Wandel in der Wahrnehmung der Kreuzzüge

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von -muck-, 1. September 2017.

Schlagworte:


  1. -muck-

    -muck- Mitglied

    Hallo zusammen!

    Zweifellos ist jedem Mittelalter-Enthusiasten bereits der Wandel aufgefallen, den die Kreuzzüge ins Heilige Land im Laufe der Zeit durchlebt haben. Galten die Feldzüge unter dem Kreuz bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als weitgehend positive Ereignisse, als Projektionsfläche für Abenteuerphantasien und edle Taten im Namen des Glaubens, so scheint mir heutzutage eine negative Betrachtung zu überwiegen. Vor allem in der Populärwissenschaft wird die Grausamkeit jener Kriege betont und ihre Berechtigung in Zweifel gezogen.

    Ich würde gerne erörtern, wie es dazu kam. Denn meines Kenntnisstandes nach sind die folgenden Aspekte bar jedes Zweifels:

    - Kriege des Mittelalters waren grundsätzlich, aus heutiger Sicht, grausame Angelegenheiten. Die Tötung gefangener Kombattanten und Zivilisten war ebenso wie die Schindung der Zivilbevölkerung an der Tagesordnung. Die Bestrafung Widerstand leistender Städte oder die Tötung der hörigen Landbevölkerung, bspw. um Versorgungsengpässe zu erzwingen, galten als akzeptable Mittel der Kriegsführung. Nur in einer Minderzahl der Kriege wurden nur vereinzelt Anstrengungen unternommen, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern, und dies meist auf persönlichen Einsatz charismatischer Anführer und Bezugspersonen hin, oder zur Schonung begehrter Objekte oder von Arbeitskräften, oder um Verbündete nicht zu verärgern. Besonders im Verlauf langer und verlustreicher Kriege drohte jederzeit die Verrohung besonders des gemeinen Kriegsvolks, mit entsprechenden Volken selbst für Landsleute (bspw. bei der Rückeroberung des frankreichtreuen Soissons durch die Franzosen im Hundertjährigen Krieg). Ich kann nicht erkennen, dass selbst das Massaker von Jerusalem ein Ereignis von unerhörter Einzigartigkeit in dieser Ära gewesen wäre – nicht in Europa, und erst recht nicht im vorderen Asien, wo keine theologischen Verrenkungen notwendig waren, um Gewalt zu rechtfertigen.

    - Ein christlicher Angriff auf die Geburtsstätte des Islam wäre selbstredend mit einer moslemischen Gegenoffensive beantwortet worden; mir ist unverständlich, wie man in Abrede stellen kann, dass die schiere Herrschaft einer anderen Religion über die heiligen Stätten des Christentums als im Sinne der Zeit akzeptabler, ja zwingender Casus Belli anzusehen ist. Daran ändert auch der zeitliche Abstand zwischen der Eroberung Jerusalems durch den Islam und der Rückeroberung nichts.

    - Dass die angeblichen Grausamkeiten der moslemischen Herren Palästinas gegen christliche Einwohner und Pilger aufgebauscht wurden, ändert nichts an der wohl dokumentierten Tatsache, dass Letztere als Menschen zweiter Klasse galten, mit Sondersteuern belegt wurden, im Zweifelsfall keine Rechtssicherheit genossen und Glaubenseiferern als meist straflos zu misshandelndes Ziel galten, nicht unähnlich dem Judentum in Europa.

    Mein Beitrag zur Diskussion, warum aus Richard Löwenherz und seiensgleichen Schurken geworden sein könnten:

    - Der Lebensstil des liberal geprägten Menschen der Postmoderne verbietet es, jemandem allein aufgrund von dessen Religion feindlich gegenüberzutreten. Schon der Gewaltanwendung zu anderen Zwecken als der (wenigstens präventiven) Verteidigung steht er kritisch gegenüber.

    - Mit der Erosion des christlichen Einflusses in Europa wächst das Befremden gegenüber jeglicher Glaubensorthodoxie, und speziell gegenüber des Kampfes für den Glauben.

    - Religiös aufgeladene Kriege und Terrorangriffe seit der Gründung des Staates Israel mehren das Unbehagen gegenüber der Vorstellung, auf ähnlicher Stufe wie die heutigen Glaubenskrieger gestanden zu haben oder irgendwie für all dies mitverantwortlich zu sein.

    - Die Grausamkeiten im Kreuzzug stehen konträr zur Romantisierung des Rittertums.

    - Geschichtlich gebilderte Menschen könnte die Vorgeschichte der Kreuzzüge stören, die von, gelinde gesagt, pragmatischen Erwägungen geprägt war (Machtzuwachs der Kirche, Befriedung Europas durch Ablenkung etc.etc.etc.)

    - Religiös geprägte Menschen könnte der Widerspruch zwischen der friedlichen Botschaft Jesu und Kriegen in Jesu Namen sauer aufstoßen.

    - Natürlich rein subjektiv ist, zu guter Letzt, mein Eindruck, dass möglicherweise auch spezifisch westliche Denkmuster der jüngeren Zeit diesen Sinneswandel bedingen. Blickt man beispielsweise auf die Bewertung der Kriege des Westens seit Vietnam, könnte man gar auf die Idee kommen, von einer Art Invertrassismus zu sprechen: Kommen in irgendeinem vergessenen Bürgerkrieg Tausende ums Leben, ist das keine Schlagzeile wert, tötet aber eine verirrte deutsche Granate drei Afghanen in einem Auto, weckt das Empörung und Entsetzen. Es ist beinahe so, als wäre diese Empörung zu übersetzen in: Wir sind aufgefklärte Europäer, wir müssen besser sein als das!

    Wie seht Ihr das? Verdienen die Kreuzzüge eine Sonderstellung in der Galerie der mittelalterlichen Konflikte als besonders ruchlose Taten? Und was hat Eurer Auffassung nach den Sinneswandel ausgelöst, der aus den Helden früherer Generationen Bösewichte werden lässt?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe den Eindruck, dass dein Posting eher politisch als historisch ist.

    Kritik an den Kreuzzügen gab es bereits im Mittelalter und ich kann auch nicht feststellen, dass etwa Richard Löwenherz als negative Figur gesehen würde. Insbesondere nicht im populären Bereich, wo Robbin Hood und Ivanhoe nachwirken und Dinge wie der mit Sarrazenen-Pfeilen gespickte Panzer Richards das Bild prägen.
    Dass die Kreuzzüge lange positiv rezipiert wurden, mag auch daran liegen, dass erst Mitte des 20. Jhdts. die Dekolonisierung begann. Sprich, den Kreuzzügen ihre Berechtigung abzusprechen hätte auch gleichzeitig bedeutet, die Geisteshaltung der eigenen Epoche in Frage zu stellen. Zudem wurde das MA doch stark romantisiert.
    Dass Kriege im MA hin und wieder (nicht grundsätzlich) grausame Angelegenheiten waren, ist sicher richtig. Dies aber in der Form zu verallgemeinern, ist falsch. Aus den mittelalterlichen Quellen können wir das Entsetzen über grausame Gewaltakte herauslesen. Selbst in der procidianischen Historia Roderici zeigt sich der Autor über die Härte seines Protagonnisten entsetzt, als der widerrechtlich die Ländereien seines abwesenden (weil beim König weilenden) Erzfeindes García Ordóñez überfällt. Und wenn wir uns die Quellen zu Jerusalem anschauen (wobei die Schilderungen eh übertrieben sein dürften [Fulcher: "quod sibi inibi essetis pedes vestri sanguine premptorum usque ad bases tingerentur"]), dann kann man auch dort durchaus eine Verurteilung lesen: "Quid narrabo? Nullus ex eis vitae est reservatus, sed neque feminis neque parvulis eorum pepercerunt." [Was erzähle ich? Keines von ihren Leben wurde verschont, nicht einmal ihre Frauen und Kleinkinder]
    Wir haben da zum einen die Versuche der Kirche in Zeiten schwacher Zentralgewalten die Gewalt zu kanalisieren (z.B. indem man im Zuge der Gottesfriedensbewegung kriegerische Handlungen/Fehden für die Hälfte des Jahres als Störung der öffentlichen Ordnung erklärte) aber auch mittelalterliche Gesetzgebung, man denke ans Wergeld. Quer durch Europa können wir für das Mittelalter Bräuche verfolgen, welche dazu bestimmt waren, Konflikte zu deeskalieren. Wenn etwa ein König bestimmte, dass die Burg eines besiegten Rebellen geschliffen würde, dann wurde häufig nur eine Umfassungsmauer eingerissen oder ein Nebenturm zerstört und bereits im darauffolgenden Jahr finden wir denselben König bei dem ehemaligen Rebellen in der im Jahr zuvor angeblich zerstörten Burg wieder zu Besuch. Viele kriegerische Konflikte wurden im Prinzip mit Verträgen beschlossen, die wirklich grausamen Schlachten mit anschließendem Gemetzel sind im MA eher die Ausnahme als die Regel.
    Und auch deine Vorurteile gegenüber dem Islam ("erst recht nicht im vorderen Asien, wo keine theologischen Verrenkungen notwendig waren, um Gewalt zu rechtfertigen") entsprechen eher dem rezenten wahhabitischen und salafitischen Islam als dem des Mittelalters. Nebenberei rechtfertigt Whataboutism gar nichts!
    Wenn du dich fragst, warum eine verirrte deutsche Granate (oder eine sonstige NATO-Granate), die drei Afghanen tötet, medial anders aufbereitet wird, als eine erheblich größere Zahl an Toten in "irgendeinem vergessenen Bürgerkrieg" (nebenbei relativierst du die drei Toten mittels der Gegenüberstellung), so liegt das natürlich daran, dass wir als Deutsche/NATO Kriegspartei sind. Was ich jetzt dazu noch zu schreiben hätte, würde den Forenregeln (polit. Bekenntnis) nicht gerecht werden und daher lasse ich es.
     
    dekumatland, Papa_Leo, silesia und 2 anderen gefällt das.
  3. Witiko

    Witiko Mitglied

    Das stimmt nicht. Die Tötung Gefangener war ein schlimmes Verbrechen und widersprach allen ritterlichen Auffassungen von Ehre. Man denke z. B. an Henry V., der bei Azincourt seine französischen Gefangenen hinrichten liess, oder an die unselige Kreuzfahrt gegen den türkischen Sultan Bayezid, wo die französischen Kreuzritter ihre Geiseln meuchelten - wofür Bayezid nach seinem Sieg grausame Rache nahm.

    Nein. Diese Dinge geschahen natürlich, aber sie galten als Verbrechen.

    Juden und Christen werden im Islam als Ahl al-kitāb (Leute des Buches) bezeichnet, d.h., sie besitzen nicht die Ganze Wahrheit, aber doch einen Teil von Ihr. Anders als Heiden und Polytheisten gelten sie also keineswegs als "Menschen zweiter Klasse", auch wenn es stimmt dass sie mit einer Sondersteuer belegt werden. Als Jude oder Christ konnte man im islamischen Reich jedenfalls eine glänzende Karriere machen - nicht so als Jude oder Moslem in Europa...

    Waren die Kreuzzüge ein koloniales Unterfangen? Neben (von dir genannten) pragmatischen Beweggründen, die wohl auch mitbestimmend waren, ging es doch in erster Linie um die Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen. Es klingt seltsam, wenn du implizierst, die Kolonialkriege der Neuzeit seien nichts anderes als säkulare Kreuzzüge. Religiöse Gründe spielten doch schon bei der Eroberung Mexikos nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei den Kreuzzügen waren sie absolut maßgeblich.

    Ist es ein Vorurteil, zu sagen, im Islam seien keine theologischen Verrenkungen nötig, um Gewalt zu rechtfertigen? Wir weichen hier zwar vom Thema ab, aber der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) hat doch bekanntlich Krieg geführt, und der Koran von Medina ist in der Hinsicht ziemlich eindeutig. Mit dem Neuen Testament Gewalt zu rechtfertigen ist schon etwas schwieriger.
     
    Dieter gefällt das.
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bitte richtig lesen! Ich habe geschrieben, dass eine Negativrezeption der Kreuzzüge im 19. und 20. Jhdt. die Rechtmäßigeit des eigenen Handelns vor der Dekolonisierung in Frage gestellt hätte. Nicht, dass der Kolonialismus eine Fortsetzung der Kreuzzüge gewesen sei - wobei selbst das in Teilen nicht abwegig wäre.

    Es ging um das Massaker in Jerusalem 1099, nicht darum Eroberungsfeldzüge zu rechtfertigen. Muck schrieb:

    Ich kann nicht erkennen, dass selbst das Massaker von Jerusalem ein Ereignis von unerhörter Einzigartigkeit in dieser Ära gewesen wäre – nicht in Europa, und erst recht nicht im vorderen Asien, wo keine theologischen Verrenkungen notwendig waren, um Gewalt zu rechtfertigen.​

    Im Übrigen sind natürlich, das gehört auch in diesen Thread, die Kreuzzüge vor dem Hintergrund der Mongoleneinfälle in den Nahen Osten in der geschichtlichen Erinnerung der Araber der Levante verblasst und erst seit dem 19. und 20. Jhdt. verstärkt rezipiert worden.
     
  5. Witiko

    Witiko Mitglied

    Aber genau das ist es, was ich nicht verstehe. Frankreich, England und Deutschland haben ja nicht aus religiösem Eifer Afrika und Asien kolonisiert, sondern um an Ressourcen zu kommen, Handelsrouten zu kontrollieren und ihren jeweiligen Weltmachtstatus auszubauen. Umgekehrt ging es bei den Kreuzzügen darum, das Heilige Land in christliche Hand zu bringen.

    Deswegen sehe ich nicht, wieso eine negative Darstellung der Kreuzzüge im XIX. Jahrhundert irgendwelche Konsequenzen auf die Kolonialpolitik gehabt haben sollte.

    Verzeihung, da habe ich wohl zu schnell gelesen. Allerdings hast du deine Formulierung sehr generell gehalten. Ich reagierte auch weniger auf den Beitrag von Muck, sondern auf diese Aussage von dir:

    Das vermeintliche Vorurteil von Muck, Gewalt sei im Islam leicht zu legitimieren, relativierst du indem du moderne wahhabitische Strömungen dem mittelalterlichen Islam gegenüberstellst. Hier gibt es tatsächlich Unterschiede, aber grundsätzlich war der Islam im Mittelalter nicht minder kriegerisch als andere Kulturen... es war damals eben eine kraftvolle Religion, die sich, anders als heute, nicht bedroht fühlte. Die Theologie war aber die gleiche.


    Vor allem dürfte hier die letzten Endes erfolgreiche Abwehr der Kreuzzüge ein entscheidender Faktor gewesen sein. An die Zerstörung Baghdads und den schmachvollen Tod des Kalifen erinnert man sich noch heute, weil sie den Islam regelrecht traumatisierten. Der Sieg über die Kreuzfahrer ist ja im Gegenteil im Nachhinein insgesamt positiv zu bewerten. Diese neuerliche, etwas weinerliche Mode in der islamischen Welt, über vergangenes Unrecht zu klagen, ist in meinen Augen ein Zeichen der Schwäche des zeitgenössischen Islam.
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    "Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen!" war ja (auch mit Britischem/Französischem/Europäischem Wesen) ein Teil der Kolonialpropaganda. Wenn nun Ähnliches an den Kreuzzügen kritisiert worden wäre, wäre das nicht opportun für die segensreiche Verbreitung europäischer Kultur an diverse Eingeborene gewesen. ;)
     
  7. Witiko

    Witiko Mitglied

    Wie du selbst sagst, handelt es sich hier um Parolen und Propaganda, die den Kolonialismus im Nachhinein rechtfertigen sollen. Ausschlaggebend waren aber wirtschaftliche und strategische Erwägungen, die wiederum bei den Kreuzzügen nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben können (wenn überhaupt).
    Es handelt sich also quasi um diametral entgegengesetzte Motivationen.
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Erstens stimmt das so nicht. Für viele waren Sendungsbewusstsein und das Verlangen Kulturringer zu sein ausschlaggebend für die Stellung zum Kolonialismus. Lies mal Karl May in der Hinsicht.

    Zweitens ist es kein Gegenargument zu meiner Aussage. Ich schrieb von Propaganda. Schau Dir Deutsch-Südwestafrika an. Da wurde ganz offen gegen die offiziellen Richtlinien gehandelt. Da ist nichts mit "im Nachhinein", sondern eher schon mit "im Voraus".

    Menschen waren auch damals verschiedener Meinung. Die europäischen Gesellschaften haben die ganz offene Ausbeutung und Verdrängung damals nicht mehr mitgemacht. Die Angehörigen der Gesellschaften der Kolonisierten Länder galten der Mehrheit nicht mehr als Heiden oder Tiere.

    Das muss auch nicht logisch sein. Menschen sind in ihren Motivationen selten logisch, also auch nicht so zu erklären.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In beiden Fällen ging es darum, fremdes Territorium fern ab von Heimatland, in die eigene Hand zu bringen.

    Es gibt eben nicht die eine Theologie, nicht einmal im sunnitischen Islam. Die Aussage war, das Massaker von Jerusmale war a) für damalige Zeiten normal und b) im islamischen Raum (verklausuliert als "im vorderen Asien, wo keine theologischen Verrenkungen notwendig waren, um Gewalt zu rechtfertigen") noch normaler. Und das ist eben nicht richtig. Im MA galt im Ǧihād das Gebot den Amān zu gewähren und Nichtkombattanten zu schonen. Die mālikitische Schule verlangte sogar, sollte sich der Feind entweder hinter Muslimen oder Frauen und Kindern verschanzen, über deren Kopfe hinweg zu kämpfen um diese zu schonen. Das sind völlig andere Konzepte als die, des salafitischen und wahhabitischen Islam. Natürlich ist deren Theologie eine andere. Der mittelalterliche Islame war tolerant gegenüber ambiguen Auslegungen seiner Hl. Schriften. Das ist der wahhabitische und salafitische Islam nicht, der kennt nur schwarz oder weiß.
     
  10. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Man kann manchen Kreuzfahrern sicher die religiösen Motive nicht absprechen, aber einer beträchtlichen Zahl ging es neben der Befreiung Jerusalems (die dann bei vielen auch an die zweite oder dritte Stelle trat) um Eroberung von eigenem Gebiet.
    Balduin von Edessa und Bohemund von Tarent: beide eroberten sich erst ein Fürstentum, ehe sie nach Jerusalem weiter zogen.
    Den einfachen Leuten ging es z.T. zu langsam und so haben sie wohl einmal, als die Anführer sich vor lauter Streit um eine eroberte Burg nicht schnell genug bereit fanden, weiter zu ziehen, begonnen, die Mauern dieser Burg abzutragen.
    Bei der Eroberung Jerusalems wird es auch deutlich: Plünderung und in-Besitznahme der Häuser (die alten Eigentümer, ob Muslime, Juden oder Christen hatte man ja getötet).
    Aus meiner Sicht spielt die Religion bei den Kreuzzügen sicher eine wichtige Rolle, aber ich würde durchaus auch Eroberungs-/Beutegier (und somit durchaus "wirtschaftlichen Überlegungen") eine (fast) ebenso wichtige Rolle zugestehen.
     
    Stilicho gefällt das.
  11. Witiko

    Witiko Mitglied

    Mich interessieren hier die theologischen Verrenkungen. Die sind in der Tat im Islam nicht nötig, um Gewalt und Krieg zu rechtfertigen. Das von dir angesprochene Verbot der Gewalt gegen Unbewaffnete und Frauen und Kinder ist ein anderes Paar Schuhe; im Übrigen gilt ein solches Verbot doch auch für pietistische Salafisten (also die überwiegende Mehrheit der Wahhabiten).

    Deine Einschränkung betrifft demnach höchstens Extremisten wie IS oder al Qaïda. Und selbst hier müssen wir nicht zwangsläufig von Verrenkungen ausgehen, denn der Kalif von Da'esh hat (oder hatte) einen Doktortitel in islamischer Theologie. Den hat er soweit ich weiss an der Universität von Baghdad erhalten.

    Das ist eine sehr undifferenzierte Aussage. Wie war das noch mal mit Averroës?
     
  12. Witiko

    Witiko Mitglied

    Ich würde deine Aussage umdrehen: manchen Kreuzfahrern ging es tatsächlich um Eroberung von Besitztümern, aber die Mehrheit der Kreuzritter segelte nach relativ kurzer Zeit zurück nach Hause. Wenn es ihnen wirklich nur um Besitz und Reichtümer gegangen wäre, hätten sie ebensogut ihre christlichen Nachbarn daheim in Europa angreifen können.
     
  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    waren die allesamt an den Ereignissen zu Gottfried von Bouillons und Richard Löwenherz´ Zeiten beteiligt?...
     
  14. Witiko

    Witiko Mitglied

    Nun ja, eine gewisse Analogie zu den Nizariten gibt es schon...
     
  15. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Haben sie ja auch (Bohemund von Tarent). Allerdings waren die meisten von ihnen nicht mächtig genug bzw. nachgeborene Söhne, so dass in Europa (auch mit dem Erstarken der Könige und der Kirche - und das nicht nur religiös) kaum ein Platz für sie war.
    Es diskutiert sich übrigens leichter, wenn der Gegenüber auch mal mit Fakten und Ereignissen kommt, nicht nur mit "Nein, so war das nicht".
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. September 2017
  16. Witiko

    Witiko Mitglied

    Dem kann ich nur zustimmen: ich habe keine Kenntnis von Umfragen unter Kreuzrittern, bei denen, wie von dir in Beitrag #10 behauptet, die Befreiung Jerusalems erst an zweite oder dritte Stelle tritt.

    Die überwiegende Mehrheit der Menschen im Mittelalter waren gläubige Christen. Das Wort des Papstes galt ihnen als heilig; der Aufruf zum Kreuzzug folglich auch. Nur die tiefe Religiosität der Zeit kann die Kreuzzüge erklären. Rein wirtschaftliche Beweggründe zu suchen, ist unter Rationalisten und Atheisten zwar beliebt, aber anachronistisch.
     
    Mashenka gefällt das.
  17. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Seit wann war das Primat-Dings nochmal Dogma?

    Ganz so würde ich dann doch nicht vereinfachen.
     
  18. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Hast du den Rest auch gelesen? Die Tatsache, dass sich Anführer der Kreuzfahrer erst Fürstentümer eroberten, bevor sie nach Jerusalem zogen?
    Die Tatsache, dass man die Stadt unter sich aufteilte (manche Quellen gehen davon aus, schon VOR der Eroberung), nachdem man die Bevölkerung getötet hatte (und zwar auch die Ostchristen?)

    Weitere Tatsachen: die Anführer der Kreuzfahrer (ich rede jetzt nur vom Ersten Kreuzzug) weigerten sich, dem byzantinischen Kaiser die Übergabe der Gebiete, die zu seinem Herrschaftsraum gehört hatten, dann aber von den Muslimen erobert worden waren, zu versprechen.
    Bohemund zwang die anderen Anführer, ihm die Stadt Antiochia als Fürstentum zuzugestehen.
    Die Mehrheit der Menschen mag gläubige Christen gewesen sein, die Ritter - und um die geht es auf dem Ersten Kreuzzug - waren nicht die Mehrheit, nicht der Durchschnitt.
    Der "Durchschnitt", getrieben von der Religion und dem Wort des Papstes, war schon vorher losmarschiert, aber nur bis Nicäa/Xerigordon gekommen.
    Aber selbst ihre "tiefe Religiosität" hielt sich nicht davon ab, auf dem Weg jüdische Gemeinden in Deutschland zu vernichten (und das obwohl der eine oder andere Bischof die Juden sogar unter seinem Schutz gestellt hatte).
    Die Ritter wiederum ergingen sich in Fehden (das war dann wohl der von dir erwähnte Versuch, sich in Europa Herrschaft zu erobern) und ließen sich durch das Wort des Papstes / der Geistlichkeit (Fehdeverbot, Gottesfriedensbewegung) davon auch nicht abhalten.

    Rationalist, Atheist, Anachronist? Wenn's auf dich so wirkt, aus meiner Sicht würde ich sagen "null von drei, beim nächsten Mal mehr Glück".
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. September 2017
  19. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Das erklärte Ziel des Kreuzzuges war, das Heilige Grab zu Jerusalem aus der Herrschaft der "Ungläubigen" zu befreien und die Pilgerrouten von Europa in die Levante zu sichern, sprich unter eigene Kontrolle zu bringen. Die Gründung von neuen christlichen Staatsgebilden hat dies vorausgesetzt und war deshalb auch ein Ziel, um das kein Hehl gemacht wurde.

    Raimund von Saint-Gilles war der erste der großen Fürsten, der das Kreuz (aus den Händen des Papstes) genommen hatte. Daraus ableitend hatte er für sich die Führerschaft über den Kreuzzug und auch die Anwartschaft auf die künftige Krone Jerusalems reklamiert. Auch die Tatsache, das Kaiser Alexios den westlichen Kreuzrittern ihre künftigen Eroberungen als Lehen zu vergeben gedachte spricht diese Sprache. Die Aufteilung von Jerusalem, bzw. die Gestaltung der künftigen feudalstaatlichen Ordnung des Landes, noch bevor dieses tatsächlich erobert war, war da nur folgerichtig und nicht zu umgehen.

    Im Übrigen wurde nicht die Gesamtbevölkerung von Jerusalem getötet, gleichwohl es bei der Eroberung zu einem schlimmen Massaker gekommen ist. Aber für die unmittelbaren Jahre darauf berichten muslimische Chronisten schon wieder von einem jüdischen Kulturleben in der Stadt und auch die Ostkirchen waren dort bis zum Ende der Kreuzzüge mit eigenen Gemeinden noch vertreten.
     
    Witiko gefällt das.
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mir ist nicht bekannt, dass Ibn Rušd bei einem Massaker ums Leben kam. Und darüber haben wir doch geredet, über Massaker, zu denen angeblich keine theologischen Verrenkungen nötig waren, oder nicht?
     

Diese Seite empfehlen