Wahrheit in der Geschichte - dt. Sonderwegs These

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von ElComandante, 3. April 2014.



  1. ElComandante

    ElComandante Neues Mitglied

    Suavelos liebe alle,

    Ich arbeite für die nächste Geschichtsstunde an folgender
    Fragestellung:

    " 'Vieles kann er [Der Historiker] nur plausibel machen.'
    Erläutern sie dieses Zitat durch Darstellung der These des
    deutschen Sonderweg."

    Ich muss dazu eine Folie erstellen.
    Zuerst habe ich mir den sogenannten Sonderweg per
    Schaubild aufgezeichnet, nun stellt sich jedoch die Frage, an
    welchen Beispielen ich deutlich machen kann, wieso man diesen
    Sonderweg plausibel machen muss.

    Meine Beispiele wären: Scheitern der 48er-Revolution, Einheit durch
    eine 'Revolution von oben' (Bismarck), Legendenbildung (Dolchstosslegende),
    instabile Demokratie aufgrund der alten Eliten aus dem Kaiserreich!

    Was fällt euch noch dazu ein und wie kann man diese These widerlegen?

    Ich meine, dass es ja nicht DEN Weg zur Moderne/Demokratie gibt und man,
    wenn man einen dt. Sonderweg aufzeigt, auch Sonderwege anderer Staaten aufzählen muss (z.b. Amerika)!

    Slán
    ElComandante
     
  2. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Nun, wenn es einen deutschen Sonderweg gibt, gibts auch einen allgemeinen...
    Also erstemal den allgemeinen Weg zeigen und dann den Sonderweg daran herausarbeiten.
    Die Schwierigkeit, die ich sehe, ist, die anderen sind auch alle eigene Wege gegangen.
     
  3. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Die Sonderwegsthese gilt eigentlich als überholt.

    Hier ein interessantes Interview:

    Deutsche Geschichte: Vom zweiten zum "Dritten Reich" | ZEIT ONLINE

    Auszug daraus:

    Und hier noch ein Interview mit Heinrich August Winkler:

    http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2010/03/Text-Interview

    @ElComandante

    Hast du dich mit der Sonderwegsthese schon genauer auseinander gesetzt? Wenn ja, welche Literatur hast du verwendet?
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. April 2014
  4. Beaker

    Beaker Neues Mitglied

    Es gibt eine Deutsche Sonderwegstheorie. Die soll nun be- oder widerlegt werden. Das ist die Aufgabe.
     
  5. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Nun , Beaker, so sehe ich das auch...
    Nur wenn ich einen Sonderweg aufzeigen will, muß ich den anderen kennen und dann beide Wege aufzeigen.
    Dabei wird es sich eben ,meiner Meinung nach, so man korrekt arbeitet und ergebnisoffen , herausstellen, das es diesen Weg nicht gibt. Oder besser, das es zwischen dem deutschen und anderen eben ähnliche Gemeinsamkeiten und auch ähnlich trennendes gibt.
    1815/1848/1918/1948/1968 haben ja zum Teil tiefere Wurzeln als nur die Geschichte davor.
     
  6. ElComandante

    ElComandante Neues Mitglied

    Kann ich davon ausgehen, dass der Großteil darin übereinstimmt, dass der
    so aussieht:

    Eine Revolution der Bürger zwingt das alte System (Absolutismus) in die Knie
    und erzwingt dadurch ein neues, "moderneres" System, in dem die Bürger partizipieren können
    und keinem (oder vielleicht seltener) König/Kaiser unterstehen, der über sie bestimmt.
    Also Einheit & Freiheit.

    Abweichen davon würden dann Frankreich, die einen Nationalstaat bereits hatten,
    der aber unfrei war, durch einen absolutistischen Herrscher.
    Auch England ? Da habe ich leider wirklich gar keine Ahnung, wie es zum
    Parlament kam :still:

    @Ursi: Danke für die beiden Zeit-Interviews,
    die haben mich jetzt weiter gebracht!

    Leider muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich bisher eher
    weniger mit dem "deutschen Sonderweg" auseinandergesetzt habe
    -also keine Lektüre dazu vorliegen habe- und ich mich auf meine Grundkenntnisse des Unterrichts gestützt haben.

    @Wilfried: Ich komme gerade nicht darauf, welches
    Ereignis du mit 1968 meinst, kannst du mir auf die Sprünge helfen?
     
  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich suche dir morgen noch was raus. Wenn das noch reicht in deiner Zeitplanung :winke:
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Anschlag auf Rudi Dutschke und die daraus erwachsenden Unruhen in den Universitätsstädten. Gleichzeitig (aber früher) Studentenunruhen in F.
    David Cohn-Bendit als Vermittler zwischen den deutschen und den französischen Studenten.
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

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  10. ElComandante

    ElComandante Neues Mitglied

    @ElQuijote:

    Danke ElQuijote! Könnte man hier - sofern man den Sonderweg betrachtet -
    also einen Rückweg zum "Standardweg" sehen?

    @ursi

    WOW ! Super dankeschön, damit kann ich jetzt wirklich gut in die Diskussion einsteigen!

    Ich kam am Freitag noch zu folgender Frage:

    Wenn ich in einer Diskussion mich mit der Aussage konfrontiert sehe, dass
    allein die Sonderwegsthese den Nazinalsozialismus erklären kann, wie kann
    man dagegen argumentieren?
    Natürlich kann ich nun Historiker wie Malinowski und Winkler anführen, aber
    damit widerlege ich ja nur.
    Kann man auch auf eine andere Theorie hinweisen, wenn ja auf welche?

    Zum Schluss nochmals danke für die Mühen der Literatursuche und der
    Kommentare!
     
  11. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Nun, ohne Aufrechnung und weitere Diskussion über Nationalsozialismus, Kriegsschuld, Verbrechen:
    Mussolini, Franco, ev. Pilsudzki
     
  12. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Und sollte einer doch insistieren, nicht darauf einlassen. Vorallem, wenn er nichts mit den Namen anfangen kann.
    Meiner Meinung nach gibt es keinen Sonderweg zum dt .Nationalsozialismus und seinen Verbrechen, leider. Sowas ist , meine ich , in ähnlicher Form auch heute noch jederzeit auf dieser Welt nochmal möglich.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ausgehend von the „Fourth Turning“ und dem damit implizit zusammenhängenden amerikanischen „Sonderweg“, der unter dem Label „Amerikanischer Exzeptionalismus“ firmiert, nochmal ein paar Thesen zum deutschen Sonderweg.

    Im Prinzip sollte die Sonderwegthese erklären helfen, warum in Deutschland ein NS-Regime entstehen konnte. Man kontrastierte es der Vorstellung, dass es ein „Normalweg“ geben würde, den beispielsweise GB und Frankreich als kapitalistische Demokratien gegangen seien.

    Es wird, so auch Ursi in diesem Thread, resümierend davon ausgegangen, dass diese Sonderwegthese nicht mehr zutreffend sei.

    Für "meine Begriffe" [das ist natürlich Unsinn, weil ich nur nachvollziehe, was andere vorgedacht haben] ist diese Einschätzung zu modifizieren.

    Betrachtet man die Beiträge in Rublack [Pflichtlektüre für jeden Interessierten!!!!], dann wird schnell ersichtlich, dass das klassische Narrativ vom Standardmodell der industriellen Entwicklung weltweit nicht zutreffend ist. Dieses belegen, als Beispiel, die Bücher von Pomeranz und Wong (auch in Rublack vertreten)

    Generalisiert man diese Vorstellung, dann gibt es in gewisser Weise keine „Normalwege“, sondern für jedes Land bzw. Region eine spezifische Entwicklung, die eher der „Sonderwegthese“ Rechnung trägt. Und somit die nationale Entwicklung für jedes Land als eine Art „Sonderweg“ angemessen zu begreifen ist. Ohne politische Untertöne.

    Erst aus der Verschiedenheit der nationalen Entwicklungen ergibt sich dann der erfolgversprechende Ansatz, komparativ Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren.

    In diesem Sinne war der deutsche Sonderweg auch eine Art von deutscher Variante des amerikanischen Exzeptionalismus. Ähnliches gilt analog für GB, Frankreich, Italien, sicherlich auch Russland oder auch den Balkan inklusive dem Osmanischen Reich.

    Es ist also nicht der „Sonderweg“ als Narrativ, der überholt ist, sondern überholt ist die damit verbundene Vorstellung, dass es einen „Normalweg“ für Länder geben würde. Die historische Entwicklung in das 3. Reich war ein deutscher Sonderweg. Ebenso wie der Weg in den Stalinismus ein Sonderweg war.

    Die Revision bezieht sich damit auf den westlichen „Master-Narrativ“, der modifiziert wurde, wie die Beiträge in Rublack deutlich belegen. Das „demokratische-kapitalistische Normalmodell“, das implizit der – westlichen - Historiographie zugrunde lag, ist „tot“. Es lebe der „Sonderweg“ als historischer Erklärungsansatz.


    Pomeranz, Kenneth (2012): The great divergence. China, Europe and the making of the modern world economy. Princeton (N.J.): Princeton University Press
    Rublack, Ulinka (Hg.) (2013): Die neue Geschichte. Eine Einführung in 16 Kapiteln. Frankfurt am Main: Fischer
    Wong, R. Bin (1997): China transformed. Historical change and the limits of European experience. Ithaca: Cornell University Press
     

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