sind anders wird zu: sie haben dies und jenes nicht, also sind sie primitiv, und weil sie primitiv sind, ist es gerecht und notwendig, sie auszurotten.

    Daß es seinerzeit in 'Europa' durchaus gang und gäbe war, anderen Völkern das Existenzrecht (und ja, damit auch das Lebensrecht) abzusprechen, hat silesia bereits erwähnt. Ob dies nun auf angeblich mangelnde zivilisatorische Leistungen zurückgeführt wurde - wie etwa kein technischer Fortschritt, keine Industrialisierung, kein 'Nutzen' des Landes etc -, ist letztlich nicht erheblich, da diese Argumente nur im Nachgang zum zustandegekommenen (Wert-)Urteil herangezogen werden, um dieses zu stützen und plausibel zu machen. Und da 'half' dann auch keine mehrtausendjährige Geschichte und Zivilisation mehr (siehe zB China) - alle keine weißen Europäer, alle minderwertig, alles Gesocks, das "uns" nicht das Wasser reichen kann, sondern Geschöpfe, mit denen "wir" nach Gusto verfahren dürfen.
     
    1 Person gefällt das.
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied



    Kundrus verwendet den Begriff als neutrale Kategorie und bezieht den Begriff auf alle - von links nach rechts, von unten nach oben - Schichten im Kaiserreich, die sich zu unterschiedlichen Themen im Rahmen der Kolonialpolitik zu Worte gemeldet haben.

    Insgesamt litt die Diskussion im Deutschen Reich unter einem geringen Kenntnisstand über deutsche Kolonien und die damit verbundenen Vorteile der Kolonialismus.

    Ab ca. 1900, so Bowersox, setzte eine systematische Berücksichtigung kolonialer Aspekte auf der Ebene der Schulbücher und im Bereich des Curriculums in den Schulen ein. Federführend war dabei das preußische Kulturministerium und berücksichtigte dabei Ansätze einer sich neu artikulierenden "Reformpädagogik". (S. 173)

    Der Schwerpunkt entfiel dabei auf die Darstellung von "Geographie" und "Land und Leute" und bezog die "ethische Seite" der Beurteilung von Kolonialismus ein.

    In diesem Kontext zitiert Bowersox einen damaligen zeitgenössischen Lehrer: Im Zentrum steht die überlegene Vorgehensweise von "Individuen", die bei gleichen Ausgangsbedingungen zu einem deutlich besseren Ergebnis kommen und erläutert es sinngemäß: "Thinking in terms of the hierarchies of race and civilization that were the first topics covered in the geography curriculum".

    Es ist der "freie Wille", der die Bearbeitung der Natur bestimmt und somit auch den Vorteil definiert, der aus ihm resultiert.

    Derartige Überlegungen zur Überlegenheit des "Westens" haben ihre Basis in der damals sehr verbreiteten sozialdarwinistischen Sicht und verschärften den traditionellen Rassismus. Aus der Kombination beider Sichten resultierte die Legitimation des Westen, andere Völker zu kolonialisieren. Dabei war diese Sicht ein verbreitetes Phänomen in Europa, wie Mann konstatiert.

    Bowersox (2014): Classroom Colonialism. Race, Pedagogy and Patriotism in Imperial Germany. In: Bradley Naranch und Geoff Eley (Hg.): German colonialism in a global age. Durham: Duke University Press, S. 175–195.
    Mann (2004): The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing: Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juli 2016
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß nicht, woher das stammt.
    "Eines der meistverkauften" hätte auch gereicht, die Auflage soll bis zum Weltkrieg rd. 180.000 Stück betragen haben (laut AfrikaBilder - Studien zu Rassismus in Deutschland). Das ist ganz beachtlich, gemessen zB an 1,5 Mio Auflage Karl May, allerdings für 33 Bände 1913.

    An den Aussagen - denke ich - ändern genauere Zahlen nun auch nichts.

    Offensichtlich geht es immer schlimmer.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was wohl keine große Rolle für das Interview spielt, vielleicht hat er Gänsefüßchen in die Luft gemalt, einfach auf ein Schlagwort verdichtet.

    Da die Verdichtung jedenfalls plakativ und gelungen ist: so what?

    Warum?, die Assoziation passt schon.

    Himmler "Anständigkeitsrede" und die vieler anderer bei Taten konträr zum Gewissen läuft in einem ähnlichen Rechtfertigungs- oder Verdrängungskanal.
     
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Man kennt sich, man hilft sich::winke:
    David Olusoga, Casper W. Erichsen: The Kaiser's Holocaust. London 2010, Kap. 17 (S. 290 nach Umwandlung des Ebooks in PDF); kein weiterer Nachweis durch die Autoren.

    Falls es um "Affen" geht: Der bekannteste vor 1914 war der "gelbe Affe"; siehe dazu die Arbeiten von Sepp Linhart. (Wäre einen eigenen Thread wert.)
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank!

    Ich hatte oben die Angabe des Buches von Olusoga/Erichsen vergessen - sorry - und die Nachfrage von hatl darauf bezogen, woher sie diese Aussage zur Verbreitung der Erzählung Frenssens beziehen würden. Dafür geben sie keine Quelle an, wie richtig festgestellt.

    Die Aussage selbst mag man hinterfragen, siehe aber oben Angaben zur Auflage und damit zur beachtlichen Reichweite, die ich angefügt habe.

    Bei Brehl, Diskursereignis Hereroaufstand (in Warnke, Deutsche Sprache und Kolonialismus, 2009, S. 187) heißt es zu Frenssen ("soziale Reichweite"):

    "Dies nicht allein deshalb, weil es sich bei diesem Roman um die erfolgreichste zeitgenössische Publikation über den ‚Hereroaufstand‘ handelt, der Text also bereits aufgrund seiner Auflagenstärke als repräsentativ gelten kann, sondern auch, weil Frenssen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu den renommiertesten, auch international anerkannten und meistdiskutierten deutschen Schriftstellern gehörte (vgl. hierzu Dohnke/Stein (Hg.) 1997; Ketelsen 1992: 148-171; Ketelsen 1997), der 1910 und 1912 sogar für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde – der dann beide Male jedoch nicht an ihn, sondern an Paul Heyse (1910) und Gerhart Hauptmann (1912) verliehen wurde."

    Das oben diskutierte "koloniale wording" bzw. die weltanschaulichen Aussagen wurde offenbar nicht gerade als Hindernis für solche "Anwartschaften" vorgesehen.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Frenssen dient sozusagen als Prototyp; im Reader von Warnke taucht sein Name 76 Mal auf.

    Der erwähnte Brehl listet im Literaturverzeichnis seiner Monographie [1] noch viele weitere Schriften auf, und andere Autoren tun das Gleiche. Vermutlich wäre es aber etwas ermüdend, noch ein Dutzend Beispiele beizubringen. Kann man denn wenigstens sagen, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kolonialzeit in den letzten 30 Jahren doch weit vorangekommen ist?

    Oder umgekehrt gefragt: Wo sind Defizite verblieben? Wo gibt es noch Nachholbedarf? [2] Oder etwas fokussierter: Inwieweit sind die gewonnenen Erkenntnisse z.B. in die historische Überblicksliteratur und in die Schulbücher eingeflossen? In welchen Kontext werden die Ereignisse gestellt? Dazu ein Zitat [3]:
    Da nahezu niemand [!] in Asien und Afrika – die Urheber des deutschen Völkermordes an den Herero und Nama Südwestafrikas 1904-1907 waren eine extreme Ausnahme – an die planvolle Vernichtung ganzer Völker dachte, lag das Argument nahe, man sei zu "savage wars of peace" (Rudyard Kipling) gezwungen, um friedliebende Wilde und Orientalen von einheimischen Despoten und Räubern zu befreien. Diese Auffassung hatte jedenfalls insofern einen wahren Kern, als die Europäer oft keineswegs in ruhige Idyllen einbrachen, sondern in Gesellschaften mit einem schon vorkolonial hohen Gewaltpegel.
    [1] Medardus Brehl: Vernichtung der Herero, München 2007, S. 239-256
    [2] Nach den politischen Konsequenzen zu fragen, die heute zu ziehen sind, wäre forenregelwidrig.
    [3] Jürgen Osterhammel: Kolonialismus, München 2002, S. 51
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Den ganzen Reader zu erwähnen, gibt doch ein vielleicht etwas schiefes Bild, weil sich das nicht in Häufung durch die Beiträge zieht.

    Davon taucht er - logischerweise im Rahmen der "sozialen Reichweite" - fast ausschließlich (es gibt vereinzelte, 5 andere Nennungen)* in dem Brehl-Aufsatz, also in einem Beitrag, auf. Das gibt Brehl auch schon vorab an, Frenssen gerade der Reichweite als Untersuchungsobjekt darzustellen, er ist zentral für das Thema.

    * 3 mal Schaffers: ... Konstruktion von Fremde (logischerweise)
    2 mal Fuhrmann: Propaganda ... im Vergleich zum Erfolg von Filmen
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das ist wohl wahr.
    Doch frage ich mich welchen Einfluss dieses "Werk" (JSchmidt.. das ist keine Zitierung:D) hatte.

    Die erste Auflage 1906 hatte wohl zunächst 25.000 schnell verkaufte Exemplare , dann wurde eine weitere Auflage mit 50.000 nachgeschoben. Und hier wird für 1907 bereits eine (Gesamt?)-Auflage von 129.000 angegeben.

    Bemerkenswert scheint mir diese Aussage:
    "Nur zwei Jahre nach dem Erscheinen war Peter Moors Fahrt nach Südwest schon zur Pflichtlektüre in deutschen Schulen avanciert, .."
    http://othes.univie.ac.at/26361/1/2013-01-16_0307886.pdf - PDF-Seite 5.
    Leider ist die angegebene Quelle des Autors schwer nachvollziehbar, daher versehe ich das mit einem Fragezeichen.
    War das 1908..09, und folgende Jahre, "Pflichtlektüre in deutschen Schulen"?
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Einfluss einer einzelnen Schrift aus "Reichweite" abzuleiten, dürfte schwer fallen, wenn man über ein paar Indizien hinaus möchte.

    Die Eingangsfrage von jschmidt, die sich auf Zimmerers Bermerkung richtete, habe ich so verstanden, ob dieser Hinweis berechtigt sei, oder den Inhalt des Buches missdeuten würde (gefragt war zwar nach einem vermeintlichen direkten Einzelzitat, aber nach meinem Eindruck ging es wohl auch um die Aussage).

    Eine Missdeutung des Inhalts liegt nicht vor.

    Die Publikation selbst steht typisierend dar, für viele Schriften, für eine breite Strömung, ein weitverbreitetes Verständnis, eine häufige Wahrnehmung.
     
  16. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Nächtliche Recherche, Dir zuliebe, führte zu folgendem Ergebnis:

    a) Zitierkette: Forster (S. 17) >> Wassink (S. 140) >> Warmbold (S. 96)

    b) Warmbold schreibt: "Der Kultusminister" [sic] habe das Buch "bereits 1908 ... nachweislich zur Pflichtlektüre deutscher Schüler" gemacht.

    Der Autor gibt eine einzige Referenz, nämlich einen Auszug in dem von Karl Wacker 1908 herausgegebenen "Deutsches Lesebuch für Lyzeen und Höhere Mädchenschulen" [!], 6. Band, S. 280 ff. Warum 1908 und Mädchen? Weil in diesem Jahr in Preußen eine "Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens" ins Werk gesetzt wurde (Erlaß vom 18.08. und Ausführungsbestimmungen vom 12.12.); diese Daten sind im Lesebuch auch ausdrücklich genannt. Ob und wann Entsprechendes auch in den – zigmal zahlreicheren – höheren Knabenschulen und vor allem in den Volksschulen der Fall war, bedürfte weiterer Klärung.

    Kann man aber auch lassen, wenn man sich das – cum grano salis bis heute geltende – Lehrbuch-System der höheren Schulen vergegenwärtigt:
    Lehrbücher, wozu auch Lesebücher gehören, werden nicht vom Minister bestimmt. Vielmehr wählt die einzelne Schule auf dem Schulbuchmarkt das Buch aus, das sie in einem bestimmten Fach benutzen will – Voraussetzung ist, dass das Buch vom Minister für Unterrichtszwecke "zugelassen" ist (siehe für die Höheren Knabenschulen die Verfügung vom 12.1.1880). Das Buch mit dem Frenssen-Auszug wurde also 1908 für besagte Schulart "zugelassen". Die Formulierung "Pflichtlektüre in deutschen Schulen" entspricht mithin nicht den Tatsachen.

    Das erwähnte Lesebuch ist noch antiquarisch erhältlich; wer es besitzt, möge etwas zur Art des Auszugs mitteilen.

    Fast noch interessanter finde ich freilich die Tatsache, dass das Buch 1953 [!] nochmals aufgelegt wurde (nach Daniel Schneider: Identität und Ordnung. Bielefeld 2011, S 113).
     
    1 Person gefällt das.
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank für diese Recherche!

    Ergänzend zitiere ich noch die FN 11 des Brehl-Aufsatzes, der ebenfalls etwas anders als "Pflicktlektüre in deutschen Schulen" formuliert und diesen Aspekt wie folgt beschreibt ("als geeignet erachtet"):

    "Dass dieser Text aber nicht allein eine zeitgenössisch anschlussfähige Erzählung über den Krieg in Deutsch-Südwestafrika darstellte, sondern dass dort ‚Werte‘ vermittelt wurden, die man für zentral und bewahrenswert hielt, zeigt sich daran, dass der Roman als geeignet für die Lektüre in Schulen erachtet wurde.

    Bereits im Jahr 1908 waren Auszüge des Romans unter dem Titel Schwere Kriegstage in Südwest (Frenssen 1908) in den sechsten Band des Deutschen Lesebuchs für Lyzeen und Höhere Mädchenschulen aufgenommen worden.

    Im Jahr 1915 erschien dann – ebenfalls in der Grote’schen Verlagsbuchhandlung – eine dezidiert für die Verwendung im Schulunterricht bestimmte Ausgabe (Frenssen 1915), die bis 1927 drei Auflagen erreichte. Die Schulausgabe brachte den vollständigen Text nebst Einleitung, Abbildungen und Anmerkungen, wobei die Anmerkungen auf Parallelstellen anderer Publikationen zum ‚Herero-Krieg‘ verweisen oder bestimmte Schilderungen Frenssens durch die Nennung von Daten, Personen- oder Ortsnamen wiederum ‚authentifiziert‘ werden.

    Eine ebenfalls annotierte Ausgabe für den Deutschunterricht an US-amerikanischen Schulen war bereits 1914 erschienen, eine schwedische Schulausgabe erreichte zwischen 1908 und 1920 immerhin vier Auflagen (Jordan 1978)."

    Der Hinweis auf Jordan 1978 betrifft die "Gustav-Frenssen-Bibliographie", in der die Ausgaben gelistet sind.
     
  18. hatl

    hatl Premiummitglied

    Vielen Dank!
     
  19. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Die damaligen Einstellungen können vielleicht nicht so ganz nachvollzogen werden, wenn man neuere Definitionen von "Rasse" zugrundelegt, die ja immerhin bis in die jüngste Zeit im Umlauf waren. Im 19. Jhdt und bis in das 20. hinein wurde die Menschheit jedenfalls nicht nur anhand der Hauttönung unterteilt, sondern man ging davon aus, daß es zb darüber hinaus eine „britische“, eine „französische“, eine „deutsche Rasse“ etc gebe – und natürlich sei es für „die Welt“ am besten, wenn die jeweils eigene „Rasse“ die Vorherrschaft antrete. Auch für die restliche „weiße“ Welt.

    Hierdurch wurden auch innerhalb der europäischen Bevölkerung ungeachtet der Hauttönung „Rassen“ mit mehr und minderem Wert konstruiert – siehe zb die „irische Rasse“ oder auch die „italienische Rasse“, die generell als minderwertig gelten sollten. Ebenso wie slawische Ethnien.

    Gleichzeitig wurden auch im „Binnenverhältnis“ weitere Rassen definiert – wie zb eine „britische Arbeiterrasse“. Man sprach auch recht ungeniert zb von „kriminellen Rassen“, womit nicht etwa irgendwelche Völkerschaften am anderen Weltende gemeint waren, sondern die Straftäter im eigenen Land.

    Die Erwartungshaltung an diese „Rassen“ war teils die gleiche wie bei kolonisierten Völkern: also im Prinzip Maul halten und tun, was wir sagen. Bei Widerworten war hier wie dort mit drakonischen Strafen zu rechnen. Damit wird im Grunde bereits klar, daß es um die Sicherung von Macht geht, um den Erhalt von Machtpositionen (politisch, ökonomisch...) und die Perpetuierung von für sich und seinesgleichen als positiv wahrgenommenen Verhältnissen.

    Die 'Ausweitung' der Definition des Begriffs "Rasse" auf die Konzepte "Ethnie", "Klasse" wurde ja aber durchaus zum eigenen Nutzen und Frommen angewendet - ebenso wie das Einschließen von Ethnien und Klassen, von denen man sich in anderem Zusammenhang noch scharf abgrenzte.

    Ebenfalls spielt ein Aspekt des Kolonialismus mit hinein, der in den bisherigen Diskussionen eigentlich 'gerne' zu kurz kommt: Es geht ja nur vordergründig um die „Verbreitung von Zivilisation“ in außereuropäischen Regionen und es geht bei weitem nicht nur um die möglichst kostengünstige Aneignung von für die eigene Industrieproduktion benötigten Rohstoffen. Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt liegt in der Argumentation, man brauche Kolonien als Abnehmer der eigenen, überschüssigen Industrieproduktion und wenn man sich keine oder nicht ausreichend Kolonien hierfür beschaffen könne, gefährde dies letztlich den Bestand der eigenen „Rasse“ sowie natürlich der (bis dato ja profitablen) sozialen Strukturen.
     
    hatl und silesia gefällt das.
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Grundsätzlich ist das Argument natürlich wichtig, und das typische Anwendungsfeld dürfte deutscherseits China gewesen: 400 Millionen Menschen, die auf deutsche Waren warten...

    In Bezug auf das relativ menschenleere Deutsch-Südwest, das hier im Fokus steht, greift das nicht durch: Die 200.000 Menschen, die vor dem Aufstand dort lebten, bildeten keinen vergleichbaren Markt. Wenn überhaupt ökonomisch argumentiert wurde, dann in Bezug auf billige Arbeitskräfte: Der Gouverneur Leutwein z.B. hielt noch Anfang 1904 eine "Vernichtung" der Aufständischen "für einen schweren wirtschaftlichen Fehler. Wir bedürfen der Hereros noch als Arbeiter." [1]

    "Tatsächlich widersprach die physische Vernichtung von mehreren [zehn]tausend potentiellen Arbeitskräften einem ökonomischen Konzept, das auf Profitmaximierung gerade durch die einheimischen Arbeiter abzielte. Die Ambivalenz der Kriegsführung [2] – anarchisches Töten, ohne Gefangene zu nehmen und dabei der zukünftigen Kolonialwirtschaft den Boden zu entziehen – ist nur durch eine zeitweilige Verselbständigung ideologischer Monente gegenüber wirtschaftlichem Kalkül erklärbar..."

    Rechnet man die immensen Kriegskosten hinzu, so mündete der Konflikt auch ökonomisch in das größte Desaster der kurzen deutschen Kolonialgeschichte.


    [1] Zitiert bei Sibylle Benninghoff-Lühl: Deutsche Kolonialromane 1884-1914. Bremen 1983, S. 255; hiernach (S. 103 f.) auch das Folgende.
    [2] Diese Ambivalenz galt für andere Kolonialkriege natürlich auch; siehe Jean Paul Sartres Kommentar zu Algerien: "Armer Kolonialherr: da liegt sein ganzer Widerspruch. Er müßte ... jene, die er ausplündert, töten. Aber gerade das ist nicht möglich, denn er muss sie ja auch ausbeuten."
     

Diese Seite empfehlen